Bernhard Pörksen/Andreas Narr: Schöne digitale Welt

Pörksen/Narr: Schöne digitale Welt

Pörksen/Narr: Schöne digitale Welt

Seit ich meine Bücher nicht mehr beim großen A bestelle, sondern im Online-Shop der kleinen Buchhandlung in der nahen Kleinstadt, nutze ich auch die Möglichkeit, bestimmten Autoren zu folgen. Damit ich ihre neusten Veröffentlichungen mitbekomme. So sah ich auch Ende 2020 das neue Buch von Bernhard Pörksen, Schöne digitale Welt, was es direkt auf die Wunschliste des Online-Shops brachte. Erst beim Abholen wurde klar, dass Pörksen und Narr nur Herausgeber waren, nicht Autoren in eigentlichen Sinne. Stattdessen ist das Buch eine Zusammenstellung von Reden und Essays diverser wohlbekannter Leute, zuvorderst für mich Sascha Lobo, Ranga Yogeshwar und Miriam Meckel. Also keine neuen Gedanken des Medienwissenschaftlers Bernhard Pörksen, der den Begriff der Erregungsgesellschaft geprägt hat, sondern die von Leuten, denen bei der Betrachtung der aktuellen Gesellschaftslage einige Kompetenz zugesprochen werden kann. Spoiler vorweg: keine brandneuen Erkenntnisse, keine Lösung der dringendsten Fragen und Schwierigkeiten. Aber dafür eine breit angelegte Zusammenfassung des Status Quo. Was auch keine leichte Aufgabe ist.

Nach jeweils einer kurzen biografischen Einordnung der Beitragenden durch die Herausgeber folgen Beiträge zu aktuellen Themen. Die noch schmerzhaft lange aktuell bleiben werden. Richard Gutjahr ist der bemitleidenswerte Journalist, der den sehr unwahrscheinlichen Zufall zu ertragen hatte, sowohl beim Terroranschlag in Nizza als auch dem in München zugegen zu sein. Woraus Rechte und Verschwörungserwachte sofort schlossen, das er etwas mit den Anschlägen zu tun haben musste. Seitdem werden er und seine Familie mit Hassbotschaften und Morddrohungen zugeschüttet. Ein Erfahrungsbericht. Sascha Lobo widmet sich wie gewohnt der Kommunikation in der heutigen Zeit, also vornehmlich in sozialen Medien. Etwas greller Untertitel: Vom Ende der Gesellschaft. Lobo wäre nicht Lobo, wenn er nicht Substanzielles beizutragen hätte. Georg Mascolo ist ein gestandener Journalist mit einer beachtlichen Biografie. Hier lautet das Thema: Krieg der Worte, Fakt, Fake und die neue Macht der Lüge. Politikerin und Wissenschaftlerin Miriam Meckel betrachtet die Annäherung von Mensch und Maschine, und die Auswirkungen der allgegenwärtigen Algorithmen. Ranga Yogeshwar als wahrscheinlich bekanntester Wissenschaftsjournalist beschäftigt sich mit der Erregungsbewirtschaftung durch die digitalen Plattformen. Wer ihn nur aus dem Rundfunk und seinen Sendungen kennt, erlebt eine neue Seite des Mannes. Schließlich noch die vielfach ausgezeichnete Autorin Juli Zeh. Sie nimmt sich das Turbo-Ich vor, den Menschen im Kommunikationszeitalter. Eine philosophisch orientierte Betrachtung der neuen digitalen Bedürfnispyramide.

Neue Erkenntnisse ergeben sich aus diesen Beiträgen nicht. Dafür leistet diese Zusammenstellung eine wohl nicht unbeabsichtigte Zusammenfassung der modernen Bedürfnislage, erzogen und gefüttert, überwacht und analysiert durch wenige große digitale Plattformen. Der Mensch nicht mehr als einzigartiges individuelles Wesen, sondern als Datensatz mit hunderten unveränderlichen Attributen. Eine Gesellschaft, in der nicht mehr Diskurs oder Austausch im Vordergrund stehen, sondern die Selbstvergewisserung in Ego-Blasen und Meinungszirkeln. Ein Datenkapitalismus, der sich anschickt, die Grundlagen einer liberalen Gemeinschaft zu zerstören, Hauptsache der Umsatz stimmt. So weit waren wir schon, aber das Interessante an diesem Buch ist einmal die Vielfältigkeit der Sichtweisen, als auch die Unterschiedlichkeiten in der Analyse. So unterschiedlich die Ausgangslagen dieser Beitragenden sind, erwischen sie doch die wesentlichen Fragen der Zeit. Schon mit einigen Änderungsvorschlägen, wie bei Ranga Yogeshwar, der meint, es gehe bei den digitalen Plattformen zunehmend statt um ein to big to fail, um ein to big zu carry on. Also keine großartigen Neuigkeiten, jedoch für eine Orientierungshilfe, wo wir denn überhaupt so stehen und um was es im Grunde geht, eine hilfreiche Unterstützung.

Das Zeitalter der Netzutopien ist zu Ende. Gerüchte und Falschnachrichten diffundieren durch die digitale Welt. Social Bots simulieren Meinungsströme. Troll-Armeen sind in sozialen Netzwerken unterwegs. Profi-Fälscher erstellen mit Hilfe von KI-Programmen realistisch erscheinende Videos, sogenannte ‘Deep Fakes’. Und Polit-Propagandisten nutzen Datenanalysen, um einzelne Zielgruppen mit speziellen Propaganda-Postings zu bombardieren. Die Hoffnungen, die das neue Medium einst auslöste, haben sich in die Dystopie der totalen Manipulation verwandelt. Aus Euphorie ist Ernüchterung geworden. Aber was ist beim Austausch der Zeichen eigentlich passiert? Und wie lässt sich der lähmende Aufklärungs- und Netzpessimismus überwinden? Was kann der Einzelne tun? Welche Aufgaben hat der Journalismus? Und wie könnte man Plattformen auf effektive Weise regulieren? Erhellende Antworten und streitbare Analysen formulieren Richard Gutjahr, Sascha Lobo, Georg Mascolo, Miriam Meckel, Ranga Yogeshwar und Juli Zeh. Sie erklären den Medienwandel, analysieren die Neuerfindung unserer Informationswirklichkeit und machen deutlich, warum wir eine digitale Aufklärung brauchen, die sich von Horrorszenarien und Heilserwartungen gleichermaßen fernhält. (Klappentext Herbert von Halem-Verlag)

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