Über eine längere Zeit Sprachbeiträge zu produzieren, die immer die gleiche Aussteuerung und damit Mixqualität liefern, ist oft eine Frage des Materials. Zwar kann mit Nachbearbeitung in Adobe Audition einiges erreicht werden, aber das bedeutet immer Zeitverlust. Für mich wäre eine mögliche Lösung ein analoger Compressor vor dem Audiointerface gewesen, nur bekommt man solche Geräte heute nur noch für satt hoch drei- bis vierstellige Beträge, wie von Warm Audio. Mehr durch Zufall stieß ich beim Equipment-Lieferanten meiner Wahl auf eine angebliche Alternative. Einen Mikrofonvorverstärker plus Compressor plus Gate und noch einige Funktionen mehr in einem Gehäuse. Stammt von der amerikanischen Firma dbx, die gerne brauchbare Systeme für kleines Geld liefert. Also mal ausprobieren, was an den Preisungen des Herstellers Wahrheit und Dichtung ist.

Nun mag man einwenden, es gäbe doch genug Compressoren und Limiter als Plugins in Adobe Audition. Was stimmt und für die Endproduktion funktioniert. Als ich aber zum ersten Mal meine Beiträge über den Sender hörte, klang es grausam. Ich vermute, dass die Plugins Artefakte erzeugen, die man in der eigentlichen MP3-Datei nicht hört. Den wahrscheinlich nicht besonders gut eingestellten Sendeprozessor, ein Optimod, brachten diese Artefakte dann ins Verzerren. Deshalb sollte man bei Vorproduktionen für das Radio sehr vorsichtig sein und das Ergebnis mal live hören. So mein Wunsch nach einem Compressor, der möglichst weit vorn in der Kette liegt. Durch die Filter in den AD-Wandlern kommen Artefakte nicht mit ins endgültige Signal. Deshalb mein Bedarf nach einem Compressor möglichst ganz am Anfang der Signalkette.

Was das dbx 286s tatsächlich ist

Technische Einzelheiten lesen sich am besten auf der Website von dbx oder auch recht umfangreich bei den Händlern. Kurz gefasst, vereint das 286s einen Vorverstärker mit angehängtem Compressor, Deesser, Enhancer und Expander/Gate in einer Höheneinheit. dbx bewirbt das Gerät als die Universallösung für Sprachanwendungen oder Studio allgemein. Misstrauisch war ich beim Preis, denn am Markt bekommt man den 286s schon für 155 Euro. Was nicht unbedingt für eine überragende Qualität spricht. Tatsächlich kommt der Einschub im stabilen Metallgehäuse, die Regler laufen gut gedämpft und gerastert, einziger Kritikpunkt ist der fehlende Netzschalter. Der aber für ein Racksystem, für das der 286s gedacht ist, nicht unbedingt notwendig ist, da das Rack meistens komplett geschaltet wird. Ich habe mir mit einem Zwischenstecker mit Netzschalter geholfen. Ungewöhnlich sind die Beschriftungen der einzelnen Einstellungen, da hat dbx sich einige Freiheiten genommen. So hat der Compressor nur zwei Regler, Drive und Density, dahinter verbirgt sich, dass sich der 286s selbst die vier Parameter eines „richtigen“ Compressors zusammen sucht.

Praktischer Einsatz

Damit ergibt sich meine Standardkonfiguration: Røde NT1-A → dbx 286s → Steinberg UR22 → Windows 10-PC. Ein selbst gebauter Kopfhörerverstärker betreibt am UR22 meinen AKG K 240 DF mit 600 Ohm Impedanz, der braucht etwas größere Ausgangsspannung. Nach dem Einschalten gönnt sich der 286s erst einmal einige Sekunden zum Hochfahren, dabei laufen die LEDs des Compressors als Anzeige absteigend. Eine erste Entwarnung gibt es nach Aufsetzen des Kopfhörers. Mit einem äquivalenten Eingangsrauschen von -125 dBu gibt er sich gerade in Kombination mit dem NT1-A so gut wie rauschfrei. dbx liefert einige Empfehlungen im Manual für vier verschiedene Einsatzgebiete. Ich pegle den Vorverstärker mit den drei LEDs des Preamps passend ein (ein paar mehr hätten nicht geschadet), nutze den 80 Hertz-Filter, setze Drive und Density auf Stufe 3, Deesser auf 4 Kilohertz und Stufe 4, Expander/Gate auf -25 dB und 1,7:1. Enhancer bleibt erst einmal aus. Das Ergebnis kann sich schon hören lassen, gerade das Gate arbeitet sehr genau und zuverlässig. Und es passiert genau das, was mein Hauptproblem behebt. Sprachaufnahmen werden in Pegel und Verständlichkeit deutlich besser und gleichmäßiger. Hauptziel erreicht.

Von grob zu fein

Die weitere nächste Stunde vergeht mit den Zyklen Regler anpassen, mit Audition aufnehmen, Anhören. Am Ende habe ich eine für mich passende Einstellung gefunden. Drive = 5, Density = 3, Deesser = 5 kHz und Stufe 4, Gate auf -20 dB und 1,5:1. Der Output des 286s ist auf ca. drei Uhr, und der Eingangspegel des UR22 auf neun Uhr. Damit bekomme ich ziemlich genau das, was ich möchte, die Pegel sind deutlich ausgeglichener als ohne den Compressor, das Gate unterdrückt in Sprechpausen zuverlässig Nebengeräusche. Eine echte Hilfe, denn das Røde NT1-A ist so empfindlich, dass sogar das Ticken meiner Armbanduhr zu hören ist. Wenigstens für mich, wenn auch nicht für den Hörer draußen. Den Enhancer nutze ich praktisch kaum, lediglich zwei Stufe Lowend gebe ich für etwas mehr Stimmvolumen dazu. Das alles erledigt das 286s ohne Nebengeräusche oder hörbare Artefakte. Der vollmundige Marketingspruch von dbx vom 286s als die Universallösung fürs Mikro ist also grundsätzlich nicht falsch.

Fazit

Einem analogen diskreten Compressor kann der 286s nicht Paroli bieten. Das kann man zu diesem Preis auch nicht erwarten. Der Mikrofon-Vorverstärker ist unauffälliger und rauschärmer als erwartet. Das ganze System quittiert Änderungen an den Einstellungen ohne Sprünge oder Widerborst, Änderungen wirken sich eher sanft aus. Bedeutet, dass man sich schon etwas Zeit nehmen muss, um für sich und seine Stimmlage, sein Mikro und seinen Aufnahmeraum die beste Lösung zu finden. Zwar hatte ich Kartons und Verpackung im Hinblick auf eine eventuelle Rücksendung sehr vorsichtig behandelt. Doch der dbx 286s darf bleiben, für das kleine Geld ist er für semiprofessionelle Sprecher oder Podcaster eine wirklich brauchbare Lösung. Tut was er soll, macht keine Geräusche und liefert deutlich bessere Sprachaufnahmen als die Basislösung von zuvor. Neben hilfreichen Funktionen wie dem Expander/Gate nivelliert er die Pegel, macht auf Wunsch die Stimme etwas voluminöser oder detaillierter. Alles in einem sinnvollen Rahmen und auch für den Nichttechniker beherrschbar und verstehbar. Eine kleine Einschränkung besteht wie immer bei dynamischen Mikros. Da reicht der Pegelgewinn nicht immer für eine brauchbare Aussteuerung. Außer eben mit Beihilfe des FetHead. Dann muss man aber leichtes Rauschen akzeptieren. Man kann eben nicht alles haben.

Hörbeispiele

Hier nun ein Auszug aus einem historischen Beitrag. Ich nutze in Audition lediglich noch die Normierung auf -3 dB und den EQ für eine leichte Absenkung ab 200 Hz abwärts, eine leichte Anhebung bei 3 kHz. Ansonsten keine Plugins oder andere Effekte. Leider ist meine Stimme im Moment durch eine Erkältung etwas in Mitleidenschaft gezogen.

Hier noch die normierte Aufnahme ohne Musikbett:

 

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