Vergleiche hinken immer. Oder anders ausgedrückt, Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich. Ebenso ist ein Vergleich nicht dasselbe wie eine Gleichstellung. Dazu passt in diesem Kontext eine Sendung des Deutschlandfunks, am Ende des Beitrags auch zum Hören, über den Nutzen von Nazi-Vergleichen. Das Buch wieder ist mir in einem Podcast mit Anne Will und Justus Bender untergekommen. Der Titel des Buches täuscht nicht, die Nähe zwischen 1933 und 2033 ist offensichtlich. Passend dazu beginnt Bender mit einem Essay darüber, was man vergleichen und was man gleichsetzen kann oder darf, ob das überhaupt passt oder sinnvoll ist. Kann man die AfD mit der NSDAP vergleichen, oder kann man sie gleichsetzen? Kann man einen hypothetischen Zeitpunkt, an dem Alice Weidel von der AfD Bundeskanzlerin wird, mit der Machtergreifung der Nazis vergleichen oder gleichsetzen? An diesem hypothetischen Zeitpunkt, Februar 2033, ist die AfD mit 36% als stärkste Partei aus den Bundestagswahlen hervorgegangen. Kanzlerkandidat der CDU/CSU war Jens Spahn, der die Brandmauer endgültig einreißt und in Sondierungsgespräche mit der AfD geht. Wie sind die Reaktionen der Bundesbürgerinnen und Bürger? Ignorieren, hoffen, dass es schon nicht so schlimm wird, auf die Barrikaden gehen? Das Gedankenexperiment, das Justus Bender in diesem Buch wagt, ist alles andere als wirklich hypothetisch.
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Ruprecht Polenz folge ich in BlueSky, früher auf Twitter, schon eine ganze Weile. Wir sind in unseren Grundhaltungen so etwas wie zwei Seiten einer Medaille, zwar auf unterschiedlichen Seiten des politischen Spektrums organisiert, jedoch kann ich seiner Haltung und seinen Meinungen zur aktuellen Politik fast immer folgen. Anders formuliert, gehören wir wohl beide zum liberalen Bildungsbürgertum mit weitgehend gemeinsamen Werten. Also habe ich mir sein Buch «Wie ein Volk den Verstand verliert» gegönnt. Darin widmet sich Polenz den Entwicklungen, die auch mich seit geraumer Zeit kirre machen. Nämlich, dass Diskussionen und Diskurse schon lange daran scheitern, dass zwischen Leuten keine gemeinsame Wahrnehmung der Wirklichkeit mehr besteht, dass Tatsachenwahrheiten nicht mehr anerkannt werden, dass sich jede Bubble in den sozialen Medien, aber auch im Alltag, ihre eigene Sicht der Welt erfindet. So fragte der "SPIEGEL" in Sachsen-Anhalt Leute auf einem Campingplatz, wie denn die Lage in ihrem Bundesland so sei und ob sie gerne dort leben. Ein Mann meinte, er würde nie in den Westen gehen, weil er nicht wüsste, ob er dort mit den vielen Türken zurecht käme. Da frage ich mich dann, was nicht wenige Menschen für die Wirklichkeit halten. Es hat keinen Sinn, mit Leuten über das Wetter zu diskutieren, die behaupten, der Himmel sei grün und die Bäume blau.
Über das Dritte Reich gibt es sehr umfangreiche Dokumentation, aus politischer, gesellschaftlicher oder historischer Sicht. Sogar aus philosophischer. Braucht es dann noch ein Buch speziell über das Konzentrationslager Auschwitz? Mein Wissensstand zu Auschwitz und anderen Lagern, dem Dritten Reich und seiner Vorgeschichte habe ich bisher aus einem ganzen Abschnitt meines Bücherregals, trotzdem habe ich mir das Buch der BPB vorgenommen, in der Hoffnung auf einen anderen Blickwinkel und zusätzliche Informationen. Ich gebe zu, dass ich erst nicht ganz so optimistisch war, nach eben viel anderer Literatur zum Thema. Meine Erwartung war eher eine endlose Liste an Namen und Daten, Zahlen von Opfern und Namen von Tätern. Wie es mir in anderen geschichtlichen Werken geboten wurde. Schon das erste Kapitel zeigt, dass Piper anders vorgeht. Es geht nicht nur darum, Daten und Fakten aneinander zu reihen, sondern einen weiter reichenden Überblick zu liefern. So beginnt er in gewisser Weise mit den Anfängen des Dritten Reiches, um sich dann in den weiteren Kapiteln detaillierter mit den verschiedenen Aspekten zu beschäftigen, wie und warum es zu Auschwitz überhaupt kam. Dieses Untergliedern in unterschiedliche Themenblöcke verschafft dem Buch nicht nur eine sehr logische Struktur, sondern auch eine Lesbarkeit, die wenige Autoren von Sachbüchern erreichen. So zeigt Piper, dass geschichtliche Werke eben nicht langweilig sein müssen. Genauer und verständlicher kann man das Thema Konzentrationslager wohl kaum behandeln.
Nach der Bibel wissen wir vom ersten Massenmörder der Menschheit: Kain, der seinen Bruder Abel erschlug. Kain und Abel waren die Kinder von Adam und Eva. Kain erschlägt Abel aus Neid, nachdem Gott Abels Opfer bevorzugt hat. Die Geschichte gilt als frühes biblisches Beispiel für Brudermord und wird oft als Erzählung über Eifersucht, Gewalt und die Frage nach Schuld gelesen. Denkt man der Geschichte allerdings genauer hinterher, wird die Sache fraglich. Wenn die beiden Brüder in der Bibel außer ihren Eltern die einzigen Menschen waren, wie ging die Geschichte der Menschheit denn dann weiter? Auf jeden Fall wird dieser Mord auch so interpretiert, dass Mord und Töten quasi in unser Menschsein eingeschrieben sind. Also in unseren Genen verankert, somit Mord bis hin zu Kriegen Teil unseres genetischen Erbes. Das Buch hinterfragt diese Annahme auf Basis verschiedener wissenschaftlichen Richtungen, der Biologie, der Primatenforschung, der Archäologie, der Verhaltensforschung, der Geschichte. Angefangen von Gewalt gegenüber einzelnen Personen, zwischen Gruppen und Stämmen bis hin zu den großen Kriegen, wie dem Dreißigjährigen und den Weltkriegen. Nicht ohne Grund beginnt das Buch bei unseren Verwandten im Tierreich, den Schimpansen und Bonobos. Ob diese nahen Verwandten des Menschen auch Kriege kennen und wie sie Gewalt untereinander ausüben und aus welchen Gründen. Wie zu erwarten, gibt es zwischen Primaten und Hominiden erhebliche Unterschiede. Damit beginnt die Suche, wo sich dieses Verhalten verändert hat und warum. Doch nur Biologie und Ethnologie allein helfen nicht weiter. Darum kommen weitere Forschungsfelder zum Zuge.
Meine Liebe zu diesem Land hält seit meiner Jugend, als ich mit 17 die Adam's Language School in Hastings besuchte und bei einer englischen Familie wohnte. In den Neunzigern dann lebte ich eine Zeit lang in Bracknell, in der Nähe von Windsor Castle. Es hat seitdem nur zwei Jahre gegeben, dass ich nicht dort drüben war: Während des Lockdowns 2021 und 2025, als ich die geplante Zeit im Krankenhaus verbrachte statt in den Yorkshire Dales. Manche Briten sagen, ich würde nach meinen vielen Besuchen von den South Downs im Süden bis zum Lake District im Norden die Insel besser kennen als sie. Annette Dittert schätze ich deshalb schon länger, weil sie in dem Land, in das ich eigentlich 2011 auswandern wollte, lebt und arbeitet. Und ich schätze ihre nüchterne, objektive und zugleich empathische Sicht auf Großbritannien. Ich kenne sie als Korrespondentin in der ARD, habe ihre Reportagen gesehen und folge ihren Beiträgen in sozialen Medien. Nicht zu vergessen ihre damalige Serie "London Calling". Deshalb weiß ich, dass sie weitaus mehr Einblick hat in dieses Land als ich jemals haben werde. Liegt auch daran, dass sie als Journalistin Zugang zu Informationen und Leuten hat, die ich nie erreichen könnte. Sie lebt auf einem sogenannten Narrowboat auf einem Kanal im Herzen Londons, hat nun dieses Buch geschrieben, in dem sie sich auf die Suche nach der Seele Großbritanniens macht. Herausgekommen ist ein Lesestück, dass für jeden, der diese Insel mag oder schätzt, noch ganz neue und überraschende Einblicke und Erkenntnisse bietet.
Schaut man sich Posts, Likes und Kommentare in sozialen Median an, insbesondere Instagram, YouTube und TikTok, müssen Millionen Menschen unter Depressionen, ADHS oder Borderline leiden. Ganz besonderes jüngere Leute. Wer nur halbwegs bei Trost ist, wird wissen, dass gerade die Verfasser dieser Posts weder einen entsprechenden fachlichen Hintergrund haben noch über medizinische Qualifikation zu diesen Themen verfügen. Es geht, wie üblich in diesen Medien, um Clicks und Aufmerksamkeit. Mit immer dem gleichen Ziel: absahnen, Aufmerksamkeit abgreifen. So weit, so klar. Jedoch kann die andere Seite vor dem Display leicht aus dem Blick geraten. Man könnte wegen des breiten Interesses darauf schließen, dass tatsächlich in den letzten Jahren so viele Menschen von psychiatrischen Diagnosen betroffen sind. Medizinische Statistiken helfen da nicht weiter, denn wer endlich in Insta die Lösung für seine Probleme gefunden hat, aus angeblichen Symptomen endlich schließen kann, dass er oder sie ADHS hat (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung), geht nicht zum Arzt. Bestellt sich lieber im Internet aus dubiosen Quellen die empfohlenen Medikamente und gesteht sich nicht ein, einfach nur extrem schusselig oder disziplinlos zu sein. In diesem Buch von Laura Wiesböck geht es um beide Seiten. Die Quacksalber und die eingebildeten Kranken. Die eingebildeten Kranken sagen dann, sie hätten keine Diagnose, sondern seien die Diagnose.
"Eine Stunde History" in Deutschlandfunk Nova gehört schon lange zu meinen liebsten Podcasts. Nun hat Matthias von Hellfeld 2025 ein Buch herausgebracht, das zufälliger Weise zu einer meiner vorherigen Lektüren passt. Doch gibt es zum älteren Buch einen wichtigen Unterschied, es geht nicht um die Welt, sondern nur um ein Land. Es geht um den Glauben, es gäbe so etwas wie ein historisches Deutschland, oder wie Alexander Gauland von der AfD faselte, eine tausendjährige erfolgreiche Geschichte. Dass das hanebüchener Quatsch ist, sei als bekannt vorausgesetzt. Tatsache ist, lieber Herr Gauland, dass Deutschland als Nation erst im 19. Jahrhundert entstand. Genauer: 1871. Und komm nun niemand mit den Germanen. Im Gegensatz zu Frankreich oder Großbritannien, die wirklich auf eine Jahrhunderte lange Geschichte zurück blicken können. Stattdessen war das Heilige Römische Reich, sozusagen eine Art Vorläufer eines Teils von Deutschland, vom Spätmittelalter bis 1806 eine Ansammlung von 350 Kleinstaaten. Damit haben wir das Stichwort Nummer Eins des Buches, Kleinstaaten. Stichwort Nummer Zwei, man rechnet fast damit, ist Migration. Das sind die beiden Fixpunkte des Buches. Von Hellfeld verfolgt nicht nur diese spezielle Vorgeschichte Deutschlands, sondern auch, warum Wanderungsbewegungen seit dem Römischen Reich der Normalfall waren. Weiter gesehen, schon seit 20.000 Jahren. Nun ist Einwanderung in Deutschland ja ein ganz besonders heikles Thema. Was aber mit dessen Geschichte zusammenhängen könnte. Deshalb war ich auf dieses Buch sehr gespannt. Übrigens wie immer für kleines Geld bei der Bundeszentrale für politische Bildung zu haben.
Matthias von Hellfeld in der Wrintheit von Holger Klein:
Im japanischen Volksglauben gibt es Geister, die aus achtlos weggeworfenen Dingen geboren werden, so genannte Dinggeister. "Wie sähe der Dinggeist der DDR aus?", fragen sich drei Frauen. Alle drei in Ostdeutschland geboren, Magdeburg, Dresden, Rostock. Also schon wieder ein Buch über die untergegangene Republik? Ja und Nein. Es geht um Anekdoten, Erinnerungen, Reflektionen, am Ende um die Frage, wie wir eigentlich leben wollen. So schreiben sie zusammen ein Buch und nennen es "Drei Ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat". Ein Trialog, mit sieben Kapiteln aus sechs Nächten und einem Tag, mit viel Bowle, Wodka oder Gin. Es ist keine Ostalgie, keine wehmütige noch wütende Erinnerung an die Diktatur, in die sie geboren wurden und wo sie ihre ersten Jahre verbracht haben. Stattdessen wollen sie den Wörtern hinterher gehen, die sie aus der DDR mitgenommen haben, die Losungen, die Partei und auch Umgebung hinterlassen haben. Sätze, Lieder und Gedichte, Sprüche wie "Man bekommt ein Mädchen aus der Diktatur, aber die Diktatur nicht aus dem Mädchen". Es ist, wie zu erwarten, ein Trialog, der von Hölzken auf Stöcksken kommt, mal dahin, mal dorthin wandert. Doch bei aller Unterschiedlichkeit, wie die drei Frauen aufgewachsen sind, was sie geprägt hat, kommen doch die Einheitlichkeiten in der DDR wieder zur Sprache, von der Deutsch-Sowjetischen-Freundschaft bis zum üblichen Fahnenappell mit Lob oder Gelegenheit zur Selbstkritik. Nun von der anderen Kompassseite betrachtet: Bringt es Wessis neue Sichten in einen nicht mehr existierenden Staat? Das gelingt zur Überraschung durchaus. So man sich darauf einlässt.
Als man 1934 bei Kanalarbeiten im heutigen Sachsen-Anhalt ein Grab aus der Mittelsteinzeit fand, ließen die wertvollen reichlichen Grabbeigaben auf eine hochgestellte Persönlichkeit schließen. Das konnte, nach damaliger Weltsicht, nur ein Mann gewesen sein. Erst die Rekonstruktion des Genoms der Person in der heutigen Zeit ergab, dass es sich um das Grab einer Frau handelte. Welche dazu noch eine Behinderung hatte. Die Frau hatte übrigens helle Augen und eine eher dunkle Haut. Bekannt ist sie heute als Schamanin von Bad Dürrenberg. Auch Jesus Christus, so es ihn gab, war sehr dunkelhäutig, wie alle Menschen dieser Gegend. Genauso falsch ist die Annahme, bei den Jägern und Sammlern der menschlichen Frühgeschichte hätten die Männer Mammuts und Säbelzahntiger gejagt, während die Frauen die Höhle gehütet und die Kinder betreut hätten. Anderes Beispiel. Beim alten Rom denken die meisten Leute an mutige Gladiatoren und weise Senatoren in einer nahezu homogenen Gesellschaft des frühen Mittelalters. Tatsächlich war Rom so divers und bunt, dass jeder AfDler das Grauen bekäme. Homosexualität war keineswegs ein Vergehen, sondern selbstverständlich, so lange bestimmte Hierarchien beachtet wurden. Julius Cäsar war ebenso ein Fan von Frauen und Männern, dazu schlank und eher feminin. Überhaupt tendieren gerade westliche Kulturen dazu, heutige Vorstellungen und Maßstäbe nicht nur auf die ganze Welt, sondern sogar auf alle Epochen zu übertragen. Morgane Llanque hat sich die Geschichten genauer angesehen. Stößt auf Kulturen, die Europa lange Zeit technisch und künstlerisch weit voraus waren, Gesellschaften, in denen die Frauen regierten und eine Globalisierung, die schon lange vor Kolumbus die Welt erschloss. Für Rechtskonservative keine leichte Kost, dieses Buch.
Das letzte Kapitel des Buches beginnt Tim Engartner so: "In regelmäßigen Abständen wird die Bildungskatastrophe entdeckt, beschworen, diskutiert – und wieder vergessen. Und von Jahr zu Jahr werden die Versäumnisse schwerwiegender. Wenn wir nicht auf den endgültigen Kollaps unseres Bildungswesens warten wollen, müssen wir endlich handeln." Berichte in den Medien über unsere Schulen und Hochschulen, über die Bildung der Kinder und alles, was mit diesen Themen zusammen hängt, hört man eigentlich jeden Tag im Radio oder liest es an allen Ecken. Verdreckte Toiletten, zerbröselnde Turnhallen und Schwimmbäder. 25% der Kinder können beim Wechsel auf die weiterführende Schule nicht wirklich lesen und schreiben. Leere Kassen bei Kommunen und Ländern, Grundschulkinder, die mehrere Stunden des Tages am Handy verbringen und Klassen mit einem Migrantenanteil von 90% in Brennpunktschulen. Probleme also zuhauf. Was fällt den Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft ein? Elektronische Gadgets und ChatGPT sollen alle Probleme lösen. Also stopfen sie Tablets in die Klassenzimmer, Meta, Alphabet und Microsoft liefern kostenlose Lernsoftware. Natürlich nicht ohne Hintergedanken. WLAN-Netze sowie IT-Dienste dürfen die Schulen dann gefälligst selbst stemmen. An den Unis nicht besser, immer mehr Studierende in riesigen Hörsälen, in die immer noch nicht alle Studienanfänger passen. Von denen die Hälfte bald wieder wechselt oder aussteigt. Doch wie schlimm es um die Schullandschaft in Deutschland wirklich bestellt ist, fasst Tim Engartner in diesem Buch zusammen. Kurzes Résumé: Es ist erschreckend, wie wir mit unseren Kindern umgehen. Und mit Deutschlands Zukunft.
Einige Freunde von mir sind im Emsland aufgewachsen, leben aber heute in Ostwestfalen. Sie erzählten, dass das Emsland eine ausgesprochen dröge Gegend sei und sie gerade als Jugendliche dort beinahe an Langeweile verstorben wären. Somit ist das fiktive Kleinstädtchen Lasseren im Zentrum des Geschehens nicht schlecht gewählt, mit unterentwickelter Infrastruktur gerade im ÖPNV, beherrscht von einer Geflügelfabrik, dem größten und einzigen bedeutenden Arbeitgeber. Nava Ebrahimi erzählt über das Lebens von sechs Menschen, die in diesem Umfeld arbeiten oder leben. Es geht um Identität, Fremdheit, Migration, ökonomische Zwänge, Gewalt und soziale Kälte. Eine alleinerziehende Mutter mit zickiger Tochter und überangepasstem Sohn, ein afghanischer Flüchtling mit Liebe zur Poesie, eine Automatisierungs-Spezialistin in ihrem Kampf mit Leben und Realität, ein Manager in dieser beinahe surrealen Fleischfabrik, eine Polin mit einem Leben in prekären Verhältnissen. So gesehen packt Ebrahimi alle schwierigen Themen unserer Zeit in einen Roman. Da mag Überfrachtung drohen, doch Ebrahimis klare, schnörkellose Sprache, die direkt und authentisch wirkt, sowie ihr geschickter Aufbau, der die Verbindungen zwischen den Figuren und ihren Leidensgeschichten erst nach und nach enthüllt, verhindern das. Die Metapher der "Wooden Breast", eine Mastgeflügel-Krankheit, steht symbolisch für den existenziellen Stress und die Zerbrechlichkeit der Menschen im Buch. Darum herum spinnt Ebrahimi eine Abfolge von Kapiteln, in denen sich Menschen begegnen oder eben nicht.
Wenn es um die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft geht, dann zuerst um Juden und Jüdinnen, Sinti und Roma, ebenso um Kommunisten und Sozialdemokraten nach der Machtergreifung der Nazis. Andere Gruppen werden allerdings fast nie Thema, wurden sogar bis 2020 von Entschädigungszahlungen und Anerkennung ausgeschlossen. Das waren die von den Nazis "Asoziale" und "Berufsverbrecher" genannten Menschen. Diesen Menschen nicht nur ein Gedenken zu geben, sondern ihre Geschichten aus der Versenkung zu holen, ist Ziel des Buches von Frank Nonnenmacher, der als Herausgeber wirkt. Denn in diesem Buch erzählen Menschen von Großvätern und Urgroßmüttern, die meist ohne wirkliches Verschulden in den Konzentrationslagern umkamen. Manchmal reichte es schon, einfach ein anderes Leben zu führen als es den Nazis angenehm war, wie Untermieter bei einer Sexarbeiterin zu sein. Gerade in Kriegszeiten, als Hunger und Kälte herrschten, reichte das wiederholte Stehlen von Kohle und Kartoffeln zum Urteil als Berufsverbrecher oder Berufsverbrecherin. Oder man hatte sich gar nichts zuschulden kommen lassen, aber die SS brauchte Zwangsarbeiter in der Rüstungsproduktion. Oder Denunziation oder Neid der Nachbarn war das Problem. Oft schon aus Gefängnis oder Zuchthaus landeten diese Menschen in den KZs und verloren ihr Leben. Gerade in den Lagern, in denen das Programm Vernichtung durch Arbeit lautete, wie in Flossenbürg oder Mauthausen. Doch gesellschaftliche Scham ihrer Familien ließ diese Menschen nach 1945 unsichtbar werden. Das will Nonnenmacher ändern.
Als vor vermutlich 160.000 Jahren unsere Vorfahren lernten, das Feuer zu beherrschen, war das ein großer Fortschritt. Man war nicht mehr der Kälte hilflos ausgesetzt und konnte Nahrung bekömmlicher und verdaulicher machen. Das Gehirn profitierte entsprechend, der Rest ist bekannt. Die Öllampen der Römer und ersten Leuchttürme der Griechen waren noch kein Umweltproblem. Kritisch wurde die Sache erst im 19. Jahrhundert, als Maschinen erfunden wurden, die die Produktivität um Potenzen steigerten und in denen man in großem Umfang erst Kohle und Öl, später Gas verbrannte. Aber nicht nur die Betreiber der Maschinen verdienten gut, sondern auch die Leute, die Kohleverbindungen aus dem Boden gruben oder pumpten. Daran hat sich bis heute nichts geändert, noch immer kann man mit Kohle und Erdöl eine Menge Geld verdienen. Seitdem jedoch bekannt ist, dass das beim Zeugsverbrennen entstehende CO2 die Wärmeabstrahlung der Erde behindert und sich die Erde immer mehr erwärmt, kommen diese Leute, fast nur Männer, unter Druck. Also muss man sich etwas einfallen lassen, mit dem man seine Geschäfte ohne Probleme weiter betreiben kann. Da gibt es aber doch Vorbilder für die Industrie der fossilen Brennstoffe. Denn die Tabakhersteller hatten ein ganz ähnliches Problem. Zwar wusste man, dass Rauchen der Gesundheit wenig zuträglich ist, aber es sollte doch möglich sein, die Leute davon abzulenken. Was bis heute hervorragend klappt.
Vielen ist sicher noch das Zitat "Wir riefen Arbeitskräfte, es kamen Menschen" in Erinnerung. So richtig das Zitat ist, ist es aus dem Zusammenhang gerissen. Der Teil "Ein kleines Herrenvolk sieht sich in Gefahr" davor wird immer weggelassen. Es stammt aus einer Rede von Max Frisch, ist aber eben nur ein Nebensatz. Es ging auch nicht um Deutschland und türkische Gastarbeiter, sondern um Schweizer und Italiener. Die kamen noch vor den Türken in die Alpenrepublik als Türken nach Deutschland, stießen auf Abwehr und Fremdenfeindlichkeit. Besonders berüchtigt waren Männer, denen das Messer in der Tasche locker saß. Nein, eben nicht Muslime in Deutschland, sondern Italiener in der Schweiz. Die ersten Gastarbeiter in Deutschland waren dann auch Italiener, nicht Türken. Die Italiener landeten gesellschaftlich wie in der Schweiz ganz unten. Erst als das Anwerbeabkommen mit der Türkei geschlossen wurde, kamen türkische Gastarbeiter ab 1961 in die Bundesrepublik. Nun standen die Türken ganz unten und die Italiener durften aufsteigen. Diese Eingangsgeschichte wirft in Anpalagans Buch einen Blick zurück, in die Zeit, als das kleine Herrenvolk mit fremden Gebräuchen, Gerüchen und Gerichten konfrontiert wurde. Damals sprach noch niemand davon, Fremdenfeindlichkeit wie auch offener und subtiler Rassismus sei ein Phänomen des rechten Randes im politischen Spektrum. Schon damals waren es Themen der Mitte der bundesdeutschen Gesellschaft. Bis heute, so Anpalagan.
Denke ich 25 und mehr Jahre zurück, fallen mir eine Menge Krisen ein. Die Ölkrise in den Siebzigern hatte steil ansteigende Benzinpreise zur Folge. Positiv war daran, dass man an einigen Wochenenden mit dem Rad auf der A40 durch das Ruhrgebiet fahren konnte. Die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl in 1986. Das Wüten der Roten Armeefraktion ab 1970. Nun finden wir uns Mitte der 2020er auch nicht gerade in einer krisenarmen Zeit, im Gegenteil, redet man aktuell von einer Polykrise. Doch es gibt Unterschiede zum letzten Jahrhundert. Nie war damals die Katastrophe in greifbarer Nähe, drohte der totale Zusammenbruch der Weltwirtschaft. Auch von einem Untergang der Zivilisation wegen des Klimawandels war nicht die Rede, obwohl schon damals Wissenschaftler vor der hemmungslosen Ausbeutung der irdischen Ressourcen warnten. Heute jedoch geht es ständig ums Ganze. Steht die Apokalypse permanent vor der Tür. Warten wir bange auf den Ausbruch des Dritten Weltkrieges wegen des Angriffs Russlands auf die Ukraine. Warum eskalieren die aktuellen Krisen ständig und verstummen die Kassandra-Rufe scheinbar gar nicht mehr? Christian Jakob unterzieht die Erzählungen von der Endzeit einem Faktencheck, nimmt sich die wichtigsten Szenarien vor und natürlich ihre Hintergründe. Die sind, man ahnt es, vielfältig.
Es kann schon vorkommen, dass ich Bücher lese, die schon einige Jahre älter sind. Ein Buch von 1937 ist mir aber noch nicht untergekommen. Ein Nachbar, der seinen riesigen Bücherbestand nach und nach auflöst, schenkte mir dieses Buch, da er mich als "Englandfahrer" kennt. Bücher über England habe ich eigentlich schon reichlich, aber weiteres Material kann ja nie schaden. Wegen des Ausgabedatums, das mitten im Dritten Reich lag, war ich darauf gefasst, für heutige Verhältnisse merkwürdige Formulierungen und Positionen zu finden. Die gibt es auch tatsächlich, waren doch die Leute dieser Zeit noch stark von den deutschen Reichen davor beeinflusst. Das Buch bot sich zudem dafür an, es als Hörbuch zu bearbeiten, da sich scheinbar noch niemand daran gewagt hat. Dabei war ich dann doch etwas überrascht. Denn die Sprache der Nazis findet sich kaum darin, höchstens in andeutenden Nebensätzen, die die Veröffentlichung wohl erleichtern sollten. Dafür beschreibt Stutterheim die englische Kultur, Politik und das Sozialleben in selten zu findenden Details. Überraschend dazu, wie wenig sich in den vielen Jahren seit 1937 in Konventionen, Gebräuchen und Alltagsregeln in England verändert hat.
Ilko-Sascha Kowalczuk kann man aktuell kaum entgehen. Kowalczuk im Fernsehen, beim Deutschlandfunk, beim MDR, beim WDR, in HR2 und im Spiegel. Sein Buch «Freiheitsschock» habe ich erst in der dritten Auflage bekommen, so schnell waren die ersten beiden vergriffen. Doch er hat keinen großen Roman geschrieben, nicht mal ein dreibändiges Geschichtswerk, sondern ein Essay. Wenn man so will, einen Aufsatz, eine Betrachtung. Damit entfällt schon einmal das Attribut "objektiv". Kowalczuk kann wohl kaum objektiv sein, in der DDR geboren und aufgewachsen, hat jedoch keine Karriere hinlegen können, weil er nicht genügend an das SED-Regime angepasst war. In diesem Buch schildert er seine Sicht, warum nach 1989 zwischen Ost und West nicht die große Verschwesterung aufkam, warum es bis heute quietscht mit der Einheit, warum Ost- und Westdeutschland nicht in wenigen Jahren zu einer homogenen Nation zusammen kamen. Es geht um die Unzufriedenheit in den neuen Bundesländern, überhaupt um die Unzufriedenheit mit Demokratie und Freiheit im Osten, die aber nicht ein reines Phänomen des Ostens ist. Denn auch in den westlichen Bundesländern erreichen AfD und neuerdings auch das BSW erkleckliche Wählerzahlen. Doch als wesentlich für die Situation im Osten sieht Kowalczuk grundlegende Missverständnisse, die im Osten über den Westen bestanden. Über das, was Freiheit und Demokratie wirklich bedeuten. Sie wollten die D-Mark, Reisefreiheit und Konsum, aber verstanden nicht, dass sie sich nun selbst um ihre Angelegenheiten kümmern mussten, ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Als die Erziehungsdiktatur der DDR endete.
Romane lese ich ja eher selten. Wenn, dann greife ich gerne auf bekannte Autoren zurück, in diesem Fall auf Juli Zeh. Ihr Roman «Unter Menschen», der mir in Stil und Erzählweise gefallen hatte, führte zum Griff zu einem weiteren Buch von ihr. Allerdings kein ganz neues Werk, sondern schon aus 2016. Die Geschichte spielt wieder in der Brandenburgischen Landidylle, die in Wirklichkeit keine Idylle ist. Wieder geht es um ein Dorf, mit Einheimischen und Zugewanderten, mit der ganz eigenen Dorfgeschichte. Jedoch um keine einzelne Person, die aus einer Ich-Perspektive erzählt, sondern um eine Sicht eines Erzählers. Um die Gegensätze zwischen Alteingessenen und neu zugezogenen Berliner Aussteigern, die mit der Selbstgerechtigkeit und Arroganz der Wessis und wenig Sensibilität in alle Fettnäpfchen der Provinz latschen. Da geht es auch noch um den untergründig schwelenden Konflikt zwischen Wendegewinnern und Wendeverlierern. Über der Geschichte steht quasi als Leitlinie ein invertiertes Zitat aus dem Faust, das lautet: "Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft". Dass ein idyllisches Dorf genauso die Hölle sein kann, zeigt sich durch Pläne für den Bau einer Windkraftanlage nahe dem Dorf Unterleuten. Ein Phantasieort, in der Verfilmung ein Dorf im Märkisch-Oderland. Insgesamt mehr als 18 erwachsene Personen, teils lebendig, teils verstorben, sind die Besetzung. Was es am Anfang nicht einfach macht, der Story zu folgen. Doch gerade die Interaktionen und Beziehungen zwischen all den Menschen machen den Reiz der Geschichte aus. Eine wirklich gelungene Geschichte.
Der zweite Weltkrieg ist längst vorbei, seine Spuren und die Dinge, die in dieser Zeit eine Rolle spielten, sind noch da. Dinge wie ein Kleiderbügel, den die Mutter auf der Flucht dabei hatte, ein Trinkbecher, der das Sterben im Krieg verhinderte, oder eine Trillerpfeife und eine Trainingshose, die dem Vater gehörten, der aus dem Krieg nicht zurückkam. Aber auch der Ledermantel eines Nationalsozialisten, der heute als Bekleidung einer Vogelscheuche im Garten dient. Mit ihnen verbindet sich die Erinnerung an Zeiten voller Angst und Leid, für die die Menschen, die sie oft noch als Kind miterlebt haben, zuweilen keine Sprache finden. Es ist nicht nur die Sprachlosigkeit der Kriegskinder, sondern oft auch noch die der Kriegsenkel. Annette und Hauke Goos stellen 36 solcher Erinnerungsstücke vor und lassen ihre Besitzerinnen und Besitzer, darunter Prominente wie die Politiker Björn Engholm und Gerhard Baum, die Schauspielerin Marie-Luise Marjan oder den Autor Paul Maar, von den Dingen erzählen. Zurück geht die Idee für das Buch auf einen Artikel im SPIEGEL in 2019. Herausgekommen ist ein berührendes Buch zu einer Zeit, die weit zurück liegt, aber noch nicht vergangen ist.
Liest man regelmäßig in den sozialen Medien, aber auch in etablierten Zeitschriften oder schaut man Nachrichten im Fernsehen, könnte man meinen, in unserem Land sei das große Hauen und Stechen ausgebrochen. Ob Migration und Einwanderung, Gendersternchen oder die Ehe für Lesben und Schwule, überall scheint der große Konflikt ausgebrochen. Man dürfe nichts mehr sagen und die Grünen würden eh alles verbieten. Aber stimmt das so überhaupt, dass es in Deutschland nur noch um Streit und extreme Meinungen geht? Der Soziologe Steffen Mau hat sich in einer groß angelegten Studie mit dieser Frage beschäftigt, sowohl in Form von Umfragen als auch in Arbeitsgruppen mit Leuten in mehreren Großstädten. Um die untersuchten Inhalte einzugrenzen und zu wirklich konkreten Aussagen zu kommen, hat er deshalb vier von ihm so genannte Arenen definiert. Die Oben-Unten-Arena, die Innen-Außen-Arena, die Wir-Sie-Arena und die Heute-Morgen-Arena. Während die erste Arena geradezu klassisch ist und es um Umverteilung und soziale Gerechtigkeit geht, sind die weiteren drei Arenen eher Themen der Neuzeit. Es geht im Wesentlichen um Zuwanderung und Migration, um Identität und Zugehörigkeit, zuletzt im Kern um Klimawandel und Ökologie. In allen vier Arenen sollen Ungleichheiten, Diskurse und Konflikte identifiziert werden. Daraus dann abgeleitet, wie gespalten unsere Gesellschaft nun wirklich ist. Die im Vordergrund stehenden Triggerpunkte kommen erst im zweiten Kapitel auf den Tisch. Am Ende mit einem eher wenig überraschenden Ergebnis.

