Michael Winterhoff: Mythos Überforderung

Michael Winterhoff: Mythos Überforderung

Michael Winterhoff: Mythos Überforderung

Nach den ersten Seiten hatte ich die Befürchtung, zu einem Ratgeber gegriffen zu haben. Was sich spätestens ab der vierten oder fünften Seite erledigte. Hätte ich mir bei Michael Winterhoff, einem der bekanntesten Kinder- und Jugendpsychiater und Psychotherapeuten, auch nicht vorstellen können. Schließlich hatte ich mir das Buch ja nicht wegen eines eigenen Gefühls gekauft, sondern wegen des Klappentextes. Was ist dran, an der breit gestreuten Ermüdung und Überforderung, dem Gefühl des Dauerstresses, der zunehmenden Zahl an diagnostizierten Burnouts und der Ruhelosigkeit? Und was ist dran an den Klagen von Lehr- und Kindergartenpersonal über Helikoptereltern, völlig überzogene Forderungen an Schule und KiTa? Als gut beschäftigter Psychiater, der diese Kinder, und natürlich deren Eltern, tagtäglich in seiner Praxis hat, sollte er etwas dazu sagen können, ob sich die Rollen zwischen Eltern und Kindern so stark geändert haben. Beobachten kann ich es selbst, wenn die engen Straßen in meinem Dorf kurz vor acht komplett verstopft sind, weil Horden von Eltern ihre fast zehnjährigen Kinder mit riesigen SUVs fast noch mittig auf dem Schulhof abliefern. Da hat sich schon etwas verändert, doch die Palette an Veränderung ist breit, weshalb Winterhoffs Analysen nicht gerade einfach sind. Und seine Ratschläge für Abhilfe werden einige Leser enttäuschen.

Dauerstress. Ständig piept das Smartphone, weil neue Mails eintreffen, weil To-Do-Listen außer Kontrolle geraten sind. Mussten wir früher 200 bis 300 Entscheidungen am Tag treffen, sind es inzwischen tausende. Einkaufen ist zum Stress geworden, seit wir uns nicht mehr zwischen 10 oder 20 Marmeladen entscheiden müssen, sondern zwischen 80 oder 90. So segensreich die Digitalisierung ist, ein Bahnticket online zu kaufen, Nachrichten über den ganzen Tag zu lesen, unterliegen wir heute dem kommunikativen Dauerfeuer. Doch unser Gehirn, unsere Psyche, hat sich über zehntausende Jahre entwickelt, oder noch länger. Unser heutiger Lebensstil dagegen ist erst wenige Jahrzehnte alt. Wir hängen in einer Reiz- und Informationsüberflutung. Unsere Psyche reagiert auf diese Überforderung mit Angst. Gut zu sehen an Leuten, deren Augen sich kaum noch vom Smartphone trennen können, in der Angst, etwas zu verpassen. Diese Angst prägt dazu den Umgang mit unserer Umwelt und unseren Kindern. Aus klaren Rollenverteilungen, hier Erwachsenenwelt, da Kinderwelt, sind Kinder nun entweder Partner, oder es kommt sogar zu einem symbiotischen Verhältnis. Was den Kindern angetan wird, wird ihren Eltern angetan. Wird das Kind in der Schule kritisiert, werden die Eltern kritisiert, die das Leben und seine Komplexität schon lange nicht mehr bewältigen. Rollen, die einmal sinnvoll und zur Entwicklung des Kindes da waren, werden wegen der Anspannung und Angst der Eltern aufgegeben.

So in der Kurzform Winterhoffs Analysen. Es geht ihm aber nicht um ein Zurück in eine güldene Vergangenheit, als die Welt um uns herum noch überschaubar und planbar war. Zuerst analysiert er die komplexen Verhältnisse, in denen wir leben. Wie die teilweise verqueren Beziehungen zwischen Eltern und Kindern aus einer Aufgabe von einstmals sinnvollen Rollen aufgegeben wurden. Aus einer falsch verstandenen Liberalität, oder aus einer nicht wahrgenommenen Überforderung. Winterhoff zeigt das anhand von Fällen aus seiner Praxis sehr deutlich, wie die Interaktion zwischen Eltern und Kindern zu einer Überforderung der Kinder führt. Am Ende bleiben überforderte Eltern und überforderte Kinder zurück. Oder Kinder, die die Macht übernehmen, weil ihre Eltern nur noch Fähnchen im Wind sind.

Es ist nicht ganz einfach, Winterhoffs Argumenten und Gedanken zu folgen. Wie sich die einzelnen Puzzleteile zusammen fügen und erst nach Lesen des gesamten Buches einen Sinn ergeben. Doch seine Argumentation macht Sinn, passt zu den Beobachtungen des Alltags ziemlich genau. Aber die Antwort, was zu tun ist, bleibt etwas nebulös. Obwohl der Rat an manche Eltern seiner kleinen Patienten vielleicht nicht falsch ist. „Machen Sie Ihr Smartphone aus und gehen Sie einige Stunden in den Wald.“ So recht er damit hat, werden nur wenige Leute einen solchen Rat befolgen. Aber für ein Verständnis moderner Zeiten liegen seine Beobachtungen nicht daneben.

Durchsetzungsunfähigkeit in der Erziehung oder Konfliktangst im Beruf – und wir schaffen es nicht, damit Schluss zu machen. Warum? Es gelingt uns nicht mehr, uns wie Erwachsene zu verhalten. Abgrenzung, Übernahme von Verantwortung, klare Entscheidungen, langfristiges Denken: Fehlanzeige. Der Einzelne kann nicht mehr für sich selbst sorgen, und auch das Verhalten in Wirtschaft, Politik und Institutionen zeigt: Wir sind auf dem besten Weg in eine infantile Gesellschaft. Eine dramatische Entwicklungsschwäche, die uns fertig macht. Der wir aber nicht tatenlos ausgeliefert sind …(Klappentext Penguin-Verlag)

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