Ich möchte wieder zwanzig Jahre zurück. Als zwei Kinder die Welt planbar und überschaubar machten, als meine Aufgaben und Zuständigkeiten klar und nicht verschiebbar waren. Am Montagabend Linsensuppe oder Spaghetti kochen, für den schulfreien Mittag am Dienstag. Am Sonntag mit den Kindern durch den Teuto wandern, mit etwas mehr gefühlter Sicherheit, wegen der ersten transportablen Telefonzelle in meinem Rucksack. Als ich morgens ins Büro kam und ein Berg Arbeit vor mir lag, ohne Computer und Technologie, die nur versklavt und knechtet, die die Zeit auffrisst und mich oft mutlos zurück lässt. Oder mich mit dem Gefühl verabschiedet, eigentlich nichts wirklich vollbracht zu haben. Abends über ISDN in der Gentle Giant-Newsgroup lesen, ohne den Hass, die Hetze und die Pöbeleien, den Glauben vieler Leute, sie allein würden die Welt wirklich verstehen. Mit dem Fender Jazz Bass vor der Stereoanlage sitzen und zu Pearl Jam und Soundgarden spielen. Immer noch Kassetten fürs Auto zusammen stellen. Auch wenn die Fahrt ins Büro nur fünfzehn Minuten dauerte.

Ich möchte wieder dreißig Jahre zurück. Möchte wieder gespannt auf den gedruckten Katalog von JPC warten, abends konzentriert am Esstisch sitzen und entscheiden, welche CDs ich mir leisten wollte und konnte. Und wie viele. Mit meinem Freund Uwe am nächsten Tag den Bestellschein in DIN A5 ausfüllen und nach Georgsmarienhütte schicken. Bis zu zwei Wochen warten, bis das Paket in Paderborn ankam, wieder gespannt, wie denn nun diese neue Musik von Jan Garbarek, Dick Gaughan oder King Crimson klingen würde. Dann mich in mein Zimmer zurück ziehen, die neuen CDs in den Player legen, den Kopfhörer aufsetzen und einfach nur entdecken. Mir vorstellen, was ich mit einem eigenen Computer alles anstellen könnte. Oder sogar einem eigenen Drucker.

Ich möchte wieder vierzig Jahre zurück. Möchte mit Grommus, Gert und den anderen Kumpanen in der Borbecker Teestube sitzen und diskutieren, reden, streiten, argumentieren und planen. Möchte mit dem wenigen zufrieden sein, was die neue Freiheit der Achtundsechziger uns gebracht hatte, lange Haare, schwarze Cordjeans und die vielen Teesorten in Annas Teeladen in Rüttenscheid. Möchte mich auf den Samstagabend freuen, wenn wir uns im Podium oder in der Kneipe am Wasserturm trafen. Möchte wieder den langen Filmnächten mit den Rittern der Kokosnuss und Jabberwocky entgegen sehen. Oder noch einmal in dieser winzigen Galerie Cinema Odyssee im Weltraum anschauen. Oder noch eben kurz vor Mitternacht in der Taomina eine Pizza holen, Teig, Tomaten und Käse für mich, der Thunfisch für meine alte Julie. Im BFBS die Saturday Show hören und ganz neue musikalische Sphären betreten. Von Brain Salad Surgery erschlagen sein.

Dann verstehe ich manchmal die Leute, die meinen, dass früher alles besser gewesen sei. Als die Dinge noch ihre Ordnung hatten, und ihren Rang. Einen Wert besaßen. Wo doch heute nicht mal ein Mensch noch einen Wert hat. Geschweige denn eine Würde.

 

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