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Instructional videos

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Manche Dinge, vor allen Dingen Software, kann man schön beschreiben, mit Screenshots und Workflows. Aber so richtig klar wird es erst mit einem kleinen Video, in dem man zeigt, wann man wo clickt. Und was man wo eingeben muss. Sollte doch kein Problem sein, so etwas zu machen. Ha.

Software

Also braucht man Software, zum Mitschneiden der Vorgänge auf dem Bildschirm, dann noch zum Schneiden und zum Zusammenfügen. Ein Trailer und Jingle wäre auch nicht schlecht. Screencapture-Software gibt es sogar kostenlos, für ein paar Dollar in der Vollversion, wie Jing zum Beispiel. Das geht recht gut, ist auch einfach zu handhaben. Videos schneiden kann man mit dem kostenlosen Movie Maker von Winzigweich. Besser geht es mit VideoPad. Der hat mehr Effekte und Einblendungen und kann das Ganze dann als MP4-Video exportieren, bis hin in 1080p-Auflösungen. Als Medien kann man nicht nur Videos verwenden, sondern auch Bilder, kann deren Anzeigelängen einstellen und vieles mehr. Sogar MP3s und WAVs können zusätzlich hinzugefügt werden, z.B. für Hintergrundmusik. So, damit wären Schnitt und Aufnahmen abgehakt. Wobei sich Jing und Videopad wegen des gemeinsam verwendeten MP4-Formates doch gut ergänzen.

Intro und Trailer

Fehlt noch etwas für Intro und Trailer. Auch das gestaltet sich einfach: man erstellt mit einem beliebigen Grafiktool ausreichend große Bilder, indem man mehrere Bilder mit jeweils zusätzlichen Textzeilen macht, diese nacheinander in Videopad einfügt und zwischen den Bildern Überblendungen hinterlegt. Sieht dann schon ganz brauchbar aus. Und die Bedienung von VideoPad ist sehr intuitiv, man hat, was notwendig ist, aber nicht zu viel.

Sonstige Hardware

Für die Sprachaufnahme empfiehlt sich, wie bei Webinars auch, ein ordentliches Headset mit amtlichen Mikrofon. Die Sennheiser-Modelle sind teuer, aber gut. Logitech macht auch gutes Material, für etwas angenehmere Preise. Mit einem Tischmikro würde ich nicht arbeiten, es werden zu viele Klapper- und Bewegungsgeräusche eingefangen, das Headset arbeitet da schonender. Ganz davon abgesehen, dass man ein Shure SM57 an einem PC-Audio-Eingang nur mit speziellen Adaptern und Empfindlichkeitsverlusten zum Laufen bringt. Da ist das beidseitige Headset immer die bessere Lösung.

Der wirkliche Haken

Gut, Technik an Bord, dann kann es losgehen. Software gestartet, Jing aktiviert, 3 … 2 … 1 … Record. Öh, wie wollte ich noch mal anfangen? Ach ja, und man fängt an zu erzählen. Oh, doch vergessen, den an dieser Stelle notwendigen HTTP-Server gestartet zu haben. Von vorn. 3 … 2 … 1 … Record. Verhaspelt. Dieses und jenes wichtige Detail vergessen. Zum neunten Mal das gleiche Verb verwendet. Den Faden verloren. Versprochen. 3 … 2 … 1 … Record …

So fängt man an. Und lernt Folgendes:

  • Aus dem Stehgreif erzählen mag manchmal gehen. Würde ich aber nicht mehr machen. Stattdessen lieber den Text entwerfen, mit mindestens 14pt ausdrucken und z.B. mit Tesa an eine Wand hinter dem Monitor und sonst wo in der Nähe des Monitors platzieren. Frei sprechen geht im Plenum, beim Demonstrieren am PC aber nicht gut.
  • Das Vorformulieren als Text sorgt auch dafür, dass man alle Aspekte abgedeckt hat, und Überflüssiges gestrichen. Ein solches Video sollte maximal fünf Minuten lang sein, als Faustregel.
  • Man kann ausformuliert am Text arbeiten und Wiederholungen oder unpassende Formulierungen verhindern.

Man mag einwenden, dass das Vorschreiben des Textes viel Zeit kostet. Am Ende stellt man doch fest, dass sieben Anläufe beim Aufnehmen auch nicht viel schneller waren. Und die Qualität des Textes ist eine ganz andere, wenn sie gecheckt und abgestimmt ist. Und darauf legt man doch Wert. Selbst wenn eine Aufnahme vom Ablauf her erst einmal geklappt hat, ist man Ende beim Abhören dann doch nicht zufrieden. Also lieber vorformulieren.

Was sonst noch?

Trotz des Vorformulierens sollte man den Ablauf am Monitor einige Male geübt haben. Auch aus optischen Gründen.

  • Unklare Mausbewegungen vermeiden, nicht mit dem Mauszeiger auf dem Bildschirm herumfuchteln. Die Cursor-Bewegungen sollten ruhig, linear und direkt sein. Wenn der Mauscursor auf dem Video herumrast, sieht das übel aus. Und verwirrt.
  • Daran denken, dass alles ausgesprochen wird, was getan wird, also auch Tastenbetätigungen von Cntl-C und Cntl-V oder ESC.
  • Immer erst angeben, was ich jetzt mache, nicht im Nachhinein, das kann unklar werden. Erst erklären, dann handeln.
  • Trotzdem während der Aktionen Sprechpausen einlegen. Der Fokus des Betrachters soll entweder auf der Aktion auf dem Monitor, oder auf der Sprache des Erklärers hängen. Es geht um Lernen, nicht um Unterhalten.

Die Sache sieht zuerst ziemlich trivial aus, tatsächlich ist das Anfertigen von Unterrichts-Videos gar nicht so simple. Für den Anfang ruhig das Dreifache der Zeit einplanen, die man zuerst geschätzt hat.

Trotz der Freeware-Tools kann man so schon ganz gute Video erstellen, und ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Ein Video mehr als zweitausend Worte.

Hinter dem Bild oben liegt ein kleines Beispiel, mit VideoPad gemacht. Einfach in ein paar Minuten zusammen geclickt, nur um zu zeigen, wie simpel es ist. Die Intro- und Trailer-Texte sind PNGs, mit Fireworks gemacht, das Video in der Mitte aus YouTube geklaut. Was nicht simpel ist: klar, deutlich, verständlich und exakt zu erklären. Deshalb so viel vorbereiten, vorschreiben, üben, exerzieren wie möglich. Auch die Erklärungswege auf den Prüfstand stellen, sind es klar erkennbare Workflows, bauen die Aktionen aufeinander auf? Instructional videos sind kein Kinderspiel, sie erfordern eine Menge Vorbereitung und didaktische Ausarbeitung, um in ein paar Minuten das Maximum herüberzubringen.

Wie meinen?

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Manchmal bekomme ich EMails, deren Sinn und Inhalt sich mir auch nach mehrmaligem Lesen nicht erschließt. Vor einiger Zeit stellte ich einem Kollegen eine Frage, und ich bekam als Antwort etwas, was mit der Frage aus meiner Sicht nichts zu tun hatte. Also formulierte ich die Frage um und präzisierte sie, aber die Anwort war immer noch die gleiche. Würde man diese Leute nun direkt auf ihre Kommunikations-Schwierigkeiten ansprechen, wäre Unverständnis das Ergebnis. Abgesehen davon, dass dieser Hinweis wahrscheinlich als Angriff interpretiert würde. Also verkneift man sich den Hinweis.

Mit dem Schreiben hat diese Geschichte insofern zu tun, dass sie von einem wichtigen Thema für Trainer und auch Coaches handelt, der Selbstreflexion. Selbstreflexion heißt, dass man sein eigenes Handeln, auch seine Annahmen, Urteile und Prinzipien in Frage stellt, einen Schritt zurück tritt, sie betrachtet und sich fragt, ob sie sinnvoll oder zielführend sind. Ich halte dieses Vorgehen für einen Schreibenden für unverzichtbar. Aber 97% der Leute tun dies nicht, halten ihr Vorgehen und Handeln für richtig und wichtig. Ohne dass sie dafür Feedback von außerhalb bekommen. Es reicht also nicht, sich seine Texte auf Fehlerfreiheit und Logik anzusehen, sondern es lohnt sich, das Papier ein paar Zentimeter weiter weg zu halten und zwischen den Zeilen zu lesen, ob denn der meinige Weg so wirklich nur gut gemeint, aber nicht gut gemacht ist. Man könnte es auch Selbstkritik nennen, aber es ist mehr, es geht tiefer.

Das Reflexionsrad von Maturana zeigt diesen Prozess. Nur setzt dieser Prozess in unserem Fall drei Dinge voraus: die Bereitschaft und Fähigiet zur Selbstkritik, die Bereitschaft und Fähigkeit zur Veränderung und das unspezifische Gefühl, dass wir etwas besser machen könnten. Die schwierigste Hürde ist das Erkennen der Schwachpunkte, wären sie offensichtlich, wäre es leichter sie abzustellen. Aber ich denke, man findet Anhaltspunkte genug, wenn man sich den Gedanken und Eindrücken freien Lauf lässt.

  • Folgt mein Text einer logischen, temporalen und sinngemäßen Linie, gibt es einen Faden?
  • Wie ist die Struktur meiner Texte? Ist das Kriterium erfüllt, dass ein Absatz ein Gedankenende ist, oder brauche ich ihn nur, weil ich mich in Nebenkriegsschauplätze und einem Problemsee versenke?
  • Warum benutze ich Füllwörter, Unschärfen und Verallgemeinerungen? Hat es internalisierte Gründe?
  • Ist das, was ich schreibe und wie es schreibe, wirklich für jeden verständlich?
  • Kommen meine Gedanken, Ideen und Absichten klar an’s Tageslicht?
  • Halte ich den Leser durch Verbindungen, Überraschungen und Ruhepunkte wach und bei der Stange?

Sobald man nur vage das Gefühl hat, an Stellen etwas besser machen zu können, sollte man dem nachgehen. Und sich selbst der beste Freund sein und damit schonungslos. Um Dinge auch andauernd und anhaltend zu verändern.

Aber was bekommt man für diese Mühe? Eine ganze Menge.

  1. Man schreibt besser.
  2. Selbstreflexion kann neue oder andere Potenziale in uns finden.
  3. Warum ich bestimmte Dinge so tue, wird durch Selbstreflexion klar.
  4. Die Kommunikations-Fähigkeit verbessert sich, weil man sich damit gezielt auseinandersetzt.

Ein Buchvorschlag gefällig? „Coaching und ergebnisorientierte Selbstreflexion“ von Sigfried Greif.

Feilen, feilen, streichen

Man sucht nach einer Antwort, vermutet sie und dann kommt ein Buch um die Ecke und öffnet die Augen. So geschehen durch William Zinnser. Ich hatte immer das Gefühl, dass in meinen Texten zu viel Füllmaterial ist, dass es kürzer und mehr auf den Punkt gehen müsste, konnte aber nicht sagen, warum. Ich bin weiter.

Nehmen wir einen kurzen Textabschnitt von mir, den ich vor gezielter Beschäftigung mit dem Schreiben verfasst habe:

Diese, wie schon geschrieben, von Fatar bezogene OEM-Variante in Kunststoff ist ein wenig ein Mittelding zwischen Klavier- und Orgel-Tastatur, jedoch mehr Klavier. Ich würde sie auch als ein Mittelding zwischen gewichteter und halb-gewichteter Tastatur bezeichnen. Man kommt aber als Klavierspieler sehr gut mit ihr zurecht, sie spielt sich recht flüssig und stabil. Auffällig ist lediglich, wenn man sie mit einigen wenigen anderen Tastaturen vergleicht, dass die Oberfläche ein wenig klebrig ist. Auf der Bühne wird das kaum eine Rolle spielen, und zuhause merkt man es auch nur an seltenen Stellen.

Ganz selbstkritisch betrachtet, ist das eine Menge Müll. Diese, wie schon geschrieben …, wenn es schon geschrieben wurde, wird es der Leser noch wissen, also weg damit. Warum diese, die reicht und ist kürzer. Von Fatar bezogene …, es ist eine Fatar-OEM-Tastatur, selbst das OEM ist unwichtig und sagt nichts aus. Ein wenig …, also ist sie oder ist sie nicht? Und so weiter.

Würde ich unter diesen Gesichtspunkten den Absatz noch einmal schreiben, würde er so lauten:

Die Fatar-Tastatur aus Kunststoff ist ein Mittelding zwischen Klavier- und Orgeltastatur, liegt in der Gewichtung zwischen gewichtet und halbgewichtet. Als Klavierspieler kommt man mit ihr gut zurecht, sie spielt sich flüssig und stabil. Die Oberflächen der Tasten wirken etwas klebrig, was auf der Bühne nicht auffällt und zuhause nur in schnellen Läufen zu merken ist.

Punkt. Die Aussagen sind die gleichen, aber der Text ist straffer. Man mag einwenden, dass eine Bewertung eines Produktes eine subjektive Sache ist, und daher Relativierungen angebracht sind. Aber jede Produktbewertung ist subjektiv, und man sollte den Leser nicht für dumm halten.

Es hilft, seine Art zu schreiben, genau und bewusst unter die Lupe zu nehmen. Mache ich das mit meinen Texten, fällt mir eine Schwäche für die Wörter auch, eben, gar, vielleicht, wenig, eher und trotzdem auf. Ich denke, dass das Verwenden dieser Wörter an einer inneren Einstellung liegt. Auch im Eingangstext relativiere und verkümmere ich viele meiner Aussagen, anstatt zu sagen: So ist das und so sehe ich das. Zwar sollte man sich selbst nicht ernster nehmen als notwendig, doch zu seinen Aussagen sollte man stehen. Your mileage may vary, aber eine Analyse, warum ich bestimmte Füllwörter oder Relativierungen benutze, kann einen interessanten Einblick in meine Grundhaltungen ergeben. Andere mögen sicher, absolut, völlig, total als ihre Lieblingsfüller finden, aber die Schreiber haben ihr Problem auf der anderen Seite, sie wissen immer ganz genau, wo es entlang geht. Was nerven kann, weil es nicht um Information, sondern um Diktat geht.

Geht man mit sich selbst auch einmal kritisch um und gönnt man sich eine Reflexion dessen, was man schreibt, nähert man sich dem Leser an. Wenn ich informieren möchte, sollte ich das tun. Wenn ich überzeugen möchte, müssen Argumente und Fakten auf den Tisch. Wenn ich unterhalten möchte, kann es farbig oder sogar flapsig werden. Diese Ausrichtung auf die aktuelle Situation ist notwendig. Füllwörter sind dabei ein guter Anhaltspunkt, auf welchem Terrain ich mich vordergründig und hintergründig bewege. Eine Analyse seiner verzichtbaren Lieblinge hilft zu strafferen Texten, die auf den Punkt kommen. Füllmaterial kann schützen, es kann den Inhalt aber auch unauffindbar machen.

Wie nett, ein Buch

Zur Zeit schreibe ich an einem Buch. Es ist kein Roman, keine Prosa, nicht mal eine Biographie. Es ist die härteste Art von Buchschreiben, die einem unterkommen kann: ein Benutzerhandbuch für eine komplexe, über Jahre gewachsene Software. Diese letzten Worte sagen den Kundigen, dass nur zentrale Funktionen überhaupt dokumentiert sind, dass es hunderte von anprogrammmierten Rucksäcken gibt, und dass keiner so wirklich den Gesamtüberblick hat.

Sieht man von der Recherche ab, um wenigstens das Bekannte aufzuspüren, und um dann zufällig auf das Unbekannte zu stoßen, ist die Planung eines solchen Projektes die Fußangel. Wenn man nicht schon ein Dutzend Manuals hinter sich hat. Es ist für mich das erste Projekte dieses Umfanges, am Ende wird es auf ca. 250 bis 280 A5-Seiten hinauslaufen, Schriftgröße 9 pt. Und trotz aller gut gemeinten Vorplanung ist einiges schief gegangen. Weil ich nicht weit genug gedacht habe. Diese Erfahrungen anderen Schreibern, die zum ersten Mal vor so einem Brocken stehen, als Warnungen mit auf den Weg gegeben.

Kenne Deinen Gegner

Um ein Produkt zu beschreiben, ist es zwingende Voraussetzung, dieses Produkt und seine Funktionen zu 70 oder 80% zu kennen. Wie will sonst etwas nicht nur beschreiben, sondern auch seine Anwendung verständlich machen? Das ist eine Grundlage, ohne die man nicht anfangen sollte. Neben der reinen Kenntnisse der Funktionen ist es unumgänglich, sich die Fachterminologie anzueignen, und Begriffe miteinander in Beziehung setzen zu können. Ich muss als Autor kompetent und fachlich fundiert sein, sonst merkt der Leser sehr schnell, was nur Fassade ist.

Das Produkt muss ich auch deshalb gut kennen, um ein Bedienkonzept zu vermitteln. Für einen DVD-Player mag eine Erklärung der vorhandenen Tasten ausreichen, eine umfangreiche Software, ein digitales Studiomischpult oder eine komplizierte Maschine braucht ein Bedienkonzept, eine logische Linie in der Handhabung. Nun ist es eine bevorzugte Eigenschaft von älterer Software, ihr Bedienkonzept durch immer neue Funktionen und Erweiterungen verloren zu haben. Wenn sie es je hatte. Dann ist es Aufgabe des Autors, ein Bedienkonzept zu entwickeln. Viele Anleitungen sind nur eine weitschweifige Erklärung für das, was auf Buttons und in Menüs kürzer steht. Aber sie vermitteln, leider, kein Konzept. Ohne Konzept kann der Benutzer nicht ahnen, was er mit dem Zeugs soll. Der Leser muss aus meinem Geschreibsel verstehen, wie die Dinge zusammenhängen, was was bedingt, wie Dinge miteinander verbunden sind. Und wie er das erreicht, was er erreichen möchte. Er muss auch die verbundenen Fachbegriffe lernen, sie sollten ihm nach dem Studium unseres Manuals quasi bildlich vor Augen stehen. Lege den ersten Schwerpunkt darauf, ein Bedienkonzept zu entwickeln, und was der Leser an Vorwissen haben muss, bis es an’s Eingemachte geht. Erst dann kommen Planung oder gar Feinheiten. Was nützt es mir, das Navi perfekt programmieren zu können, wenn ich gar nicht Auto fahren kann?

Rechne damit, dass 10 bis zu 15% der Projektzeit für die Entwicklung eines Konzeptes drauf gehen. Darin ist dann aber auch schon die Idee vorhanden, wie ich meine Kenntnisse, Erfahrungen und Entdeckungen rüber bringe. Der Rest ist Handwerk. Und das kommt jetzt.

Gliederung und Struktur

Der vorherige Absatz ist bewusst länger geworden, weil dieser Teil im Grunde nur noch das Aufschreiben dessen ist, was im ersten Absatz beackert wurde. Schreibe nun die Struktur des Manuals auf, die ersten beiden Überschrifts-Ebenen und ein paar Stichworte zum Inhalt der Kapitel. Diskutiere Deine Struktur mit Leuten, die das Produkt kennen und nutzen, die Regel, dass vier Augen mehr sehen als zwei, gilt auch an dieser Stelle. Fürchte Dich nicht davor, dass diese Leute vom Produkt viel mehr wissen als Du, Du bist Schreiber, und Dein Gegenüber kann vielleicht super programmieren, aber schreiben in unserem Sinne kann er nicht. Software-Entwickler können keine Dokumentation schreiben, das ist ein Oximoron, eine Unvereinbarkeit. Du machst Deinen Job, er seinen, und Ihr braucht Euch gegenseitig.

Dann fange an. Nach letzten Vorbereitungen.

Schrift, Satz, Layout, Tools

Schreibt man ein Dokument für eine Firma, muss man etwas über das Corporate Design wissen. Welche Schriftarten sind Firmenschriftarten? Welche Größe? Welche Logos müssen wo stehen? Gibt es sogar eine Festlegung im CD, wie Dokumente aussehen müssen? Das ist alles zu klären, bevor der erste Buchstabe geschrieben wird. Noch bevor irgendein Gedanke an Satz oder Layout verschwendet wird.

Thema Tools. Man kann ein umfangreiches Manual mit Word als Schreibprogramm und Gimp für die Bildbearbeitung machen. Man kann auch mit einem Smart bis Sizilien fahren. Spaß macht das nicht. Und lange dauern wird es auch. Für professionelles Schreiben braucht man professionelle Werkzeuge. InDesign für Layout und Satz, Fireworks oder Photoshop für die Bildbearbeitung und Illustrator für Diagramme und Zeichnungen. Oder etwas Vergleichbares. Da sind dann gut 2000 € an Lizenzen über den Tisch gegangen, aber man kann auch Adobe-Programme in England kaufen, das kosten sie nur ein Viertel. Wenn man doch Word nutzt, und nach einer Änderung auf Seite 112 das Layout von Seite 8 zerbröselt, sollte man sich nicht wundern. Auch für diese Tools gilt, dass man sie einigermaßen nutzen kann, wobei es wenigstens für die verbreiteten Tools auch gute Handbücher gibt. Da wäre dann wieder etwas weitere Zeit vergangen, bevor wir in medias res gehen. Aber alles andere ist Bastelei, die sich rächen wird. Versprochen.

Letzte Vorbereitungen

Konzept da, Tools vorhanden, Ideen gesammelt, Struktur vorbereitet, Tools erlernt, Gliederung erarbeitet. Go? Noch nicht ganz. Das Layout und der Satz müssen noch gemacht werden, in InDesign wären das die Master Pages, die Paragraph und Character Styles, Table/Cell Styles, also alles, was das Bild und die Gestaltung unseres Dokumentes ausmacht. Seitenränder, wie sollen Kopf- und Fußzeilen aussehen, mache ich nur ein Inhaltsverzeichnis, oder auch einen Index? Addendum planen, was soll aus dem Hauptinhalt an das Ende? Keyboard-Shortcuts, alle Icons erklären, Übersicht der Fachbegriffe, wenn diese Fragen in der Strukturierung noch nicht eingeflossen sind, sollte es spätestens jetzt geschehen.

Jetzt noch ein Hinweis aus eigener Erfahrung. Man braucht immer Screenshots. Daher sollte man noch ganz am Anfang sich drei Größen von Screenshots nehmen, die kommen. Hauptfenster, Dialoge und Unterfenster, als Standardgrößen und diese von 72 auf 300 dpi hochskalieren, sonst ist davon später im Print nichts mehr lesbar. Welche Größen müssen die Screenshots im Dokument haben, damit es noch lesbar bleibt? Auch diese Werte festschreiben und im gesamten Dokument konstant halten. Überhaupt so viel wie möglich ganz am Anfang, vor dem ersten Satz festlegen, ausdrucken und an den Bildschirm pappen.

Welche Seitenabstände der Bilder und Zeichnungen? Welcher Textfluss um Bilder? Farben in Paletten packen, so dass Zeichnungen einen einheitlichen Stil haben. Blocksatz ist für Zeitungen, beim Flattersatz muss ich aufpassen, dass es nicht zu unruhig wird und mein Layout darauf abstimmen. Alles, was irgendwie Maß oder Größe hat, immer fest definieren und auch dokumentieren. Nicht dass das vorletzte Kapitel im Layout völlig anders aussieht als das zweite. Und so weit wie möglich vorausdenken, was bald kommt. Diese paar Stunden an Vorbereitungen, an Vordenken und Vorplanen, können einem spätere Schweißausbrüche und Panikattacken ersparen. Und sie sorgen für ein professionelles Dokument.

Jetzt aber

Genau, nun ist es Zeit einzusteigen und loszufahren. Es mag eine Menge Vorarbeit gewesen sein, jedoch kann man sich nun auf das konzentrieren, was man rüberbringen will. Sein Konzept der Bedienung vermitteln, den Benutzer an die Hand nehmen und ihm sagen: „So, pass auf, ich erkläre Dir das jetzt mal ganz genau.“

Deppenleerzeichen

In der letzten Zeit hatte ich die Ehre, einige Datenblätter und Manuals auf den neusten Stand zu bringen und auch gleich in’s Deutsch zu übersetzen. Man kann auf Fragen stoßen, die einem früher nie in den Sinn gekommen sind. Dazu gehören solche weltbewegenden Problemstellungen wie:

  • Wie behandele ich eigentlich Satzzeichen?
  • Welche Satzzeichen sind wichtig, welche stören oder sehen blöd aus?
  • Datenblätter strotzen vor Zahlen, Zeichen und Einheiten, wie wollen es Normen und Vorgaben?
  • Wie stelle ich technische Daten überhaupt konsistent dar?

Also die typischen Fragen, die einen Redakteur über Stunden beschäftigen können. Ich verstehe Leute, die Schmetterlinge sammeln.

Satzzeichen

Es ist nicht Analphabeten vorbehalten. Man findet ( oft zuhauf ) eine Reihe von terminierenden und / oder nicht terminierenden Satzzeichen – den Punkt am häufigsten – in unterschiedlichen, oft willkürlichen Positionen; deren Sinn sich selten erschließt. Schaut man sich diesen Satz an, so fällt auf, dass Satzzeichen und Sonderzeichen nicht der Gliederung dienen. Sondern der Optik. Die tatsächliche Funktion von Satzzeichens ist es aber, den Fluss der Aussage zu charakterisieren. Sonderzeichen haben Sonderfunktionen, sonst würden sie nicht so heißen. Satzzeichen gliedern Sätze, so wie Absätze die Gedanken. Sinnvolle Satzzeichen im fließenden Text sind drei, maximal vier. Punkt, Komma, Fragezeichen. Eventuell noch der Gedankenstrich. Gut, den Doppelpunkt lassen wir auch noch zu. Das Semikolon ist halbseiden, der Schreiber konnte sich nicht zwischen Punkt und Komma entscheiden.

Klammern. Die Funktion der Klammer ist nur die: ein Heraustreten aus dem momentanen Gedanken. Ich verlasse die Gedankenlinie für einen Moment, werfe etwas ein. Das kann man machen, aber ist es ein längerer Satz, kommt Verwirrung auf. Möglich ist statt der Klammern das Einbinden in Gedankenstriche. Kann man machen – ich habe eckige Klammern vergessen – muss man nicht.

Ausrufezeichen. Machen nur an zwei Stellen Sinn, in Warnungen und bei wörtlichen Zitaten, wo die Aussage so gemeint war. Sachtext braucht keine Ausrufezeichen.

Das Leerzeichen als Störfaktor

Im Fachjargon gerne als Deppenleerzeichen bezeichnet. Vor Satzzeichen, seien es Klammern oder ähnliches, kommen keine Leerzeichen, ebenso nicht an den Schrägstrich. Also und/oder, und nicht und / oder. Nach laufenden Satzzeichen muss es aber stehen, hinter Punkt, Komma, Fragezeichen, Semikolon und Konsorten.

Das Kreuz mit technischen Daten

Mein Lieblingthema. ISO1000 sagt, dass Einheiten durch ein Leerzeichen abgetrennt werden. Die Verwendung des Minuszeichens für Bereichsangaben wird nicht empfohlen, stattdessen drei Punkte. Einige Fonts haben diese sogar als Glyphen. Das Ganze nun als Übersicht, man findet es in jedem Datenblatt anders.

Gewicht: 8,2 kg Das Komma ist im Deutschen Dezimaltrenner
Betriebstemperatur: -10 … 40 °C Kein Plus vor die 40
Abmessungen (BxHxT): 10 x 30 x 40 mm Ausrichtungen angeben
Betriebsfeuchte: 0 … 80% Prozent ist keine Einheit, kein Leerzeichen
Systemanschluss: Ethernet (RJ45) Hier machen Klammern Sinn
Ausgänge: 4 x RS-232 Das x bekommt Leerzeichen
Eingangsspannung: 230 V~ VAC für die USA
Ausgangsspannung: 24 V= ~ und = sind das Einzige, was ISO1000 erlaubt

Und nur die Basiseinheiten sind erlaubt. Einige Ausnahme: Gleichheitszeichen und Tilde für Gleich- und Wechselstromwerte, Grad Celsius werden zusammengefasst, da das Grad eben zum Celsius gehört. Ein Prozentzeichen ist keine Einheit, daher kein Leerzeichen.

Mir fällt bestimmt noch mehr auf. Fortsetzung folgt.

Über die Kraft der Verben

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(und die Ohnmacht der Adjektive und Adverbien)

Wie der US-Blog RadarOnline.com berichtet, soll die Liebessause, auf die Insider nach Geburt der gemeinsamen Kids Harlow (2) und Sparrow (1) schon seit einer kleinen Hollywood-Ewigkeit spekulieren, in Los Angeles steigen. Auf der Gästeliste für die Feierlichkeiten auf dem Anwesen von Nicoles Schmusehit-Papi Lionel Richie (61): angeblich nur Familienmitglieder und eine Handvoll ausgewählter (Promi-)Freunde. Ein Hollywood-Insider verriet: „Nicole hat die Gästeliste gekürzt, weil sie keine Riesenhochzeit wollte. Viele prominente Freunde sind nicht dabei. Offensichtlich hat das einige vor den Kopf gestoßen.“ Unter denen dürfte auch Paris Hilton (29) sein. Denn laut der britischen Tageszeitung „Daily Mail“ soll Nicole Richies ehemalige Busenfreundin KEINE Einladung bekommen haben.

Ein wahrhaft grottenschlechter Text, die Quelle bürgt für diese Qualität. Es lohnt sich aber genauer hinzusehen, was den Text so schlecht macht. Es ist die Farblosigkeit der Wortwahl auf der einen Seite, und der verzweifelte Versuch auf der anderen, mit hippen Verben und stereotypen Adjektiven doch noch Farbe hinein zu bringen. Was dann in die Hose geht. Aber wir sollten mit solchen Urteilen vorsichtig sein, zu oft tappen wir selbst in die Falle. Erscheint uns ein Satz zu langweilig oder farblos, pumpen wir ihn mit Adjektiven oder gerade mit Adverbien voll, blähen ihn auf und entziehen dem, was Kraft und Aussage hat, die Substanz: dem Verb. Das Verb ist der Kern des Satzes, das Verb drückt das Geschehen aus. Ausgerechnet die Adverbien, die der Modifikation oder Erweiterung des Verbs dienen sollen, verwässern Aussagen und führen den Leser in die falsche Richtung.

Sie lächelte freundlich. Freundlichkeit ist der Inhalt des Lächelns, das Adverb ist überflüssig. Es stört. Sie lächelte traurig. Hier hat das Adverb eine wichtige Funktion, es modifiziert das Verb, hat eine Bedeutung. Ein grausamer Krieg. Krieg ist immer grausam. Wenn dieser Krieg anders war als andere, ist das eine nähere Beschreibung wert. Sie tanzten fröhlich um den Baum herum. Also wenn ich traurig bin, werde ich nicht tanzen. Und doch mag es Fälle geben, wo die Modifikation wichtig ist, Sie tanzte mit ihm versteinert. Die Kampagne wirkt umsatzsteigernd. Einer Kampagne, die umsatzmindernd wirkt, würde ich nicht über den Weg trauen. Damit werden Ihre Ansprüche im Bezug auf ausgezeichnete Kosteneffizienz in besonderem Maße erfüllt. Originalzitat, wer hat die Kosteneffizienz ausgezeichnet? Ansprüche können erfüllt werden, aber wie werden sie besonders erfüllt? Und was zum Teufel ist Kosteneffizienz, dass die Kosten effizient sind? Da dreht es dem BWLer den Magen herum.

Man mag einwenden, dass Marketing-Texte so sein müssten, aber wo sie definitiv nichts zu suchen haben, ist in der Non-Fiction, in Artikeln, Berichten oder Geschichten. Man sollte sich dort bemühen, den Satz durch seine Kernkomponenten wirken zu lassen, durch Verben und Adverbien dort, wo sie ihren Sinn erfüllen. Gleiches gilt für Adjektive, aber meistens sind es die Adverbien, die wie Glitzersternchen über den Text gestreut werden, und in der Menge billig und kitschig wirken. Er schaute ihr lange und tief in die Augen. Wenn ich jemandem in die Augen schaue, ist die Tiefe und Intensität gegeben. Noch etwas, was dabei passiert, ist das Vorwegnehmen von Bildern im Kopf des Lesers, und entstehen durch den Text nicht die eigenen Bilder im Kopf, unsere Bilder, fühlen wir uns übersteuert, kontrolliert.

Kein Text entsteht im ersten Wurf. Jeder Text braucht einige Zyklen des Überprüfens, Neustrukturierens und Abgleichens. Einer dieser Schritte sollte die Überprüfung auf überflüssige Adverbien (und Adjektive) sein. Beispiele für konzentrierten Text finden sich am besten dort, wo gute Schreiber am Werk sind, in der „Zeit“, oft im „Spiegel“ oder sogar in der „Brigitte“. Auch „Tom Sawyer“ und „Das Parfüm“ kommen mit erstaunlich wenig Adverbien aus. Und die besten Quellen sind immer noch die, die vom Marketing-Blahblah und vom medienwirksamen Aufblähen verschont sind: die klassische Literatur.

Keep It Short and Simple

Bei einer Endlagenprüfeinrichtung für bewegliche Weichenteile mit einem Prüfergestänge und einem Prüfergehäuse, in welches das Prüfergestänge eingeführt ist und in welchem wenigstens ein Detektor zur Erfassung einer Endlage des Prüfergestänges angeordnet ist, dadurch gekennzeichnet, dass das Prüfergestänge an den beweglichen Weichenteil (3) in einer quer zur Schienenlängsrichtung liegenden Vertikalebene schwenkbar angeschlossen ist und dass das Prüfergestänge wenigstens eine Stange (8) mit kreisrundem Querschnitt umfasst, welche Stange (8) in ihrem dichtend in das Prüfergehäuse (12) eintauchenden Bereich an ihrem Umfang wenigstens eine Schaltflanke (13) trägt, welche mit einem Schalterkontakt (16) zusammenwirkt.

Dass geniale Erfinder nicht unbedingt auch geniale Schreiber sein müssen, wird hier klar. Es ist Text aus einem Patent, der die Funktion einer Apparatur beschreibt. Und ein perfektes Beispiel, wie man Sätze formuliert, die nicht mehr verständlich sind. Bei solchen Formulierungen ist das Problem, dass man am Ende des Satzes nicht mehr weiß, was der Anfang war. Dazu ist es hilfreich, wenn man etwas über die Verarbeitung von Informationen und Eindrücken weiß, über die Funktion des Gedächtnisses.

Nehmen unsere Sinne eine Information auf, geht sie als erstes in das Sensorische Register. Dieses bewertet Information nach Interesse und Wichtigkeit. Zwei Leute gehen durch eine Stadt, der eine sieht nur die Gebäude, der andere nur die weibliche Bevölkerung. Ist die Information dort als zu beachten registriert worden, geht sie weiter in das Kurzzeitgedächtnis, zur Zwischenspeicherung. Dort geschehen nun zwei Dinge. Als erste Bewertung wird eine lose Verbindung in das Langzeitgedächtnis aufgemacht, ob diese Information emotional positiv oder negativ besetzt ist. Diese Überprüfung geschieht nicht bewusst, sondern das geht über unbewusste Kanäle. Und sie muss schnell sein, denn eventuell meldet unser Kleinhirn den Befehl zur sofortigen Flucht oder zum Angriff, da wäre Nachdenken nur im Wege. Die Information kann ja sein, dass ein Säbelzahntiger zwei Meter vor uns steht. Ist die Bewertung positiv oder neutral, darf sie weitergeleitet werden. Leider gibt es da ein kleines Problem, das Kurzzeitgedächtnis kann nur maximal fünf bis neun Informationseinheiten behalten, alles, was neu rein kommt, verdrängt Älteres. Erst was es von dort in’s Langzeitgedächtnis geschafft hat, wird bewusst verarbeitet und gespeichert. Und erweist sie sich dort als nutzlos und selten gebraucht, verschwindet sie auch von dort ruckzuck.

Der Text aus dem Patent ist keine in sich abgeschlossene Informationseinheit, sondern eine Häufung von Einheiten. Das Gedächtnis hat keine Chance, diese in eine logische oder zeitliche Sequenz zu bringen. Ihm fehlen die Millisekunden zur Verarbeitung, ihm fehlen die Minipausen, die da heißen Punkt, Ausrufezeichen oder wenigstens ein kleines Semikolon. Nehmen wir einen anderen Satz. Er stieg also wieder aus dem Bus aus, wandte sich unentschieden nach rechts, ging die breite Hauptstraße herunter, aß an einem Imbiss-Stand einen pappigen Hamburger, trank noch einen lauwarmen Kaffee zu Wucherpreisen hinterher, zündete sich eine weitere Zigarette an und überlegte, was er mit dem Rest dieses langweiligen Abends anfangen sollte. Dieser Satz ist kein Problem, weil die einzelnen Informationen in einem zeitlichen Zusammenhang stehen, und vertraute Informationsanteile beinhalten. Bei jedem Komma ist der zeitliche Verlauf klar. Und daher könnte man den Satz auch ohne Schwierigkeiten wiederholen, er läuft in unserem Gedächtnis wie ein Film ab.

Es wird immer wieder die Regel zitiert, ein Satz sollte nicht mehr als 20 oder 30 Wörter haben, sonst sei er zu lang. Diese ist nicht grundsätzlich falsch, ist aber auch nicht die global-galaktische Lösung für verständliche, leserliche Sätze. Richtig ist, dass man Sätze nach Füllwörter wie auch, aber, so, sehr, viel, wenig durchsuchen sollte, ob sie für den Sinngehalt wichtig sind. Genauso kann so manches und gut durch ein Komma ersetzt werden und so Vorteile haben, so Vorteile haben. Zum Beispiel, dass der Stil flüssiger, die Struktur des Satzes interessanter wird. Wichtiger ist es aber, Sätze so zu bilden, dass das Kurzzeitgedächtnis nicht in einen Overflow kommt. Sind die Einzelheiten eines Satzes in einem logischen, zeitlichen oder kausalen Zusammenhang, tut sich unser Gedächtnis leichter. Und die Verständlichkeit wird besser.

Um Satzstrukturen klar zu gliedern und aufzubauen, ist gerade das notwendig, was beim Schreiben am meisten vernachlässigt wird: Organisation und Planung. Weil der Satz als Element des Gesamten, des gesamten Textes fungiert. Dann sollte sich klare Struktur nicht nur auf den einzelnen Satz, sondern auf den gesamten Text beziehen. Also erst ein paar Mal vorher nachdenken, und dann schreiben. Und nicht umgekehrt.

Man sollte sich immer die wichtigste Regel des Schreibens vor Augen halten: den Leser zu interessieren, ihn bei Stange zu halten und das Weiterlesen interessant machen. Das kann durch witzigen Stil, ausgefeilte Sprachkonstuktionen oder geplante Abweichung von der Norm geschehen. Aber witzige Manuals sind nicht jedermanns Sache. Und eine lyrische Software-Dokumentation auch nicht. Aber einen klaren, verständlichen und strukturierten Text lesen ist immer willkommen. So wie Pasta, Fischstäbchen und Kartoffelpüree. Man muss nicht lange kauen, um satt zu werden. Übrigens aufgefallen, was nicht selten passieren kann, im obigen Satz? Dass pappig und lauwarm schon emotional besetzt sind, und wahrscheinlich im Gedächtnis am ehersten hängen bleiben, wenn man den Satz zitieren müsste. Dort greift die emotionale Bewertung und zeigt schön die Funktion des Kurzzeitgesetzes.

Kannst Du mal eben übersetzen?

Gerät man in den Verdacht, des Englischen irgendwie mächtig zu sein, kommt man schnell in die Situation, dass man ein professionelles Übersetzungsbüro dem Budget erspart. Dabei ist es ein großer Unterschied, ob man eine Sprache gelernt hat, sie spricht, oder sie lebt. Letzteres heißt, sich mit dem Land, der Kultur und seinen Eigenarten zu beschäftigen. Und den Eigenarten dieser Sprache, seiner Atmosphäre.

In den meisten Fällen, wenn es einen denn getroffen hat, wird man übersetzen und sich nicht wehren. Leider hat dieser Vorgang, hier auf Englisch -> Deutsch reduziert, so seine Fallstricke. Und wie üblich, liegen diese oft dort herum, wo man sie nicht erwartet. Auf ein paar dieser Fallstricke möchte ich eingehen, aus dem beruflichen Alltag, nach einigen Büchern über englische Grammatik und längerer Zeit des Lebens in diesem merkwürdigen Land mit seiner merkwürdigen Sprache. Ohne Anspruch zu erheben, professioneller Übersetzer zu sein.

Geht man nun mit wohl gutem Schulenglisch und gelegentlichem Englisch-Sprechen an die Aufgabe, wird Übersetzen so interpretiert: man ersetze die englischen Begriffe durch deutsche und passe die Satzstellung an. Und läuft sofort in die beiden beliebtesten Fallen. Denn das funktioniert gerade nicht, wie Babelfish deutlich gezeigt hat. Beginnen wir mit Annahme #1, dem „Übersetzen“ der Worte und Begriffe.

Selbst in renommierten Blättern ist immer wieder die Rede von der amerikanischen Administration. Administration ist im Deutschen das Fremdwort für Verwaltung. Die amerikanische Verwaltung ist wohl weniger gemeint, eher die amerikanische Regierung. Das passiert, wenn man American administration linear übersetzt. False friends. In der Technik ist to control immer sehr beliebt. Übersetzt ist es nicht kontrollieren, sondern regeln, lenken, steuern. Noch schlimmer wiegt die Tatsache, dass sich die endgültige Bedeutung oft erst im Sinnzusammenhang ergibt. She made coffee, das ist einfach zu übersetzen, an anderer Stelle heißt she made it aber etwas ganz anderes, sie hat es geschafft. Lineare Übersetzung, also das Ersetzen von Wörtern aus dem Wörterbuch, funktioniert an vielen Stellen nicht. Von den Problemen mit what/which, this/that oder each/every/any ganz zu schweigen. Die Semantik muss man wissen, sonst wird der Text für einen Muttersprachler holpend bis seltsam. Aber dem nicht genug, selbst wenn die Vokabel stimmt, lauern weitere Tücken.

Betrachtet man einen englischen Text und sein deutsches Pendant, ist der englische Text um 20 oder sogar 30% kürzer. Der Grund ist der, dass der englische Satzbau wesentlich effektiver ist und weniger redundant. Wo im Deutschen ein kompletter Nebensatz gebraucht wird, reicht im Englischen eine -ing-Form. Going to the church I met a friend, Als ich zur Kirche ging, traf ich einen Freund. 34 gegen 47 Buchstabenpositionen. Auch verwendet das Englische Artikel und Präpositionen wesentlich sparsamer, viele reflexive Verben brauchen kein self und so weiter. Dafür ist die Satzstellung im Englischen wesentlich empfindlicher. Je nachdem, wie Präpositionen positioniert werden, kann sich die Bedeutung oder Betonung der Aussage ändern. Nicht zu vergessen die andere Verwendung der Zeiten im Englischen, das Plusquamperfekt hat im Englischen einen anderen Bezug zum Verlauf der Zeit und den Geschehnissen. Und die Verlaufsform scheint oft ein unlösbares Rätsel zu sein.

Wenn ich mit diesen Vorbetrachtungen eine lineare Übersetzung mache, kann die Sache nur in die Hose gehen. Aber wie übersetze ich nun einen englischen Text? Gerade bei sachlichen oder auch werblichen Texten bietet sich eher ein Re-Engineering des Textes an:

  • Den Sinninhalt des Textes analysieren und erfassen, was soll ausgesagt werden?
  • Den Text in Abschnitte gliedern, es kann sein, dass es sinnvoll ist, einen englischen Satz in zwei deutsche oder umgekehrt zu übertragen.
  • Den Sinninhalt des englischen Satzes erfassen und dann in Deutsch (neu) formulieren.
  • Dabei insbesondere Zeiten und Betonungen umsetzen.

Die Kernaussage ist: nicht Wort für Wort übersetzen und am englischen Text kleben, sondern den Inhalt der Sätze möglichst genau in Deutsch wiedergeben. Gleiches gilt für die umgekehrte Richtung, auch hier kann eine Neustrukturierung des Textes notwendig sein. Dass man in Gefahr läuft, direkt übersetzen zu wollen, hat mit der gleichen Sprachfamilie zu tun, aber genau davon sollte man sich nicht verführen lassen. Müsste man Walisch zu Deutsch übersetzen, wäre die Gefahr deutlicher. Denn dabei wechselt man die Sprachfamilien, und würde gar nicht auf die Idee einer 1:1-Übersetzung kommen.

Und immer schön vorsichtig mit den false friends.

Denken – Sprechen – Schreiben

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Auf den ersten Blick scheinen diese drei Begriffe sehr nah beieinander zu liegen, scheinen fast Synonyme zu sein. Aber sind sie das wirklich? Vielleicht lohnt sich ein genauerer Blick auf sie, um gutem und verständlichem Schreiben näher zu kommen.

Betrachtet man Schreiben und Sprechen, habe diese beiden Vorgänge einen Aspekt gemeinsam, das Ziel der Informationsübermittlung. Ob man nun eine Bedienungsanleitung schreibt (ich übermittle Dir Info zum korrekten Gebrauch dieses Dingsdas) oder eine schwärmerische Liebes-Email (ich übermittle Dir meine Gedanken und Gefühle), steht die Informationsübermittlung im Vordergrund. Das tut Sprache auch, aber der Unterschied besteht im Online- und Offlinemodus. Sprache ist online, es gibt in diesem Moment einen Empfänger, er kann rückfragen, intervenieren, zustimmen. Sprache ist, im Gegensatz zum Schreiben, interaktiv. Schreiben erfolgt im Offlinemodus, wann das Geschriebe gelesen wird, ist offen. Morgen, im nächsten Jahr, in zehn Jahren. Es gibt keine Regelschleife, der Leser ist dem Text hoffnungslos ausgeliefert. Er muss ihn so nehmen wie er ist, kann Sprache nicht zum Dialog nutzen. Höchstens über den Text schimpfen. Das wäre wieder eine Chance zu einem Selbstgespräch. Bleibt noch die Alternative, das Buch zuzuklappen und in die Ecke zu legen, weil man nicht versteht, was der Schreibende übermitteln will. Oder weil er es so endlos kompliziert angeht.

Dann ist die Chance vertan, denn gerade beim Schreiben habe ich die Möglichkeit, immer wieder zu überprüfen, zu korrigieren und mich meinem Ziel schrittweise zu nähern. Kein Text entsteht im ersten Wurf, manchmal muss ein Text viele Zyklen hinter sich bringen, bis er die Qualität und Aussagekraft erreicht hat, die ich anstrebe. Stattdessen wird oft hingehackt, hingeworfen und fabuliert. Leider oft in Email, aber auch so manche Bedienunganleitung scheint auf diesem Weg entstanden zu sein. Woran liegt das?

Hätten wir noch das Denken. Ist Denken Sprechen mit sich selbst? Sehen wir vom selbstbezogenen Gebrabbel beim Staubsaugen ab, ist Denken keine Interaktion. Was ist Denken dann? Denken setzt Sprache voraus, ohne Sprache ist Denken nicht möglich. Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt, dieser Satz gilt. Doch im Gegensatz zum Ziel Informationsübermittlung bei Sprache und Schrift ist das Ziel im Denken die Reflexion. Ich denke über etwas, über mich oder über jemanden nach, ich betrachte eine Situation, spiele sie erneut durch, sammle Argumente und Beweise, Kennzeichen und Bedeutung. Denken ist Phantasie und Fiktion, sie bezieht ihren Input weitgehend aus der Realität, ist aber nicht zwingend für die Realität gedacht. Der Tagtraum ist das beste Beispiel.

Also sind Denken, Schreiben und Sprechen doch unterschiedliche Vorgänge. Das Denken ist in jedem Fall die Voraussetzung für die Informationsübermittlung, nicht umsonst sagt man „Vor dem Reden Gehirn einschalten“. Wenn wir sprechen, läuft unser Gehirn einige Sekundenbruchteile vor, oder sollte es wenigstens, und formuliert, bevor aus dem Gedanken gesprochenes Wort wird. Aus Reflexion wird so Sprache, aus der Theorie Realität. Manchmal mag sich der Gedanke zuerst verlaufen, dann können wir korrigieren, die letzten Worte zurücknehmen, die Sache umformulieren. Es gibt Zeitgenossen, die brauchen so viele Korrekturen, dass am Ende der Sinn ihrer Worte unklar bleibt. Leider geschieht das beim geschriebenen Wort auch nicht selten.

Die Kette wird so sichtbar. Der Ausgangspunkt, sozusagen die Genesis von Wort und Schrift, ist der Gedanke. Und die Qualität des Denkens entscheidet über die Qualität von Sprache und Schrift, ist der Gedanke schon unausgereift und verquer, kann auch auf anderem Weg nix Gutes dabei herauskommen. Aus Denken wird Sprechen, aus Sprechen wird Schreiben. Heißt, dass es notwendig ist, strukturiert und zielgerichtet zu denken, bevor man zu strukturiertem und zielgerichtetem Schreiben kommt. Vor dem Schreibenlernen stünde dann das Denkenlernen. Die Sprache in der Mitte des Verlaufes müsste sich dann ebenso verbessern. Sie müsste verständlicher, klarer und universeller werden. Ein kleines bisschen Offline vertragen können.

Will ich also strukturiert und damit verständlich schreiben, und auch sprechen, ist strukturiertes Denken die Voraussetzung. Die Voraussetzung für strukturiertes Denken wiederum ist die Fähigkeit zur Reflexion. Bin ich in der Lage, meine Welt der (Selbst-)Kritik auszusetzen und in Frage zu stellen, mein Denken auf den Prüfstand zu lassen, wird sich auch mein Schreiben verbessern. Wir sprechen und schreiben, wie wir denken. Eigentlich ganz einfach.