Du planst einen Job als Redakteur? Du schreibst nicht nur gerne, sondern fühlst das als Deine Berufung? Schön. Du bereitest schon Deine Anmeldung in einer Journalistenschule vor oder hast die Augen offen nach einer Stelle als Volontär? Nach so vielen Jahren im schreibenden Gewerbe muss ich warnen. So kreativ der Job eines Redakteurs sein kann, selbst in der Industrie, muss ich Dir den einen oder anderen Zahn ziehen. Ich wage zu behaupten: in wenigen Jobs kann man sich so viel Frust aufladen wie als Schreiberling. Nicht wegen des Schreibens an sich, sondern weil Du nicht in einem einsamen Kämmerlein sitzt, vor Dich hin schreibend. Willkommen in der realen Welt, in der das Schreiben seine Tücken hat. Drei davon hier im Detail geschildert.

Erkenntnis 1: Redakteure werden immer gebraucht

Ich habe mich zu gewissen Zeiten gefragt, warum ich bloß damals diesem nicht zu zügelnden Impuls gefolgt bin, mich an der Freien Journalistenschule in Berlin einzuschreiben. Wäre nicht die Konzentration auf Microsoft® Windows® Server 2012 oder C# und .NET besser und einfacher gewesen? Vor allen Dingen nervenschonender? Hat man erst Blut geleckt, die Sache voran getrieben und durchgestanden, will man ja auch damit sein Leben gestalten und seine Brötchen bezahlen. Also frisch ans Werk und nach einer Stellung gesucht, in der man dem Schreiben frönen darf und sogar noch Knete dafür bekommt. Da tauchten dann so lukrative Angebote wie die Sportredaktion im lokalen Käseblatt oder Textproduktion in einer PR-Agentur auf, jeweils zu Gehältern, mit denen man erfolgreicher Anwärter auf Grundsicherung wird. Ein interessantes Angebot kam aus dem Münchener Umland. Nur schade, dass das 500 Kilometer von meinem Wohnort entfernt war, etwas weit zum Pendeln. Von den bayrischen Mieten ganz zu schweigen.

Für das Schreiben gibt es nur Hungerlöhne, am härtesten sind die freiberuflichen Kollegen im Journalismus getroffen. Seit die Digitalisierung fortschreitet, Abozahlen für Zeitungen und Magazine auf dem Weg in den Keller sind, ist es in der schreibenden Zunft dunkel geworden. Selbst ein einst so mächtiges Medium wie der WDR leistet sich nur noch einige wenige Festangestellte. Der Rest ist freiberuflich unterwegs, mit ärmlichem Stundensatz bei voller Einsatzbereitschaft und 60-Stundenwoche. Hinzu kommt, dass nicht jeder Gisela Steinhauer oder Tommy Bongartz heißt. Ok, der Jauch hat es irgendwie auch geschafft. Selbst wenn man ja gar nicht reich werden will, mit dem Schreiben, es reicht oft nicht mal zum Leben. Ausnahmen sind Leute wie ich, der ein lauschiges Plätzchen in der Industrie ergattert hat, eins der wenigen. Nicht gerade nach Metalltarif, aber gut genug für ein anständiges Dasein. Und trotzdem schreibend. Wenn auch nicht so wie gedacht. Läuft.

Erkenntnis 2: Schreiben kann jeder. Und besser.

Du hast nun eine Ausbildung als Journalist. Zur Erinnerung: eine Ausbildung als Schreiber. Hast Dich durch Presserecht, Rundfunk-Staatsverträge und Recherchetechnik gequält. Du hast die Bücher von Sol Stein, Wolf Schneider und Roy Peter Clark auswendig gelernt. Einen Satz schreibst Du nicht, Du erschaffst ihn, drehst ihn vier Mal von vorne nach hinten, bis er im Aktiv steht, das Verb ganz vorn und der Text vor lebendigen, farbigen und emotionalen Wörtern nur so strotzt. Was dem Pfarrer die Bibel ist, ist Dir der Thesaurus, der Duden Dein Katechismus. Deine Texte versionierst Du als v0p1, v0p2, v0p3 und bist inzwischen bei v0p17. Der Text ist jetzt nach Deinem Gefühl halbwegs von einer Qualität, dass Du ihn auf Kollegen oder Vorgesetzte loslassen kannst. Hier sind die nächsten Sätze, die Du hören wirst. „Also … ist ja ganz gut, aber …“. „Sollte man das nicht besser so und so schreiben … ?“. „Irgendwie fehlt mir bei dem Text …“. Willkommen im betrieblichen Alltag.

So gut wie jeder lernt in der Schule zu schreiben. Daraus folgert fast jeder, dass die Fähigkeit, eine DIN A4-Seite mit weniger als einem Dutzend Rechtschreib- oder Interpunktionsfehlern zu verfassen, in etwa der Qualifikation eines  Redakteurs entspricht. Zuverlässig sind bei diesen Zeitgenossen Begriffe wie Stilkunde, Textformen oder Verständlichkeitsmodell unbekannte Geheimnisse. Schreiben kann jeder. Niemand würde auf die Idee kommen, seinem Zahnarzt oder Fliesenleger zu erzählen, wie er seine Aufgaben zu erledigen hat und wie ein gutes Ergebnis aussieht. Jeder kann gut schreiben, immer besser als ein Redakteur. Solltest Du gegenüber mäkelnder Kritik an Deinen Texten, die Du unter Blut, Schweiß und Tränen geschrieben hast, eine gewisse Empfindlichkeit an den Tag legen, würde ich Dir vom Beruf eines Redakteurs abraten. Wie wäre es mit einem Physikstudium?

Erkenntnis 3: Dein größter Feind

Der größte Feind jedes Redakteurs sitzt genau auf dem Stuhl, auf dem Du gerade sitzt. Solltest Du nach einer gewissen Einwirkzeit von Deiner Umgebung gelernt haben, dass das Schreiben die gleiche Qualifikation voraussetzt wie das Atmen, wirst Du den gnadenlosen Besserwessi in Dir implementiert haben. Fortan denkst Du schon selbst bei jedem Satz, den Du in irgendeiner Weise zu Papier bringst, die Worte „Sollte man das nicht besser so und so schreiben …?“. Ohne eine Ahnung zu haben, wie es denn besser wäre. Jeder Schreiber, der ernsthaft – ich betone: ernsthaft – an guten Texten interessiert ist, kennt diesen ständigen Kampf. Ob es klar genug ist, ob es verständlich genug ist, ob es bildlich genug ist. Ist eine Story vorhanden, hat der Leser einen Gewinn und gibt es ein Fazit oder eine Erkenntnis? Liest es sich flüssig?

Ohne eine Bereitschaft zur Reflektion und eine Offenheit für die eigene Beschränkung kann man als Redakteur arbeiten. Nur sollte man nicht erwarten, ein guter Redakteur zu werden. Ein guter Schreiber. An einer gewissen Stelle muss man sich auf dem Weg in den Journalismus entscheiden, wie der Job zu den eigenen Genen und Verhaltensmustern passt. Wer lieber die Rampensau herauslässt, einen Hang zur Selbstverliebtheit pflegt und Kritik gerne für Lob hält, kann noch immer Radiomoderator werden. Ist auch Journalismus, ist aber keine Redaktion, ist kein Schreiben. Schreiben ist eine Passion, die leicht zur Sucht werden kann. Nur habe ich festgestellt, dass ständiges Schreiben zu einer immer kritischeren Haltung gegenüber sich selbst führt. Oder ist das umweltbedingt? Wenn man bereit ist, sich ein Leben als Schreibsüchtiger zuzumuten, nur so weiter. Vielleicht macht Ihr es ja ganz anders als ich. Oder auch nicht. Und fragt Euch dann mit 60 auch, wie es hätte besser werden können. Ohne eine Ahnung zu haben, wie es denn besser wäre.

 

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