Alles sehr verwirrend

Normalerweise halte ich mich aus politischen Diskussionen heraus. Diese Tendenz hat in den letzten Jahren eher zugenommen, nicht, weil ich unpolitischer geworden wäre, sondern weil die Sache mir zunehmend unübersichtlicher geworden ist. Doch gelegentlich erhellt sich eine Geschichte durch eine Kleinigkeit. Bei mir war diese Kleinigkeit eine Serie von Posts in Facebook, einer davon kam von mir und ich meinte, ich würde mir manchmal die Rückkehr in die Siebziger wünschen. Eine Zeit in der alles übersichtlicher war. Eine Antwort auf mein Posting war der Hinweis, dass es in den Siebzigern den Kalten Krieg gegeben hat. Eine politische und militärische Lage, in der nur einfaches technisches Versagen hätte dazu führen können, den Untergang des Abendlandes auszulösen.

Genau dieser Fall ist einmal eingetreten und die Katastrophe würde durch vernünftiges Handeln eines russischen Leutnants verhindert. Zu dieser Katastrophe wäre nicht mal ein einziger Flüchtling oder islamistischer Terrorist notwendig gewesen, das hätten Sowjets und Amerikaner mit ihren Gigatonnen Atomwaffen im Alleingang geschafft. Hatten wir deshalb Angst? Im Grunde nein, denn wir hatten, tatsächlich oder eingebildet, das Gefühl, die Sache zu verstehen. Wir hatten insgesamt das Gefühl, noch alles halbwegs zu verstehen. Die Ölkrise, den Kalten Krieg, Unfälle in Atomkraftwerken. Wir hatten sogar einen Tucken das Gefühl, diese Dinge beeinflussen zu können.

Jeder kann meine Meinung haben

Das war auch sehr einfach. Unsere Meinungen resultierten aus wenigen Quellen. Aus Tagesschau, dem Spiegel, vielleicht dazu die TAZ, unsere Familie und ein paar Verwandte, Freunde und Nachbarn. Öffne ich heute Facebook und Twitter, habe ich geschätzt eine Quadrillion Meinungen, Statements, Behauptungen und Stellungnahmen. Das macht die Geschichte unübersichtlich. Schon deshalb hatte ich manchmal vor, mich bei Facebook abzumelden, weil ich nicht mehr begriff, was da vor sich geht. Was davon ist noch wahr oder authentisch? Was ist Fakt und was ist Behauptung? Was passiert da überhaupt? Warum wird ohne ersichtlichen Grund so manche Sau durchs Dorf getrieben?

Nun geht es mir an dieser Stelle wohl nicht alleine so. Mit fortgeschrittenem Lebensalter, einer Menge Lebenserfahrung, als Akademiker, als gelernter Journalist nach den Fächern Recherche und Presserecht, sollte ich doch diese offensichtlichen Folgen der Globalisierung und um sich greifenden sozialen Medien verstehen. Früher war schon Paris sehr weit entfernt. Heute ist medial gesehen Peking um die Ecke. Was macht man, wenn die Welt um einen herum zunehmend unverständlich, undurchschaubar, unbegreiflich wird? Wenn das Gefühl entsteht, man ist abgehängt?

Genau diese Frage hat schon mal Leute beschäftigt, die an der University of Kent arbeiten. Könnte sein, dass sich durch deren Forschungen das Dunkel etwas lichtet. Diese Leute haben sich damit auseinander gesetzt, warum es in den letzten zehn Jahren in zunehmender Zahl Verschwörungstheorien gibt. Angefangen hatte es zum Beispiel mal vor langer Zeit damit, dass Paul McCartney schon lange tot sei, bewiesen wurde es angeblich auf dem Cover von Abbey Road durch seine fehlenden Schuhe, durch ein Autokennzeichen, durch die Zigarette in der rechten Hand (weil Paul Linkshänder ist). Lady Diana wurde Verschwörungstheorien nach durch den Geheimdienst MI5 umgebracht. Flugzeuge hinterlassen keine Kondensstreifen, sondern sie verspühen Gift und bringen die Menschheit um. Chem Trails genannt. Warum glauben Menschen an krudeste Verschwörungstheorien?

Im Westen nichts wirklich Neues

Die Forscher aus Kent meinen es zu wissen. Sie sagen, dass je geringer die Selbstwirksamkeit und je stärker das Gefühl der Benachteiligung sei, desto größer die Bereitschaft, an Verschwörungstheorien zu glauben. Je mehr man sich als Opfer eines nicht verstandenen Vorgangs fühlt, desto eher hilft eine Verschwörungstheorie. Und je geringer der Bildungsgrad, desto größer die Neigung, komplexe Phänomene so zu erklären, um dem Druck des Nichtverstehens auszuweichen. Im Glauben, die anderen Leute würden es verstehen. In vielen Verschwörungstheoretikern kocht eine Mischung aus Angst, Ohnmacht und Kontrollverlust. Doch wächst mit jedem Tag die Komplexität des Alltags. Das Internet hat seinen Beitrag dazu geleistet, wie ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann. Man versteht nicht mehr, was um einen herum passiert. Man verliert die Orientierung. Ein fruchtbarer Boden für Echokammern und Filterblasen.

Wenn in einer Stadt wie Dresden 0,1% der Einwohner Muslime sind, aber Pegida die Islamisierung des Abendlandes fürchtet, ist das nichts anderes als eine Verschwörungstheorie. Verschwörungstheorien haben einen immensen Vorteil. Sie basieren auf Behauptungen, nicht auf Fakten. Und jeder, der die Theorie anzweifelt oder dagegen argumentiert, ist einer der Verschwörer oder zumindestens darauf aus, den Followern der Theorie Böses zu wollen.

Genau deshalb ist eine Diskussion mit Pegida- oder AfD-Anhängern fruchtlos, denn man will ihnen ihre Verschwörungstheorie wegnehmen, die ihnen doch hilft, in einer nicht mehr verstehbaren und überschaubaren Welt halbwegs unbehelligt zu überleben. Argumente helfen nicht, weil sie die Verschwörung noch viel mehr zu beweisen scheinen, sei es seitens der Lügenpresse, der Politiker oder Andersdenkender. Diese Gegenwirkung steigert noch die Heftigkeit, in der um die Verschwörungtheorie gestritten wird. Im Gegenteil, je mehr diese Theorien ad absurdum geführt werden, desto sicherer sind ihre Anhänger, dass sie stimmen. Weil der Widerstand der Anderen beweist, dass man selbst auf dem richtigen Weg ist. Als wenn mit den Rücktritt der Kanzlerin plötzlich der Strom an Flüchtlingen abnehmen würde. Verschwörungstheorien sind etwas Feines. Man kann sich in sie einwickeln und sie beinhalten den Automatismus, dass jeder Versuch, Fakten dagegen zu stellen, die Theorie bestätigt.

Das Fazit

Betrachtet man die endlosen Schlammschlachten in Facebook oder in Talkshows unter diesem Gesichtspunkt, bekommen die Geschichten etwas Putziges. Plötzlich sieht man die typischen Merkmale und Mechanismen der Verschwörungstheoretiker. Dazu bekommt man die Erkenntnis, dass Argumentieren gegen den Schwachsinn nicht nur unnütz ist, sondern gleich noch Öl ins Feuer gießen bedeutet. Für mich nur eine weitere Bestätigung, mich aus den Diskussionen heraus zu halten. Nicht, weil ich unpolitisch bin. Sondern weil ich zunehmend den Blödsinn darin erkenne. Sollen sich diese Leute doch ihr Öl selbst besorgen.

Sprecherkabine für Arme

micscreen

micscreen

Normalerweise habe ich in Niedersachsen mein Kellerstudio, perfekt gedämmt, den PC am anderen Ende des Raumes mit Absorbern akustisch abgetrennt, nur Monitor und Maus auf dem Aufnahmetisch. Gelegentlich möchte ich gerne auch in meiner Behausung in Ostwestfalen kurze Texte einsprechen, manchmal nur wenige Minuten lang. Doch selbst das Schlafzimmer mit Bett und Wandbehang ist zu hallig, wenn auch ruhig. Was tun? In solchen Fällen kann ein Micscreen wie von Thomann helfen.  Hier fängt das Angebot bei knapp unter 50 Euros an, nach oben hin fast offen. Für mich wesentlicher war, dass ich bei nur gelegentlicher Nutzung den Micscreen auch verstauen muss. Und jedes Mal erst in den Keller zu laufen, macht die Sache nicht einfacher. Das muss doch anders, billiger und einfacher gehen. Tut es auch.

Man nehme:

  • Zwei Platten Dämmschaumstoff, billig und mit viel Auswahl beim Pyramidenkönig; Pyramiden dämpfen besser, Noppen sind flacher; ich habe 7 cm-Pyramiden genommen.
  • Zwei Hartschaumplatten 50 x 50 cm aus dem Baumarkt, alternativ auch Sperrholz (schwerer, aber stabiler). Weißer Hartschaum und weißer Schaumstoff sehen besser aus. Sonst das Sperrholz mit Spühfarbe bearbeiten.
  • Zwei kleine Möbelscharniere.
  • Klebstoff, klassisches Pattex für Platten und Scharniere,  oder Sekundenkleber bzw. alternativ Senkkopfschrauben und Muttern für die Scharniere.

Die beiden Platten mit den Scharnieren verbinden, dabei bei den Scharnieren darauf achten, dass die Platten nach hinten ganz zusammen geklappt werden können. Den Schaumstoff auf der Vorderseite der Platten aufkleben, an der Verbindungsseite etwas Abstand lassen. Geht, weil die Schaumstoffplatten nicht ganz 50 cm lang sind. Fertig. Materialaufwand unter 15 Euros, Arbeitszeit eine Viertelstunde. Leicht angewinkelt stehen die Platten auf jedem Tisch. Unbenutzt verschwindet der Billig-Micscreen unter dem Bett oder im Schrank. Zwar kann man mit solchen Mitteln kein Badezimmer in eine Sprecherkabine verwandeln, aber für den Aufwand sind die Ergebnisse ganz brauchbar. Man bekommt den eigentlichen Hall nicht heraus, jedoch werden die hohen Frequenzanteile im Hall reduziert. Vielleicht ordere ich doch mal einen größeren Schirm bei Thomann und vergleiche die Ergebnisse.

Schlafzimmerstudio – ohne Micscreen

Schlafzimmerstudio – mit Micscreen

Die Familie wächst: Scarlett Solo

Scarlett Solo

Scarlett Solo

Das wäre genau das gewesen, was ich damals gesucht hatte. Die optimale Lösung für Podcasts und andere Produktionen, die nur ein Mikro brauchen. Nach dem Scarlett 2i2 mit zwei Mikro-Eingängen hat Focusrite nun das Scarlett Solo heraus gebracht. Das Scarlett 2i2 hatte ich schon früher beschrieben, und was die guten Dinge angeht, unterscheidet sich die kleine Schwester gar nicht. Gleiches stabiles Metallgehäuse, gleiche Elektronik, nur eben nur mit zwei Mono-Eingängen, einer für Mikrofone, einer für E-Instrumente oder Line-Signal. Einziger Kompromiss ist, dass die Ausgänge für das Line-Signal an einen Verstärker oder an Aktivboxen nicht mehr 6,25 mm-Klinken sind, sondern Cinch-Buchsen. Dafür ist das Gehäuse geschrumpft. Klangunterschiede gibt es gegenüber dem Scarlett 2i2 auch keine. Jedenfalls höre ich keine.

Die Bedienung des Scarlett Solo ist im Vergleich zum 2i2 reduziert. Es gibt nur einen Regler für den Ausgangspegele von Line-Out und Kopfhörer, wenigstens die Umschaltung zum direkten Mithören der Aufnahme statt über den Ausgang des PCs ist erhalten. Für direkte Aufnahmen beim Einsprechen aber auch unverzichtbar.

Was bleibt, in der ganzen Scarlett-Familie, ist die fehlende Eignung für dynamische Mikrofone, da fehlen einige dB Verstärkung. Man muss den Eingangspegel bis zum Anschlag aufziehen, so dass doch deutlich vernehmbares Rauschen auftritt. Außer eben mit dem Triton FETHead. Nettes Audiointerface, das problemlos in die Laptop-Tasche passt. Das Scarlett Solo ist die kleine Recordinglösung für den Podcaster oder Moderator. Was man braucht ist da, aber auch nicht mehr. Guter Klang, solide gebaut. Unter 100 Euro.

Voice Processing die zweite

Ein Effekt statt drei

Man wird alt wie eine Kuh und lernt immer noch dazu. Aber besser man lernt, als immer bei den gleichen Dingen zu bleiben. Oder neben dem Neuen auch das Bessere zu entdecken. Oder wenigstens das Einfachere.

Effect-Rack CS6

Effect-Rack CS6

Bisher hatte ich zum Processing von Sprachaufnahmen in Adobe Audition CS6 (aktuell nun CC2015) ein Effekt-Rack benutzt. Das bestand aus einem De-Esser, einem EQ und einem Multiband-Compressor. Mit dem De-Esser nahm ich scharfe S-Laute heraus, mit dem EQ senkte ich rumpelnde Frequenzen unter 100 Hz heraus und hob für etwas Glanz den Bereich um 4 kHz an, der Multiband-Compressor sorgte für eine gleichmäßige Lautstärke. War auch so weit eine gute Lösung. Mir fehlte jedoch in den Ergebnissen so etwas wie eine Klarheit und Direktheit. Und mir erschien mit der Zeit der Klang etwas dumpf und undeutlich. Also begann ich zu forschen und stieß in einem amerikanischen Artikel auf einen anderen Ansatz.

Mastering in Audition CS6 und danach

Mastering-Effekt

Mastering-Effekt

Seit der Version CS6 kommt Audition mit einem umfangreichen Satz an Effekten daher, die für die üblichen Zwecke den Verzicht auf VSTi-Plugins möglich machen. Seit der Version CC könnten das eh nur noch 64 Bit-Plugins sein, was die Ausnahme ist. Einen Effekt hatte ich zwar gesehen, aber nicht gewusst, dass er auch ein gutes Tool für Sprachaufnahmen ist: der Mastering-Effekt.

Dazu wählt man im Effekt-Rack der entsprechenden Spur den Effekt „Special | Mastering“ aus und geht von den Standard-Einstellungen aus. Die wenigen Parameter für den Effekt haben jeweils umfangreiche Auswirkungen, weil hinter einem Parameter eine Reihe von Effekten steht.

Mastering

Mastering

Für meinen Geschmack haben sich diese Werte ergeben:

  • Reverb: Fügt einen festen Hall-Anteil dazu. Da ich sehr trocken aufnehme, füge ich 10% Hall dazu, für etwas mehr Raumgefühl.
  • Exciter: Ein Kern des Masterings. Ein Exciter ist eigentlich ein Compressor, jedoch mit sehr speziellen Einstellungen. Je höher der Wert, desto kerniger und lauter das Ergebnis. 80% sind ein starker Effekt, bei Frauenstimmen würde ich auf 50 bis 60% zurück gehen. Drei Arten des Exciters, Retro, Tape und Tube, fügen unterschiedliche Obertonreihen dazu und ahmen die Sättigung der klassischen analogen Signalwege nach.
  • Widener: Da die Stimme mono ist, hier ohne Einfluss, also 0%.
  • Loudness Maximizer: Das ist wieder ein klassischer Compressor. Der einzige Parameter steuert zugleich Ratio und alle anderen Parameter. 50% lassen weitgehend Natürlichkeit zu, aber bügeln leise Passagen gut aus.
  • Output Gain: Bei mir -3 dB, so dass ich am Ende bei meinen -6 dBFS lande.

Zusätzlich zur Kompression hat der Mastering-Effekt noch einen EQ an Board. Hier habe ich alle drei Bereiche aktiviert. „Low Shelf Enable“ senkt Rumpeln und Tischgeräusche herab, mit „High Shelf Enable“ wird der Glanz in den Höhen etwas heraus geputzt. Ansonsten kann man gut spielen, wie man seinen persönlichen Geschmack trifft, da man die Parameter beim Abspielen der Spur ändern und abhören kann. Diese Einstellungen speichert man als Preset für den Effekt ab und hat ihn dann jeder Zeit zur Verfügung.

Zum Vergleich Ausgangsmaterial mit und ohne Mastering. Beide Aufnahmen haben einen Sprachanteil, dessen Pegel laut VU-Meter um die -6 dBFS liegen. Trotzdem liegen die Ergebnisse weit auseinander.

Ohne Mastering

Mit Mastering

Mikrofone im Vergleich

Faszinierend, wie unterschiedlich Mikros reagieren und klingen. Überraschend beim direkten Vergleich, wie gut sich das billige Thomann-Zeugs hält.

Noch eine merkwürdige Erkenntnis ist, dass es mit dem dynamischen, verstärkerlosem Broadcaster mehr rauscht als beim M3, das einen Vorverstärker drin hat. Ich vermute, dass die Rückwirkungen vom Mikro zum 2i2/UR22 doch wesentlicher sind als gedacht. Also ist es am Ende die Kombination aller Komponenten. Da ist noch Raum zum Basteln.


Rode Broadcaster – Triton FETHead – UR22

Rode M3 – Triton FETHead – UR22

Rode NT1A – UR22

Thomann t.bone SC400 – UR22

Thomann t.bone SCM300 – 2i2

Shure SM57 – Triton FETHead – UR22

Bücher, Sparte unverzichtbar

Sol Stein: Über das Schreiben

Sol Stein: Über das Schreiben

Schon als Kind mochte ich keine dicken Bücher. Als ich das Buch von Sol Stein auspackte, fragte ich mich, wie lange ich für dieses 450-Seiten-Werk wohl brauchen würde, wahrscheinlich Monate. Es wurden keine drei Wochen. Sol Stein ist ein amerikanischer Lektor und Autor. Die Namensliste seiner Kunden, für die er lektoriert, ist das Who-Is-Who der amerikanischen Autorenszene. Daher ist das Buch auch zuerst für Autoren in der fiktionalen Literatur gedacht. Stein zeigt, wie man gute und bindende Texte schreibt, wie man Spannung aufbaut, wie man Geschwindigkeit steigert und zurück nimmt, wie man Texte strukturiert und so weiter. Das habe ich bei anderen Autoren auch schon gelesen, aber Stein ist der Erste, bei dem ich das Prinzip “Erzähle nicht, zeige” tatsächlich verstanden habe.

Dazu, wie man eben gute Texte schreibt, ohne Platitüden und Schemata, wie Texte emotional werden und anschaulich. Er kann die vielen Regeln und Verfahren für Texte plausibel und anschaulich darstellen, mit vielen Beispielen, kleinen Übungen und Auszügen. Netter Weise hat er aber nicht nur die Schreiber fiktionaler Texte im Sinn. Etwa ein Drittel des Buches wendet sich an die nichtfiktionalen Schreiber wie Journalisten. Wie man auch eine Nachricht oder einen Bericht oder eine Reportage lebendig, packend und lesenswürdig verfasst, was Sprache bildhaft macht, was langweilige von spannenden Texten unterscheidet. Damit wird Über das Schreiben nicht nur ein großes Buch für Autoren von Romanen und Kurzgeschichten, sondern auch für Journalisten. Ein Buch, dass man nach dem Lesen und Durcharbeiten anders auf seine Texte schaut. Eben eines der wenigen großartigen Bücher.

Vom Skript zum Stichwortzettel

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Warum kurz, wenn es auch lang geht

Die sichere Methode des kompletten Vorschreibens eines Textes hat den Vorteil, dass man sich während des Sprechens nicht ganz so leicht verheddert kann. Unter dem Strich gibt es aber eine ganze Reihe von Nachteilen:

  • Der Text kommt durch Redigieren und Überarbeiten sehr auf den Punkt, wird sehr kompakt. Bei Nachrichten ist das gut, bei Moderationen wird der Text dicht und steif.
  • Gerade durch die Dichte steht die Schriftsprache im Vordergrund, nach freiem Sprechen klingt es nur bei absoluten Profis.
  • Bei einem vorgeschriebenen Text neigt man dazu, immer noch einmal zu überarbeiten, wieder zu kontrollieren und zu verändern. Kontrollfreaks sind länger beschäftigt als notwendig.
  • Last, but not least: Vorschreiben kostet viel, viel Zeit.

Bei mir war es so, dass ich für eine Sendung über zwei Stunden mit einem Textanteil von ca. 20 Minuten auf 12 bis 14 Seiten Vorgeschriebenem kam. Zusammen mit Recherche, Schreiben und Musikauswahl kosteten zwei Stunden Sendung schon mal locker vier bis fünf Stunden Arbeit. Für eine Musiksendung eindeutig zu viel. Da muss etwas Neues her. Und zwar sowohl in der Recherche als auch in der Textarbeit.

Recherche vereinfachen

Zwei wesentliche Textarten sind einmal der lineare Strang, wie die Geschichte einer Band oder einer Musik, daneben ein Geflecht von Informationen und Fragen. Beispiele für den letzten Typ sind Vorbereitung von Interviews, Features und alles, was vielschichtig ist. Gerade in der Vorbereitung von Themensendungen tut man sich am Anfang schwer, die Fäden zu finden, zusammmen zu knüpfen und die verschiedenen Aspekte unter einen Hut zu bringen.

Lineare Moderation

In diesen Fällen ist das konventionelle Arbeiten immer noch hilfreich. Material sammeln und ausdrucken, mit Marker wichtige Aussagen und Details heraus ziehen, danach verdichten und strukturieren. Eben die ganz klassische Methode.

Komplexe Moderation

Gerade für die Fälle, in denen man erst mal in ein Gerüst kommen muss, das Thema durchdringen will, bietet sich Mind Mapping an. Das zentrale Thema steht im Mittelpunkt, von dort arrangieren sich Aspekte oder Fragen in eigentlich beliebiger Detailtreue herum. Dadurch, dass diese Struktur grafisch ist und sichtbar, fällt die Gliederung deutlich leichter. Und es gibt sogar ein kostenloses Tool, mit dem man dieses Mind Mapping am PC machen kann: XMind. Die Idee dahinter ist, dass man das Thema nach unterschiedlichen Aspekte sortiert und nach und nach in immer mehr Details abtauchen kann. Dadurch können auch unterschiedliche Sichtweisen und Richtungen zusammengesetzt und verbunden werden. Mind Mapping ist ideal für die Brainstorming-Phase, in der alle Informationen zusammen getragen werden. Oder für die die Vorbereitung eines Interviews. Im letzteren Fall bekommt man eine gute Übersicht und eine Fragenliste für die verschiedenen Richtungen, in die das Interview laufen kann.

Bienen-Map

Bienen-Map

Vom Material zum Skript

Anstatt nun aber aus dem Material ein komplettes Skript zu schreiben, bin ich dann zum Stichwortzettel übergegangen.

Stichwort-Sammlung

Stichwort-Sammlung

Es werden nur noch die Daten und Fakten geschrieben statt des kompletten Textes. Das Format ist weitgehend das gleiche wie beim kompletten Text, ähnliche Schriftgrößen und ausreichend Platz für spätere Ergänzungen oder Korrekturen. Für das Layout gelten wenige Regeln:

  • Anmod und Abmod werden vollständig ausformuliert.
  • Ebenso vollständig notiert, weil es meistens nur ein Satz ist, sind Überleitungen, Ankündigungen oder Einführungen, die einfach sitzen müssen.
  • Spezielle Formulierungen, Namen und schlecht zu merkende Begriffe gehören ebenso hinein.
  • Gleichverteilte Tabulatoren setzen, z. B. alle 2,5 Zentimeter.
  • Themenblöcke bilden, Details rücken nach dem Hauptthema jeweils um einen Tabulator ein. Auf diese Weise kann man die Detailtiefe nach unten hin erarbeiten und gegebenenfalls einfach kürzen, wenn die Zeit knapp wird.
  • Genauso ist es möglich, noch mehr Details im Vorrat zu  haben, wenn man wegen auftauchender Widrigkeiten länger reden muss als geplant.

Den eigentlichen Text spricht man nun frei und orientiert sich an der Gliederung in der Stichwortsammlung. Nun kommt man automatisch in Sprechsprache statt Schreibsprache. Eine Hürde möchte ich aber nicht verheimlichen. Es wird wahrscheinlich kaum beim ersten Anlauf klappen, man verheddert sich, sucht nach Worten oder Formulierungen, der Druck ist ein Stück höher als beim reinen Ablesen.

Es hilft, die Sammlung in wenigen Sekunden direkt vor dem Einsprechen kurz zu überfliegen und sich einen Faden zusammen zu bauen. Ebenso hilft es dem Gedächstnis, wenn man sich an Formulierungen festhält und sie bildhaft parat hat. Unser Gehirn orientiert sich am besten an Bildern, was bildhaft vor Augen steht, bleibt am besten haften. Es erfordert am Anfang etwas Übung, nur mit einem Stichwortzettel zu arbeiten. Die Investition lohnt sich aber, denn eine Stichwort-Sammlung zu erstellen kostet höchstens ein Viertel der Zeit eines kompletten Skriptes. Und es klingt von selbst frei gesprochen und lebendiger als ein Vorschrieb.

Moderation und Hintergrundmusik

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Nicht nur im Fahrstuhl oder im Supermarkt, auch redaktionelle Beiträge im Radio verwenden Hintergrundmusik. Bei mir zum Beispiel für Historische Ereignisse oder andere Moderationen. Diese Musik kann zum Problem werden. Ist es Musik, die schon von vornherein so produziert ist, dass sie einen recht gleichbleibenden Pegel hat, ist es nicht schwierig. Dann gelten die Standardparameter: Text auf -6 dB, Musik mindestens 10 dB leiser, also so um die -18 dB. Auf die -6 dB bin ich wieder gegangen, nachdem der Optimod bei -3 bis -2 dB FS gerne anfing zu pumpen. Bei diesem Sender sitzt halt kein TonI dazwischen.

Schwieriger wird die Sache, wenn die Hintergrundmusik über einen weiten Pegelbereich geht. Ideales Beispiel ist Musik von Chopin oder Elgar, da wird der komplette Dynamikbreich ausgenutzt. Um dann zu brauchbaren Resultaten zu kommen, ohne dass die lauten Stellen die Moderation überdecken und die leisen unhörbar werden, habe ich bisher manuell gearbeitet. In Audition die Volume-Kurve so austariert, dass es zu einem möglichst gleichbleibendem Pegel des Backgrounds kommt. Bei Pomp and Circumstance Marches Op. 39 von Elgar war es extrem. Da mussten über 30 Keyframes in der Lautstärkekurve verteilt werden. Das muss doch einfacher gehen. Geht es auch. In Audition eingebaut, ab CS6.

Idee war, eine Kombination aus Compressor und Expander zu nutzen. Leise Stellen werden angehoben, laute Stellen reduziert. Dazu gibt es in Audition unter den Effekten das „Dynamic Processing“. Das wird in den Kanalzug der Hintergrundmusik gelegt. Entscheidend ist die Regelkurve. Diese hier ist nicht der Stein der Weisen, sicher verbesserungsfähig, aber tut ihre Sache schon ganz gut. Es gibt sogar einen Preset, der ganz gut funktioniert: Effects > Dynamic Processing > Broadcast Limiter. Den kann man nach einem Gutdünken noch anpassen, er zeigt aber gut das Grundprinzip.

Audition Compander

Audition Compander

Ausgangspunkt hier ist der Preset „Broadcast Processing“. Der wird so verbogen, also zusätzliche Abschnitte durch Clicken auf die Kurve hinzugefügt, dass alle Pegel unterhalb von -30 db angehoben, alle oberhalb von -20 dB abgesenkt werden. Mit der Spline-Funktion wird es ganz harmonisch, man hört den Effekt für Hintergrundmusik kaum. Mal auf den Screenshot clicken, da sind mehr Details sichtbar. Das Track-Volume setze ich auf -6 dB. Nun brauche ich in Summe nur noch vier Keyframes in der Volumenkurve der Musik, zwei zum Herunterblenden, zwei zum wieder Hochziehen der Musik am Anfang und am Ende. Absenkung während der Textphase ist ebenso -6 dB. Das passt ganz gut, selbst für dieses grauenhaft schwierige Musikstück, der inoffiziellen Nationalhymne von Großbritannien.

Die gleiche Methode passt übrigens auch gut für andere Hintergründe wie Atmos. Eventuell mit leichten Korrekturen in den Pegelgrenzen.

Historisches Ereignis (Moderation + Musik)

 

Tascam DR-05 gegen DR-07

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TASCAM DR-07

TASCAM DR-07

Die Ergebnisse der CeBIT-Tour haben mich geärgert, weil die Umgebungsgeräusche so deutlich die Interviews überdeckten. Mit dem Rode M3 war es dann ausgewogen, nur gehen dabei die Rauminformationen verloren. Ist halt mono. Was tun?

Fast wollte ich schon das Rode NT4-Mikro ordern, welches XY- und AB-Ausrichtung in Stereo kann, und auch mit einer Batterie betrieben für den Recorder passen würde. Aber noch einmal fast 400 Euronen für das nächste Mikro? Dann den kurzen Weg gehen und das Tascam DR-05 durch das DR-07 ersetzen. Denn das kann ebenso XY und AB mit Mikrofonen als Supernieren. Das Tascam DR-05 ging sehr fix über die Bucht weg und das DR-07 konnte geordert werden.

Erste Aufnahmeversuche im Garten und an der Straße ließen hoffen. In XY-Konfiguration mit gekreuzten Mikros ist ein zurückgenommenes Stereobild zu hören, jedoch mit einem scharfen Fokus auf die Mitte, also auf den Sprecher. In AB mit den Mikros nach links und rechts wird das Stereobild deutlich weiter und transparenter, der Sprecher in der Mitte ist nicht mehr so präsent wie in XY. Doch immer noch mehr als beim DR-05.

Einige weitere Unterschiede offenbaren sich im direkten Vergleich. Das DR-07 ist ca. 5 dB unempfindlicher als das DR-05. Um zu gleichem Aufnahmepegel zu kommen, brauchte das DR-05 als Pegel 60, das DR-07 70 in der Aufnahme-Einstellung. Das DR-07 rauscht auch geringfügig mehr, was jedoch nur hörbar ist, wenn man direkt die Abhöre zwischen den beiden Recordern umschaltet. Dafür wartet das DR-07 mit einigen weiteren Funktionen auf. Für mich am sinnvollsten ist der Highpass-Filter, mit dem unter 40 Hz dicht gemacht wird. Sehr hilfreich bei Wind, auch wenn ich die original Tascam-Mütze, Dead Kitten genannt, gleich mitbestellt hatte. Noch ein sinnvolles Zubehör für das DR-07 kam bald dazu, nämlich dieser Griff von Hama. Das DR-07 ist noch empfindlicher bei Gehäusegeräuschen als das DR-05. Mit dem Kameragriff geht es dann aber gut. Ein paar Lagen Verbandsstoff aus der Apotheke um den Griff gewickelt helfen zusätzlich.

Fazit: der Wechsel hat sich gelohnt, für Interviews in lauten Umgebungen ist das DR-07 deutlich besser geeignet als das DR-05. Für Proberaumaufnahmen mit der Band würde das DR-05 dicke reichen. Aber in dieser Umgebung hätte man mit dem DR-05 wohl kaum noch etwas verstanden. Das war die Feuertaufe, denn bei diesem Lärmpegel noch die Sprecher hörbar mitzunehmen, war keine leichte Aufgabe für das DR-07.

Im Hühnerstall

 

Mikrofone und Hintergrund

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Der Vergleich zwischen den Recordern ZOOM H2n und Tascam DR-05 hat nun leider einen Aspekt nicht berücksichtigt. Der ist noch nachzuholen. Aus Erfahrungen, die man sicher so nicht machen muss.

Kugel – Keule – Niere – Leber

Die Mikrofone im Tascam DR-05 werden im Datenblatt als omnidirektional angegeben, was nichts anderes ist als eine Kugel-Charakteristik. Für das ZOOM H2n steht im Datenblatt „MS stereo & 90-degree XY stereo“, also keine Kugel, vermutlich Nieren-Charakteristik. Macht man direkte Aufnahmen auf Messen mit einem sehr starken Lärmpegel um einen herum, zeichnet das ZOOM sehr gut verständlich und nimmt den Umgebungspegel reduziert auf. Das DR-05 ist da weniger penibel in der Trennung, was die Verständlichkeit deutlich herab setzt. Interessanter Weise ist das DR-07 mit Nierencharakteristik-Mikrofonen bestückt. Was das DR-05 eher für Atmo-Aufnahmen, das DR-07 eher für Interviews geeignet erscheinen lässt. Was bei einem Preisunterschied von 30 Euro die Wahl nicht schwer macht.

CeBIT 2014 - Hörprobe Tascam DR-05

Obwohl ich eher am Rande der Halle stand, sind die Umgebungsgeräusche sehr deutlich zu hören und dienen nicht gerade die Verständlichkeit.

Abhilfe

Rode M3

Rode M3

Daher macht es Sinn, für die Aufnahme in solchen Umgebungen ein externes Mikrofon am DR-05 mit Nierencharakteristik zu benutzen. Und dafür gibt es auch ein Mikrofon, das geradezu ideal ist: das Røde M3. Das M3 ist ein USB-Kondensator und benötigt normalerweise eine Versorgung über Phantomspeisung. Was das DR-05 nicht kann. Zum Glück kann das Røde M3 aber auch über eine interne 9-Volt-Batterie betrieben werden. Was nun noch fehlt, ist die passende Kabelausstattung.

Man geht über ein reguläres XLR-Kabel auf Miniklinke. Das gibt es zum Beispiel bei Amazon oder Thomann. Oder nimmt gleich ein vollständiges Kabel.

Aufnahme mit TASCAM DR-05
 Aufnahme mit TASCAM DR-05 und Rode M3

Und dann hört sich das mit den Umgebungsgeräuschen schon viel besser an. Windschutz ist beim M3 serienmäßig dabei. Und nie vergessen: nicht das Mikro aus der Hand geben. 🙂