Annika Brockschmidt: Amerikas Gotteskrieger

Waren die US-Amerikaner lange ein Vorbild gerade für Deutschland, sind sie uns seit 2016 zu einem Rätsel geworden. Wie konnte eine Nation, die sich als demokratisches und liberales Vorbild in der Welt versteht, einen Menschen wie Donald Trump zum Präsidenten wählen? Was sind das für Leute, die man Evangelikale nennt, die die Bibel wörtlich interpretieren und für die Darwins Erkenntnisse barer Unsinn sind? Für die der Staat ein Feind ist, der „Deep State“, der zu entmachten ist und dem jede Kompetenz zur Führung abgesprochen wird. Annika Brockschmidt schildert in ihrem Buch eine ganze Reihe von religiösen Gruppen in den USA, angefangen von den christlichen Nationalisten, über evangelikale Fundamentalisten, religiöse Rechte bis hin zu den zahllosen Splittergruppen. Scheinbar gründet in USA ständig irgendjemand ein Komitee, eine Vereinigung oder eine sonstige Gruppe, die jedoch Wesentliches gemeinsam haben: Die Überzeugung, die USA sei das von Gott erwählte Land, dass Religion und Politik nicht zu trennen sind und dass die USA eine christliche Führung haben sollen, keine weltliche. Alle säkularen, liberalen oder eben nicht gläubigen Menschen sind Feinde, von schwarzen Menschen, Einwanderern und Muslimen ganz zu schweigen. Diese Überzeugungen, auf die Brockschmidt im Detail eingeht und was ihre Ziele sind, lassen einen Europäer manchmal sprach- und verständnislos zurück. Nun könnte man diese Leute als Spinner und Verwirrte abtun und ignorieren. Jedoch haben sie inzwischen die amerikanische Gesellschaft, speziell die Politik, erschreckend durchdrungen, was von dieser Seite des Atlantiks nicht wirklich sichtbar ist. Und werden, nach Jahrzehnte langer Vorarbeit, zu einer Gefahr für die Demokratie in den USA.

Gläubigkeit und Religiosität sind in den USA bei Evangelikalen etwas völlig Anderes als hier in Europa. Die evangelikalen Christen und die religiöse Rechte in den USA teilen Überzeugungen, die hierzulande völlig indiskutabel sind. Erstens ein archaisches Menschen- und Familienbild, in dem die Frau noch dem Mann untergeordnet ist, in dem Gewalt und Aggression eben untrennbar männliche Eigenschaften sind, die die Frau zu akzeptieren, ja sogar zu unterstützen hat. Zweitens ein Glaube an die weiße Überlegenheit, eine Ablehnung der Rassentrennung und Erhaltung der Segregation und dass Sklaverei etwas Biblisches und sogar Gutes ist. Drittens die Überzeugung, dass die USA ein christliches Land sind, in dem die Bibel Leben und Politik regelt. Alles, was im Grunde diesen Regeln zuwider läuft, wird passend umgedeutet. Als Sarah Palin als Vizepräsidentin kandidierte, was einer Frau eigentlich nicht zustand, erklärte man die Zustimmung damit, dass sie ja „nur“ Vize sei und dem Mann zuarbeitete. Selbst Donald Trump war ein Präsident nach dem Geschmack evangelikaler Christen. Seine Ausfälle („Grab them by the pussy“) passten ins Männlichkeitsbild dieser Leute. Obwohl Trump vorher nie etwas mit Kirche zu tun hatte, bezeichneten sie ihn als „baby christ“, den sie sich schon passend zurecht biegen würden. Brockschmidt erklärt sehr plausibel, warum Trump für die Evangelikalen ein Wunsch-Präsident war. Zuletzt hat er sich sogar eine spirituelle Beraterin aus ihren Reihen zugelegt, deren Auftritte für uns mehr als befremdlich sind. Paula White. Der harte Widerstand gegen die Abtreibung unter den amerikanischen Evangelikalen ist eine recht neue Entwicklung. Dahinter steckt eine andere Motivation, die verschleiert und nicht mehr ausgesprochen wird. Grundsätzlicher und eindeutiger Rassismus, mit dem man aber heute nicht mehr so ankommt. Abtreibung ist ein Schattenthema, die wirklichen Motive sind andere.

Um so erschreckender ist, dass evangelikale Rechte schon seit langer Zeit die Politik durchdrungen haben. Schon seit Nixon und Bush haben Politiker an ihren Versammlungen teilgenommen, dort Reden gehalten, sich ihnen angedient. Eben weil ihre Botschaften in einem Teil des Mainstreams angekommen sind. Selbst Vereine wie die John Birch Society, die abstrusen, meist antisemitischen Verschwörungsmythen anhängt, ist für viele amerikanische Politiker durchaus ernst zu nehmen. Da sind auch keine Namen aus der dritten Reihe im Spiel, sondern Mike Pence, oder Außenminister und Verteidigungsminister über die Zeit. Das Bild, das Annika Brockschmidt in ihrem Buch zeichnet, ist eigentlich erschreckend. Es ist aber, entgegen vieler Annahmen, keine neue Entwicklung, sondern sie reicht schon viele Jahrzehnte zurück. Aber erst mit dem Einzug von Donald Trump wurde es sichtbar, wer hinter der Bühne die Fäden zieht, wie weit radikale evangelikale und rechte Kräfte die amerikanische Politik durchdrungen haben. Selbst der groteske Auftritt am 6. Januar 2021 bekommt mit diesem Hintergrund einen Sinn und wird, wenn auch nicht verstehbar, doch erklärbar. Insgesamt nimmt man den Eindruck mit, dass die Evangelikalen in den USA nicht so viel anders sind als fundamentalistische Islamisten. Von ihren Glaubensgrundsätzen aus gesehen.

Das Buch ist auch deshalb so dick, weil das Gesamtthema so vielschichtig ist, die Historie so lang, die Auswirkungen umso kritischer. Brockschmidt geht auf sehr viele historische und religiöse Aspekte ein, die manchmal nicht mehr einfach zu überblicken sind. Insgesamt ist ihr aber eine funktionierende Gliederung gelungen. Durch die vielen Zitate und Verweise bewegt sie sich anzunehmend auch nicht im Ungefähren, was die Sache noch etwas schlimmer macht. Das kann man sich nun kopfschüttelnd ansehen oder kann daraus seine Schlüsse ziehen. Zum Beispiel, dass die Europäer sich in Zukunft doch besser auf sich selbst verlassen anstatt auf den großen Bruder jenseits des Atlantiks. Bekommen die christlichen Nationalisten weiter Auftrieb, und es sieht danach aus, werden sich die USA und Europa kulturell und politisch so ähnlich sein wie Deutschland und die Türkei. Da kann man nur sagen: Gott behüte.

Annika Brockschmidt (* 10. Juni 1992 in Berlin) ist eine deutsche Konfliktforscherin mit dem Schwerpunkt „War and Conflict Studies“, arbeitet als Journalistin, Autorin und Podcasterin. Nach ihrem Abitur 2011 am Canisius-Kolleg Berlin studierte Brockschmidt von 2012 bis 2017 Geschichte und Germanistik an der Universität Heidelberg, wobei sie 2015 ein Erasmus-Semester an der Durham University verbrachte. 2017 bis 2019 absolvierte sie ein Masterstudium in War and Conflict Studies an der Universität Potsdam, das sie mit einer Masterarbeit über das SS-Einsatzkommando 8 abschloss. […] Brockschmidts Buch Amerikas Gotteskrieger (2021) erschien bei Rowohlt in der Taschenbuchreihe Polaris und wurde zu einem Bestseller. Benjamin Dahlke schrieb in der FAZ, Brockschmidts Buch gewähre „Einblick in eine fremde Welt, die zu kennen sich aber lohnt“. Zugleich kritisierte er, ihre Folgerung, der christliche Nationalismus sei das Kernproblem der USA, greife zu kurz. Thomas Spang von der Katholischen Nachrichten-Agentur bezeichnete Amerikas Gotteskrieger als „Pflichtlektüre für alle, die neugierig sind, eine wesentliche Antriebskraft hinter den Ereignissen des 6. Januar zu begreifen“. Matthew Karnitschnig vom Portal Politico warf dem Buch dagegen mangelnde Recherche vor Ort, Verzerrung von Tatsachen und Antiamerikanismus vor. Kritische Entgegnungen auf Karnitschnigs Vorwürfe veröffentlichten Veronika Kracher im Neuen Deutschland und Claudia Gatzka in der FAZ. […] Brockschmidt beschäftigt sich seit 2020 vor allem mit Themen wie dem Einfluss Rechtsevangelikaler auf die Regierung Donald Trumps, dem Wohlstandsevangelium, der religiösen Rechten in den Vereinigten Staaten, deutscher und internationaler Politik sowie Propaganda und dem Zweiten Weltkrieg. Als ihr Spezialgebiet bezeichnet sie genocide studies mit einem Fokus auf den Verbrechen der Einsatzgruppen im Zweiten Weltkrieg hinter der Ostfront vor einem psychologisch-historischen Hintergrund.

Dieser Text basiert auf dem Artikel Annika Brockschmidt aus der freien  Enzyklopädie Wikipedia  und steht unter der Lizenz Creative Commons CC-BY-SA 3.0 Unported (Kurzfassung). In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.

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