Die Vorgeschichte

Snowdonia, Gower und Pembrokeshire für eine Woche: leider zu weit weg. Die South Downs habe ich schon ziemlich abgegrast, obwohl die Gegend um Arundel noch sehenswert wäre. Kent ist zu nahe am Kanal, Irland viel zu weit. Also wieder England. Dann muss der kleine rote Drache eben zuhause bleiben. Es sei denn, wir beide fahren mal als Abstecher die 30 Meilen weiter bis zur walisischen Grenze am Bristol Channel und besuchen Cwmry. Einkaufen kann man in Cardiff nämlich bestens.

Aber da war noch etwas. Schon so oft dran vorbei gefahren, ohne einen Abstecher. Aber auch eine britische AONB (Area of Outstanding Natural Beauty), nämlich seit 1966.  Die Cotswolds sind eine Region Englands, die mitunter auch als das Herz Englands bezeichnet wird. Es handelt sich um eine hügelige Landschaft, die von Südwesten nach Nordosten durch sechs Grafschaften verläuft. Zu diesen Grafschaften gehören Gloucestershire, Oxfordshire und Warwickshire. Im Norden werden die Cotswold Hills durch den Fluss Avon begrenzt, im Osten durch die Stadt Oxford, im Westen durch Cheltenham und im Süden durch das Tal der Themse und Städte wie Lechlade und Fairford am River Coln. Mit den South Downs haben die Cotswolds das Hügelige und Grüne gemein, auch wenn die South Downs ein bisschen höher sind.

Lessons learned: Book early

Erste Versuche, ein B&B als Bleibe zu finden, waren wenig erfolgreich. Wie die Deutschen scheinen die Briten zunehmend Urlaub im eigenen Land zu machen. Was gerade nach dem Absturz des britischen Pfundes nicht unplausibel ist. Dazu sind die Preise für Hotels, auch wieder im Vergleich zu South Downs, Snowdonia oder Gower, gesalzen. Geschenkt bekommt man jedoch eben so in den Lakelands nix. Dann doch eine positive Antwort, dazu aus der angezielten Gegend: The Lowerfield Farm. Sieben Nächte inklusive cooked breakfast für 542 £, nicht weit von Broadway, in der Nähe von Willersey. Broadway ist kein großer, aber netter Ort mit einigen Cafes und Restaurants, Einkaufsmöglichkeiten für den täglichen Bedarf zum Wandern. Selbst im Flecken Willersey, in dem dieses B&B liegt, gibt es einen kleinen, für seine Größe gut sortierten Laden mit Obst, Gemüse und Toast. Wenn doch etwas mehr Großstadt gewünscht wird, liegt im Osten Worcester, dort finden sich dann auch Tesco, Waitrose und Konsorten. Für Tee, Marmelade und Demerara.

Die Cotswolds sind nach den „großen“ Wandergebieten wie Lake District, Snowdonia, Yorkshire Dales und Peak District als Urlaubsziel sehr beliebt. Genau deshalb fahre ich ja auch dorthin. Der Broadway Tower eines der bekanntesten Fotomotive aus der Region. Dementsprechend gut gebucht sind Hotels und Cottages, als Besucher der Cotswolds im Mai und Juni kommen eher kinderfreie ältere Semester, im Hochsommer viele Familien. Zum Herbst hin kehren die Oldies zurück und nutzen die wieder fallenden Preise. Auch die Fährpreise sind im Frühsommer ziemlich hoch, meine Überfahrt Calais/Dover und zurück kostete 147 Euro (Stand Mai 2018).

Karten und mehr

Für die eine Woche reicht ein Buch, aus einem Verlag, auf den ich mich inzwischen gerne verlasse: Ordnance Survey Pathfinder Guides: The Cotswolds. Passende Karte ist Ordnance Survey Explorer Map OL45 (1:25.000). Mehr dazu bei den Büchern.

Lessons learned: Lime and wool

Die Cotswolds gelten den Reiseführern nach als das wahre England, was aber aus meiner Sicht für Sussex, Hampshire, Surrey und Somerset genau so gilt. Besiedelt war diese Gegend schon in der Steinzeit, der Boden ist fruchtbar, das Wetter eher mild und ausgeglichen. Die meisten dokumentierten Spuren stammen aus dem Neolithikum, am östlichen Ufer des Severn wurde ein von Verteidigungswällen umgebenes Dorf aus der Zeit um 400 v. Chr. gefunden. Die Römer errichteten die ersten Städte hier, wie Corinium (Cirencester), Aquae Sulis (Bath) oder Vertis (Worcester). Die Herkunft des Namens Cotswolds ist nicht ganz geklärt, stammt aber wohl von den Angelsachsen. Wold ist ein Bergland, Cod war der Name eines Häuptlings, der sich hier niedergelassen hatte und die Gegend lange Zeit regierte. Zuerst galt der Name nur für die Gegend um den Ort Windrush, später wurde die ganze Gegend so genannt.  Eine Parallele zu Snowdonia. Nach den Angelsachsen kamen ab 1066 die Normannen, die Prägung der ganzen Midlands, zu denen die Cotswolds gehören, ist jedoch bis heute immer noch eher angelsächsisch, was man an den Namen erkennt. Zum 14. Jahrhundert hin entwickelte sich der Bereich zu einem Zentrum der Wollerzeugung, weshalb manche Kirchen hier als Wollkirchen bezeichnet werden. Bis zum 17. Jahrhundert hielt diese Entwicklung an, die Bevölkerungsdichte wuchs erheblich, weil viele Arbeitskräfte benötigt wurden. Gebaut wurden Häuser und Kirchen aus dem Kalkstein, der geologisch vorherrscht, was bis heute den Stil der Orte prägt. Da es dieses Material in vielen Schattierungen gibt, von Gelb über Ocker bis ins Hellbraune, wirken die Orte zwar nicht gerade farbenfroh, aber dafür warm und heimelig. Mit dem 19. Jahrhundert und der beginnenden Industrialisierung geriet die Wollproduktion ins Hintertreffen, weil es in den Cotswolds keine Kohle gibt. Nur mit Wasser- und Windantrieb kam man gegen die großen industriellen Betriebe in Birmingham und London, aber auch gerade in Flandern, preislich und mengenmäßig nicht mehr an. Die Wollerzeugung wanderte ab. Heute wird zwar immer noch Wolle produziert, aber auf qualitativ hochwertigem und hochpreisigem Level.

Das Fehlen von Kohle und Erz hat die Cotswolds von der um sich greifenden Industrialisierung verschont. Was diese aus manchen Gegenden gemacht hat, davon kann Südwales ein Lied singen. Erst langsam erholen sich Bereiche wie Swansea von der radikalen Ausbeutung des Bodens. Landwirtschaft ist bis heute in den Cotswolds neben dem Tourismus die wesentliche Einnahmequelle. Die Landwirtschaft konzentriert sich überwiegend auf die Täler und wenigen Hochflächen, so dass es immer noch einige unberührte Waldgebiete und Hügelketten gibt. Jedoch waren die Cotswolds nie eine arme Gegend, nach der Wolle florierte die Landwirtschaft. Im 20. Jahrhundert ging es dann erst recht aufwärts. Die Cotswolds sind seit Mitte des 20. Jahrhunderts Rückzugsort reicher Londoner, die nicht nur für Immobilien eine Menge Geld brachten, sondern auch sonst viel Zeit hier verbringen und damit Geld ausgeben. So hat ein eigentlicher Mangel an Ressourcen die Cotswolds zu einem Stück beschaulicher und naturbelassener Gegend gemacht. Manchmal ist weniger mehr.

Man liest sich … 9. bis 16. Juni 2018. Stay tuned to read more.  🙂