Cortana als Schreibkraft für Texter?

Ich hatte in meiner seligen Jugend mal eine Freundin, die war gelernte Stenotypistin. Ein Beruf, der heute ausgestorben ist. Auf jeden Fall konnte sie auf der (elektrischen) Schreibmaschine so schnell schreiben wie ich zügig sprach. Das fand ich schon damals beeindruckend. Nun habe ich im Moment Mengen an Text zu produzieren, für einige Sendungen und Wortbeiträge. Nun bin ich ja allgemein vor nix fies, schon gar nicht vor dem technischen Fortschritt. Auch wenn ich niemals beim Radfahren das Smartphone in der Hand haben muss wie die Mädchen auf ihren uncoolen Hollandrädern, die wir damals nicht mal mit der Zange angepackt hätten. Geschweige denn gefahren. Was lag mit Windows 10 dann näher, als die eingebaute Spracherkennung Cortana zu nutzen und so die Texte schneller zu schreiben als mit meiner Vierfinger-Tippmethode? Versuch macht klug.

Vor den Erfolg hat Microsoft Windows gesetzt

Nun habe ich allerdings eine englische Windows-Version. Der eine deutsche Spracherkennung hinzu zu fügen, ist möglich, aber erst, wenn man sich durch einige Beschreibungen bei Microsoft geangelt hat. Ging am Ende, man muss nämlich nicht nur die deutsche Oberfläche herunter laden, sondern an gut versteckter Stelle auch eine deutsche Spracherkennung. Möchte Microsoft wohl bewusst nicht ganz einfach machen. Danach ist empfohlen, die Spracherkennung zu trainieren, damit sie mit der eigenen Artikulation und Stimme zurecht kommt. Das alles nimmt schon mal einige Zeit in Anspruch, aber was tut man nicht alles, um später ein paar Minuten zu sparen. Dann ist diese Spracherkennung in der Lage, Windows-Befehle per Sprache entgegen zu nehmen oder gesprochenen Text in eine Anwendung zu liefern. In meinem Fall Microsoft Word. Das funktioniert erst einmal alles klaglos, Spracheingabe in den Browser mit WordPress geht nur über Umwege. Wenn, wie schon bemerkt, man so einige Installationshürden genommen hat. Dann fangen wir mal an, eine Moderation einzusprechen. Noch nicht ins Mikro, erst mal als Text-Version in Word.

Was Cortana alles nicht kennt

Normale Alltagssprache kommt überraschend gut an und wird meistens tadellos erkannt. Mit einem Core i5-Prozessor nicht gerade rasend schnell, aber akzeptabel. Wird ein Wort nicht richtig erkannt, kann man es wiederholen. Dazu muss man aber wieder an die Tastatur. Ein „Undo“ kennt Cortina nicht. Nach zwei bis drei Versuchen sollte man es Cortana dann näher bringen und über den Befehl „Buchstabieren“ Buchstaben und gesprochenes Wort in Übereinstimmung bringen. Dabei stellt sich heraus, dass es Cortana ausgesprochen schwer fällt, mein „e“ und „i“ auseinander zu halten. Da vergehen schon mal einige Minuten für das neue Wort „Coversong“. Danach wird es meistens richtig erkannt. Nach und nach kommen so einige Seiten eingesprochener Text in Word zustande. Davon vergeht jedoch eine ziemliche Menge Zeit, bis Cortana Wörter wie „Progressive Rock“, „Jazz-Band“ oder „Albumversion“ gelernt hat. „Von „Gentle Giant“ oder „Level 42“ ganz zu schweigen. Erstaunlich ist, dass ihr der Mischmasch aus Deutsch und Englisch wenig ausmacht, wenn sie den Begriff einmal erlernt hat.

Wirklich ein Gewinn?

Für die Texte, die ich aktuell schreibe, nämlich Moderationen über Musik, insbesondere moderne Musik, ist der Zeitbedarf für das Erlernen neuer Begriffe sehr groß. Das mag sich über die Zeit ändern, wenn Cortana immer mehr Wörter erlernt hat. Aber gerade am Anfang ist es nervig, für manchmal Minuten aus dem Text auszusteigen und Cortana neue Wörter beizubringen. Und das sind im Themengebiet Musik eine Menge. Dazu stellte ich aber irritiert nach einiger Zeit fest, dass ich im Texten langsamer war als beim Schreiben. Manchmal dauerte es Sekunden, dass ich in einem Satz fest steckte und erst sehen musste, wie es denn nun weiter ging. Und das liegt an einem merkwürdigen Effekt.

Wenn ich Texte entwickle und sie niederschreibe, habe ich durch mein nicht sonderlich schnelles Schreiben genug Platz zwischen den Neuronen, um quasi parallel zum Tippen Texte zu bauen. Das Tippen auf der Tastatur und die Textproduktion sind auf wundersame Weise ineinander verzahnt, ohne sich gegenseitig zu stören. Die eine Aktivität ist Denken, die andere Schreiben. Es scheint, dass dafür eben unterschiedliche Bereiche des Gehirns zuständig sind, da geht Multitasking. Das heißt, dass es so scheint, als ob die Texte ohne besonderes Nachdenken entstehen. Es fließt automatisch aus dem Kopf in die Tasten. Wenn ich nun Texte einsprechen und gleichzeitig entwickeln muss, läuft das gegeneinander. Tippen und Denken zugleich geht gut, Denken und Sprechen dagegen weniger. Es kam mir so vor, als könnte ich zwar analytisch Text entwickeln, ihn aber nicht gleichzeitig aussprechen. So wurde aus dem gewohnten fließenden Schreiben eine Sequenz Nachdenken – Sprechen – Nachdenken – Sprechen. Cortana ist das egal, die hat alle Prozessorzyklen der Welt. Aber mir entglitt der Textprozess, die Texte wurden auch dazu immer statischer und abgehackter. So lange, bis ich die Quatscherei in den Computer aufgab, weil es mich einerseits nervte, andererseits meine Texte immer schlechter wurden.

So hatte das Experiment Cortana schnell ein Ende und ich gehe erst einmal zurück in meine gewohnte Tipperei. Irgendwie habe ich den Kopf dabei freier. Nicht alle Technik ist ein Fortschritt, manche ist auch eine Behinderung. Haben die Kiddies mit dem Handy beim Radfahren in der rechten Hand auch noch nicht gemerkt. Oder erst, wenn sie mal am Laternenpfahl gelandet sind.

 

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