Vergleiche hinken immer. Oder anders ausgedrückt, Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich. Ebenso ist ein Vergleich nicht dasselbe wie eine Gleichstellung. Dazu passt in diesem Kontext eine Sendung des Deutschlandfunks, am Ende des Beitrags auch zum Hören, über den Nutzen von Nazi-Vergleichen. Das Buch wieder ist mir in einem Podcast mit Anne Will und Justus Bender untergekommen. Der Titel des Buches täuscht nicht, die Nähe zwischen 1933 und 2033 ist offensichtlich. Passend dazu beginnt Bender mit einem Essay darüber, was man vergleichen und was man gleichsetzen kann oder darf, ob das überhaupt passt oder sinnvoll ist. Kann man die AfD mit der NSDAP vergleichen, oder kann man sie gleichsetzen? Kann man einen hypothetischen Zeitpunkt, an dem Alice Weidel von der AfD Bundeskanzlerin wird, mit der Machtergreifung der Nazis vergleichen oder gleichsetzen? An diesem hypothetischen Zeitpunkt, Februar 2033, ist die AfD mit 36% als stärkste Partei aus den Bundestagswahlen hervorgegangen. Kanzlerkandidat der CDU/CSU war Jens Spahn, der die Brandmauer endgültig einreißt und in Sondierungsgespräche mit der AfD geht. Wie sind die Reaktionen der Bundesbürgerinnen und Bürger? Ignorieren, hoffen, dass es schon nicht so schlimm wird, auf die Barrikaden gehen? Das Gedankenexperiment, das Justus Bender in diesem Buch wagt, ist alles andere als wirklich hypothetisch.
Archiv für das Monat: September, 2026
Ruprecht Polenz folge ich in BlueSky, früher auf Twitter, schon eine ganze Weile. Wir sind in unseren Grundhaltungen so etwas wie zwei Seiten einer Medaille, zwar auf unterschiedlichen Seiten des politischen Spektrums organisiert, jedoch kann ich seiner Haltung und seinen Meinungen zur aktuellen Politik fast immer folgen. Anders formuliert, gehören wir wohl beide zum liberalen Bildungsbürgertum mit weitgehend gemeinsamen Werten. Also habe ich mir sein Buch «Wie ein Volk den Verstand verliert» gegönnt. Darin widmet sich Polenz den Entwicklungen, die auch mich seit geraumer Zeit kirre machen. Nämlich, dass Diskussionen und Diskurse schon lange daran scheitern, dass zwischen Leuten keine gemeinsame Wahrnehmung der Wirklichkeit mehr besteht, dass Tatsachenwahrheiten nicht mehr anerkannt werden, dass sich jede Bubble in den sozialen Medien, aber auch im Alltag, ihre eigene Sicht der Welt erfindet. So fragte der "SPIEGEL" in Sachsen-Anhalt Leute auf einem Campingplatz, wie denn die Lage in ihrem Bundesland so sei und ob sie gerne dort leben. Ein Mann meinte, er würde nie in den Westen gehen, weil er nicht wüsste, ob er dort mit den vielen Türken zurecht käme. Da frage ich mich dann, was nicht wenige Menschen für die Wirklichkeit halten. Es hat keinen Sinn, mit Leuten über das Wetter zu diskutieren, die behaupten, der Himmel sei grün und die Bäume blau.
