Beiträge

Erik Schilling: Authentizität

Erik Schilling: Authentizität

Bis in die achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hatte der Begriff des Authentischen fast nur eine Bedeutung in Kunst und Wissenschaft. Ein Werk oder ein Dokument war authentisch, wenn es zuverlässig einem Erschaffer zuzuordnen war oder seine Herkunft und seine Rolle in der Zeit geklärt. Mit dem beginnenden 21. Jahrhundert fing man an, auch Menschen das Attribut authentisch zu geben. Was sagen sollte, dass jemand in seinem Handeln oder Sprechen seinem eigentlichen Wesen entsprach. Ein weiterer Megatrend nach Offenheit, Diskursfähigkeit oder Toleranz, auch, aber nicht nur im linksliberalen Spektrum. Der Literaturwissenschaftler Erik Schilling von der Ludwig-Maximilians-Universität in München hat ein Buch über die Authentizität geschrieben, über diesen positiven und wohlwollenden Begriff. Inzwischen treibt der Gebrauch des Wortes seltsame Blüten, Hersteller von Trekkingbekleidung bezeichnen ihre Hosen und T-Shirts als authentisch. Spätestens hier wird deutlich, dass mit dieser Vokabel irgendetwas nicht stimmt. Denn Bekleidung hat wohl kaum ein eigenes Wesen, das repräsentiert werden soll. Deshalb stellt Schilling fünf Thesen zur Authentizität auf und arbeitet sich in seinem Buch daran entlang. Am Ende wird klar, dass es sich bei der Authentizität genau so wie bei der Individualität oder der Identität, mit der Leute hausieren gehen, um eine Worthülse handelt. Ein Narrativ ohne Inhalt. Alle wollen authentisch sein, aber keiner kann sagen was das ist. Dabei zerlegt Schilling nicht nur dieses Unwort, sondern gleich noch den Zeitgeist dieser Tage.

Weiterlesen

Robert Habeck: Wer wir sein könnten

Robert Habeck: Wer wir sein könnten

Dem Grünen-Vorsitzenden Robert Habeck sagt man eine verständliche und klare Sprache nach. Was zu seinen früheren Studienfächern Philosophie, Germanistik und Philologie passt, gerade die Philosophie hat sich lange und intensiv damit auseinander gesetzt, welche Wechselwirkung Sprache und die Welt haben. Wenn nun Politiker Bücher über Sprache schreiben, macht mich das immer neugierig, in diesem Fall ist der Aufwand dazu überschaubar, denn das Buch ist ein schmales Werk. Trotzdem ist der Anspruch aus meiner Sicht groß und wichtig, denn der Untertitel lautet schließlich Warum unsere Demokratie eine offene und vielfältige Sprache braucht. Nebenbei wollte ich einfach ein wenig mehr darüber erfahren, wie Robert Habeck so tickt, gilt er doch als einer der bodenständigen Politiker. Das bekommt man tatsächlich mit, seine politischen Positionen sind keine Pose, seine Beiträge kein Image-Getue. Dazu liefert Habeck schon wichtige Gedanken zur politischen Sprache. Und wie Sprache die Wirklichkeit erst schafft.

Weiterlesen

Richard David Precht: Jäger, Hirten, Kritiker

Richard David Precht: Jäger, Hirten, Kritiker

Richard David Precht: Medienstar, gern gesehener Talkrundengast, Philosoph. Manche bezeichnen ihn auch als Sofaphilosophen, der zu allem etwas zu sagen hat, zu jedem Thema eine Meinung hat, über alles reden kann. Nicht wenige beurteilen ihn als arrogant, besserwisserisch und abgehoben. Seine Bücher verkaufen sich in schwindelerregenden Stückzahlen, belegen fast immer die oberen Plätze der Bestsellerlisten. Das echte Problem an ihm: er ist wahrscheinlich einer der klügsten Köpfe unserer Zeit. Sein Buch Jäger, Hirten, Kritiker ist nicht ganz neu, aber 2018 in einer 5. Auflage erschienen. Precht hat stark überarbeitet und ist nahe an aktuellen Ereignissen. Gekauft habe ich das Buch eher deshalb, weil mich der zuerst etwas unverständliche Titel neugierig gemacht hat. Precht erklärt ihn jedoch gleich im ersten Kapitel. Der Verlag bewirbt das Werk mit dem Untertitel „Eine Utopie für die digitale Gesellschaft“. Es geht um den derzeitigen Stand der Dinge, um eine mögliche Zukunft unserer Gesellschaft und des Einzelnen, ausgehend von den Entwicklungen, die sich heute abzeichnen.

Weiterlesen

Seit einigen Jahren produziere ich für einen Berliner Radiosender Kurzbeiträge für die Sendung Zeitzone, bisher nur Das historische Ereignis. Seit ein paar Monaten habe ich Die historische Person dazugenommen. Von der Recherche über das Texten bis zum Beitrag selbst, der wie üblich mit einem Jingle beginnt. Das historische Ereignis ist überschaubar, es geht um ein politisches, wissenschaftliches oder technisches Ereignis. Selten auch mal um eine Katastrophe oder etwas Kulturelles. Also etwas, was in einem begrenzten Zeitraum stattfand, mit meist wenigen Beteiligten. Da sind die Themen die Gründung der UNO, der Fall der Berliner Mauer oder die Erfindung des Backpulvers durch Dr. August Oetker. Schon nach einiger Zeit war ich mit meinen Resultaten recht zufrieden. Geschätzt habe ich inzwischen so 250 Beiträge zu diesem Thema produziert. Dann kam eben die historische Person dazu. Mit der historischen Person mache ich das nach dem gleichen Schema, war mein erster Gedanke. Schon im ersten Beitrag scheiterte ich genial, wenigstens nur für mich hörbar, im kleinen Kellerstudio und im Büro unter dem Dach.

Weiterlesen

Gerät man in den Verdacht, des Englischen irgendwie mächtig zu sein, kommt man schnell in die Situation, dass man ein professionelles Übersetzungsbüro dem Budget erspart. Dabei ist es ein großer Unterschied, ob man eine Sprache gelernt hat, sie spricht, oder sie lebt. Letzteres heißt, sich mit dem Land, der Kultur und seinen Eigenarten zu beschäftigen. Und den Eigenarten dieser Sprache, seiner Atmosphäre.

In den meisten Fällen, wenn es einen denn getroffen hat, wird man übersetzen und sich nicht wehren. Leider hat dieser Vorgang, hier auf Englisch -> Deutsch reduziert, so seine Fallstricke. Und wie üblich, liegen diese oft dort herum, wo man sie nicht erwartet. Auf ein paar dieser Fallstricke möchte ich eingehen, aus dem beruflichen Alltag, nach einigen Büchern über englische Grammatik und längerer Zeit des Lebens in diesem merkwürdigen Land mit seiner merkwürdigen Sprache. Ohne Anspruch zu erheben, professioneller Übersetzer zu sein.

Geht man nun mit wohl gutem Schulenglisch und gelegentlichem Englisch-Sprechen an die Aufgabe, wird Übersetzen so interpretiert: man ersetze die englischen Begriffe durch deutsche und passe die Satzstellung an. Und läuft sofort in die beiden beliebtesten Fallen. Denn das funktioniert gerade nicht, wie Babelfish deutlich gezeigt hat. Beginnen wir mit Annahme #1, dem „Übersetzen“ der Worte und Begriffe.

Selbst in renommierten Blättern ist immer wieder die Rede von der amerikanischen Administration. Administration ist im Deutschen das Fremdwort für Verwaltung. Die amerikanische Verwaltung ist wohl weniger gemeint, eher die amerikanische Regierung. Das passiert, wenn man American administration linear übersetzt. False friends. In der Technik ist to control immer sehr beliebt. Übersetzt ist es nicht kontrollieren, sondern regeln, lenken, steuern. Noch schlimmer wiegt die Tatsache, dass sich die endgültige Bedeutung oft erst im Sinnzusammenhang ergibt. She made coffee, das ist einfach zu übersetzen, an anderer Stelle heißt she made it aber etwas ganz anderes, sie hat es geschafft. Lineare Übersetzung, also das Ersetzen von Wörtern aus dem Wörterbuch, funktioniert an vielen Stellen nicht. Von den Problemen mit what/which, this/that oder each/every/any ganz zu schweigen. Die Semantik muss man wissen, sonst wird der Text für einen Muttersprachler holpend bis seltsam. Aber dem nicht genug, selbst wenn die Vokabel stimmt, lauern weitere Tücken.

Betrachtet man einen englischen Text und sein deutsches Pendant, ist der englische Text um 20 oder sogar 30% kürzer. Der Grund ist der, dass der englische Satzbau wesentlich effektiver ist und weniger redundant. Wo im Deutschen ein kompletter Nebensatz gebraucht wird, reicht im Englischen eine -ing-Form. Going to the church I met a friend, Als ich zur Kirche ging, traf ich einen Freund. 34 gegen 47 Buchstabenpositionen. Auch verwendet das Englische Artikel und Präpositionen wesentlich sparsamer, viele reflexive Verben brauchen kein self und so weiter. Dafür ist die Satzstellung im Englischen wesentlich empfindlicher. Je nachdem, wie Präpositionen positioniert werden, kann sich die Bedeutung oder Betonung der Aussage ändern. Nicht zu vergessen die andere Verwendung der Zeiten im Englischen, das Plusquamperfekt hat im Englischen einen anderen Bezug zum Verlauf der Zeit und den Geschehnissen. Und die Verlaufsform scheint oft ein unlösbares Rätsel zu sein.

Wenn ich mit diesen Vorbetrachtungen eine lineare Übersetzung mache, kann die Sache nur in die Hose gehen. Aber wie übersetze ich nun einen englischen Text? Gerade bei sachlichen oder auch werblichen Texten bietet sich eher ein Re-Engineering des Textes an:

  • Den Sinninhalt des Textes analysieren und erfassen, was soll ausgesagt werden?
  • Den Text in Abschnitte gliedern, es kann sein, dass es sinnvoll ist, einen englischen Satz in zwei deutsche oder umgekehrt zu übertragen.
  • Den Sinninhalt des englischen Satzes erfassen und dann in Deutsch (neu) formulieren.
  • Dabei insbesondere Zeiten und Betonungen umsetzen.

Die Kernaussage ist: nicht Wort für Wort übersetzen und am englischen Text kleben, sondern den Inhalt der Sätze möglichst genau in Deutsch wiedergeben. Gleiches gilt für die umgekehrte Richtung, auch hier kann eine Neustrukturierung des Textes notwendig sein. Dass man in Gefahr läuft, direkt übersetzen zu wollen, hat mit der gleichen Sprachfamilie zu tun, aber genau davon sollte man sich nicht verführen lassen. Müsste man Walisch zu Deutsch übersetzen, wäre die Gefahr deutlicher. Denn dabei wechselt man die Sprachfamilien, und würde gar nicht auf die Idee einer 1:1-Übersetzung kommen.

Und immer schön vorsichtig mit den false friends.