Was ist bloß da drüben im Osten los? Woher diese Wut, warum sind so viele Menschen dort so aufgebracht, warum feinden sie diese Staatsform, die sie doch so gerne haben wollten, offen an? Petra Köpping, Sächsische Staatsministerin für Gleichstellung und Integration in der sächsischen Landesregierung, die vier Monate vor der Wende aus der SED austrat, seit 2002 Mitglied der SPD, hat schon einige Antworten. Die sogar plausibel sind. In der DDR bei Erfurt geboren und aufgewachsen, kennt sie die DDR von damals, vor 1989, sehr genau. Früher stellvertretende Bürgermeisterin der Gemeinde Großsteinberg, von 1989 bis 1990 Bürgermeisterin von Großpösna im Kreis Leipzig-Land. Obwohl mich manche Leute hier schon gefragt haben, ob ich nicht rüber machen wollte, weil ich oft in Dresden und Tharandt, Ostberlin und Vogtland war, die Müritz, Schwerin und Rostock kenne, muss ich zugeben, dass ich über „den Osten“ verdammt wenig wusste.

Wenn man ehrlich ist, war es 1990 keine Wiedervereinigung, sondern eine feindliche Übernahme. Der Westen hat sich den Osten einverleibt. Welche Kollateralschäden dabei passierten, ist tatsächlich nie diskutiert, geschweige denn aufgearbeitet worden. Wie viele Menschen ihre Arbeit verloren haben, wie soziale Gefüge zerbröselten, mit dem Kapitalismus nicht vertraute Ostdeutsche über den Tisch gezogen wurden, war seltenst Thema in den westdeutsch beherrschten Medien. Überhaupt ist nach Lektüre dieses Buches die Art und Weise, wie dieser „Beitritt“ geschah, mehr als fragwürdig. Die Kernthemen sind nicht unbekannt. Der Ausverkauf durch die Treuhand, die ungerechte Abbildung des westdeutschen Rentensystems auf den Osten oder wie Lebensverläufe und Lebensleistungen als nebensächlich degradiert werden. Nicht einmal Berufs- und Studienabschlüsse aus dem Osten werden im Westen als gleichwertig anerkannt.

Doch Köpping verlegt sich nicht auf die Rolle als Jammer-Ossi. Im Gegenteil, sie fordert spätestens jetzt eine Aufarbeitung der Nachwendezeit. Sie fordert dazu eine Anerkennung des Ostens, eine Augenhöhe zwischen Ost und West. Was sie als konkrete Maßnahmen zum Ende des Buches vorschlägt, ist keine Aufbauhilfe-Ost oder Vergleichbares. Ihre Vorschläge könnten dabei helfen, nicht nur Schieflagen im Osten, sondern auch im Westen zu beheben. Die Folgen der neoliberalen, ausgrenzenden und disqualifizierenden Wirtschaftspolitik wenigstens zu lindern.

Wenn die SPD wissen will, wo der Weg für sie hingehen müsste und welches Profil sie braucht, sollte sich vielleicht mal etwas ausgiebiger mit Petra Köpping reden. Denn die macht in ihrem Buch sehr klar, woran unser Staat in seinen Grundfesten krankt. An der Ungerechtigkeit. Und an der Ignoranz.

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