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Michael Winterhoff: Mythos Überforderung

Michael Winterhoff: Mythos Überforderung

Nach den ersten Seiten hatte ich die Befürchtung, zu einem Ratgeber gegriffen zu haben. Was sich spätestens ab der vierten oder fünften Seite erledigte. Hätte ich mir bei Michael Winterhoff, einem der bekanntesten Kinder- und Jugendpsychiater und Psychotherapeuten, auch nicht vorstellen können. Schließlich hatte ich mir das Buch ja nicht wegen eines eigenen Gefühls gekauft, sondern wegen des Klappentextes. Was ist dran, an der breit gestreuten Ermüdung und Überforderung, dem Gefühl des Dauerstresses, der zunehmenden Zahl an diagnostizierten Burnouts und der Ruhelosigkeit? Und was ist dran an den Klagen von Lehr- und Kindergartenpersonal über Helikoptereltern, völlig überzogene Forderungen an Schule und KiTa? Als gut beschäftigter Psychiater, der diese Kinder, und natürlich deren Eltern, tagtäglich in seiner Praxis hat, sollte er etwas dazu sagen können, ob sich die Rollen zwischen Eltern und Kindern so stark geändert haben. Beobachten kann ich es selbst, wenn die engen Straßen in meinem Dorf kurz vor acht komplett verstopft sind, weil Horden von Eltern ihre fast zehnjährigen Kinder mit riesigen SUVs fast noch mittig auf dem Schulhof abliefern. Da hat sich schon etwas verändert, doch die Palette an Veränderung ist breit, weshalb Winterhoffs Analysen nicht gerade einfach sind. Und seine Ratschläge für Abhilfe werden einige Leser enttäuschen.

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Erik Schilling: Authentizität

Erik Schilling: Authentizität

Bis in die achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hatte der Begriff des Authentischen fast nur eine Bedeutung in Kunst und Wissenschaft. Ein Werk oder ein Dokument war authentisch, wenn es zuverlässig einem Erschaffer zuzuordnen war oder seine Herkunft und seine Rolle in der Zeit geklärt. Mit dem beginnenden 21. Jahrhundert fing man an, auch Menschen das Attribut authentisch zu geben. Was sagen sollte, dass jemand in seinem Handeln oder Sprechen seinem eigentlichen Wesen entsprach. Ein weiterer Megatrend nach Offenheit, Diskursfähigkeit oder Toleranz, auch, aber nicht nur im linksliberalen Spektrum. Der Literaturwissenschaftler Erik Schilling von der Ludwig-Maximilians-Universität in München hat ein Buch über die Authentizität geschrieben, über diesen positiven und wohlwollenden Begriff. Inzwischen treibt der Gebrauch des Wortes seltsame Blüten, Hersteller von Trekkingbekleidung bezeichnen ihre Hosen und T-Shirts als authentisch. Spätestens hier wird deutlich, dass mit dieser Vokabel irgendetwas nicht stimmt. Denn Bekleidung hat wohl kaum ein eigenes Wesen, das repräsentiert werden soll. Deshalb stellt Schilling fünf Thesen zur Authentizität auf und arbeitet sich in seinem Buch daran entlang. Am Ende wird klar, dass es sich bei der Authentizität genau so wie bei der Individualität oder der Identität, mit der Leute hausieren gehen, um eine Worthülse handelt. Ein Narrativ ohne Inhalt. Alle wollen authentisch sein, aber keiner kann sagen was das ist. Dabei zerlegt Schilling nicht nur dieses Unwort, sondern gleich noch den Zeitgeist dieser Tage.

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Michel Winterhoff: Deutschland VERDUMMT

Michel Winterhoff: Deutschland VERDUMMT

8. März 2021, die Buchhandlungen öffnen wieder. Also auf nach Salzkotten und die Buchhandlung Meschede mal persönlich in Augenschein nehmen. Leider kaum Sachbücher im Angebot, nur Romane und Reiseliteratur, also werde ich bestellen und abholen müssen. Doch ein Buch fiel mir auf. Leider erinnerte mich der Titel an ein unsägliches Werk eines rechtspopulistischen Autors, doch nachdem ich den Autor dieses Buches und den Untertitel sah, nahm ich das Buch doch mit. Von Michael Winterhoff habe ich schon einige Bücher gelesen, deutscher Kinder- und Jugendpsychiater, Psychotherapeut und Autor. In seinem neusten Buch aus 2021 setzt er sich mit dem deutschen Schulwesen auseinander. Natürlich nicht als eingebildeter Pädagoge, sondern aus seiner Sicht als Psychiater und Psychotherapeut. Hobby-Virologen und eingebildete Wissenschaftler haben wir zur Zeit schon genug. Und er tut das genau so wie in seinen früheren Büchern auf Basis seiner Erfahrungen und seinem Wissen über Kinder und ihre psychische Entwicklung, aus seinen Tätigkeiten als Berater in Politik und Wirtschaft. Zwar bin auch ich kein Pädagoge, aber als Nachhilfelehrer schon mit den Merkwürdigkeiten und Eigenheiten des aktuellen Nachwuchses konfrontiert. In gewisser Weise hat mich Winterhoff beruhigt, dass ich mit meiner Wahrnehmung nicht alleine da stehe. Weniger beruhigt hat mich der Zustand unseres Bildungssystems. Das er treffend und klar analysiert.

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Gerd Gigerenzer: Bauchentscheidungen

Gerd Gigerenzer: Bauchentscheidungen

Als im Sommer 2020 absehbar wurde, dass ich von meinem Job die Nase voll hatte und zum Jahreswechsel Rente beantragen würde, kam schnell ein Gedanke auf. Nämlich der, Niedersachsen wieder zu verlassen und in meine alte Heimat Ostwestfalen zurück zu kehren. So klebte ich zwei DIN A4-Blätter zusammen, bildete eine Matrix aus Argumenten wie kulturelles Angebot, Freizeitmöglichkeiten, Wandermöglichkeiten, Kontakt zu Freunden und Familie, Mietspiegel und vieles mehr. Nachdem eine lange Liste zusammen gekommen war, die jeweiligen Aspekte sortiert und bewertet waren, saß ich eher hilflos vor der Sammlung. Irgendwie spiegelte diese Aktion nicht wirklich das wider, worum es mir ging. So knüllte ich das Papier zusammen, warf es in den Papierkorb und setzte in ImmobilienScout24.de eine Suchanzeige nach Mietwohnungen in der Umgebung von Paderborn auf. Was hatte die Entscheidung nun tatsächlich zu Stande gebracht?

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Erwin Grosche: Padermann

Erwin Grosche: Padermann

Nicht-Paderborner brauchen sich dieses Buch nicht zu kaufen, denn sie verstehen die meisten Geschichten nicht. Das ist wie das Prime Time Theater im Wedding, wenn man die sozialen Unterschiede zwischen Charlottenburg und Wedding und Lichtenhain nicht kennt, gehen die meisten Jokes an einem vorbei. Denn Erwin Grosche verwendet in seinen Büchern Dinge, die so nur der Paderborner kennt, sei es die große Gitarre am Laden von Herbert Schallenberg, oder die Namen der sechs Paderquellen (obwohl ich der Fraktion angehöre, die die Augenquelle dazu zählen würde), oder den Bioladen an der Nordstraße. Grosche ist Heimatdichter im reinen Sinne. Seine Geschichten handeln von den Dingen, die in Paderborn wichtig sind. Oder wichtig sein könnten.

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Klaus Kordon/Erich Kästner

Klaus Kordon/Erich Kästner

Alle Gegenwehr gegen die schöngeistige Literatur hilft am Ende nichts, wenn man ein Buch in die Hand gedrückt bekommt und dann am Ende die Neugier überwiegt. Weil mir dieser Autor schon so oft untergekommen ist, weil ich sein Museum und sein Denkmal in der Dresdener Neustadt am Albertplatz so oft gesehen habe. Erich Kästner, wohl einer der bekanntesten Autoren der deutschen Geschichte. Emil und die Detektive, Pünktchen und Anton, eigentlich waren mir eher die Kinderbücher von Kästner geläufig. Offen gestanden wusste ich über Kästner eigentlich nicht wirklich etwas. Klaus Kordon ist eigentlich selbst Schriftsteller im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur. Er hat aber ebenso die Kästner-Biografie Die Zeit ist kaputt geschrieben, in der ich zum ersten Mal etwas über Erich Kästner in Details erfuhr. Kordons Darstellung Kästners ist deshalb so interessant, weil Kordon aus einer wohl überlegten Sicht an die Person Kästners heran geht. Er bleibt einerseits in einer gewissen Distanz zu diesem Sachsen, schildert aber sein Leben in einem ausbalancierten Mix aus geschichtlichen und persönlichen Stichpunkten. Er zeichnet dieses Bild von Kästner, der oft geradezu angefeindet wurde, weil er nicht in die Emigration flüchtete, ja sogar selbst zuschaute, als sein Bücher von den Nazis verbrannt wurden, neutral und zugleich mit Anerkennung.

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Thilo Bode: Die Essensfälscher

Thilo Bode: Die Essensfälscher

Noch ein Buch übers Essen. Also etwas Ähnliches wie dieses hier, aber aus einer anderen Perspektive. Was macht man, wenn ein Markt völlig gesättigt ist, wie steigert man trotzdem noch seine Umsätze? Das erste Semester in Marketing lehrt als Antwort, dass man dem Mitbewerb Kunden abspenstig machen muss. Oder neue Märkte schaffen. Genau so machen das Nestlé, PepsiCo oder Dr. Oetker. Davon, wie die Lebensmittelkonzerne ihre Umsätze immer noch steigern, dazu den Verbraucher täuschen und belügen, schummeln und tricksen, darum geht es im Buch von Thilo Bode, Mitbegründer der Organisation foodwatch. Ganz neu ist das Buch nicht, es stammt aus 2010, doch die Methoden der Essensfälscher sind immer noch die gleichen, leider. Mit solchen zuständigen Leuten wie Julia Klöckner, aktuell Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, die es schafft, alle Veränderungen zugunsten der Konsumenten zu verhindern, wird das noch lange so bleiben. Die erfolgreich unterstützt, dass uns die Lebensmittelproduzenten mit noch mehr Zucker, noch mehr Aromen und Geschmacksverstärkern bei der Stange halten. Genau gegen diese offene und versteckte Lobby schreibt Thilo Bode an. Man kann es plakativ nennen, oder ehrlich.

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Massimo Montanari: Spaghetti al pomodoro

Massimo Montanari: Spaghetti al pomodoro

Auch ein Buch übers Essen. Aber nur über ein ganz spezielles, dessen großer Fan ich bin. Inzwischen habe ich selbst so ganz unterschiedliche Rezepte, doch dieses Büchlein ist kein Rezeptbuch. Darauf gestoßen bin ich im Spiegel, der dem Buch einen Artikel widmete. Es geht nämlich nicht um das Rezept, oder die Rezepte, sondern um die Geschichte dieser beliebten italienischen Nationalspeise. Massimo Montanari unterrichtet Geschichte des Mittelalters an der Universität von Bologna, wo er den Studiengang ››Geschichte und Kultur der Ernährung‹‹ leitet. Der Historiker gilt als hervorragender Spezialist für europäische Ernährungsgeschichte.

Es beginnt mit der Frage, woher die Nudel eigentlich stammt. Entgegen der oft gepflegten Behauptung, Nudeln kämen ursprünglich aus China, liegt ihre Herkunft viel näher, nämlich im Nahen Osten. Die Tomate, und damit die Grundlage für die Sauce, steuerten die Spanier bei, aus ihren Besuchen im Süden des amerikanischen Kontinents. Zuerst war eine Sauce aus oder mit Tomaten gar nicht für die Nudel zuständig, sondern nur eine der vielen Saucen, die in Italien geradezu zwingend zu einem Gericht gehörten. Erst mehr zufällig kamen Pasta und Tomatensauce zusammen. Und das erst sehr spät, nämlich im 19. Jahrhundert.

Das alles in vielen Details und wohl fundiert. Kein neues Rezept, sondern neue Erkenntnisse sind der Zweck des Buches. Lesenswert, lustig, überraschend.

Maccheroni, Tagliatelle, Vermicelli … der große Historiker der europäischen Ernährungsgeschichte hat mit »gusto« ein kleines Meisterwerk über die Mutter aller italienischen Gerichte verfasst. Gibt es etwas, das typischer italienisch ist als Spaghetti al pomodoro? Elegant und aus seinem großen Forschungswissen schöpfend erzählt Massimo Montanari die Geschichte dieses Gerichts und räumt dabei mit all den kursierenden Halbwahrheiten und Vorurteilen auf. Wir erfahren, wie die Pasta als Variante des orientalischen Fladenbrots entstand, wie die Araber einen neuen Typ aus Hartweizen verbreiteten und in Sizilien schon im 12. Jahrhundert industrielle Fertigung eingeführt wurde (kein bisschen handgemacht von der Mamma). Und dass die getrocknete Pasta zwei Stunden gekocht wurde (von »al dente« keine Rede). Pfeffer und Hartkäse kommen ins Spiel, Tomaten in Form der »spanischen Sauce« auf den Teller, die Gabel auf den Tisch. Die Raffinesse zieht ein mit Peperoncino, Knoblauch und Zwiebel, die Farbe mit dem Basilikum. Und natürlich geht es auch ums Olivenöl – von dem jeder gern behauptet, das beste komme aus seiner Gegend. Montanari zeigt, wie das Lob des Herkunftsgebiets zu Intoleranz und Fanatismus führt und die Ursprünge der Pasta mystifiziert werden. Eine leicht genießbare, aber gehaltvolle und unterhaltsame Lektüre. Und die Ursprünge der Pasta in China? Fake news! (Klappentext Verlag Klaus Wagenbach)

Manfred Kriener: Leckerland ist abgebrannt

Manfred Kriener: Leckerland ist abgebrannt

Ich habe mich immer für einen kritischen Esser und Verbraucher gehalten. Aber dieses Buch hat mir noch einmal gezeigt, dass mein Wissen über Lebensmittel und Essen überhaupt noch lange nicht belastbar ist. Eigentlich kenne ich Manfred Kriener aus einer anderen Ecke, nämlich als Gründer der Tageszeitung taz. Beschäftigt sich vor allem mit Umwelt und Umweltpolitik wie auch mit Ernährungsthemen. Dieses Buch aus 2020 will aber nicht der nächste Ratgeber sein, der uns sagt, was wir noch essen dürfen und was nicht, was gut und was falsch ist. Kriener will Wissen über unser Essen vermitteln, wo es herkommt, wie es entsteht, welche Wirkungen es hat, dass wir Produkte nutzen oder nicht. Moralische Aspekte im Sinne der Biogeneration bleiben außen vor. Stattdessen geht es um Fakten, Daten und Informationen. Man weiß bei vielen Dingen nicht, was einem da aufgetischt wird. Das will Kriener ändern, das schafft er sogar unterhaltsam. Trotzdem vergeht einem manchmal der Appetit. Nur wegen der Faktenlage.

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Bill Bryson: Eine kurze Geschichte des menschlichen Körpers

Bill Bryson: Eine kurze Geschichte des menschlichen Körpers

Beinahe hätte ich gedacht, ich hätte seine Masche durchblickt. Man sammle Unmengen unglaublicher Fakten, mische sie mit Sprachwitz, Humor und Charme und fertig ist ein typisches „Eine kurze Geschichte …“-Bryson-Buch. Aber so einfach ist die Sache nicht. So einfach schreibt man keine Bücher, die ein Leser ungern vor dem bitteren Ende aus der Hand gibt. Sein erstes Buch für mich war seine Reise durch seine Wahlheimat Großbritannien. Seitdem stehen alle deutschen und auch einige englische Ausgaben seiner Bücher in meinem Regal.  Bill Bryson, 1951 in Des Moines in Iowa geboren, zog 1977 nach Großbritannien und schrieb dort mehrere Jahre für die Times und den Independent. Aber erst mit seinem Buch Reif für die Insel gelang Bill Bryson der Durchbruch. Heute ist er in England der erfolgreichste Sachbuchautor der Gegenwart.

Aber nicht nur, er war von 2005 bis Ende 2011 Kanzler der britischen University of Durham, die ihm dann die Ehrendoktorwürde verlieh. Dieses letzte Buch von ihm erschien 2019, noch vor der Corona-Krise. Eigentlich schade, denn Bryson hätte sicher dieser Geschichte auch noch ganz andere Seiten abgewonnen. Aber was ist dann der Kniff, was macht ihn so erfolgreich?

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