Richard David Precht: Medienstar, gern gesehener Talkrundengast, Philosoph. Manche bezeichnen ihn auch als Sofaphilosophen, der zu allem etwas zu sagen hat, zu jedem Thema eine Meinung hat, über alles reden kann. Nicht wenige beurteilen ihn als arrogant, besserwisserisch und abgehoben. Seine Bücher verkaufen sich in schwindelerregenden Stückzahlen, belegen fast immer die oberen Plätze der Bestsellerlisten. Das echte Problem an ihm: er ist wahrscheinlich einer der klügsten Köpfe unserer Zeit. Sein Buch Jäger, Hirten, Kritiker ist nicht ganz neu, aber 2018 in einer 5. Auflage erschienen. Precht hat stark überarbeitet und ist nahe an aktuellen Ereignissen. Gekauft habe ich das Buch eher deshalb, weil mich der zuerst etwas unverständliche Titel neugierig gemacht hat. Precht erklärt ihn jedoch gleich im ersten Kapitel. Der Verlag bewirbt das Werk mit dem Untertitel „Eine Utopie für die digitale Gesellschaft“. Es geht um den derzeitigen Stand der Dinge, um eine mögliche Zukunft unserer Gesellschaft und des Einzelnen, ausgehend von den Entwicklungen, die sich heute abzeichnen.

Den Inhalt und Umfang seiner Bücher in einigen wenigen Zeilen wiederzugeben, ist immer ein unmögliches Unterfangen. Grob umrissen geht es um die vierte industrielle Revolution, die sich abzeichnet. Wie schon bei den letzten beiden mit dem Versprechen, dass es für die Menschen immer besser wird, die Maschinen die schwere oder langweilige Arbeit übernehmen, der Mensch sich den schönen oder kreativen Dingen zuwenden kann. Eben als Jäger, Hirte oder Kritiker. Aber ist das Realität? Hinter dieser Entwicklung und hinter den Versprechen stehen dieses Mal jedoch keine Revolutionäre oder klassischen Unternehmer, sondern bärtige Nerds in Kapuzenshirts aus dem Silicon Valley. Precht macht sehr eindringlich deutlich, dass die Macht von nationalen Unternehmen alter Bauart zu globalisierten und unkontrollierten Konzernen wie Google, Amazon und Facebook übergeht. Dieser Übergang ist eben keine Revolution, sondern bedeutet ein allmähliches, leises und absichtliches Verschieben der Normen und Regeln. Am Ende steht dann nicht der freie und mündige Bürger, sondern der auf den Konsumenten und Datenlieferanten reduzierte Mensch. Die grandiosen Versprechen der Anhänger einer durchdigitalisierten Welt entpuppen sich bei Precht als düstere Dystopie. Das Schlimme an Prechts Analyse ist dabei, dass sie logisch und stringent ist. Im Grunde kann man vor dieser blendenden Zukunft nur noch Angst haben. Doch er meint, es müsste nicht so kommen. Wir müssten nur entscheiden, was wir wollen und was wir nicht wollen.

Prechts Utopie, die er zum Ende des Buches hin vorstellt, ist so utopisch nicht. Es existieren Ansätze und Ideen, wie eine Umorientierung von einer leistungs- und arbeitsorientierten Gesellschaft zu einer werteorientierten möglich ist, wie zum Beispiel im Star Trek-Film im 23. Jahrhundert, wo Geld und Gewinn ihre Bedeutung als Lebensinhalt und Sinn des Handelns verloren haben. Eine wesentliche Rolle darin stellt das bedingungslose Grundeinkommen dar, auf das Precht ausgiebig argumentierend eingeht. Die wesentlichen Änderungen im Übergang zu dieser durch die Digitalisierung neuen Arbeits- und Lebenswelt müssen gerade in den Köpfen stattfinden. Das erfordert eine Politik, die gestaltet, und nicht mehr nur verwaltet. Stattdessen schauen Regierungen und alte Wirtschaft dem digitalen Trieben hilflos zu. Precht hat dazu nicht die eine Lösung für die schöne neue Welt, sondern beschreibt ein ganzes Szenario. Es ist auch nicht utopisch im Sinne einer Phantasie, utopisch lediglich im Sinne einer Vision. Vor allen Dingen steht bei Precht immer der Mensch im Zentrum, und zwar der emotionale, emphatische und sensible Mensch, der aktuell von der Digitalindustrie zunehmend zu einem weiteren Roboter umgebaut wird. Wo bleiben die Kinder, die statt auf Plastikscheiben herum zu wischen, auf Bäume klettern und Bilder malen? Die Digitalisierung sieht Precht daher nicht als schöne neue Welt, sondern eher als Schrecken. Liefert jedoch ein breites Angebot an notwendigen Veränderungen. Die schon aus heutiger Welt dringend angeraten sind.

Prechts Bücher sind nie leichte Kost, dafür sind seine Gedankengänge und Argumentationsketten zu komplex. Seine Bücher sind Arbeit, keine Unterhaltung. Zugleich sind seine Art zu schreiben, die manchmal frappierend einfache Sicht der Dinge und die Ferne jeder wissenschaftlichen Abgedrehtheit eine Wohltat. So sehr manche seiner Bilder einer möglichen Zukunft verstören, so faszinierend gradlinig ist Prechts Sichtweise. Und letztendlich optimistisch. Precht zeichnet als Gegenbild eine Welt, die technologische Fortschritte nicht verneint, gleichzeitig aber das philosophische Bild eines mündigen und bewussten Menschen beibehält. Er führt eigentlich nur fort, was Marx, Kant und Schopenhauer schon vor langer Zeit als Ideal abgebildet haben. Selten habe ich ein Buch mit so einem Eifer gelesen, es ist nämlich ein spannendes Buch, weil Precht Bilder zeichnet und auf das Wesen des Menschen zurück geht. Precht will dem Menschen das Menschliche erhalten, die Freiheit und die Mündigkeit. Leicht wird das nicht werden, aber möglich ist es. Vielleicht beginne ich damit, wieder im Hofladen, auf dem Markt und im Buchladen in der Stadt zu kaufen statt bei Amazon. Denn die wachsende Macht der Digitalkonzerne ist nicht gottgegeben, sondern basiert auf unserer Faulheit, Ungeduld und Bequemlichkeit. Wenn wir so weitermachen, meint Precht, wird das Jahr 2040 eine digitale Wüste sein. Noch ist Zeit, etwas dagegen zu tun. Sein Buch könnte ein Wecker sein. Wenn man denn will.

Dass unsere Welt sich gegenwärtig rasant verändert, weiß inzwischen jeder. Doch wie reagieren wir darauf? Die einen feiern die digitale Zukunft mit erschreckender Naivität und erwarten die Veränderungen wie das Wetter. Die Politik scheint den großen Umbruch nicht ernst zu nehmen. Sie dekoriert noch einmal auf der Titanic die Liegestühle um. Andere warnen vor der Diktatur der Digitalkonzerne aus dem Silicon Valley. Und wieder andere möchten am liebsten die Decke über den Kopf ziehen und zurück in die Vergangenheit. Richard David Precht skizziert dagegen das Bild einer wünschenswerten Zukunft im digitalen Zeitalter. Ist das Ende der Leistungsgesellschaft, wie wir sie kannten, überhaupt ein Verlust? Für Precht enthält es die Chance, in Zukunft erfüllter und selbstbestimmter zu leben. Doch dafür müssen wir jetzt die Weichen stellen und unser Gesellschaftssystem konsequent verändern. Denn zu arbeiten, etwas zu gestalten, sich selbst zu verwirklichen, liegt in der Natur des Menschen. Von neun bis fünf in einem Büro zu sitzen und dafür Lohn zu bekommen nicht! Dieses Buch will zeigen, wo die Weichen liegen, die wir richtig stellen müssen. Denn die Zukunft kommt nicht – sie wird von uns gemacht! Die Frage ist nicht: Wie werden wir leben? Sondern: Wie wollen wir leben?. (Klappentext Random House)

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