Uwe Wittstock: Februar 33

Wer noch etwas mit Namen wie Heinrich und Thomas Mann, Käthe Kollwitz, Carl von Ossietzky, Heinrich von Brentano, Berthold Brecht und sogar Gustav Kiepenheuer anfangen kann, für den ist das Buch das richtige. Allen gemein ist, dass sie von den Nazis nach der Machtübernahme mit der Vereidigung Adolf Hitlers als Reichskanzler am 30. Januar 1933 vertrieben, verhaftet oder wenigstens mundtot gemacht wurden. Künstler, Schauspieler, Journalisten und Theaterleute bis hin zu Verlegern und natürlich auch Politiker. Es geht jedoch in diesem Buch nicht um Politiker, die spielen eher eine Nebenrolle, als historische Fakten, Taktgeber oder Zeitgenossen. Wie das verbrecherische Regime ab der Machtübernahme die deutsche Kulturszene umkrempelte, als nur noch den Nazis wohlgefällige oder dienstbare  Geister oder besser gleich Parteimitglieder einen völkischen, antisemitischen und stramm rechten Kurs durchsetzten. Der Februar 1933 war in diesem Trauerspiel ein zentraler Monat, nach den Notverordnungen der Beginn der Horrorjahre bis 1945. Aber Februar 33 ist kein Geschichtsbuch, keine Auflistung von Daten und Geschehnissen, sondern ein Roman. Es geht um die Zeit, als man im Januar Deutschland als demokratische Republik verließ und im März in eine Diktatur zurückkehrte.

Doch so gut wie nichts in diesem Roman ist erfunden, bis auf einige Ausschmückungen, die dem Fluss der Geschichte helfen. Der ganze Rest ist dokumentierte Geschichte, alle Personen, alle Vorkommen, alle Entwicklungen. Die man so auch in reinen Geschichtsbüchern nachlesen könnte. Aber Wittstock macht aus den geschichtlichen Dingen eine Art Erzählung, wie es sonst den Romanen vorbehalten ist. Von den ersten Anzeichen des Umbruches, als schon viele Leute längst ahnten, was in der nächsten Zeit kommen würde, bis zur Emigration vieler Kulturschaffender und Autoren bis zum Ende der Weimarer Republik. Das Drangsalieren hatte schon begonnen, spätestens seit dem Einzug der NSDAP in den Reichstag und der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler. Ein zentraler Punkt der Geschichte ist die Preußische Akademie der Künste und ihrer Abteilungen, in ihr zeigen sich beispielhaft die Veränderungen, die nun den Alltag bestimmten. Als die Diktatur am Horizont sichtbar wurde. Marschierende SA-Kolonnen, die Jagd auf Juden und Kommunisten, Bedrohungen allerorten. Und eine Spaltung der Gesellschaft in die, die die Nazi-Herrschaft begrüßten, und die, die sie ablehnten.

Erst wenige Kulturschaffende setzen sich vor Ende Februar 1933 ins Ausland ab. Die, die blieben, nahmen die Gefahr nicht ernst oder hofften, dass Adolf Hitler scheitert. Doch das alles war erst ein Vorspiel.  Am Tag nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar erließ die NSDAP die Notverordnungen, mit denen Bürger- und Personenrechte, die Unantastbarkeit der Wohnung, das Brief- und Fernmeldegeheimnis außer Kraft gesetzt wurden. Ab dem 28. Februar begann die Jagd der SA und SS sowie der Polizei auf Kommunisten, Sozialdemokraten, Künstler, Intellektuelle und alle angeblichen Staatsfeinde. Nur noch wenige schafften die Flucht aus Deutschland, die meisten auf den schon lange vorbereiteten Todeslisten landeten in Gefängnissen und in den ersten Konzentrationslagern. Schwammige Formulierungen in den Notverordnungen erlaubten Todesurteile nach Belieben. Der Nazi-Terror hatte endgültig begonnen. Am 5. März 1933 erreichten die NSDAP und die verbündete DNVP die Mehrheit im Reichstag. Nicht mehr lange, und auch diese letzte demokratische Institution sollte kaltgestellt werden. Spätestens im März hatte die erste liberale Demokratie auf deutschem Boden der Diktatur weichen müssen, herrschte ein Terror-Regime in Deutschland. Nur wenigen Verfolgten gelang es unter großen Schwierigkeiten, dieses Land zu verlassen und in der Schweiz, in Österreich oder Frankreich in Emigration zu gehen. Viele davon nicht einmal freiwillig.

Wittstock schafft es, nüchterne Fakten zu einer Geschichte zu machen, die sogar zum Ende hin spannend und dicht wird.  Auch wenn es gelegentlich nicht ganz einfach ist, das Schicksal nicht so bekannter Personen zu verfolgen und komplexe Netzwerke, die es schon damals gab, zu durchschauen, wird die Situation und Stimmung dieser Zeit geradezu greifbar und spürbar. Wie in einem Krimi entwickelt die LeserIn eine Beziehung zu den Protagonisten, kann Motivationen und Emotionen nachvollziehen. Das, was sonst nur Randnotizen in Biografien sind, kommt hier in den Fokus, macht aus historischen Personen wirkliche Menschen. Man fiebert ein wenig mit, was denn nun aus Thomas Mann, Carl von Ossietzky oder Bertold Brecht wird. Obwohl das Ergebnis und der weitere Weg schon bekannt sind. Aber so lange man in dieser Story hängt, bekommt alle Historie eine neue Atmosphäre. Durch den Bezug auf bekannte Künstler wird die Geschichte erst nachfühlbar. Kaum zu glauben, dass man der Geschichte in diesem Land solche neuen Facetten abgewinnen kann. Zugleich ist das Buch Mahnmal, die Werte und Gesetze der jetzigen Bundesrepublik zu verteidigen und zu schützen, gegen Leute, denen Macht und Gewalt wichtig sind. Nicht Menschen.

Das hier sind keine Heldengeschichten. Es sind Geschichten von Menschen, die in extreme Gefahr gerieten. Viele von ihnen wollten die Gefahr nicht wahrhaben, sie unterschätzten sie, sie reagierten zu langsam, kurz: Sie machten Fehler. Natürlich kann heute jeder, der in Geschichtsbüchern blättert, sagen, sie seien Narren gewesen, wenn sie 1933 nicht begriffen, was Hitler für sie bedeutete. Doch das wäre unhistorisch gedacht. Wenn der Satz, Hitlers Verbrechen seien unvorstellbar, einen Sinn hat, dann gilt er zuallererst für seine Zeitgenossen. Sie konnten sich nicht vorstellen, sie konnten allenfalls ahnen, wozu er und seine Leute fähig waren. Vermutlich gehört es zur Natur eine Zivilisationsbruches, schwer vorstellbar zu sein. (Uwe Wittstock)

Uwe Wittstock wurde 1955 in Leipzig geboren. Da seine Eltern bereits 1957 den Verlockungen des freien und wilden Westens folgten, wuchs er in Bonn, später in Köln auf, ohne je ein Wort sächsisch gesprochen zu haben. Nach dem Studium in Köln und ersten Literaturkritiken für verschiedene Zeitschriften bot sich 1980 die unwiderstehliche Gelegenheit, Redakteur der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ zu werden in der Literaturredaktion von Marcel Reich-Ranicki. Die folgenden gut neun Jahre erwiesen sich erwartungsgemäß als überaus lehrreiche Zeit. Von 1989 bis 1999 war er dann als verantwortlicher Lektor für deutschsprachige Literatur im S.Fischer Verlag tätig und parallel dazu Mitherausgeber der Literaturzeitschrift „Neue Rundschau“. 1992 nahm er eine Gastprofessur als „Critic in Residence“ an der Washington University in St. Louis (Missouri) wahr. Von 2000 bis 2010 war er Redakteur der „Welt“, zunächst als stellvertretende Leiter des Feuilletons, danach als Kulturkorrespondent erst in Paris und dann in Frankfurt am Main. 2006 wurde er von der Kleist-Gesellschaft zum Vertrauensmann bestellt und vergab den Kleist-Preis alleinverantwortlich an Daniel Kehlmann. Von 2010 bis 2017 war er Literaturredakteur des Nachrichtenmagazins „Focus“, zunächst in München, dann in Berlin. Seit 2018 ist Uwe Wittstock freier Schriftsteller und Journalist und schreibt für „Focus“ die Kolumne „Buch & Welt“. Ausgezeichnet mit dem Theodor-Wolff-Preis für Journalismus. 2019 erhielt er das Spreewald-Literaturstipendium. (Quelle: Wittstocks Homepage)

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