Gabriele Krone-Schmalz: Respekt geht anders

Gabriele Krone-Schmalz: Respekt geht anders

Ihre Frisur ist vielleicht nicht ganz so spektakulär wie die von Sascha Lobo, aber ebenfalls von hohem Wiedererkennungswert. Aber nicht nur deshalb ist Gabriele Krone-Schmalz, Historikerin,  hauptsächlich unterwegs als Journalistin und Publizistin, so bekannt. Lange Zeit war sie Moskau-Korrespondentin der ARD. Man kann sie als wirkliche Russland-Versteherin bezeichnen, im positiven Sinne, war sie doch die Erste, die Michael Gorbatschow für deutsche Medien interviewte. Seit 2011 ist sie Professorin für Fernsehen und Journalistik an der University of Applied Sciences Europe in Iserlohn. Für mich gehört sie zu den beachtenswerten und ernsthaften Medienschaffenden, vertraut ist sie mir fast seit meiner Kindheit. Nun hat sie in 2021 dieses Buch geschrieben, der Buchbeschreibung des Verlages und dem Klappentext nach geht um den aktuellen Zustand der deutschen Gesellschaft, um die breit vorherrschende Respektlosigkeit, die Zerrissenheit der deutschen Bevölkerung und den Verlust der Fähigkeit zum Diskurs. Um eine Gesellschaft, deren Bürger die höchsten individuellen Freiheiten wie Sicherheiten genießen und trotzdem von einer Merkel-Diktatur faselnd durch die Großstädte ziehen. Doch ich würde das Buch noch etwas anders lesen: Als mahnenden Ruf einer gestandenen Journalistin an die Medienschaffenden dieser Zeit. So denn nur interessant für Journalisten? Nicht wirklich. Wie immer hat das, was sie sagt, Hand und Fuß.

Krone-Schmalz beginnt mit einer nicht unbekannten, aber leider wenig gepflegten Ermahnung. In einem hoch entwickelten Land, in einem Staat, der seinen Bürger ein noch vor 100 Jahren unvorstellbares System an schulischer Ausbildung, medizinischer Betreuung und ein zuverlässiges Sozialsystem bietet, wird geklagt, gemoppert und gemeckert und Larmojanz gepflegt. Deutschland hat die stabilste und robusteste Demokratie seiner Geschichte. Nur sehen will das nicht jeder. Im Gegenteil, spaltet sich die deutsche Gesellschaft in Grüppchen auf, zwischen denen Austausch und Zuhören nicht mehr möglich ist. Wo es nur noch um Schwarz und Weiß, um entweder-oder geht, nicht mehr um sowohl-als-auch. Dagegen schreibt Krone-Schmalz an, auf Basis von Fakten und Logik. Was sich dadurch ergibt, ist eine Sichtweise, die man getrost als 100% Vernunft bezeichnen kann. Sie liest den Deutschen die Leviten, offen und ehrlich, aber nie überheblich oder theoretisierend. Ein Versuch, eine Stimme gegen das oft dümmliche Gerede zu erheben, das jedes Beweises entbehrt. Das ist die eine Seite des Buches.

Auf der anderen Seite bekommt die deutsche, aber nicht nur die deutsche Medienlandschaft ihr Fett weg. Die Digitalisierung der Medien hat für den Journalismus und die Medien heftige Auswirkungen. Anzeigengeschäfte brechen weg, Zeitungen und ganze Verlage müssen dicht machen. Dahinter steht aber nicht nur nur ein Abfließen von Werbung ins Digitale. Soziale Medien und Online-Dienste machen Leserinteresse messbar, bis auf den Click genau. In diesem riesigen Getöse ist Aufmerksamkeit ein rares und teures Gut geworden, was zur Folge hat, dass geringste Anlässe mit überlauten Überschriften angepriesen werden. Der klassische Journalismus, der Zeit brauchte zum Recherchieren und Bewerten, zum Abwägen und Reflektieren, ist einer Kakophonie gewichen, in der es nur noch um Aufmerksamkeit geht. Ein solcher Journalismus kann seine ursprüngliche Aufgabe als Überwacher und Kritiker der Politik und der Gesellschaft nicht mehr erfüllen. Diese Betrachtungen sehe ich fast als den wichtigsten Aspekt des Buches, in ihrer langen Geschichte im Journalismus hat Gabriele Krone-Schmalz an dieser Stelle eine Menge zu sagen und zu beizutragen.

Doch gehen diese Sichtweisen nicht nur den Journalismus an, sie zeigen, dass an dieser Stelle Gefahr droht. Für jeden Einzelnen, der nicht mehr in dem Maße informiert wird wie noch vor 20 Jahren. Da liegt auch ein Grund für den wachsenden Unmut über Medien, nicht nur Zeitungen und Magazine, auch Radio und Fernsehen. Das liegt nicht nur am Publikum, das liegt auch an den Sendern und den Verlagen. Man könnte fast sagen, dass ihr Buch ein Beitrag zur Medienkompetenz ist, sie zeigt an vielen Stellen Entwicklungen auf, die auf Dauer Besorgnis erregen können. Es ist nicht alles früher besser gewesen. Doch der europäische Journalismus war es mal. Darauf sollten sich Journalistinnen und Journalisten besinnen. So ist ihre Botschaft.

Keine hochintellektuelle Analyse, jedoch lesenswert, schlüssig, bodenständig.

Deutschland ist im Kampfmodus. Andersdenkende werden verunglimpft, und statt aufeinander zuzugehen, breitet sich in der Öffentlichkeit ein aggressives Klima der Intoleranz aus. Gabriele Krone-Schmalz versucht Brücken zu schlagen und zeigt, wo die Fallen lauern, die aus pluralistischen Debatten polarisierende Spaltpilze werden lassen. Ein leidenschaftliches Plädoyer für mehr Streitkultur, das zum Nachdenken anregt, ob es nicht auch anders geht: ruhiger, gelassener, selbstkritischer, kurz: respektvoller. Respektvoll streiten, das wär’s doch! (Klappentext C.H.-Verlag)

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