Gegen falsche Toleranz und Panikmache

Über Integration von Migranten und Flüchtlingen reden viele. Für die Einen sind sie der Untergang des Abendlandes, die unsere Kultur bedrohen und den Sozialstaat aussaugen. Für Andere, wie es mal die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt formulierte, ein Geschenk des Himmels. Für Leute gerade aus dem linksliberalen Spektrum ein Heer von Opfern und Kuscheltieren. Dass beide Stereotypen nicht zutreffen, ist  logisch. Bleibt die Frage, wie man diese Menschen aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan hier heimisch machen kann, sie in die deutsche Gesellschaft integriert. Ahmad Mansour, deutsch-israelischer Psychologe und Autor mit arabischen Wurzeln, sollte die Antwort wissen müssen. Nur werden Einigen die Antworten nicht gefallen.

Es wäre dürftig, diese Antworten einfach auf den Tisch zu legen. Es wäre überflüssig, weil wir diese Antworten nicht verstehen könnten. Mansour wählt einen anderen Weg. Er erzählt seine eigene Migrationsgeschichte, dazu die des IS-Kämpfers Abbas und des Palästinensers Nader, die von Frauen, die aus dem patriarchalischen Universum ihrer Familien flüchten wollen. Er erzählt von seiner Arbeit mit Flüchtlingen. Damit wird nach und nach eine andere Welt sichtbar, die wir eben nicht aus Zeitung und Fernsehen kennen, die dort nicht einmal stattfindet. Man bekommt ein grundlegendes Verständnis, wie es Menschen ergeht, wenn sie aus teilweise archaischen Gesellschaften in das moderne, freiheitliche und demokratische Europa geworfen werden. Mansour erzählt diese Geschichten nicht dramatisch, auch nicht nüchtern, sondern emphatisch mit einem Blick auf den Menschen. Es wäre vergleichbar mit der Situation, wenn wir durch eine Zeitmaschine ins 23. Jahrhundert transportiert würden. Die Fremdheit, das Nichtverstehen, das Alleinsein in einer Welt, die man nicht versteht. Und irgendwann auch nicht mehr verstehen will. In der man sich nicht einmal erwünscht fühlt.

Daraus leitet Ahmad Mansour seine Antworten ab. Die wieder sind zuerst einfach, nämlich dass unser Grundgesetz, unsere Verfassung, die Basis alles Handelns und aller Werte ist. Zu Deutschland zu gehören heißt dieses Grundgesetz zu achten und sein Handeln daran auszurichten. Wenn es denn so einfach wäre. Hier setzt Mansour an und zeigt sehr deutlich, warum Integration in Deutschland und in anderen westlichen Ländern nicht funktioniert, nicht geschieht. Weil eben das heutige Verständnis von Integration die Menschen nicht betrachtet, nicht ihre Ängste, nicht ihr Nichtverstehenkönnen und auch Nichtverstehenwollen. Wegen seiner eigenen Geschichte kann Mansour eine Brücke bilden zwischen den Problemen der Migranten und uns, die wir die aufgeklärte europäische Gegenwart für selbstverständlich halten. Aber er macht Integration nicht zur Einbahnstraße. Wir Eingesessene in diesem Land müssen integrieren wollen, die Neuankömmlinge müssen sich integrieren lassen. Damit es funktioniert, liefert Mansour am Ende des Buches konkrete Schritte. Für beide Seiten. Für Politik, Schulen und Sozialstaat.

Mansour hat den großen Vorteil, dass er beide Welten kennt. Noch ein Vorteil für ihn: er braucht mit seiner Person und Vergangenheit plus Gegenwart keinen Spagat zu machen. Niemand wird ihm Rechtspopulismus vorwerfen können, im Gegenteil sagt er, dass wir den Rechten nur in die Hände spielen, wenn wie nicht aufhören, uns an den Wahrheiten vorbeizumogeln, unbequeme Wahrheiten unter dem Tisch verstecken und hoffen, dass es keiner merkt. Es gibt ja muslimische Parallelgesellschaften, es gibt Gewalt und Unterdrückung in muslimischen Familien, für uns unverstehbare Ehrenmorde an Frauen und Töchtern. Es gibt Migranten, die gar nicht zu Deutschland gehören wollen, aus mehreren Gründen. Mansour nennt diese Wahrheiten manchmal unangenehm direkt und unverblümt. Bei manchen seiner Klarheiten muss man schon mal schlucken, seine sozial-liberale Komfortzone verlassen und anders zu denken wagen. Am Schluss des Buches kann man ihm kaum noch widersprechen. Der Mann hat wohl verdammt Recht. Das Buch sollte Pflichtlektüre für alle sein, die mit Integration zu tun haben oder im Thema mitreden wollen. Leider werden gerade die, die das Buch am nötigsten haben, es nicht lesen.

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  1. […] in der Vergangenheit verloren. So deckt sich ihre Darstellung mit denen anderer Autoren wie die von Ahmad Mansour oder Hasnain Kazim. Natürlich gibt es auch italienische oder spanische Parallelwelten in […]

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