Beiträge

Von den vielen Büchern, Artikeln und Beiträgen, die ich in letzter Zeit gehört habe, oder zu den gehörten Podcasts vom DLF, WDR und SPON, habe ich mit dem Buch von Cornelia Koppetsch zum ersten Mal das Gefühl gehabt, eine Ahnung zu bekommen, was zur Zeit los ist. Auch wenn das Buch mühsam war. Aber es gab mehr zu begreifen. Ich musste ebenso meine eigene Rolle und mein eigenes Selbstverständnis in Frage stellen, meine Sicht der Welt relativieren. Genau so habe ich jetzt den Eindruck, dass die Rolle von PEGIDA und AfD eine andere ist, der mit Reden oder Verständnis zeigen wenig beizukommen sein wird. Das Buch Die Gesellschaft des Zorns wird mir im Rückblick auf meine eigene Vergangenheit klarer und verständlicher. Daher ein selbstkritischer Rückblick in meine Geschichte.

Weiterlesen

Sascha Lobo: Der Debatten-Podcast

Sascha Lobo: Der Debatten-Podcast

Seit vielen Jahren höre ich, bedingt durch meine Autobahnfahrten,  im Mittel fünf bis sechs Stunden pro Woche Podcasts. Dank WDR5 und Deutschlandfunk, 4000 Hertz und Spiegel Online bin ich eher überversorgt und kann oft Themen erst einige Wochen nach Ausstrahlung abarbeiten. Manche Sendungen sind informativ und zugleich unterhaltend, wie Alles in Butter mit Helmut Gote, manche üben das Denken und den Verstand, wie Das Philosophische Radio mit Jürgen Wiebicke. Und doch lässt sich dann und wann ein Erkenntnisgewinn verbuchen. Bisher nicht sehr häufig war das beim Spiegel Online-Podcast Der Debatten-Podcast von Sascha Lobo der Fall. Bis dann eine Sendung in meinem Auto ans Laufen kam, die meinen Blick nicht nur auf Soziale Medien, sondern insgesamt auf unsere Gesellschaft nicht unbedingt verändert, aber erklärlicher gemacht hat. Das legt Lobo plausibel und verständlich auf, und das macht die Folge #81 seines Podcastes so bemerkenswert.

Weiterlesen

Seit einigen Jahren produziere ich für einen Berliner Radiosender Kurzbeiträge für die Sendung Zeitzone, bisher nur Das historische Ereignis. Seit ein paar Monaten habe ich Die historische Person dazugenommen. Von der Recherche über das Texten bis zum Beitrag selbst, der wie üblich mit einem Jingle beginnt. Das historische Ereignis ist überschaubar, es geht um ein politisches, wissenschaftliches oder technisches Ereignis. Selten auch mal um eine Katastrophe oder etwas Kulturelles. Also etwas, was in einem begrenzten Zeitraum stattfand, mit meist wenigen Beteiligten. Da sind die Themen die Gründung der UNO, der Fall der Berliner Mauer oder die Erfindung des Backpulvers durch Dr. August Oetker. Schon nach einiger Zeit war ich mit meinen Resultaten recht zufrieden. Geschätzt habe ich inzwischen so 250 Beiträge zu diesem Thema produziert. Dann kam eben die historische Person dazu. Mit der historischen Person mache ich das nach dem gleichen Schema, war mein erster Gedanke. Schon im ersten Beitrag scheiterte ich genial, wenigstens nur für mich hörbar, im kleinen Kellerstudio und im Büro unter dem Dach.

Weiterlesen

Vor drei Monaten habe ich mich weitgehend bei Facebook verabschiedet. Weitgehend deshalb, weil ich die Social Media-Kanäle des Unternehmens beackere, für das ich broterwebsmäßig unterwegs bin. Ein Résumé über die Zeit nach Facebook. Oder wenigstens der vorsichtige Versuch.

Weiterlesen

Es war 1987, als ich meine erste Email-Adresse bekam, sie war nur im Büro verfügbar, und auch nur über einen bestimmten Rechner. Das war eine Targon /35. Sie lautete boettchers.pad@nixdorf.com und hatte auch nur im Umfeld meines Jobs einen Sinn. Nämlich sich mit Kunden und Kollegen weltweit auszutauschen. In dieser Zeit eine Email-Adresse zu haben, machte mich zu einem Mitglied in einem erlauchten Kreis. Es gab keine Milliarden von Email-Adressen damals, vielleicht einige Hundertausende. Auch alle anderen Teilnehmer in diesem frühen Internet waren Ingenieure, Wissenschaftler, vielleicht noch einige Journalisten oder Lehrende. Kommuniziert wurde über Emails oder die Newsgroups. Letztere kennt heute fast niemand mehr, bis zum World Wide Web sollte es noch gut zehn Jahre dauern. Und noch länger bis zum Geschäftsmodell Facebook, das ich nicht mehr länger unterstützen wollte. Nicht wegen Zuckerberg, sondern aus anderen Gründen.

Weiterlesen

Nachdem unsere Unternehmens-Seite bei Facebook schon einige Zeit online war, wurde ihr plötzlich die Veröffentlichung entzogen. Mit dem Hinweis, wir hätten gegen Facebook-Regularien verstoßen. Nur brachte auch genaustes Studieren dieser Regeln keine Erkenntnis, was wir verbrochen hatten. Einige Tage später, nach mehreren Nachrichten an Facebook über unterschiedliche Kanäle, wurde die Seite abends um 23 Uhr wieder veröffentlicht. Alles im Lot, so dachten wir. Jedoch: am nächsten Morgen um 5:37 Uhr wurde die Seite erneut ent-öffentlicht. Wir standen vor einem Rätsel. Bis wir feststellten, dass genau an diesem Morgen, kurz nach der Wiederveröffentlichung der Seite, um 5:36 Uhr automatisch ein geplanter Beitrag eingestellt wurde. Mit einem Werbeposter, in dem wir ein Stockfoto von Fotolia verwenden. Danach wurde es klar. Weiteres Nachforschen zeigte eine gefährliche Falle in Facebook. In die man völlig ahnungslos latscht.

Kurz zusammengefasst:

  • Der Glaube, man hätte doch das Bild von Fotolia lizensiert, führt in die Irre. Zwar hat man selbst die Lizenz, darf sie für Print oder die eigene Website auch beliebig nutzen, aber durch das mögliche Teilen eines Posts „wandert“ die Lizenz nicht zum Teilenden. Stichwort ist Unterlizensierung.
  • Das hochgeladene Poster war größer als 1000 x 1000 Pixel. Für private Fotos gelten diese Grenzen nicht, für verwendete Stockfotos von Fotolia und Kollegen aber schon.
  • Bei Stockfotos muss ein Urheberverweis wie ©2017 Fotograf/FOTOLIA by Adobe zwingend hinein. Dass man selbst die Lizenz erworben hat, gilt in Social Media nicht, weil ja die Quelle elektronisch reproduzierbar in die Öffentlichkeit kommt.
  • Eine Seite oder ein Beitrag wird nicht nur auf Beschwerde gesperrt, sondern schon automatisch per Software, wenn Facebook Verstöße gegen die Regeln feststellt.

Wir werden in Zukunft also sehr vorsichtig sein, wenn wir Bilder von Fotolia verwenden, gerade bei Facebook. Weitere Einzelheiten zu diesem Thema im diesem Blog eines anderen Nutzers. Der auch auf die Nase gefallen war.

Zumindestens sagt die Medienanalyse ma 2016 etwas ganz anderes.
Radioszene.de
Radioszene.de hat dazu einen passenden Artikel.

Normalerweise halte ich mich aus politischen Diskussionen heraus. Diese Tendenz hat in den letzten Jahren eher zugenommen, nicht, weil ich unpolitischer geworden wäre, sondern weil die Sache mir zunehmend unübersichtlicher geworden ist. Doch gelegentlich erhellt sich eine Geschichte durch eine Kleinigkeit. Bei mir war diese Kleinigkeit eine Serie von Posts in Facebook, einer davon kam von mir und ich meinte, ich würde mir manchmal die Rückkehr in die Siebziger wünschen. Eine Zeit in der alles übersichtlicher war. Eine Antwort auf mein Posting war der Hinweis, dass es in den Siebzigern den Kalten Krieg gegeben hat. Eine politische und militärische Lage, in der nur einfaches technisches Versagen hätte dazu führen können, den Untergang des Abendlandes auszulösen.

Genau dieser Fall ist einmal eingetreten und die Katastrophe würde durch vernünftiges Handeln eines russischen Leutnants verhindert. Zu dieser Katastrophe wäre nicht mal ein einziger Flüchtling oder islamistischer Terrorist notwendig gewesen, das hätten Sowjets und Amerikaner mit ihren Gigatonnen Atomwaffen im Alleingang geschafft. Hatten wir deshalb Angst? Im Grunde nein, denn wir hatten, tatsächlich oder eingebildet, das Gefühl, die Sache zu verstehen. Wir hatten insgesamt das Gefühl, noch alles halbwegs zu verstehen. Die Ölkrise, den Kalten Krieg, Unfälle in Atomkraftwerken. Wir hatten sogar einen Tucken das Gefühl, diese Dinge beeinflussen zu können.

Jeder kann meine Meinung haben

Das war auch sehr einfach. Unsere Meinungen resultierten aus wenigen Quellen. Aus Tagesschau, dem Spiegel, vielleicht dazu die TAZ, unsere Familie und ein paar Verwandte, Freunde und Nachbarn. Öffne ich heute Facebook und Twitter, habe ich geschätzt eine Quadrillion Meinungen, Statements, Behauptungen und Stellungnahmen. Das macht die Geschichte unübersichtlich. Schon deshalb hatte ich manchmal vor, mich bei Facebook abzumelden, weil ich nicht mehr begriff, was da vor sich geht. Was davon ist noch wahr oder authentisch? Was ist Fakt und was ist Behauptung? Was passiert da überhaupt? Warum wird ohne ersichtlichen Grund so manche Sau durchs Dorf getrieben?

Nun geht es mir an dieser Stelle wohl nicht alleine so. Mit fortgeschrittenem Lebensalter, einer Menge Lebenserfahrung, als Akademiker, als gelernter Journalist nach den Fächern Recherche und Presserecht, sollte ich doch diese offensichtlichen Folgen der Globalisierung und um sich greifenden sozialen Medien verstehen. Früher war schon Paris sehr weit entfernt. Heute ist medial gesehen Peking um die Ecke. Was macht man, wenn die Welt um einen herum zunehmend unverständlich, undurchschaubar, unbegreiflich wird? Wenn das Gefühl entsteht, man ist abgehängt?

Genau diese Frage hat schon mal Leute beschäftigt, die an der University of Kent arbeiten. Könnte sein, dass sich durch deren Forschungen das Dunkel etwas lichtet. Diese Leute haben sich damit auseinander gesetzt, warum es in den letzten zehn Jahren in zunehmender Zahl Verschwörungstheorien gibt. Angefangen hatte es zum Beispiel mal vor langer Zeit damit, dass Paul McCartney schon lange tot sei, bewiesen wurde es angeblich auf dem Cover von Abbey Road durch seine fehlenden Schuhe, durch ein Autokennzeichen, durch die Zigarette in der rechten Hand (weil Paul Linkshänder ist). Lady Diana wurde Verschwörungstheorien nach durch den Geheimdienst MI5 umgebracht. Flugzeuge hinterlassen keine Kondensstreifen, sondern sie verspühen Gift und bringen die Menschheit um. Chem Trails genannt. Warum glauben Menschen an krudeste Verschwörungstheorien?

Im Westen nichts wirklich Neues

Die Forscher aus Kent meinen es zu wissen. Sie sagen, dass je geringer die Selbstwirksamkeit und je stärker das Gefühl der Benachteiligung sei, desto größer die Bereitschaft, an Verschwörungstheorien zu glauben. Je mehr man sich als Opfer eines nicht verstandenen Vorgangs fühlt, desto eher hilft eine Verschwörungstheorie. Und je geringer der Bildungsgrad, desto größer die Neigung, komplexe Phänomene so zu erklären, um dem Druck des Nichtverstehens auszuweichen. Im Glauben, die anderen Leute würden es verstehen. In vielen Verschwörungstheoretikern kocht eine Mischung aus Angst, Ohnmacht und Kontrollverlust. Doch wächst mit jedem Tag die Komplexität des Alltags. Das Internet hat seinen Beitrag dazu geleistet, wie ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann. Man versteht nicht mehr, was um einen herum passiert. Man verliert die Orientierung. Ein fruchtbarer Boden für Echokammern und Filterblasen.

Wenn in einer Stadt wie Dresden 0,1% der Einwohner Muslime sind, aber Pegida die Islamisierung des Abendlandes fürchtet, ist das nichts anderes als eine Verschwörungstheorie. Verschwörungstheorien haben einen immensen Vorteil. Sie basieren auf Behauptungen, nicht auf Fakten. Und jeder, der die Theorie anzweifelt oder dagegen argumentiert, ist einer der Verschwörer oder zumindestens darauf aus, den Followern der Theorie Böses zu wollen.

Genau deshalb ist eine Diskussion mit Pegida- oder AfD-Anhängern fruchtlos, denn man will ihnen ihre Verschwörungstheorie wegnehmen, die ihnen doch hilft, in einer nicht mehr verstehbaren und überschaubaren Welt halbwegs unbehelligt zu überleben. Argumente helfen nicht, weil sie die Verschwörung noch viel mehr zu beweisen scheinen, sei es seitens der Lügenpresse, der Politiker oder Andersdenkender. Diese Gegenwirkung steigert noch die Heftigkeit, in der um die Verschwörungtheorie gestritten wird. Im Gegenteil, je mehr diese Theorien ad absurdum geführt werden, desto sicherer sind ihre Anhänger, dass sie stimmen. Weil der Widerstand der Anderen beweist, dass man selbst auf dem richtigen Weg ist. Als wenn mit den Rücktritt der Kanzlerin plötzlich der Strom an Flüchtlingen abnehmen würde. Verschwörungstheorien sind etwas Feines. Man kann sich in sie einwickeln und sie beinhalten den Automatismus, dass jeder Versuch, Fakten dagegen zu stellen, die Theorie bestätigt.

Das Fazit

Betrachtet man die endlosen Schlammschlachten in Facebook oder in Talkshows unter diesem Gesichtspunkt, bekommen die Geschichten etwas Putziges. Plötzlich sieht man die typischen Merkmale und Mechanismen der Verschwörungstheoretiker. Dazu bekommt man die Erkenntnis, dass Argumentieren gegen den Schwachsinn nicht nur unnütz ist, sondern gleich noch Öl ins Feuer gießen bedeutet. Für mich nur eine weitere Bestätigung, mich aus den Diskussionen heraus zu halten. Nicht, weil ich unpolitisch bin. Sondern weil ich zunehmend den Blödsinn darin erkenne. Sollen sich diese Leute doch ihr Öl selbst besorgen.

So fing es an

Als ich mit dem Radiomachen anfing, war mir das Konzept für die ersten Beiträge weitgehend klar. Die Technik war auch kein Thema. Fehlten noch die Texte. Ich ging den sicheren Weg, wie ich heute weiß, wie fast jeder. Schrieb die Texte vor, las sie ab, mischte Text, Musik, Opener und Jingles, fertig war der erste Beitrag. Es folgten weitere, heute produziere ich Beiträge für den Ohrfunk, ein gutes Jahr Lernkurve liegt hinter mir. So viel zur Vorgeschichte. Wenn ich mir heute ältere Beiträge von mir anhöre, ist das eine der effektivsten Lernkurven überhaupt. Wenn man vom allgemeinen Journalismus ins Radio gerät, schreibt man so, wie man eine Nachricht oder einen Bericht schreibt. Hat man Glück, sind Rezensionen noch im Gedächtnis und es wird etwas lockerer, farbiger, freier. Aber meistens hat man Pech. Und so klingt der Text dann auch, eben mehr vorgelesen als moderiert, steif, wenig unterhaltend. Das ist aber gerade das Zeil einer Moderation, zu unterhalten, beim Hörer Interesse zu wecken.

Von diesem Sprech- und damit Schreibstil weg zu kommen, hat mich gut ein Jahr gekostet. Und ich muss zugeben, dass ich ohne die hilfreichen Werke auf der Bücherliste im Abschnitt „Radio/Podcast“ noch länger herum gedoktert hätte. Mittlerweile steigt meine Zufriedenheit und es geht lockerer. Zwar bin ich von Tommi Bongartz und Manni Breuckmann noch Äonen entfernt, hier dann doch ein paar Anmerkungen aus meiner Lernkurve. Den Inhalt der vielen Bücher kann ich nicht einmal streifen, aber es sind die grundlegenden Erkenntnisse, die mir das Leben heute leichter machen. Und ich beziehe mich nur auf Moderationen, Features oder Kommentare, nicht auf Hard News.

Schreibsprache und Sprechsprache

Dass vorgeschriebene Texte so leblos und starr klingen, liegt an der ganz anderen Satzbildung und Wortwahl, je nachdem, ob wir sprechen oder schreiben. Beobachtet man bewusst, wie man spricht und vergleicht das mit Geschriebenem, sind die Unterschiede nicht offensichtlich. Doch es gibt sie:

  • Sprechsprache verwendet viele Binde- und Füllwörter wie „auch“, „aber“, „wohl“ oder „etwas“. In der Schreibsprache sind diese Wörter in der Regel ausgemerzt.
  • Bei normaler Alltagssprache kommen Substantivierungen und Formsprache praktisch nicht vor. Alltagssprache ist gerade aus.
  • Ebenso Fachwörter oder komplizierte Begriffe, es sei denn, sie müssen sein.
  • Sprechsprache zieht Aktiv vor, Passiv wird nur dort verwendet, wo es tatsächlich um einen passiven Vorgang geht.
  • Obwohl grammatisch nicht ganz korrekt, benutzen wir in der Sprechsprache überwiegend Gegenwart und Perfekt. Obwohl die Vergangenheit benutzt werden sollte.
  • Sätze sind eher kürzer und kompakter. Lange und kurze Sätze wechseln oft.

Sprechsprache im Alltag, und Moderationen sind Alltag, ist reduzierter als Schreibsprache. Das, was und wie wir sprechen, würden wir im Normalfall so nicht zu Papier bringen. Sprechsprache ist weniger linear, weniger komplex und entsteht ja erst nach einem unbewussten Vordenken. Schreiben wir dagegen einen Text, so feilen wir schon in der Erstausgabe, noch vor dem Redigieren. Gesprochenes dagegen enthält grundsätzlich mehr Redundanz, überflüssige Wörter, mehr Nebensätze, mehr Füllstoff. Ein weiterer, meistens nicht auffälliger Bestandteil von Sprechsprache, sind Lücken, Ungenauigkeiten und Pausen. Faktor Nummer Drei ist die Sprachmelodie, im Alltag variieren wir die Stimme in viel größeren Bereichen als beim Vorlesen eines Textes. Da geht die Stimme schon mal weit mehr nach oben als beim Lesen. Denn beim Sprechen sind weit mehr Emotionen beteiligt. Aber gerade das ist in der Moderation das Ziel, auch emotional zu wirken.

Vom Sprechen zum Schreiben

Es ist am Anfang ziemlich schwer, von der Schreibsprache wegzukommen und in eine Sprechsprache umzuschalten. Eine größere Hilfe als oft ein Stapel Bücher ist die Fähigkeit, sich selbst für eine Zeit bewusst zu beobachten. Wenn ich spreche, wie sehen meine Sätze aus? Welche Wörter verwende ich oft und wo, in welchem Zusammenhang? Wie „baue“ ist Sätze beim Sprechen? Daraus lassen sich einige Regeln ableiten, auf die ich achte, nicht als Korsett, sondern eher als roter Faden.

  • Die Wortwahl ist eher reduziert als aufgeblasen. Das Hamburger Verständlichkeitsmodell ist in der Praxis hilfreich.
  • Füllwörter nutzen. Der Text wird redundanter, lockerer, aufgelockert. Wiederholungen sind kein Fehler, in der Sprechsprache sind sie nicht zu vermeiden.
  • Wechsel zwischen kurzen und langen Sätzen. Längere Sätze mit einem oder wenigen Nebensätzen. Ein Sinnschrtt pro Satz.
  • Einfügungen, kurze Sinnwechsel lockern den Text auf, auch im Alltag schweifen wir mal kurz ab.
  • Benutzen von Wörtern, die nicht unbedingt zur Schriftsprache gehören (Trumm statt Schiff, Kollege statt Mann, Blatt statt Zeitung, Schmöker statt Buch etc.).
  • Der Text steht nicht für sich alleine und klingt nicht für sich alleine. Mimik, Gestik und Ausdruck hört man tatsächlich. Sie verändern Muskeln im Körper und beeinflussen den Klang der Sprache.
  • Denkpausen, kurze Stops oder Suchpausen sind Teil der Sprechsprache.
  • Je nach Format, Umgebung, Platzierung und Medium kann es sogar passen, Begriffe oder Formulierungen aus der Umgangssprache oder aus dem Dialekt einzuflechten.

Am Ende erfordert das Schreiben von Texten fürs Sprechen etwas Übung darin, in Gedanken zu sprechen und genau das aufzuschreiben. Was zuerst ungewohnt ist. Aus Schule und Ausbildung sind wir eingenordet, statisch zu schreiben, haben die Regeln für gute Aufsätze oder Berichte verinnerlicht. Sich den Freiheitsgrad zurück zu gewinnen, zu schreiben wie uns der Schnabel gewachsen ist, ist Arbeit. Und erfordert genau so Übung und Lernkurven wie das Gegenteil, nämlich exaktes und ausgefeiltes Schreiben. Einige Trainer nutzen Hilfen. Eine davon ist, sich jemanden vorzustellen, oder tatsächlich ein Bild vor sich zu hängen, zu dem man spricht. Also, Angie, was ich Dir schon lange mal erzählen wollte …

?

?

Gehört in einem Geschäft in Bezug auf Handschuhe: „Die Farbe ist jetzt total in.“ »Total« ist ein überzogenes, deplaziertes Steigerungswort, spätestens seit Goebbels überflüssig und mit völlig anderer Bedeutung belegt, »in« ist keine greifbare Qualifizierung, sondern ein leeres Modewort.

Mittagessen in einer Kindergruppe: Betreuerin: „Was möchtet Ihr trinken?“ Kind: „Kann ich Cola?“ Verben waren schon immer überschätzt. Und den Sinnunterschied der Modalverben haben selbst viele Erwachsene nicht auf dem Schirm.

„SOO muss Technik“ kann Würgereiz auslösen, nur stammt der Satz von Erwachsenen.

Nun mag man umgehend einwenden, dass es Jugendsprache schon im Altertum gab und sich schon damals die Altvorderen darüber aufgeregten. Stimmt auch, aber nimmt man eine der ausgeprägtesten Formen der Jugendsprache im Deutschen, die der Siebziger und Achtziger Jahre, und schaut sich dazu einen ihrer auffälligsten Repräsentanten an, nämlich Udo Lindenberg, so ist der Unterschied zu den oben zitierten Sprachbrocken groß. Zwar haben Jugendsprachen immer neue Begriffe und sogar Strukturen erfunden, die Grundlagen der deutschen Sprache, Grammatik und Interpunktation, wurden nicht verbogen. Jugendsprachen entstanden aus Kreativität und Einfallsreichtum, sie dienten entweder der Abgrenzung oder einfach dem Spiel, sie waren keine Sprachverstümmelungen, sie erweiterten Sprache, erschufen neue Wörter. Nicht ohne Grund hat Udo Lindenberg 2010 den Jacob-Grimm-Preis für Deutsche Sprache erhalten. Das ist eine andere Baustelle, wie auch Eva Neuland von der Uni Wuppertal schreibt: „Jugendsprache dient, so unsere Befunde, heute im besonderen Maße der Vergemeinschaftung und Identifikation innerhalb jugendlicher Gruppen und Szenen, während die Abgrenzungsfunktion zu anderen Generationen, zumindest im Bewusstsein der Jugendlichen, heute nicht mehr eine so zentrale Bedeutung hat, wie z. B. in der antiautoritären Schüler- und Studentenbewegung der 1970er-Jahre.“ Nein, „Kann ich Cola?“ ist keine Jugendsprache.

Gemeint ist die mittlerweile allgegenwärtige Verstümmelung von Sprache und die abnehmende Sprachkompetenz der letzten beiden Generationen. Dies ist keine subjektive Behauptung oder angenommene Entwicklung. Der Sprachwissenschaftler Kay Gonzales hat schon 2006 auf einer Fachtagung in Köln die erschreckend geringe Sprachkompetenz der deutschen Jugendlichen kritisiert. Die gleiche Beobachtung kam von Nina Bocksrocker von der Universität Hohenheim wie auch in Berichten der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Die Industrie- und Handelskammern beklagen, dass bis zu 20% der Jugendlichen nicht ausbildungsfähig sind. Wegen mangelnder Sprachkompetenz, und nicht zuletzt wegen mangelnder Sozialkompetenz. Und die Jugendlichen mit Migrationshintergrund sind darin noch nicht berücksichtigt, dort ist die Lage noch katastrophaler. Dabei sollte das Internet doch angeblich die Sprachkompetenz vergrößern, nur haben das die meisten Jugendlichen nicht mitbekommen, und die in Twitter aktiven gar nicht.

Die Folgen der Sprachinkompetenz sind umfangreich in den oben genannten Untersuchungen beschrieben. Ein Mangel an Sprachkompetenz zieht einen Mangel an Handlungskompetenz und auch Sozialkompetenz nach sich. Was ich nicht ausdrücken oder beschreiben kann, kann ich auch nicht ausführen. Und weiter, was ich nicht formulieren kann, kann ich nicht verstehen, wenn es vermittelt werden soll. Mangel an Sprachkompetenz ergibt einen Mangel an Verständnisfähigkeit. Die Linie lässt sich noch weiterführen: was ich nicht sagen kann, das kann ich nicht denken. Ist der Vorrat an aktivem und passivem Wortschatz gering, ist auch die Möglichkeit zum Reflektieren stark eingeschränkt. Oder wie es der alte Wittgenstein postulierte: die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt. Den Zusammenhang zwischen Sprachinkompetenz, Verständnisinkomptenz, damit Denkinkompetenz und rechtsextremer Gesinnung zu untersuchen, wäre ein interessantes Projekt. Und würde vielleicht erklären, warum manche Leute auf Gedanken kommen, die 95% der anderen Menschen nicht nachvollziehen können. Sprache und Denken sind nicht zu trennen, das Eine gibt es nicht ohne das Andere. Ich kann nur denken, was ich sprechen kann.

Schnell kommt die Frage nach Vorbildern auf. Wo sind nun die Gralshüter der Sprache, im professionellen wie im semiprofessionellen Bereich?

Aus Wikipedia:

Johann Wolfgang von Goethe, Ölgemälde von Joseph Karl Stieler, 1828[

Johann Wolfgang von Goethe, Ölgemälde von Joseph Karl Stieler, 1828[

Was geschah am 22. März?

  • Papst Clemens V. verfügt auf dem Konzil von Vienne die Auflösung des Templerordens.
  • Der deutsche Dichter und Schriftsteller Johann Wolfgang von Goethe, einer der wichtigsten Vertreter der Weimarer Klassik, stirbt.

Der erste Satz, aus journalistischem Blickwinkel betrachtet, entspricht den Forderungen nach klarer Übermittlung der eigentlichen Nachricht. Wer hat was wann wo getan. Satz Nummer Zwei tut dies in gewisser Weise auch. Es geht um Goethe, aber bevor wir die eigentliche Nachricht vollständig haben, müssen wir uns durch 16 Wörter hangeln, bis der Nachrichtenkern kommt. Dass der gute Mann gestorben ist, nicht geboren wurde oder geheiratet hat. Dem Autor dieses Satzes kann man die Fähigkeit zum verständlichen Schreiben nicht attestieren. Weil er nicht darüber nachgedacht hat, was er schreibt? Weil dieser Mangel auf einen Mangel an Sprachkompetenz zurück zu führen ist? Das, zugegeben, ist Annahme. Aber nachgedacht hat er bestimmt nicht, was er da schreibt.

Vielleicht wird es deutlicher, geht man vom negativen zum positiven Beispiel. Jakob Augstein im Spiegel über den Solidarpakt:

Die Gemeinsamkeit: Es geht um den öffentlichen Raum. Wem er gehört. Und wer über ihn verfügt. Das ist nämlich immer seltener die Öffentlichkeit und immer häufiger das, was man den privaten Sektor nennt. Das liegt daran, dass der Öffentlichkeit, also den Vielen, das Geld ausgeht. Während die Privaten, also die Wenigen, Geld in Hülle und Fülle haben. Die Lage ist so, dass der Osten immer noch pleite ist und der Westen inzwischen auch. Der Osten kann seine eigenen Ausgaben nur zu einem knappen Drittel selbst tragen. Und von den etwa 400 NRW-Kommunen haben nur acht einen ausgeglichenen Haushalt. Kein Wunder, dass das Murren im Westen lauter wird. Und kein Wunder, dass der Osten unruhig wird. Aus dem Westen tönt es, der Solidarpakt sei „ein perverses System“ und aus dem Osten kommt es zurück „Neiddebatte“ und „Wahlkampfmanöver“. Der Streit zwischen Bürgermeistern West und Bürgermeistern Ost handelt davon, wem es am schlechtesten geht. Die Armen im Land spielen sich gegeneinander aus. Sie fangen an, sich wie die Straßenkinder gegenseitig den letzten Bissen aus den Händen zu reißen.

Der Text liest sich trotz des nicht einfachen Themas leicht. Zumindestens für den halbwegs Sprachkompetenten. Der Grund liegt darin, dass Augstein nur bei kurzen Sätzen dem Prädikat erlaubt, am Ende zu stehen. In längeren Sätzen steht das Prädikat spätestens in der Mitte, so dass der aktive Aspekt möglichst früh klar wird. Nämlich was geschieht oder was getan wird, der Kern der Satzaussage. Das ist Sprachkompetenz. Das ist die Fähigkeit, mit Sprache umzugehen, sich der Wirkung und Bedeutung von Sprache bewusst zu sein. Vielen, vor allen Dingen Jugendlichen, aber auch zahlreichen Erwachsenen, ist dies nicht vergönnt. Sprache wird immer mehr reduziert, wie Untersuchungen des Goethe-Institutes zum aktiven und passiven Wortschatz an Kindern und Jugendlichen gezeigt haben.

Nun mag man die Betrachtung von Sprachkompetenz als Korinthenkackerei oder Besserwisserei abtun, wie man es Bastian Sick als Autor der Kolumne »Zwiebelfisch« im Spiegel unterstellt. Doch die Konsequenzen des Sprachverlustes reichen viel weiter als auf den ersten Blick zu sehen. Wenn Jugendliche nicht ausbildungsfähig sind, wegen Defiziten an allen Enden, wie dann den Fachkräftemangel in unserer Wirtschaft beheben? Ganz zu schweigen von den Kosten, die entstehen für Nachqualifizierung oder Finanzierung der Arbeitslosigkeit. Wenn schon Abiturienten in die verflachten und reglementierten Bachelor-Studiengänge gehen, ohne sichere Kenntnisse von Stil und Grammatik und mit eingeschränktem Ausdrucksvermögen, wird das dem technologischen und wissenschaftlichen Rang dieses Landes nicht gut tun. Wer desöfteren Arbeiten von jungen Leuten redigiert oder korrigiert, wird diese Mängel sehen können. Doch anstatt gegenzusteuern, macht die Politik eine Kehrtwende. Verkürzung der gymnasialen Oberstufe um ein Jahr, immer engere finanzielle Grenzen für Hochschulen und Schulen, Verkürzung und Streichung hier und dort. Hinweise und Mahnungen, dass die Politik die Grundbildung aller Kinder vernachlässigt und stattdessen zu viel von Begabtenförderung faselt, gibt es genug.

Es wäre zu einfach, diese Defizite auf das Internet oder soziale Herkunft zu schieben. Sicher spielt der Aspekt der Herkunft eine Rolle für die Sprachentwicklung, offensichtlich bei Migrantenkindern. Leider trifft die immer gerne benutzte Verlagerung der Verantwortlichkeiten auf Lehrer und Erzieher die Falschen. Auch an Vorbildern fehlt es nicht, doch welcher Jugendliche liest schon »Zeit« oder »Spiegel«. Und die Sünde setzt sich fort, wo schon in der Familie Sprache verkümmert, wo nicht mehr gemeinsam gegessen und gesprochen wird, werden Kinder Sprache als Kultur kaum schätzen lernen. Es ist also nicht einfach zu wenig Schule, zu wenig Bildung und zu viel Internet. Und doch muss der Gemeinschaft, repräsentiert durch den Staat, eine erhebliche Mitschuld gegeben werden.

Die versuchte Egalisierung, der Abbau von Hürden und Chancen zugleich im herkömmlichen Hochschulstudium, das Nachbeten der schwachsinnigen Parole »Gleichheit, Gleichheit, Gleichheit« hat niemandem genutzt. Die naheliegendere Antwort statt ›immer vorwärts‹ wäre ›ein Stückchen zurück‹. Zurück zu einer nicht mit Englisch voll gepackten Grundschule, sondern zu einer Grundschule, in der Raum für Wachstum und Entwicklung statt Leistungsdruck im Vordergrund steht. Zurück zu höheren Schulformen, in denen nicht das Auswendiglernen für das Zentralabitur maßgeblich ist, sondern Möglichkeiten zur Entwicklung von Sprach- und Denkfähigkeit, Reflektion und Bewusstwerdung. Aber nein, packen wir noch mehr Randfächer in die Schulen, Chinesisch und Serbokroatisch in die Kindergärten, Linguistik und Philosophie in die Grundschulen, reduzieren wir die Schulzeit noch um ein paar Jahre und wir werden nur noch Genies züchten. Nur sprechen, vernünftig und farbig sprechen und schreiben können sie nicht. Macht nix, es gibt ja eine sehr ausgereifte Rechtschreibprüfung in Word.