Schreiben fürs Sprechen – die Erste

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So fing es an

Als ich mit dem Radiomachen anfing, war mir das Konzept für die ersten Beiträge weitgehend klar. Die Technik war auch kein Thema. Fehlten noch die Texte. Ich ging den sicheren Weg, wie ich heute weiß, wie fast jeder. Schrieb die Texte vor, las sie ab, mischte Text, Musik, Opener und Jingles, fertig war der erste Beitrag. Es folgten weitere, heute produziere ich Beiträge für den Ohrfunk, ein gutes Jahr Lernkurve liegt hinter mir. So viel zur Vorgeschichte.

Wenn ich mir heute ältere Beiträge von mir anhöre, ist das eine der effektivsten Lernkurven überhaupt. Wenn man vom allgemeinen Journalismus ins Radio gerät, schreibt man so, wie man eine Nachricht oder einen Bericht schreibt. Hat man Glück, sind Rezensionen noch im Gedächtnis und es wird etwas lockerer, farbiger, freier. Aber meistens hat man Pech. Und so klingt der Text dann auch, eben mehr vorgelesen als moderiert, steif, wenig unterhaltend. Das ist aber gerade das Zeil einer Moderation, zu unterhalten, beim Hörer Interesse zu wecken.

Von diesem Sprech- und damit Schreibstil weg zu kommen, hat mich gut ein Jahr gekostet. Und ich muss zugeben, dass ich ohne die hilfreichen Werke auf der Bücherliste im Abschnitt „Radio/Podcast“ noch länger herum gedoktert hätte. Mittlerweile steigt meine Zufriedenheit und es geht lockerer. Zwar bin ich von Tommi Bongartz und Manni Breuckmann noch Äonen entfernt, hier dann doch ein paar Anmerkungen aus meiner Lernkurve. Den Inhalt der vielen Bücher kann ich nicht einmal streifen, aber es sind die grundlegenden Erkenntnisse, die mir das Leben heute leichter machen. Und ich beziehe mich nur auf Moderationen, Features oder Kommentare, nicht auf Hard News.

Schreibsprache und Sprechsprache

Dass vorgeschriebene Texte so leblos und starr klingen, liegt an der ganz anderen Satzbildung und Wortwahl, je nachdem, ob wir sprechen oder schreiben. Beobachtet man bewusst, wie man spricht und vergleicht das mit Geschriebenem, sind die Unterschiede nicht offensichtlich. Doch es gibt sie:

  • Sprechsprache verwendet viele Binde- und Füllwörter wie „auch“, „aber“, „wohl“ oder „etwas“. In der Schreibsprache sind diese Wörter in der Regel ausgemerzt.
  • Bei normaler Alltagssprache kommen Substantivierungen und Formsprache praktisch nicht vor. Alltagssprache ist gerade aus.
  • Ebenso Fachwörter oder komplizierte Begriffe, es sei denn, sie müssen sein.
  • Sprechsprache zieht Aktiv vor, Passiv wird nur dort verwendet, wo es tatsächlich um einen passiven Vorgang geht.
  • Obwohl grammatisch nicht ganz korrekt, benutzen wir in der Sprechsprache überwiegend Gegenwart und Perfekt. Obwohl die Vergangenheit benutzt werden sollte.
  • Sätze sind eher kürzer und kompakter. Lange und kurze Sätze wechseln oft.

Sprechsprache im Alltag, und Moderationen sind Alltag, ist reduzierter als Schreibsprache. Das, was und wie wir sprechen, würden wir im Normalfall so nicht zu Papier bringen. Sprechsprache ist weniger linear, weniger komplex und entsteht ja erst nach einem unbewussten Vordenken. Schreiben wir dagegen einen Text, so feilen wir schon in der Erstausgabe, noch vor dem Redigieren. Gesprochenes dagegen enthält grundsätzlich mehr Redundanz, überflüssige Wörter, mehr Nebensätze, mehr Füllstoff. Ein weiterer, meistens nicht auffälliger Bestandteil von Sprechsprache, sind Lücken, Ungenauigkeiten und Pausen. Faktor Nummer Drei ist die Sprachmelodie, im Alltag variieren wir die Stimme in viel größeren Bereichen als beim Vorlesen eines Textes. Da geht die Stimme schon mal weit mehr nach oben als beim Lesen. Denn beim Sprechen sind weit mehr Emotionen beteiligt. Aber gerade das ist in der Moderation das Ziel, auch emotional zu wirken.

Vom Sprechen zum Schreiben

Es ist am Anfang ziemlich schwer, von der Schreibsprache wegzukommen und in eine Sprechsprache umzuschalten. Eine größere Hilfe als oft ein Stapel Bücher ist die Fähigkeit, sich selbst für eine Zeit bewusst zu beobachten. Wenn ich spreche, wie sehen meine Sätze aus? Welche Wörter verwende ich oft und wo, in welchem Zusammenhang? Wie „baue“ ist Sätze beim Sprechen? Daraus lassen sich einige Regeln ableiten, auf die ich achte, nicht als Korsett, sondern eher als roter Faden.

  • Die Wortwahl ist eher reduziert als aufgeblasen. Das Hamburger Verständlichkeitsmodell ist in der Praxis hilfreich.
  • Füllwörter nutzen. Der Text wird redundanter, lockerer, aufgelockert. Wiederholungen sind kein Fehler, in der Sprechsprache sind sie nicht zu vermeiden.
  • Wechsel zwischen kurzen und langen Sätzen. Längere Sätze mit einem oder wenigen Nebensätzen. Ein Sinnschrtt pro Satz.
  • Einfügungen, kurze Sinnwechsel lockern den Text auf, auch im Alltag schweifen wir mal kurz ab.
  • Benutzen von Wörtern, die nicht unbedingt zur Schriftsprache gehören (Trumm statt Schiff, Kollege statt Mann, Blatt statt Zeitung, Schmöker statt Buch etc.).
  • Der Text steht nicht für sich alleine und klingt nicht für sich alleine. Mimik, Gestik und Ausdruck hört man tatsächlich. Sie verändern Muskeln im Körper und beeinflussen den Klang der Sprache.
  • Denkpausen, kurze Stops oder Suchpausen sind Teil der Sprechsprache.
  • Je nach Format, Umgebung, Platzierung und Medium kann es sogar passen, Begriffe oder Formulierungen aus der Umgangssprache oder aus dem Dialekt einzuflechten.

Am Ende erfordert das Schreiben von Texten fürs Sprechen etwas Übung darin, in Gedanken zu sprechen und genau das aufzuschreiben. Was zuerst ungewohnt ist. Aus Schule und Ausbildung sind wir eingenordet, statisch zu schreiben, haben die Regeln für gute Aufsätze oder Berichte verinnerlicht. Sich den Freiheitsgrad zurück zu gewinnen, zu schreiben wie uns der Schnabel gewachsen ist, ist Arbeit. Und erfordert genau so Übung und Lernkurven wie das Gegenteil, nämlich exaktes und ausgefeiltes Schreiben. Einige Trainer nutzen Hilfen. Eine davon ist, sich jemanden vorzustellen, oder tatsächlich ein Bild vor sich zu hängen, zu dem man spricht. Also, Angie, was ich Dir schon lange mal erzählen wollte …

Schreiben fürs Sprechen – Die zweite

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Beim Hörer ankommen

Einer der größten Fehler, die ich am Anfang gemacht habe: mit der Tür ins Haus zu fallen. Direkt in medias res, sofort die volle Breitseite. Erst Stefan Wachtel hat mir mit seinen Büchern bessere Methoden an die Hand gegeben. Neben der Wortwahl, dem Sprachstil und den Formulierungen spielt auch die Struktur von Beiträgen eine wesentliche Rolle. Was mir am Anfang nicht wirklich bewusst war.

Einleiten, Abholen, Wecken

Stellen wir uns eine reale Situation vor. Der Hörer und die Hörerin (ich verwende am jetzt den Begriff Hörer für beide Geschlechter) sitzen beim Abendessen, spülen das Geschirr oder machen gerade sonst etwas. Nun kommt unser Beitrag im Radio. Es wäre zuviel verlangt, dass sofort alle Aufmerksamkeit uns gehört, unserem Beitrag, unserer „Message“. Wir müssen die beiden erst einmal abholen, müssen sie gedanklich an den Lautsprecher holen, Interesse wecken. Die Nachrichten haben es da besser, sie wollen gehört werden, ihnen gilt – in der Regel – eh das volle Interesse. Uns nicht.

Daher Wachtels Regel Nummer Eins: situieren, situieren, situieren. Wir müssen dem Hörer klar machen, dass hier etwas für ihn Interessantes kommt. Und sei es nur etwas Unterhaltendes. Dazu gehört das Situieren, das Einleiten in den Beitrag. Das kann eine Anekdote sein, eine Geschichte oder etwas Verwandtes aus dem Alltag. Der Kniff dabei ist, möglichst viele Menschen anzusprechen, Spezialisierungen sind nicht hilfreich. Mit dieser Einleitung fangen wir den Hörer ein.

Beispiel: das Historische Ereignis in der Zeitzone des Ohrfunks.

Sagen Sie mal, haben Sie eigentlich Punkte in Flensburg? (Pause) Und wie viele? (Pause) Na, das geht ja noch. Punkte in Flensburg, den Begriff kennt wohl jeder Autofahrer. Heute nämlich, am so-und-so-vielten wurde im Kraftfahrtbundesamt in Flensburg das Allgemeine Verkehrregister eingerichtet …

Persönlich werden, persönlich bleiben

Von Sendungen abgesehen, in denen es um Fakten geht, interessiert den Hörer nicht, was er eh schon weiß. Wenn ich über die Beatles spreche, brauche ich dem Hörer nicht zu erzählen, dass sie aus Liverpool kamen. Oder dass John Lennon der Bandgründer war, weil das mein Hörer wohl eh weiß. Eher sollte ich die Beatles aus meiner Sicht schildern, meine Erinnerungen, meine Positionen. Natürlich soll den Hörer das Thema interessieren, aber es sucht neue Aspekte, neue Sichten. Und die kann ich nur aus meiner eigenen Sicht angehen. Es sei denn, es sind Informationen, die wahrscheinlich eher unbekannt sind. Aber der wichtige Punkt ist, dass es meine Sicht, meine Perspektive ist. Und nicht die, die er auch in Wikipedia nachlesen kann.

Die Grenzen des Radios

Im Vergleich zu Fernsehen und Internet unterliegt das Radio einer großen Beschränkung. Wir können nur Töne übermitteln. Was bedeutet, dass wir Bilder nur in den Köpfen unserer Hörer realisieren können, indem wir sie rufen. Was man ausgiebig tun sollte, denn nur Bilder können Stimmungen und Situationen transportieren. Das kann sein, dass wir in der Anmoderation das Wetter draußen, die Atmosphäre im Studio oder die Fahrt zum Sender schildert. Oder dass man eben betont bildhafte Sprache einsetzt. Nicht allein abstrakte Begriffe und Fakten, sondern Bilder. Bilder erhöhen nicht nur die Verständlichkeit und vermitteln Atmosphären, sie machen Texte leichter fassbar. Statt 50%: jeder Zweite. Statt 120.000 Menschen: eine ganze Kleinstadt wie Paderborn. Statt 400 Milliarden Euro: fast soviel wie der Bundeshaushalt.

Struktur wahren

Jeder Beitrag braucht eine Struktur, der der Hörer folgen kann. Der Begriff des narrativen Stils trifft diese Forderung sehr gut, es geht nicht um das Aufzählen von Fakten, Daten und Ereignissen, die Elemente müssen an einem Zeit- oder Themenstrahl ausgerichtet sein. Nichts ist schlimmer, als zwischen den Punkten der Geschichte hin und her zu springen. Der Hörer wird dem nur schwerlich folgen können. Das kann man am besten in einer Grafik darstellen, zum Beispiel anhand eines Beitrages über den Finanzminister, die Steuern und den Bürgern.

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Der Themenfluss des Beitrages sollte so linear wie möglich sein, damit der Hörer dem Verlauf folgen kann. Der linke Verlauf tut das eher weniger, er springt zwischen den Fokuspunkten hin und her, was den Hörer verwirrt. Der rechte Verlauf ist besser in der Lage, einen logischen und verfolgbaren Verlauf zu erzeugen. Die Geschichte mag dem Redakteur klipp und klar sein, der Hörer hat diesen Hintergrund nicht, er hat sich nicht mit den Inhalten so beschäftigt.

Narrativ bedeutet auch, dass der Beitrag in sich schlüssig ist, in den Fakten wie in den zeitlichen Zusammenhängen. Ständig zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu wechseln, mag interessant aussehen, verständlich ist es nicht.

Ein weiterer Stolperstein ist der, dass man nicht alles Vorwissen beim Hörer voraus setzen kann. Sei es Politik, Wissenschaft oder Fremdwörter und Fachbegriffe.  Häufungen von fremden Wörtern veranlassen den Hörer zum Abschalten. Manchmal reicht schon ein einziger Begriff.

Struktur des Beitrages ist ebenso wichtig wie Sprache und Formulierungen. Optimal wird es, wenn man das Thema in eine Geschichte verpacken kann, die mit den berühmten „anregenden Zusätzen“ versehen ist. Das, was den Beitrag interessant und für den Hörer lebensnah macht.

Den Hörer nicht allein zurück lassen

Genau so wichtig wie eine Situierung ist der Abschluss. Die ideale Form ist, im Abspann wieder den Faden des Anfangs aufzunehmen, sei es mit einem Fazit, mit einer Erkenntnis oder einem Witz. Die meiste Aufmerksamkeit beim Beitrag gilt dem Ende, dem Beginn und erst danach dem Inneren der Geschichte. Mit der Situierung hole ich den Hörer hinein, mit dem Abspann lasse ich ihn wieder los und teile ihm das auch mit. Es ist nicht günstig, wie bei den Hard News den harten Strich zu ziehen, Ende der Nachricht, die nächste bitte.

Stattdessen den Beitrag abschließen, ihn abrunden und dabei etwas zurück lassen, an das sich der Hörer vielleicht als Erstes erinnern wird, wenn er sich den Beitrag wieder ins Gedächtnis ruft. Situierung und Abschluss klammern die ganze Geschichte. So wie „Es war einmal …“ und „… lebten sie glücklich für den Rest ihres Lebens.“ ein Märchen klammert. Diese Struktur der Märchen ist nicht zufällig, sie hilft dem Hörer in der Orientierung und er weiß, dass der Beitrag nun zu Ende ist.

Im Grunde sind es wenige und einfache Regeln und Leitlinien, die einen Beitrag verträglich und griffig machen. Wer in das Thema Struktur und Ablauf im Radio noch tiefer einsteigen möchte, kann ich die Bücher von Stefan Wachtel nur wärmstens ans Herz legen.

Schreiben fürs Sprechen – die Dritte

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Vorbereitung ist alles: Text-Layout

Sende-Skript

Sende-Skript

In der Tat ist es bei längeren und komplexen Themen und Texten sinnvoll, den Beitrag vorzuschreiben. Sinnvoll ist es nicht, ihn so zu schreiben wie sonstigen Text, also schön und optisch ansprechend, und mit optimalem Schrifteindruck. Denn das Ziel bei diesem Text ist es, den Text möglichst fehlerfrei und fließend lesen zu können. Der Text soll das Sprechen unterstützen. Dafür gibt es ein paar Stellschrauben, die werden in Büchern auch genannt. An einigen Stellen bin ich erst durch einen einzelnen  amerikanischen Kollegen zurecht gekommen.  Das Ganze in Listenform.

  • Seitenformat A4 ist gut, aber mit deutlichen Seitenrändern, z. B. drei Zentimetern. Der Weg der Augen wird dadurch kürzer gehalten und der Zeilensprung fällt leichter.
  • Als Schriftart eignet sind am besten eine Serifen-Schrift. Sie leitet wegen der Serifen die Augen besser, die Orientierung fällt leichter. Ich verwende Dark Courier. Sie ist angefettet, aber noch nicht fett und hat deutliche Serifen. Die Schriftart muss nicht proportional sein, wie gerne behauptet wird.
  • Zeilenabstand doppelt, damit der Zeilensprung deutlich ausfällt. Hilft ebenso der Orientierung.
  • Im gleichen Sinne: regelmäßige Absätze. Mindestens drei pro Seite.
  • Meine persönliche Erkenntnis schlechthin: im Gegensatz zu den Vorschlägen in Büchern verwende ich keine besonders große Schriftgröße, sondern eine, die ich aus Sichtabstand vor dem Aufnahmepult noch gerade eben gut entziffern kann. Ich war verblüfft, dass das tatsächlich besser funktioniert als große Schrift, weil dadurch, der Wahrnehmung entsprechend, nur die gesamten Wörter erfasst werden, keine Einzelbuchstaben. Man liest flüssiger.

Bei einem Layout wie im Screenshot macht eine Seite ca. anderthalb Minuten gesprochenen Text.

Kleine und größere Helferlein

Buchständer

Buchständer

Ein Tisch-Bücherständer leistet gute Dienste beim Einsprechen im Sitzen. Mit etwas Geschick bekommt man sogar drei Seiten platziert. Mit einem solchen Ständer, ein Notenständer oder ein Klemmbrett hilft auch, hat man kein Papier in der Hand und raschelt nicht herum. Jedenfalls bleibt in meinen Händen kein Papier still. YMMV. Blattwechsel schneidet man später heraus oder nimmt in Etappen auf.

Mikrofon-Klemmen

Mikrofon-Klemmen

Generell bin ich vom Einsprechen im Sitzen abgegangen. Obwohl es etwas mystisch erscheint, es macht einen großen Unterschied, ob man beim Sprechen sitzt oder steht. Die Atmung verändert sich, im Stehen hat man die Hände frei, kann etwas agieren, die Sprache ist freier. Nimmt man vorwiegend oder nur im eigenen Wohnraum ein, ist ein Orchesterpult optimal. Auf diesem steht das Manuskript, an den oberen Rand kommt eine Klemme für das Mikro. An dieser Klemme findet dann noch gleich der Pop-Schutz Halt. Beide Klemmen stammen von K&M, die große Version hat noch den Vorteil, dass sie fast beliebig positioniert werden kann. Erhältlich beim Musikhändler des Vertrauens oder bei Thomann. Hier die einfache und hier die große Klemme.

Holzpult

Holzpult

Soll es optisch etwas wohnlicher sein, sind die Notenpulte aus Holz von Thomann eine gute Wahl. Nicht ein Muster an Belastbarkeit, aber eher im Wohnbereich akzeptabler. So kommt man an ein Pult, an dem auch gleich das Mikro befestigt werden kann, und das Einsprechen im Stehen klappt.