Hamed Abdel-Samad: Aus Liebe zu Deutschland

Es hat etwas nachgelassen, doch vom Tisch ist das Thema immer noch nicht wirklich. Was soll das sein, was aus politisch rechten bis rechtsextremen Zirkeln immer wieder als deutsche Identität beschworen wird. Auf welch tönernen Füßen das Gewäsch steht, wird schon beim Einwand klar, ob man über Ostfriesen oder Oberbayern, über Sachsen oder Saarländer redet. Was ist mit dem Schreiber dieser Zeilen, der dort drüben seit seiner Jugend nach wenigen Wochen Aufenthalt seine deutsche gegen eine irgendwie englische Identität tauscht, Englisch spricht, englische Nationalgerichte liebt, nie auf der falschen Straßenseite fährt, im Supermarkt keinem im Wege steht und auf jedem Parkplatz Smalltalk pflegt? Noch ausgeprägter sind diese Fragen für Hamed Abdel-Samad, der sich ursprünglich als Araber, Ägypter oder Palästinenser fühlte, je nach aktuellem Standort. Dann über Zwischenstationen nach Deutschland kam und hier blieb. Doch noch immer beschäftigt ihn die Frage, was seine Identität ist. Weder kann er seine arabische Identität leugnen, noch inzwischen seinen inneren Anteil als Deutscher. Will er auch nicht. Abdel-Samad zeigt an seinem eigenen Beispiel sehr deutlich, dass Identität ein Konstrukt ist. Das ist der eine Teil des Buches. Der andere ist seine Sicht auf dieses Deutschland, was es prägt, geschichtlich, gesellschaftlich wie politisch. Dieses Deutschland, das es erst seit 1871 gibt, das noch immer trotz der Geschehen in 1990 keine gewachsene Nation ist wie Großbritannien oder Frankreich. Trotz des dummen Geredes von Alexander Gauland über tausendjährige Geschichte und Vogelschiss. Es gäbe keinen Anlass für Zweifel, so Abdel-Samad, dass dieses Deutschland der beste Staat sei, der je auf diesem Boden existiert hat. Es ist für ihn unverständlich, warum eine nicht unbedeutende Zahl von Menschen hier mit diesem Staat hadert, ja einige wenige ihn sogar beseitigen möchten. Vielleicht braucht es gerade den unverblümten Blick eines „Zugewanderten“, um wieder ein klares Bild dieser Nation zu bekommen.

Am Anfang des Buches steht die Frage, wer die Deutschen eigentlich sind. Was ist die Basis für eine denkbare deutsche Identität? Die Geschichte Deutschlands begann als damaliges »Heiliges Römisches Reich«, gedacht als die Wiedergeburt des Römischen Reichs und als Hort der Christenheit. Die deutsche Nation wurde dann erst im nächsten Jahrhundert in den Namen aufgenommen. Doch dann kam die erste Katastrophe, der Dreißigjährige Krieg, der dieses Land zur Hälfte verwüstete und in zwei imaginäre Teile zerbrach. Anfang des 20. Jahrhunderts begann Deutschland den ersten Weltkrieg, das große Gemetzel, der in einem Schmachfrieden endete. Nicht viel später kam das Dritte Reich, das das Heilige Römische Reich Deutscher Nation wiedergründen wollte, aber die Deutschen, und damit ganz Europa, erneut in eine Katastrophe stürzte. Es seien Fixpunkte, so Abdel-Samad, die die Deutschen bis heute intuitiv nicht vergessen haben. Es ist das Land, das einen schweren Zivilisationsbruch begangen hat, als es Mitte des 20. Jahrhunderts sechs Millionen Juden vernichtete. Doch dann wieder im 21. Jahrhundert die Grenzen für Hunderttausende Flüchtlinge öffnete. Deutschland sei das Land von Goethe und Goebbels, von Hitler und Hesse, von Karl Marx und Carl Benz, von Luther und von Loriot. Wenn es eine deutsche Identität geben sollte, was für Abdel-Samad außer Frage steht, so entsteht sie aus all diesen Aspekten. Oder wie es im Englischen heißt: „You can’t have one without the other.“ Es gibt nicht das Eine ohne das Andere. Doch jedes Mal, wenn Deutschland in die Katastrophe geführt wurde, stand dahinter ein vereinfachtes Bild von Deutschland, das auf Ambivalenz und Zweideutigkeit verzichtete. Bei dem alles sonnenklar zu sein schien. Und gerade diese Ambivalenz sei die Meinungsfreiheit unverzichtbar.

So schreibt Abdel-Samad an einer Stelle: „Die Freiheit ist kein Wunschkonzert, wo man hört, was man gerne hat, sondern wie eine Fußballarena, die von Menschen lebt, die gut und gerne spielen. Es wird dort gerungen, geschubst und gelegentlich gefoult. Man kann nicht die Arena betreten, um mitzuspielen, und dann von der gegnerischen Seite verlangen, nicht auf sein Tor zu schießen.“ Jedoch gerade diese Vorstellung von Meinungsfreiheit sieht der Autor in den letzten Jahren zunehmend in großer Gefahr. Nicht, weil dieser Staat Zensur ausübt und missliebige Bürger ins Gefängnis sperrt. Sondern weil die Deutschen selbst diese Freiheit immer mehr aufgeben. Die deutschen Bürger ertragen keine abweichenden Meinungen mehr, sie suchen nicht mehr die Meinungen der Anderen zu widerlegen, sondern moralisch abzuqualifizieren. Und hegen die Erwartung, dass jeder genau einem definitiven Lager zugehört. Wer dann nicht die Meinung der eigenen Filterblase teilt, der ist der Böse, entweder ein rotgrün-versiffter Gutmensch oder ein rassistischer Rechter. Aber: „Wer übertriebene politische Korrektheit kritisiert, heißt nicht automatisch Diskriminierung gut. Und wer Probleme bei der Integration benennt, ist nicht automatisch in der rechten Ecke zu verorten.“ Aus seiner Rolle als Islam-Kritiker kann sich Abdel-Samad gerade an diesen Stellen keinen Kommentar verkneifen. Die nach meiner Meinung die Faktenlage sehr gut treffen. „Wir scheinen vergessen zu haben, dass der Widerspruch ein wichtiger Teil einer Streitkultur ist und ein Lebenselexier der Demokratie […], wenn man bereit ist, andere Meinungen auszuhalten und sie nicht von vorneherein mit Verboten zu belegen. Hasserfüllte und rassistische Äußerungen sind keine Meinungen. Umgekehrt sind kritische und sogar ablehnende Haltungen gegenüber dem Islam und der Migration nicht automatisch als Hassrede und Rassismus zu betrachten.“ Abdel-Samad sieht drei Herzen in der Brust dieses Volkes schlagen, das des Bürgers, das des Gestalters und das des Rebells. Leider scheint der Bürger, der sich ins Private zurück zieht und den Rändern die Vorherrschaft überlässt, wieder zunehmend Usus zu werden. Das müsse sich dringend ändern.

Hamed Abdel-Samad blickt sehr nüchtern auf seine neue Heimat. Entgegen dem Titel ist es keine Schwärmerei, kein Schönreden oder einfach für gut erklären. Wenn, dann ist es eher eine Liebeserklärung an die Meinungsfreiheit. Dass es ohne unterschiedliche Meinungen, unterschiedliche Perspektiven, keine Weiterentwicklung gibt. Zugleich ist das Buch eine gelungene Übersicht über die deutsche Geschichte und wie sie heute immer noch Deutschland prägt, wenn auch leider meistens nur unbewusst. Am Schluss bleibt die Frage nach den Identitäten. Da kommt der Autor zum gleichen Ergebnis wie schon die Leute, die sich bisher mit dieser Frage beschäftigt haben. Identität entsteht immer aus der eigenen Geschichte, aus dem Moment, dem Ort und den ganz persönlichen Erfahrungen. Seine sachliche, unverstellte und zugleich verständnisvolle Sicht auf dieses Land machen das Buch so wertvoll. Weshalb ich es auch ganz schnell durchgelesen habe.

Hamed Abdel-Samad (arabisch حامد عبد الصمد, DMG Ḥāmid ʿAbd aṣ-Ṣamad; * 1. Februar 1972 bei Kairo) ist ein ägyptisch-deutscher Politikwissenschaftler und Publizist. Der Öffentlichkeit ist er vor allem als Autor islamkritischer Werke bekannt. Einer breiten Öffentlichkeit wurde Abdel-Samad durch seine Autobiografie »Mein Abschied vom Himmel« (2009) bekannt. Es sei weder eine Abrechnung mit seiner Kultur noch ein Aufruf zur Glaubensabkehr. Er wolle lediglich die Widersprüche seines Lebens verstehen. Nach der Veröffentlichung in Ägypten sprach eine Gruppe eine Fatwa gegen Abdel-Samad aus. Daraufhin wurde er unter andauernden Polizeischutz gestellt. Abdel-Samad ist der Meinung, dass nur ein „Islam light“ in Europa eine Zukunft hat, ein Islam ohne Schari’a, Dschihad, Geschlechter-Apartheid, Missionierung und Anspruchsmentalität. Er kritisiert, aus Angst oder aus politischem und wirtschaftlichem Kalkül würde eine Appeasement-Politik gegenüber dem Islam betrieben, während die Ängste der eigenen Bevölkerung (vor dem Islam) aus der politischen Debatte ausgeblendet würden. Dieses Verhalten schlage in der deutschen Bevölkerung in Ressentiments um. […] Abdel-Samad ist in den deutschen Medien präsent, beispielsweise als Gast in Talkshows und durch Interviews zum Islam. Als ein aus Ägypten stammender Politologe wurde er oft zum Arabischen Frühling befragt. Während der Revolution in Ägypten Anfang Februar 2011 reiste er zurück in seine Heimat und stellte sich auf die Seite der Protestierenden. Für deutsche Medien stand er während der Berichterstattung als Interviewpartner zur Verfügung. So erwähnte er in den Tagesthemen, dass Hosni Mubarak „kein Stabilitätsfaktor für Ägypten und die Region“ sei. Er hoffe, dass Mubaraks Herrschaft ein Ende finde.

Dieser Text basiert auf dem Artikel Hamed Abdel-Samad aus der freien  Enzyklopädie Wikipedia  und steht unter der Lizenz Creative Commons CC-BY-SA 3.0 Unported (Kurzfassung). In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.

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