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Berge von The Lodge aus

Berge von The Lodge aus

Es waren nur zwei Wochen in England und Wales, aber hat sich wie vier Wochen angefühlt. Ist man jeden Tag unterwegs, mit immer neuen Eindrücken und Erlebnissen, vergeht die Zeit nicht in der Routine des Alltags. Gespannt war ich auch, ob es bei dieser Reise an zwei Orte, die Cotswold Hills in England und die Brecon Beacons in Südwales, so etwas wie einen Gewinner geben würde. Ob dieser eine Ort interessanter, spannender oder intensiver sein würde. Das Resultat hat mich etwas überrascht. Wie habe ich heute Morgen gedacht? Jetzt wieder in Broadway sein, oder wenigstens in Brecon.

Du planst einen Job als Redakteur? Du schreibst nicht nur gerne, sondern fühlst das als Deine Berufung? Schön. Du bereitest schon Deine Anmeldung in einer Journalistenschule vor oder hast die Augen offen nach einer Stelle als Volontär? Nach so vielen Jahren im schreibenden Gewerbe muss ich warnen. So kreativ der Job eines Redakteurs sein kann, selbst in der Industrie, muss ich Dir den einen oder anderen Zahn ziehen. Ich wage zu behaupten: in wenigen Jobs kann man sich so viel Frust aufladen wie als Schreiberling. Nicht wegen des Schreibens an sich, sondern weil Du nicht in einem einsamen Kämmerlein sitzt, vor Dich hin schreibend. Willkommen in der realen Welt, in der das Schreiben seine Tücken hat. Drei davon hier im Detail geschildert.

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Nachdem unsere Unternehmens-Seite bei Facebook schon einige Zeit online war, wurde ihr plötzlich die Veröffentlichung entzogen. Mit dem Hinweis, wir hätten gegen Facebook-Regularien verstoßen. Nur brachte auch genaustes Studieren dieser Regeln keine Erkenntnis, was wir verbrochen hatten. Einige Tage später, nach mehreren Nachrichten an Facebook über unterschiedliche Kanäle, wurde die Seite abends um 23 Uhr wieder veröffentlicht. Alles im Lot, so dachten wir. Jedoch: am nächsten Morgen um 5:37 Uhr wurde die Seite erneut ent-öffentlicht. Wir standen vor einem Rätsel. Bis wir feststellten, dass genau an diesem Morgen, kurz nach der Wiederveröffentlichung der Seite, um 5:36 Uhr automatisch ein geplanter Beitrag eingestellt wurde. Mit einem Werbeposter, in dem wir ein Stockfoto von Fotolia verwenden. Danach wurde es klar. Weiteres Nachforschen zeigte eine gefährliche Falle in Facebook. In die man völlig ahnungslos latscht.

Kurz zusammengefasst:

  • Der Glaube, man hätte doch das Bild von Fotolia lizensiert, führt in die Irre. Zwar hat man selbst die Lizenz, darf sie für Print oder die eigene Website auch beliebig nutzen, aber durch das mögliche Teilen eines Posts „wandert“ die Lizenz nicht zum Teilenden. Stichwort ist Unterlizensierung.
  • Das hochgeladene Poster war größer als 1000 x 1000 Pixel. Für private Fotos gelten diese Grenzen nicht, für verwendete Stockfotos von Fotolia und Kollegen aber schon.
  • Bei Stockfotos muss ein Urheberverweis wie ©2017 Fotograf/FOTOLIA by Adobe zwingend hinein. Dass man selbst die Lizenz erworben hat, gilt in Social Media nicht, weil ja die Quelle elektronisch reproduzierbar in die Öffentlichkeit kommt.
  • Eine Seite oder ein Beitrag wird nicht nur auf Beschwerde gesperrt, sondern schon automatisch per Software, wenn Facebook Verstöße gegen die Regeln feststellt.

Wir werden in Zukunft also sehr vorsichtig sein, wenn wir Bilder von Fotolia verwenden, gerade bei Facebook. Weitere Einzelheiten zu diesem Thema im diesem Blog eines anderen Nutzers. Der auch auf die Nase gefallen war.

Ich hatte in meiner seligen Jugend mal eine Freundin, die war gelernte Stenotypistin. Ein Beruf, der heute ausgestorben ist. Auf jeden Fall konnte sie auf der (elektrischen) Schreibmaschine so schnell schreiben wie ich zügig sprach. Das fand ich schon damals beeindruckend. Nun habe ich im Moment Mengen an Text zu produzieren, für einige Sendungen und Wortbeiträge. Nun bin ich ja allgemein vor nix fies, schon gar nicht vor dem technischen Fortschritt. Auch wenn ich niemals beim Radfahren das Smartphone in der Hand haben muss wie die Mädchen auf ihren uncoolen Hollandrädern, die wir damals nicht mal mit der Zange angepackt hätten. Geschweige denn gefahren. Was lag mit Windows 10 dann näher, als die eingebaute Spracherkennung Cortana zu nutzen und so die Texte schneller zu schreiben als mit meiner Vierfinger-Tippmethode? Versuch macht kluch.

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Der Generationenwechsel, sinkende Renten, der Mangel an Fachkräften, all das sind Zeichen einer Veränderung in unserer Gesellschaft. Doch eine Veränderung bleibt bisher unbeachtet: die Folgen des soziologischen Wandels in den späten 60er und frühen 70er Jahren. Die Menschen, die in dieser Zeit sozialisiert wurden, stellen auch neue Anforderungen an ein entsprechendes Leben im Alter.

Stairway To Heaven

Stairway To Heaven

Ein eher unscheinbares Gebäude im nördlichen Essener Stadtteil Dellwig. Obwohl erst in 2009 erbaut, erinnert die Fassade mit ihrem Backsteinstil und den rostroten, etwas blinden Sprossenfenstern eher an eine Mietskaserne in Berlin-Kreuzberg. Dieses Haus ist kein gewöhnliches Haus, sondern das erste Pflegeheim, das sich auf einen Generationenwechsel eingestellt hat. So wie Helmuth G., der damals fleißig bei der Aktion Roter Punkt gegen die Essener Verkehrs-AG dabei war, der seine Jugend in der eher berüchtigten als bekannten Kneipe „Podium“ verbrachte, geht es vielen heutigen Rentnern. Helmuth G. hat in seinem Leben noch nie eine Musikantenstadel-Sendung gesehen und kennt WDR4 nur vom Hörensagen. Ihm graute es davor, trotz privater Pflegevorsorge und sparsamen Lebensstandards irgendwann in einem Pflegeheim heutiger Couleur zu enden. Er fand im Alter, geringfügig pflegebedürftig, eine neue Heimat in diesem Haus. „Echt voll geil hier, Du.“ ist sein zufriedenes Urteil.

Robert Pflanz ist Geschäftsführer der »Seniorenresidenz Stairway To Heaven« hoch im Essener Norden. Er erläutert das Konzept dieser Einrichtung so: „Wir müssen uns in naher Zeit auf einen Wechsel unserer typischen Bewohner einstellen. Wenn die Leute in den Pflegebereich einziehen, die mit Led Zepplin und den 68er-Aktionen groß geworden sind, finden die herkömmlichen Pflegeeinrichtungen bei diesen Menschen kein Interesse mehr.“ Auf diese neuen, aktuellen Bedürfnisse geht das Haus ein. Im Keller der Anlage stehen den Bewohnern barrierefrei zahlreiche Proberäume zur Verfügung, ein kleines Studio mit Parkplätzen für Rollatoren ist ebenso vorhanden. Statt der üblichen Cafeteria im Erdgeschoss befindet sich dort die Kneipe »Titty Twister«, in der an jedem Samstag Live-Acts stattfinden. Blues- und Rock-Bands bilden den Standard, für das dreijährige Jubiläum im Juli 2013 ist ein Auftritt von Guru Guru oder Ton, Steine, Scherben geplant. Keine Mühen wurden gescheut, das originale Interieur im 150 Jahre alten Pub »The White Horse« im südenglischen Dover ab- und hier in diesem Unterbezirk von Essen-Borbeck wieder aufzubauen. Natürlich sind dort Guinness, Kilkenny und Jack Daniels genau so im Angebot wie der beliebte Van Nelle Zware und die kaum noch bekannten niederländischen Zigaretten der Marke Black Beauty. Hier wird Service groß geschrieben, gerade für die nächste Generation, die mit den Vorlieben ihrer Eltern und Großeltern so gar nichts mehr anfangen kann. „Die Menschen möchten in ihrem wohl verdienten Ruhestand zu ihren vertrauten Wurzeln zurückkehren, nicht umgepflanzt werden in eine sterile Wohnanlage.“, weiß der Geschäftführer.

Für das Jahr 2016 ist eine zusätzliche Einrichtung am Südufer des Baldeneysees geplant, am Rande von Werden. Im »House Of tl;dr“ verfügt jedes Zimmer über einen 50 MBit-Netzzugang, ist mit einem 17-Zoll-Tablet, einem Android-Senioren-Smartphone, einem Quadcore-Rechner mit 16 Gigabyte Speicher, Lupe und LCD-Projektor ausgestattet. Ein 1000 Terabyte-Speichersubsystem im Rechenzentrum der Residenz steht allen Bewohnern kostenfrei zur Verfügung und ist über Glasfaserleitungen an die Zimmer angebunden. Die SysAdmins arbeiten in drei Schichten rund um die Uhr und sind ständig erreichbar. Die hauseigene  Einrichtung »Eat & Never Meet« liefert 24 Stunden lang an sieben Tagen der Woche Pizza, Kaffee und Cola direkt aufs Zimmer. „Hier sind wir der Zeit etwas voraus, doch wir sind sicher, dass schon in einigen Jahren der Bedarf an solchen Altenwohnheimen mit flexibler Betreuung, vom betreuten Wohnen bis zur Vollzeitpflege mit einer eigenen Schreibkraft, seinen deutlichen Markt finden wird.“, erklärt Robert Pflanz.

Helmuth G. geht in die liebevoll eingerichtete Kantine mit den abgeschabten alten Barhockern und den Hausbesetzer-Glühlampen an der Decke. Das ausgewogene und abwechselungsreiche Angebot, heute Käse-Brötchen oder Döner von gestern, dazu ein lecker Frankenheim, findet immer mehr Anklang. Danach ein Mittagsschläfchen, einen doppelten Espresso und heute Abend geht es mit der hauseigenen Fahrbereitschaft auf Schalke. Helmuth G. war ein Vorreiter, doch das Haus füllt sich nun zunehmend mit Menschen seines Schlages. Ein Konzept, das offensichtlich Anklang gefunden hat und dem seine große Zukunft noch bevor steht. So sieht es auch Robert Pflanz. Und eilt in die Kneipe, am nächsten Samstag sind Man im »Titty Twister«, da muss die Bühne glänzen.

Die Globalisierung begann in der Wirtschaft, nun schwappt sie auch ins Privatleben. Die Anzahl an Fernbeziehungen nimmt zu, in Zügen und Flugzeugen viele Menschen auf dem Weg zur Beziehung oder zurück zur Arbeitsstelle. Doch wie bei der gelobten Mobilität im Job stellt sich in der Fernbeziehung die Frage, wie es den Menschen dabei geht.

(Namen wurden aus Personenschutzgründen geändert)

Bleib!

Bleib!

Die Autobahn A2, eine endlose Kette von LKWs aus Litauen, Polen oder sogar aus dem fernen Russland, von Oberhausen bis Berlin. Längere Fahrten auf ihr eine Mischung aus Stress und aufkommendem Fernweh. Wie an jedem Freitag fährt Raimund von Nordrheinwestfalen nach Niedersachsen. Weil Pferde und Katzen nicht allein bleiben können, und weil Ilka ein großes Haus mit Garten hat. Die Ausfahrten kennt er inzwischen auswendig. Am steilen Berg vor Lauenau ist Vorsicht geboten, LKWs scheren unerwartet aus, genau an dieser Stelle passieren viele Unfälle. Bisher ist er glimpflich davon gekommen, dank ABS und Routine. Im Sommer eine schöne Strecke, sie geht durch das hügelige, grüne Weserbergland, im Winter bei Dunkelheit, Nebel und Regen werden aus den knapp 200 Kilometern gefühlte 500. Am Sonntagabend schafft er die Strecke schon mal in 90 Minuten, am Freitagnachmittag können es mit Baustellen sogar drei Stunden werden. Am Freitagnachmittag treibt ihn die Aussicht auf ein gemeinsames Wochenende, am Sonntagabend auf dem Weg zurück bleibt ein Gefühl der Unruhe und Unzufriedenheit, wenn der Job ihn wieder in das leere 30-Quadratmeter-Apartment zwingt. Gesund fühlt sich das nicht an.

Schätzungen gehen davon aus, dass jede achte Partnerschaft „auf Distanz“ gelebt wird. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung spricht in einer gerade erschienen Studie von 13,4% der Paare, die entfernt zusammen leben. Die tatsächliche Zahl dürfte um ein Vielfaches höher liegen, wenn man diejenigen Paare berücksichtigt, bei denen ein Partner beruflich bedingt in den entfernten Zeiten in Hotels wohnt. So geht man im Schnitt davon aus, dass Akademiker im Laufe ihres Berufslebens bis zu 25% der Zeit in einer Fern- bzw. Wochenendbeziehung leben.

Barbara und Elo haben sich wie Raimund und Ilka übers Internet kennengelernt. An jedem Wochenende pendelt Barbara drei Stunden mit der Bahn von Düsseldorf nach Ratzeburg und wieder zurück. Auch hier ist es das malerisch in der Nähe des Ratzeburger Sees gelegene Haus, ein Traum für jeden, der sonst in Düsseldorf jeden Tag schon den Kampf um einen Parkplatz neu durchstehen muss. Während für Raimund die Fahrt anstrengend und nervenraubend ist, hat Barbara als freiberufliche Sozialpädagogin Schwierigkeiten, sich die sechs Stunden Fahrt von ihrem engen Zeitplan abzuknapsen. Wie für das Paar aus Niedersachen und Ostwestfalen ist es der ständige Wechsel zwischen Nähe und Distanz, der immer wiederkehrende Abschied, das Abbrechen von bisherigen sozialen Beziehungen und die Phasen des Zweifels und der Einsamkeit, die schon mal das Gefühl mit sich bringen, die Orientierung verloren zu haben.

Globalisierung, Mobilität und Flexibilität sind die Schlagworte der modernen Gesellschaft. Nicht nur der Beruf fordert, dass man heute hier und morgen dort arbeitet. Auch das Privatleben wird zunehmend globalisiert. Das Partnersuche-Portal Parship sieht den Anteil Paare, die sich über das Internet finden, nahe bei der 10%-Marke. Dass diese Menschen nicht in der gleichen Stadt wohnen, ist quasi vorprogrammiert, man verliebt sich nicht, weil man den gleichen Wohnort hat. Erst jetzt erforschen Wissenschaftler, wie an der Universität Mannheim, welche psychosozialen Folgen der Verlust eines eindeutigen Lebenszentrums und einer konstanten Beziehung haben. Dass Fernbeziehungen viel häufiger scheitern als konventionelle, nämlich zu 65%, haben sie schon belegt.

Was die Arbeitswelt aufgezwungen hat, findet so Eingang in das Privatleben: thematische, räumliche und seelische Mobilität wird zur täglichen Anforderung, auch jenseits der Fünfzig. Die Verlässlichkeit und Berechenbarkeit, wie sie für Generationen in den Wohnorten und sozialen Umgebungen noch normal war, ist Vergangenheit. Doch die Flexibilität, die die Wirtschaft von den Menschen einfordert, bietet sie ihnen im Gegenzug nicht.

Im März 2012 hat Barbara den nicht leichten Weg gewählt und ist zu Elo in den Norden gezogen. Ihren Kundenstamm im öffentlichen Sozialbereich muss sie mühsam neu aufbauen. Raimund sucht seit Monaten einen neuen Job in der jetzigen Heimat. Bisher vergeblich.

Development 2018

Development 2018

Da berichtet der VDI in einem Report: „Die Zahl der arbeitslosen Ingenieure ist im Januar 2012 gegenüber dem Vorjahresmonat deutlich um 21 Prozent auf 19.188 Personen gesunken. Gegenüber dem Vormonat Dezember ist sie nur leicht angestiegen – normalerweise ist die Zunahme in einem Januar saisonbedingt deutlich stärker. Da gleichzeitig die Zahl der offenen Stellen leicht gestiegen ist, liegt die Ingenieurlücke fast unverändert bei 80.000. Das bedeutet einen Anstieg um 62,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat.“. Toll. Was hieße, dass man den Bedarf an Ingenieuren auf einen Schlag um fast ein Viertel senken könnte. Wenn denn nicht …

Noch mal der VDI, an anderer Stelle: „In den asiatischen Ländern mit ihren Herrscharen nachrückender junger Arbeitskräfte gehört fast jeder Arbeitnehmer mit 50plus zum alten Eisen und wird in den Ruhestand geschickt. In Deutschland sagt die Theorie, dass im Zuge des demographischen Wandels ältere Arbeitskräfte benötigt werden und die gegenseitige Befruchtung von Jung und Alt immense unternehmerische Vorteile birgt. Warum also nicht diese Vorteile so lange wie möglich nutzen? Die Theorie ist die eine Seite, die Praxis die andere. Wer als Ingenieur mit 50plus arbeitslos wird, kann ein Lied davon singen. Viele Ingenieure dieser Altersklasse haben einerseits noch zehn Berufsjahre oder mehr vor sich, sehen sich andererseits jedoch vor erheblichen Hürden, die sich neuen Beschäftigungsverhältnissen entgegenstellen.“

Da lungern in den Arbeitsämtern Tausende von Elektrotechnikern, Maschinenbauern und Informatikern herum, die alle das persönliche Pech haben, leider vor 1960 geboren zu sein. Qualifizierte und engagierte Ingenieure, die für vertretbare Gehälter, ohne verquaste Karrierevorstellungen und mit hoher sozialer Kompetenz in Betrieben mehr als wertvoll wären. Gut, vielleicht technologisch nicht mehr auf dem allerneusten Stand, aber was nutzt die angeblich durch das makabre Bologna-Modell erzeugte hochwissenschaftliche Qualifikation der jungen Generation, wenn diesen schon ein Kundengespräch, eine Präsentation oder die Leitung eines Teams den Schweiß auf die Stirn treibt? Weil es an der doch so wichtigen sozialen Kompetenz mangelt, die im großen Chor von den Personalern und Chefs herbei gebetet wird. Und für die weder in der Schule, noch im Studium Zeit geblieben ist. Unwissen seitens der Unternehmen ist das nicht, eher Dummheit. Und wie es mit sozialer Kompetenz in den Unternehmen und bei den Personalanteilungen  ist, merken die Bewerber spätestens dann, wenn sie sich bewerben: keine Eingangsbestätigung, keine Absagen, kein Kontakt, kein Danke für die Bewerbung.

Was hätten die Unternehmen gerne? Junge und hochqualifizierte Ingenieure mit mindestens zehn Jahren Berufserfahrung und einem Gehalt deutlich unter 30.000 Euro, bereit zur 60-Stundenwoche und belastbar bis zum Schlaganfall oder Tinnitus. Nur gibt es die nicht, so bescheuert ist eben niemand. Also muss mal eine Green Card, dann eine Blue Card, demnächst eine Yellow oder Pink Card her. Damit aus dem Ausland Abertausende von Fachkräften ins Land strömen und die Löcher füllen. Dass dann alle Meetings in Englisch ablaufen müssen (nicht alle Akademiker können dies automatisch), weil die Neuen kein Deutsch können, dass interkulturelle Differenzen zum Problem werden, dass die neuen Kollegen zwar hervorragende Zeugnisse mitbringen, aber nicht mal einen Nagel in die Wand bekommen, darüber kann so mancher Personalchef ein Lied singen. Man muss halt erst einmal auf die Nase fallen, bis man merkt, dass orientierungsloses Losrennen nicht immer eine Lösung ist.

Zurück bleiben deutsche oder deutschsprachische Ingenieure, die schön weiter von einem Job träumen, aber leider nach dem Geschmack der Unternehmen zu alt, wahrscheinlich zu krank und schwächlich sind, wohl schon mit 50 komplett verkalkt. Oder hat das Ganze System? Können so eine Menge Manager verschleiern, dass der Grund für das Nichtfunktionieren vieler Firmen Unfähigkeit zur Kommunikation und Planlosigkeit sind? Dass wie meistens der Fisch zuerst am Kopf stinkt? In diese Sinne ist es eine Hilfe, blödsinnige Forderungen nach Import von Fachkräften zu verbreiten, möglichst aus Asien oder Indien. Dann passt es zusammen. Diese Manager müssen vor sozial kompetenten, erfahrenen und patenten Ingenieuren über 50 Angst haben. Denn sonst könnte es passieren, dass deren Unfähigkeit offenbar wird. Lass die alten Säcke also mal lieber auf den Fluren der Arbeitsämter. Da sind sie ungefährlich. Für die tollen Manager.

Die Glosse über den deutschen Straßenverkehr unten mag als das erscheinen, was eine Glosse im Grunde ist. Eine Lästerei, ein Überziehen. Merkwürdig ist es aber, wenn  ähnliche Betrachtungen unabhängig voneinander einen Faden zu bilden scheinen, wenn Beobachtungen zusammen passen ohne dass die Beobachtenden voneinander wissen. So zum Beispiel die politischen Entwicklungen diesseits und jenseits des Atlantiks, wo Parallelen zu sehen sind. Man könnte fragen: Amerikanisiert sich die deutsche Gesellschaft? Folgt der Tea Party in den USA bald die Tee-Partei in Deutschland?

So schreibt die Welt unter Berufung auf eine Studie des internationalen Forschungsverbunds Population Europe in Berlin in einer wenige Tage zurückliegenden  Ausgabe: „Alte und Kinderlose verlieren die Bedürfnisse von Jüngeren und Familien mit Kindern aus dem Blick und achten vor allem auf ihre eigenen Interessen. Demnach ist die Zustimmung von 65-Jährigen zu Kindergelderhöhungen um 85 Prozent weniger wahrscheinlich als die von 20-Jährigen. Die Zustimmung zu flexibleren Arbeitszeiten für Eltern sinkt zwischen dem 20. und dem 65. Lebensjahr um 50 Prozent. Ältere sprechen sich hingegen stärker für Änderungen im Rentensystem zu Lasten der Jüngeren aus.“

Und sucht man weiter in Medien und Statistiken, kommen mehr Beweise und Indizien zu Tage. Sie zeigen, dass in Deutschland die Zeit der Solidarisierung über soziale Schichten und Interessengruppen hinaus dem Ende entgegen geht. Die Zeit des gemeinsamen Leidens und Hungerns nach dem zweiten Weltkrieg ist über die letzten Generationen in Vergessenheit geraten. Statt dessen hat sich ein Bild entwickelt, dass der Tüchtige, Gesegnete, ja Vorbildliche ein Selbstdarsteller sein muss, jemand der selbstzentriert und ohne wesentliche Rücksicht seinen Tag und sein Bild nach außen gestaltet. Und für den eigene Interessen das Maß aller Dinge sind. Unterstützt wird diese Annahme noch durch die Bilder in den Medien, Online wie Print. Nicht das Sein hat noch irgendeinen Wert, nur noch das Haben, weil das Haben das Außenbild bestimmt. Und nur das Außenbild qualifiziert als erfolgreich und hebt aus der scheinbar anonymen Masse heraus, die H&M, RTL und Amazon geschaffen haben. Der Konsum, der zuerst als schöne neue Welt erlebt wurde, erdrückt nun den Einzelnen und macht ihn zu Einem von Abertausenden. Ein Borg kennt keine Individualität, im Gegenteil, er darf sie zum Schutz des Kollektivs nie haben, er würde das Kollektiv zerstören.

Diese schöne neue Welt des Konsums hatte als Nebenwirkung den Verlust von Individualität. Wo schon in einer einzigen Stadt Hunderte Leute zur gleichen Zeit mit der gleichen Jacke unterwegs sind, wo Buchhandlungen mit immer neuen und immer sinnloseren Büchern gefüllt werden, und wo Dutzende Leute darüber diskutieren, ob ihr iPhone denn nun das Gelbe vom Ei ist, da ist kein Raum für Individualität. Und wo kein Raum für Individualität im herkömmlichen Sinne ist, da muss eine neue Individualität erfunden werden. Das war nicht schwer, es gab ja Vorbilder diesseits und jenseits des Atlantiks. Die neue Individualität heißt Selbstzentrierung, Selbstüberschätzung und Durchsetzen eigener Interessen auf Gedeih und Verderb. Mit der intellektuellen Definition von Individualität vor einigen Jahrzehnten hat sie nichts mehr gemeinsam, aber immer noch besser diese neue als gar keine.

Globalisierung, Konsum ohne Grenzen und der daraus resultierende Verlust von Individualität führen in eine Welt, in der nur noch die Entscheidung zwischen Fressen oder Gefressenwerden ansteht. Das ist auf den Autobahnen zu merken, bei Meinungen zum  Kindergeld und an der Aldi-Kasse. Man könnte noch Dutzende von Glossen schreiben, wenn man nur ein wenig genauer hinschaut. Nur würde einem dabei angst und bange. Weil man merkt, dass man diese Welle nicht aufhalten kann. Oder doch?

Ich kaufe meine Kleidung ab jetzt im Raiffeisen-Markt, meine Bücher im Antiquariat und die Eier beim Bauern am Ende des Dorfes. Und hoffe, dass mich der Virus der neuen Individualität verschont.

Beim Fahren auf Deutschlands Autobahnen wünscht man nicht selten, es würde schneller voran gehen. Und weniger stressig. Wie es der ADAC mit seinem Slogan gerne hätte. Ist die Autobahn noch so gut ausgebaut, zügig voran geht es selten, entspannt schon gar nicht. Zu viele Autos? Die M25, die Autobahn rund um London herum, ist vierspurig, 24 Stunden am Tag proppevoll und doch läuft der Verkehr meist flüssig. Zu viele LKWs? Auf der A2 von Oberhausen bis Berlin wären zwei Spuren für die PKWs da, trotzdem staut es sich jeden Tag auf Dutzenden von Kilometern. Nein, das Problem scheint sich woanders zu verstecken. Vielleicht im deutschen Autofahrer?

So beobachtet man oft, dass die rechte Spur bis auf Sichtweite frei ist, die mittlere gut belegt und die linke komplett voll. Das Rechtsfahrgebot auf Autobahnen scheint in Deutschland überwiegend unbekannt. Das Argument ist klar, es könnte ja ein LKW kommen, und dann muss man ja eh wieder raus. Also bleibt man in der Mitte oder gleich ganz links. Noch unerklärlicher wird es bei leichtem Schneefall oder Nebel mit Sichtweiten von 500 Metern. Sofort werden alle Lampen eingeschaltet, deren Bezeichnung mit Nebel anfängt. Man müsste eigentlich eine Sonnenbrille aufsetzen. Oder die Standardsituation, rechts LKWs mit 90 km/h, in der Mitte Autos mit 92 km/h, links die noch Schnelleren mit 97 km/h, dahinter eine Schlange von Leuten, die gerne wenigstens das vom ADAC bisher erfolgreich verhinderte Tempolimit von 130 km/h fahren würden. Das Reißverschlussverfahren an Baustellen in Deutschland: so dicht wie möglich auf seinen Vordermann auffahren.

Generationen von Fahrlehrern scheinen versagt zu haben, grundlegende Regeln, Gebote und Verbote sind unter Deutschlands Autofahren wohl unbekannt oder verdrängt. Nicht ohne Sinn, denn es zählt ja nur das eigene Vorankommen, der Rest soll sehen, wo er bleibt. Vorausschauendes Fahren, Verzicht auf Rechte zugunsten des Verkehrsflusses und Fairplay haben auf Deutschlands Autobahnen keine Existenzberechtigung. In Dänemark, Großbritannien oder in Belgien fällt auf, dass das anders geht, und gerade in diesen Ländern gilt ein Tempolimit. Sollte das irgendwie zusammen hängen? Freie Fahrt für mündige Bürger. Dabei erschreckt am meisten, dass diese mündigen Bürger unsere Bundesregierung wählen. Wo sie schon beim Verstehen von Verkehrsregeln überfordert sind.