Seit einigen Jahren produziere ich für einen Berliner Radiosender Kurzbeiträge für die Sendung Zeitzone, bisher nur Das historische Ereignis. Seit ein paar Monaten habe ich Die historische Person dazugenommen. Von der Recherche über das Texten bis zum Beitrag selbst, der wie üblich mit einem Jingle beginnt. Das historische Ereignis ist überschaubar, es geht um ein politisches, wissenschaftliches oder technisches Ereignis. Selten auch mal um eine Katastrophe oder etwas Kulturelles. Also etwas, was in einem begrenzten Zeitraum stattfand, mit meist wenigen Beteiligten. Da sind die Themen die Gründung der UNO, der Fall der Berliner Mauer oder die Erfindung des Backpulvers durch Dr. August Oetker. Schon nach einiger Zeit war ich mit meinen Resultaten recht zufrieden. Geschätzt habe ich inzwischen so 250 Beiträge zu diesem Thema produziert. Dann kam eben die historische Person dazu. Mit der historischen Person mache ich das nach dem gleichen Schema, war mein erster Gedanke. Schon im ersten Beitrag scheiterte ich genial, wenigstens nur für mich hörbar, im kleinen Kellerstudio und im Büro unter dem Dach.

Das gewohnte Prinzip für die historischen Ereignisse funktionierte bei der historischen Person nicht, weder als Text noch in der Struktur des Beitrages. Henning Beck hat wohl recht. Das Gehirn kommt zu Lösungen, indem es Dinge falsch macht und daraus analytisch oder emotional lernt. Erst durch genaueres Hinhören kam ich darauf, was ich falsch gedacht und gemacht hatte, und wie es besser wäre. Nach so einigen Zirkeln. Es war auch nicht ein einzelner Punkt, warum es nicht klappte. Es lag an einer  ganzen Reihe von falschen Annahmen. Die Lernphasen aus den historischen Ereignissen sind eingearbeitet, auch wenn diese nicht ganz so schmerzhaft waren.

Auf die Länge kommt es doch an

Die Konzentrationsfähigkeit des Menschen wird vielfach überschätzt. Aber nicht nur die, auch und gerade in Sendungen am Vormittag, wie der Zeitzone, sind viele Leute nicht lange dabei. Bei den speziellen Beiträgen wie dem Philosophischen Radio in WDR5 oder Essay und Diskurs im Deutschlandfunk, die weit über eine Stunde laufen, gelten andere Regeln und Gewohnheiten. Einzelbeiträge im Rahmen einer Informationssendung dagegen sollten in einem Zeitrahmen bleiben, den man im Alltag investieren kann und darf. Der Hörer am laufenden Vormittag hat selten die Zeit und Muße für einen langen Beitrag. Nach vielen Überlegungen und Checks bin ich für meine Beiträge bei einem Limit von drei Minuten gelandet. So plus-minus, ein paar Sekunden spielen in einer frei moderierten Sendung keine große Rolle, außer auf der Senderuhr und im Programmschema. Wobei Ausnahmen die Regel bestätigen. Beweisbar.

Ein vergleichbarer Beitrag zu meinen ist das Zeitzeichen im WDR. Das ist aber 15 Minuten lang, warum ist das im WDR so anders? Weil das Format ein anderes ist. Mein Beitrag ist ein drei Minuten langer Wortbeitrag und nicht mehr. Das Zeitzeichen ist ein gebauter Beitrag, fast schon ein kleines Feature, mit Interviews, O-Tönen, Musik und was so im Radio geht. Für gebaute Beiträge gelten andere Regeln als für reine Wortbeiträge, dem Hörer wird ein vollständiges akustisches Spektrum geboten. Deshalb geht das beim Zeitzeichen. Für reine Wortbeiträge ohne gebautes Format bleibe ich deshalb bei meiner Empfehlung: Limit sind drei Minuten inklusive Jingle. So weit reicht die Aufmerksamkeitsspanne des Tageshörers, nicht viel weiter.

Ein Kamel durch ein Nadelöhr

Über Friedrich Wilhelm Voigt, geboren am 13. Februar 1849, gibt es nicht viel zu erzählen. Außer dass er der Hauptmann von Cöpenick war, in einer zusammen geklaubten Gardeuniform ein paar Soldaten um sich sammelte und im Rathaus die Stadtkasse raubte. Ein ziemlicher Coup. Da reichen drei Minuten. Was aber tun am Geburts- oder Todestag von Helmut Schmidt oder Mahatma Ghandi? Deren Leben und Wirken in drei Minuten zusammenfassen, ist nicht nur eine Herausforderung, sondern eher nicht zu schaffen. Was also tun? Verweigern ist keine Antwort, solche Daten zu ignorieren, wäre sträflich und ignorant.

Dabei ist die Erwartungshaltung des Hörers gar nicht, dass wir ihm in ein paar Minuten das Lebenswerk eines Willy Brandt oder Johann Sebastian Bach ausbreiten. Es geht ja lediglich um die Erinnerung an eine historische Person, wie wichtig sie nun objektiv und subjektiv war. Deshalb spielen Details keine große Rolle, es geht nur darum, die Person zu würdigen und ins Gedächtnis zu rufen. Mit dieser Prämisse wird die Aufgabe überschaubar. Daher einige Regeln und Verfahren meines späteren Vorgehens.

Fokussieren, fokussieren, fokussieren

Sind die Personen nicht landläufig bekannt und geht es nur um ein spezifisches Ereignis, für das sie verantwortlich waren:

  • Eine ganz kurze Darstellung, woher die Person stammt und ihr biografischer Hintergrund.
  • Welches Ereignis hat sie bekannt gemacht? Darauf liegt der Fokus.
  • Was war die Auswirkung oder die Folge ihres Tuns?

Das reicht für wenig bekannte Personen, wie den Hauptmann von Cöpenick, dicke aus. Der Hintergrund des Beitrages ist dann oft eher ein humoristischer oder unterhaltender oder eine bemerkenswerte Geschichte.

Bei wirklich wichtigen Personen gehe ich nach einem noch engeren Raster aus:

  • Zwei bis drei biografische Anhaltspunkte wie Ausbildung, Elternhaus oder eine geschichtliche Einordnung.
  • Welches waren die drei bis vier wichtigsten Leistungen? Bei Helmut Schmidt zum Beispiel die Schneekatastrophe von Hamburg, der Kanzlerwechsel von Brandt zu Schmidt oder die Ostpolitik.
  • Wie wirkt die Person bis heute nach? Wie hat sie unsere Gegenwart verändert?

Und gerade im letzten Fall niemals vergessen:

  • Das Bezugsdatum, Tod oder Geburt, im Text deutlich hervorheben und betonen.

Mit diesem Schema wird auch ein langes und wirkungsvolles Leben überschaubar.

Information overflow

Man sieht den Mensch vor Zahlen nicht

Man sieht den Mensch vor Zahlen nicht

Noch eine Stolperfall soll nicht verschwiegen werden: Zahlen und Daten. Wenn ich über die Biografie einer Person spreche, stoße ich immer wieder auf Daten. Geburt, Tod, Schulbildung, Studium, Lebensereignisse, Veränderungen, Karrieredaten, Heirat, Scheidung, Kinder. Sicher sind manche dieser Daten wichtig, aber man sollte nicht erwarten, dass der Hörer sie einordnen oder sich merken kann. Dazu der Rückgriff auf die Hirnforschung, Danke, Henning Beck. Wenn ich im Text ein konkretes Datum nenne und weiter gehe, hat der Hörer es nach Bruchteilen von Sekunden wieder vergessen. Unser Gehirn ist im Erinnern von Zahlen sehr schlecht, es ist nicht dazu ausgelegt. Wir behalten Zahlenreihen wie Telefonnummern eher, wenn wir sie in eine Melodie oder quasi in einen Reim umsetzen. Zahlen allein sind bedeutungslos für unser Gehirn. Sie tragen kein Bild und keine Emotion.

Komme ich um eine Zahl nicht herum, zeichne ich sie besser als Bild, etwas, was eine personelle Bedeutung hat. Statt „am 31. Februar 1931“ lieber „im Alter von 37 Jahren“. Statt „mit fast sechs Jahren“ lieber „im Grundschulalter“. Statt „am 4. März 1841“ lieber „wenige Jahre vor seinem Tod“. Zahlen in einem Text, und sei er noch so kurz, sind nicht zu behalten und sagen dem Hörer nichts. Konkrete bildhafte Zuschreibungen dagegen schon, es entsteht ein Bild, von einem Kind, von einem Jugendlichen oder von einem alten Mann. Auch das war ein Kardinalfehler meinerseits am Anfang, bei historischen Ereignissen sind es meistens nur wenige konkrete Zahlen, zum Beispiel wann es geschah, anfing oder endete. Bei einer Person purzeln sie nur so dahin.

Bleiben Sie farbenfroh

Radio-Workshop der FJS, 2011

Radio-Workshop der FJS, 2011

Ein Text von drei Minuten eines einzelnen Moderators ist erträglich, das ist nicht mal eine Zigarettenlänge. Mit nur wenig Aufwand kann man noch mehr Farbe ins Spiel bringen, für Abwechslung sorgen, dem Hörer einen Unterhaltungswert bringen. Denn letzten Endes ist jede Sendung, jeder Beitrag ein bisschen Unterhaltung, Spannung oder Mehrwert. Niemals den Küchenzuruf vergessen. Noch besser ist, man hat tatsächlich mehrere Sprecher am Werk, einer macht die Moderation, ein anderer liest O-Töne oder Zeitungsausschnitte. Einfach mal aufmerksam hinhören, wie das die Profis beim WDR oder Deutschlandfunk machen. Wozu gibt es Podcasts? Zum Lernen, wie es geht.

Bei Vorgängen der Neuzeit digitale Konserven nutzen und in die Moderation einbinden. Für den Fall der Mauer einen Mitschnitt von der Bekanntgabe der Maueröffnung durch Günter Schabowski in der Pressekonferenz am 9. November 1989. Ausschnitte aus Interviews, auch von Zeitzeugen. Bei Musikern Ausschnitte aus Aufnahmen oder O-Töne (nur wenn der Sender voll GEMA-fähig ist!). Für die Umstellung des Britischen Pfundes ins Dezimalsystem habe ich mal die inoffizielle Nationalhymne Großbritanniens als Jingle und Unterleger genutzt, Sir Edward Elgars Marsch Pomp and Circumstance No.1. Beim Beitrag über den Musiker Gary Moore war es sein großer Hit. Netter Nebeneffekt ist, dass Leute, die seine Musik kennen, gleich wissen, um wen es geht. Jedes Stückchen Wechsel und Unerwartetes bringt Farbe ins Spiel. Quellen gibt das Internet genug, YouTube, Archive, Wikipedia und Wikimedia. Nur dabei immer auf das Urheberrecht achten, nicht alles im Netz kann bedenkenlos für die eigene Sendung verwurstet werden.

Zuletzt der Vollständigkeit halber eine Erinnerung. Die Stimmführung muss zum Beitrag passen. Über den gewaltsamen Tod einer Person macht man keine Unterhaltungssendung, hier sollte die Stimmführung zurückhaltend sein. Über den Hauptmann von Cöpenick dagegen darf man ruhig Humor in die Stimme nehmen. Auch für Personen, die die Welt zum Besseren verändert haben, passt eine lebendige Moderation. Deshalb sich ein wenig bei den Schauspielern umsehen, oder tatsächlich ein paar Euronen für einige Stunden bei einem Sprachlehrer investieren. Selbst im abgelegenen Wendland gibt es dazu Möglichkeiten. Und es kostet nicht wirklich viel.

Praxis

Hier nun umgesetzt. Das historische Ereignis.

Und die historische Person.

 

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