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ZOOM H2n und Tascam DR-05

ZOOM H2n und Tascam DR-05

Der Markt von mobilen Recordern ist mehr als gesättigt, fast jeder Anbieter hat etwas oder gleich die volle Bandbreite im Programm. Zoom, Tascam, Olympus, Yamaha. Vom einfachen Diktiergerät bis zur mobilen Mehrspurmaschine, die Mehrspur-Apps für Android und iOS noch gar nicht eingerechnet.

In dieser Phalanx fällt die Auswahl schwer, wenn nicht das Budget sehr begrenzt ist. Was die Auswahl automatisch einschränkt. Mein Bedarf war zum Glück sehr genau definiert: ein mobiler Recorder für Atmos oder Interviews, idealerweise noch zum Einsprechen von Texten geeignet, 200 Euronen als Preislimit. So war das Gerät schnell ausgemacht, musste aber doch bald einem Nachfolger weichen. Hier ein Vergleich der beiden Recorder, aus der Sicht meiner Anforderungen. Nämlich ein Recorder für Interviews, der auch zum Einsprechen von Texten etwas taugt.

ZOOM H2n

Meine erste Wahl fiel auf das ZOOM H2n nicht zuletzt wegen der guten Kritiken. Die unterschiedlichen Mikrofon-Modi, das große Display und eine beschriebene gute Aufnahmequalität schienen es für die erste Wahl zu qualifizieren.

Tatsächlich ist das ZOOM H2n ein sehr flexibles Gerät und ich war von ersten Testaufnahmen bei Interviews positiv angetan. Auch die Bauform, mit der man es auf den Tische stellen kann, zusammen mit den verschiedenen Mikrofonen, ist nicht die schlechteste Idee. Trotzdem musste das ZOOM H2n gehen, und das aus zwei Gründen.

Verwendet man das ZOOM H2n für das Einsprechen, bemerkt man einen doch sehr deutlich hörbaren Rauschpegel. Schließt man ein externes Mikro an, wie mein altes, aber teures Sony-Stereomikro aus MD-Recorder-Zeiten, sind die Schuldigen gefunden. Die Mikros im ZOOM produzieren einen hohen Rauschpegel, der für reine Sprachaufnahmen zu hoch ist. Nun könnte man sich behelfen, so man gute externe Mikros hat, aber es ist nicht Sinn der Sache.

Der zweite Haken am ZOOM H2n, und das merkt man erst beim praktischen Einsatz, ist die Bedienung. Die einzige wesentliche Taste auf der Front ist die zum Start der Aufnahme. Alle anderen Elemente liegen an den Seiten, die Steuerung der Wiedergabe wie auch das Einpegeln der Aufnahme sind mit den eher fummeligen Schalterchen, das auch noch mit Mehrfachfunktionen, eher schwierig. Es ist fast immer Blindflug. Rauschen wie auch die ungünstige Bedienung waren KO-Kriterien für das ZOOM H2n.

Tascam DR-05

Erneutes Abtauchen in Test- und Erfahrungsberichte brachten mich dem Tascam DR-05 näher. Und die Rauschmessungen stimmten, die Mikros im Tascam rauschen deutlich weniger als im ZOOM, auch wenn das Tascam nicht über die verschiedenen Mikro-Spektren verfügt. Aber was nutzen vier Mikros, wenn die Aufnahmen verrauscht sind. Auch das Tascam DR-05 ist alles andere als rauschfrei, aber es bleibt bei einem erträglichen Level. In dieser Preisklasse.

Schließt man über einen Preamp, bei mir ein ART Tube MP, ein gutes externes Mikro an, zum Beispiel ein Rode NT1-A oder auch Rode M3, ist der Rauschanteil sogar zu vernachlässigen, beim NT1-A praktisch gleich Null. Von daher auch für das Einsprechen das richtige Gerät. Der ganz große Unterschied zwischen H2n und DR-05 ist in der Bedienung zu finden. Beim DR-05 liegen alle wesentlichen Bedienelemente auf der Front. Es gibt kaum Doppelbelegungen von Tasten, die Bedienstruktur ist logisch und direkt. Einmal REC geht in den REC PAUSE-Modus. Einpegeln, noch einmal REC und die Aufnahme läuft. STOP und PLAY für das Abhören, Navigieren ist auch kein Problem. War die Aufnahme daneben, reichen drei Tastendrücke zum Löschen.

Beim Tascam merkt man, dass die Benutzeroberfläche von jemandem stammt, der weiß, was praktisch passiert. Und das alles auf der Front.
Zwar steht das DR-05 nicht so schön auf dem Tisch, ein Mini-Fotoständer löst das Problem aber genauso, wenn nicht noch besser, da Ausrichten der Mikros nun möglich ist.

Das Tascam DR-05 ist dem ZOOM H2n nicht nur in der Aufnahmequalität überlegen. Gerade die fummelige und unklare Bedienung machen das ZOOM in der Praxis zu einem wenig tauglichen Gerät. Beim DR-05 merkt man die Erfahrung von Tascam im Recording-Sektor, die Bedienung ist schlicht einfacher, übersichtlicher und direkter. Keine Schalterchen, sondern Tasten mit Druckpunkten, alle Menüs sind mit wenigen Clicks erreichbar. Und nicht zu vergessen: das Tascam DR-05 liegt satter in der Hand, ist stabiler und dürfte auch so manchen Sturz wegstecken. Wo ich mir beim ZOOM H2n nicht so sicher wäre.

In diesem Sinne darf das Tascam DR-05 wohl noch längere Zeiten für mich arbeiten.

Der Vorteil von Telefon-Interviews ist offensichtlich: keine Reisen, sie werden quasi automatisch kürzer und kompakter als das Gespräch am Kamin. Um solche Interviews mitzuschneiden, verwenden die Großen, also professionelle Sender, ziemlich teures und aufwändiges Equipment. Was sich in der Klangqualität solcher Interviews auch bemerkbar macht. Für den Hausgebrauch und den Gelegenheits-Interviewer keine Geschichte. Das muss etwas billiger gehen, geht es auch.

Hat man noch ein gutes altes schnurgebundenes Telefon, sind tatsächlich einfache Hardware-Lösungen zu kaufen. Ein Adapter wird zwischen Telefon und Hörer geschaltet, ein Klinkenstecker liefert das abgegriffene Gespräch an einen beliebigen Recorder. Nachteil: die Stimme des präsenten Interviewers ist nicht besonders klangvoll, denn das Mikro ist ja nun das des Telefons. Und wer hat noch ein schnurgebundenes Telefon? Also eine andere Lösung.

Diese hier kommt mit überschaubarem Aufwand an Hardware aus, wobei einige Komponenten meistens schon vorhanden sind. Oder für eine eher kleine Mark anzuschaffen.

  • Ein Recorder. In diesem Falle ein Zoom H2n, bereits an Bord.
  • Ein Kopfhörer, hier ein AKG K230 oder K240. Ebenso vorhanden.
  • Ein Mikro. Das muss kein Highend-Teil sein, ein einfaches Kondensator-Mikro von Thomann reicht.
  • Ein Mischpult. Das Behringer Xenyx 302 USB ist eines der kleinsten und billigsten. Gleich mehrfach vorhanden, bei mir.
  • Ein PC (ach …?)
  • Eine sogenanntes Softphone, mit dem man über den PC und das Internet telefonieren kann.

Die Verbindung der einzelnen Komponenten ist nicht kompliziert.

Interview-Hardware

Interview-Hardware

Das Behringer-Pültchen hat den Vorteil, dass es direkt vom PC über USB stromversorgt ist und auch mit fast allen Softphones funktioniert. Andere Pulte, wie ein Xenys 1204 USB, wurden vom Softphone nicht als Mikro-Eingang akzeptiert. Und das 302 kann auch Kondensator-Mikros mit Phantomspeisung versorgen, ohne externes Netzteil. Eh man das Gebastel anfängt, sind die 49 Euro Investition sinnvoll.

Für die Konfiguration des Softphones sollte man die Hilfetexte in Anspruch nehmen. Kandidaten sind 3CX Phone oder NinjaLite. Wer seinen Telefonanschluss von 1&1 hat, ist gut dran. Im Benutzerportal bei 1&1 gibt es ein kostenloses Softphone zum Herunterladen, das zwar optisch grauenvoll ist, aber gut funktioniert und dazu mit der eingegebenen Telefonnummer sich selbst konfiguriert. Absolut narrensicher. Wenn man nicht vergisst, im Kundenportal für seine benutzte Telefonnummer ein Passwort einzutragen. Ansonsten reicht zur Installation seine Telefonnummer und eben das gesetzte Passowort.

Ist das Softphone installiert, ist man so gut wie fertig. Für die obige Konfiguration noch ein paar Hinweise:

  • Auf dem 302er-Pult die beiden mittleren Tasten über dem Line-In beide drücken. Die linke, damit der PC bzw. das Softphone im Main-Mix landet, die rechte, damit sich die Gegenseite nicht selbst hört. So landet das Softphone nur auf dem Kopfhörerausgang. Mit der Latenz der VoIP-Verbindung verlieren ungeübte Sprecher sonst mit dem Echo sofort die Sprechfähigkeit.
  • Aus dem Kopfhörerausgang des Pultes geht es dann in den Recorder, dazu braucht man ein Miniklinke zu Miniklinke-Kabel.
  • Da der Kopfhörer am Recorder hängt, hört man genau das, was dort ankommt.
  • Die Lautstärkenverhältnisse zwischen Mikro und Telefon sind oft sehr ungleich. Daher drehe ich die Balance des Mikroeinganges, meiner Stimme, ganz auf den rechten Kanal. Das Telefon drehe ich komplett auf den linken Kanal. So kann ich später in der Bearbeitung beide Kanäle getrennt normalisieren und erst dann zusammen führen. Und ich höre meinen Gesprächspartner mit dem „richtigen“ Ohr.
  • Vor dem eigentlichen Interview ein paar Minuten zum richtigen Einstellen der Pegel vorsehen, aber das sollte man zum Vorstellen oder Einleiten eh machen. Die Telefonleitungen haben sehr unterschiedliche Pegel.

Die ganze Konfiguration ist eher einfach und nicht schwierig zu handhaben. Was einen nicht davon abhalten sollte, das Interview inhaltlich gut vorzubereiten.

Røde Procaster

Røde Procaster

Zuerst habe ich Moderationen über das Großmembran-Kondensatormikro Røde NT-1A eingesprochen. Das hat die Vorteile eines warmen, detailreichen Klanges, aber den Nachteil einer hohen Empfindlichkeit. So dass jedes noch so winzige Geräusch, sei es ein knarrender Schuh oder ein Magenbrummeln, sehr deutlich mitgenommen wird. Dann bin ich auf das Røde Procaster umgestiegen, das nun hat die Vorteile eines guten Klanges für Sprecher und einer geringeren Empfindlichkeit für Nebengeräusche. Der Nachteil des dynamischen Procasters ist, dass es bauartbedingt eine nur sehr niedrige Ausgangsspannung liefert. Wie alle dynamischen Mikros, von Bändchenmikros ganz zu schweigen. Alle Versuche, mehr Gain ohne deutliches Rauschen zu bekommen, scheiterten. Auch der ART Tube MP oder ein selbst gebauter Preamp mussten so weit aufgezogen werden, dass das Rauschen nicht mehr akzeptabel war. Einen Preamp im vierstelligen Euro-Bereich, mit geringem Eigenrauschen, wollte ich mir nicht leisten. Ein vor das Procaster geschalteter 1:4-Übertrager nicht billiger Herkunft zog zwar den Pegel in das Pult hoch, machte jedoch auch dem Klang den Garaus. Erst wollte ich damit leben, dann wieder das Procaster in die Musiker-Kleinanzeigen schicken, bis mir zufällig in einem Video in You Tube der Triton Audio FetHead über den Weg lief.

Triton Audio FetHead

Triton Audio FetHead

Ein wenig habe ich das Video für einen Marketing-Hype gehalten, aber für unter 80 Euro kann man ja mal einen Fehler machen. Nach wenigen Tagen Lieferzeit ist der FetHead heute aus den Niederlanden angekommen, Bedankt, Erwin. Ab ins Studio, etwas feixend, dass die Kollegen von Triton Audio dann doch am Ende zu viel versprochen haben, ging der FetHead heute online. Er wird einfach zwischen Mikro und Pult geschaltet, es gibt keine Bedienungselemente, sieht aus wie ein zu lang geratener XLR-Stecker. Vollmetall, schwer, stabil, wohl zuverlässig. Stromversorgung geschieht über Phantom Power. Dafür soll er gut 20 dB Gain liefern, abhängig von der Eingangsimpedanz des Pultes. Und das tut er bestens. Ich habe es nicht beweisen können, aber es scheint so, dass das verbleibende Rauschen vom Mikro selbst kommt, denn ohne angestecktes Mikro kommt erst Rauschen vom Preamp im Pult bei hohem Gain. Der FetHead ist absolut still, verstärkt den Pegel des Procasters so weit, dass der Gain-Regler meines Behringer 1204 nicht einmal halb aufgezogen werden muss. Es ist nicht null Rauschen wie beim NT-1A, aber das bisschen Rauschen ist mehr als akzeptabel. Das Procaster darf bleiben. Nein, das Procaster wird ab jetzt das Standard-Mikro.

Als wenn es damit nicht genug wäre, verändert der FetHead zusätzlich im positiven Sinne den Klang des Mikros. Es klingt einen Tucken wärmer, definierter und voluminöser. Ich vermute, dass die höhere Eingangsimpedanz des FetHead – im Vergleich zum Pult – die Spule des Procasters weniger bedämpft und dadurch der Klang besser wird. Mehr Gain, mehr Sound, und das für unter 80 Euro. Eines der wenigen Beispiele, dass ein Produkt nicht nur hält, was versprochen wird, sondern im Grunde mit seiner Rauscharmut viel teurere Preamps degradiert.

Neben der Standardversion gibt es noch den FetHead BC (für Broadcast) für harte Umgebungsbedingungen, der in die Mikroleitung eingeschleift wird, einen konstanten Gain hat und den man wohl mit einem Panzer überfahren darf. Dann ist da noch eine Variante, die die Phantomspeisung durchschleift, das macht der FetHead nicht und schützt so das dynamische Mikro. Noch eine andere Version nimmt als Eingang einen 6,3 mm-Klinkenstecker auf und ermöglicht den Anschluss von E-Instrumenten an ein Pult ohne Höhenverluste. Nette kleine Helferlein, die in dieser Firma zu finden sind.

Dann drücke ich dem noch recht jungen Unternehmen in unserem Nachbarland alle verfügbaren Daumen. Der FetHead ist ein Produkt, das den Preamp-Markt so aufmischen könnte wie damals Behringer den Mischpult-Markt. Hohe Qualität zu einem unglaublich niedrigem Preis.

Nachtrag: ich habe heute mal mein gutes altes SM57 über den FetHead angeschlossen. Kaum zu glauben, wie gut ein solches Standard-Mikro klingen kann. Wenn man ausreichend Abstand zum Mikro behält, wegen des Nahbesprechungseffektes, kann sogar ein SM57 verdammt gut klingen.

Artikel über LEDs

Artikel über LEDs

So sei es, nun darf ich mich also Fachjournalist nennen. War eine Menge Arbeit, aber auch ein Lernschritt.

Meine Abschlussarbeit als PDF, weitgehend bilderfrei, im Gegensatz zum Original. Es geht um LED-Technologie, also eher so etwas wie ein Heimspiel.

Der Generationenwechsel, sinkende Renten, der Mangel an Fachkräften, all das sind Zeichen einer Veränderung in unserer Gesellschaft. Doch eine Veränderung bleibt bisher unbeachtet: die Folgen des soziologischen Wandels in den späten 60er und frühen 70er Jahren. Die Menschen, die in dieser Zeit sozialisiert wurden, stellen auch neue Anforderungen an ein entsprechendes Leben im Alter.

Stairway To Heaven

Stairway To Heaven

Ein eher unscheinbares Gebäude im nördlichen Essener Stadtteil Dellwig. Obwohl erst in 2009 erbaut, erinnert die Fassade mit ihrem Backsteinstil und den rostroten, etwas blinden Sprossenfenstern eher an eine Mietskaserne in Berlin-Kreuzberg. Dieses Haus ist kein gewöhnliches Haus, sondern das erste Pflegeheim, das sich auf einen Generationenwechsel eingestellt hat. So wie Helmuth G., der damals fleißig bei der Aktion Roter Punkt gegen die Essener Verkehrs-AG dabei war, der seine Jugend in der eher berüchtigten als bekannten Kneipe „Podium“ verbrachte, geht es vielen heutigen Rentnern. Helmuth G. hat in seinem Leben noch nie eine Musikantenstadel-Sendung gesehen und kennt WDR4 nur vom Hörensagen. Ihm graute es davor, trotz privater Pflegevorsorge und sparsamen Lebensstandards irgendwann in einem Pflegeheim heutiger Couleur zu enden. Er fand im Alter, geringfügig pflegebedürftig, eine neue Heimat in diesem Haus. „Echt voll geil hier, Du.“ ist sein zufriedenes Urteil.

Robert Pflanz ist Geschäftsführer der »Seniorenresidenz Stairway To Heaven« hoch im Essener Norden. Er erläutert das Konzept dieser Einrichtung so: „Wir müssen uns in naher Zeit auf einen Wechsel unserer typischen Bewohner einstellen. Wenn die Leute in den Pflegebereich einziehen, die mit Led Zepplin und den 68er-Aktionen groß geworden sind, finden die herkömmlichen Pflegeeinrichtungen bei diesen Menschen kein Interesse mehr.“ Auf diese neuen, aktuellen Bedürfnisse geht das Haus ein. Im Keller der Anlage stehen den Bewohnern barrierefrei zahlreiche Proberäume zur Verfügung, ein kleines Studio mit Parkplätzen für Rollatoren ist ebenso vorhanden. Statt der üblichen Cafeteria im Erdgeschoss befindet sich dort die Kneipe »Titty Twister«, in der an jedem Samstag Live-Acts stattfinden. Blues- und Rock-Bands bilden den Standard, für das dreijährige Jubiläum im Juli 2013 ist ein Auftritt von Guru Guru oder Ton, Steine, Scherben geplant. Keine Mühen wurden gescheut, das originale Interieur im 150 Jahre alten Pub »The White Horse« im südenglischen Dover ab- und hier in diesem Unterbezirk von Essen-Borbeck wieder aufzubauen. Natürlich sind dort Guinness, Kilkenny und Jack Daniels genau so im Angebot wie der beliebte Van Nelle Zware und die kaum noch bekannten niederländischen Zigaretten der Marke Black Beauty. Hier wird Service groß geschrieben, gerade für die nächste Generation, die mit den Vorlieben ihrer Eltern und Großeltern so gar nichts mehr anfangen kann. „Die Menschen möchten in ihrem wohl verdienten Ruhestand zu ihren vertrauten Wurzeln zurückkehren, nicht umgepflanzt werden in eine sterile Wohnanlage.“, weiß der Geschäftführer.

Für das Jahr 2020 ist eine zusätzliche Einrichtung am Südufer des Baldeneysees geplant, am Rande von Werden. Im »House Of tl;dr“ verfügt jedes Zimmer über einen 500 MBit-Netzzugang, ist mit einem 17-Zoll-Tablet, einem Android-Senioren-Smartphone, einem Quadcore-Rechner mit 64 Gigabyte Speicher, Lupe und LCD-Projektor ausgestattet. Ein 5 Petabyte-Speichersubsystem im Rechenzentrum der Residenz steht allen Bewohnern kostenfrei zur Verfügung und ist über Glasfaserleitungen an die Zimmer angebunden. Die SysAdmins arbeiten in drei Schichten rund um die Uhr und sind ständig erreichbar. Die hauseigene  Einrichtung »Eat & Never Meet« liefert 24 Stunden lang an sieben Tagen der Woche Pizza, Kaffee und Cola direkt aufs Zimmer. Optional gibt es eine Sushi-Flatrate. „Hier sind wir der Zeit etwas voraus, doch wir sind sicher, dass schon in einigen Jahren der Bedarf an solchen Altenwohnheimen mit flexibler Betreuung, vom betreuten Wohnen bis zur Vollzeitpflege mit einer eigenen Schreibkraft, seinen deutlichen Markt finden wird.“, erklärt Robert Pflanz.

Helmuth G. geht in die liebevoll eingerichtete Kantine mit den abgeschabten alten Barhockern und den Hausbesetzer-Glühlampen an der Decke. Das ausgewogene und abwechslungsreiche Angebot, heute Käse-Brötchen oder Döner von gestern, dazu ein lecker Frankenheim, findet immer mehr Anklang. Danach ein Mittagsschläfchen, einen doppelten Espresso und heute Abend geht es mit der hauseigenen Fahrbereitschaft auf Schalke. Helmuth G. war ein Vorreiter, doch das Haus füllt sich nun zunehmend mit Menschen seines Schlages. Ein Konzept, das offensichtlich Anklang gefunden hat und dem seine große Zukunft noch bevor steht. So sieht es auch Robert Pflanz. Und eilt in die Kneipe, am nächsten Samstag sind Man im »Titty Twister«, da muss die Bühne glänzen.

Die Globalisierung begann in der Wirtschaft, nun schwappt sie auch ins Privatleben. Die Anzahl an Fernbeziehungen nimmt zu, in Zügen und Flugzeugen viele Menschen auf dem Weg zur Beziehung oder zurück zur Arbeitsstelle. Doch wie bei der gelobten Mobilität im Job stellt sich in der Fernbeziehung die Frage, wie es den Menschen dabei geht.

(Namen wurden aus Personenschutzgründen geändert)

Bleib!

Bleib!

Die Autobahn A2, eine endlose Kette von LKWs aus Litauen, Polen oder sogar aus dem fernen Russland, von Oberhausen bis Berlin. Längere Fahrten auf ihr eine Mischung aus Stress und aufkommendem Fernweh. Wie an jedem Freitag fährt Raimund von Nordrheinwestfalen nach Niedersachsen. Weil Pferde und Katzen nicht allein bleiben können, und weil Ilka ein großes Haus mit Garten hat. Die Ausfahrten kennt er inzwischen auswendig. Am steilen Berg vor Lauenau ist Vorsicht geboten, LKWs scheren unerwartet aus, genau an dieser Stelle passieren viele Unfälle. Bisher ist er glimpflich davon gekommen, dank ABS und Routine. Im Sommer eine schöne Strecke, sie geht durch das hügelige, grüne Weserbergland, im Winter bei Dunkelheit, Nebel und Regen werden aus den knapp 200 Kilometern gefühlte 500. Am Sonntagabend schafft er die Strecke schon mal in 90 Minuten, am Freitagnachmittag können es mit Baustellen sogar drei Stunden werden. Am Freitagnachmittag treibt ihn die Aussicht auf ein gemeinsames Wochenende, am Sonntagabend auf dem Weg zurück bleibt ein Gefühl der Unruhe und Unzufriedenheit, wenn der Job ihn wieder in das leere 30-Quadratmeter-Apartment zwingt. Gesund fühlt sich das nicht an.

Schätzungen gehen davon aus, dass jede achte Partnerschaft „auf Distanz“ gelebt wird. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung spricht in einer gerade erschienen Studie von 13,4% der Paare, die entfernt zusammen leben. Die tatsächliche Zahl dürfte um ein Vielfaches höher liegen, wenn man diejenigen Paare berücksichtigt, bei denen ein Partner beruflich bedingt in den entfernten Zeiten in Hotels wohnt. So geht man im Schnitt davon aus, dass Akademiker im Laufe ihres Berufslebens bis zu 25% der Zeit in einer Fern- bzw. Wochenendbeziehung leben.

Barbara und Elo haben sich wie Raimund und Ilka übers Internet kennengelernt. An jedem Wochenende pendelt Barbara drei Stunden mit der Bahn von Düsseldorf nach Ratzeburg und wieder zurück. Auch hier ist es das malerisch in der Nähe des Ratzeburger Sees gelegene Haus, ein Traum für jeden, der sonst in Düsseldorf jeden Tag schon den Kampf um einen Parkplatz neu durchstehen muss. Während für Raimund die Fahrt anstrengend und nervenraubend ist, hat Barbara als freiberufliche Sozialpädagogin Schwierigkeiten, sich die sechs Stunden Fahrt von ihrem engen Zeitplan abzuknapsen. Wie für das Paar aus Niedersachen und Ostwestfalen ist es der ständige Wechsel zwischen Nähe und Distanz, der immer wiederkehrende Abschied, das Abbrechen von bisherigen sozialen Beziehungen und die Phasen des Zweifels und der Einsamkeit, die schon mal das Gefühl mit sich bringen, die Orientierung verloren zu haben.

Globalisierung, Mobilität und Flexibilität sind die Schlagworte der modernen Gesellschaft. Nicht nur der Beruf fordert, dass man heute hier und morgen dort arbeitet. Auch das Privatleben wird zunehmend globalisiert. Das Partnersuche-Portal Parship sieht den Anteil Paare, die sich über das Internet finden, nahe bei der 10%-Marke. Dass diese Menschen nicht in der gleichen Stadt wohnen, ist quasi vorprogrammiert, man verliebt sich nicht, weil man den gleichen Wohnort hat. Erst jetzt erforschen Wissenschaftler, wie an der Universität Mannheim, welche psychosozialen Folgen der Verlust eines eindeutigen Lebenszentrums und einer konstanten Beziehung haben. Dass Fernbeziehungen viel häufiger scheitern als konventionelle, nämlich zu 65%, haben sie schon belegt.

Was die Arbeitswelt aufgezwungen hat, findet so Eingang in das Privatleben: thematische, räumliche und seelische Mobilität wird zur täglichen Anforderung, auch jenseits der Fünfzig. Die Verlässlichkeit und Berechenbarkeit, wie sie für Generationen in den Wohnorten und sozialen Umgebungen noch normal war, ist Vergangenheit. Doch die Flexibilität, die die Wirtschaft von den Menschen einfordert, bietet sie ihnen im Gegenzug nicht.

Im März 2012 hat Barbara den nicht leichten Weg gewählt und ist zu Elo in den Norden gezogen. Ihren Kundenstamm im öffentlichen Sozialbereich muss sie mühsam neu aufbauen. Raimund sucht seit Monaten einen neuen Job in der jetzigen Heimat. Bisher vergeblich.