Markus Gabriel: Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten

Einkaufen, Kochen und Backen für Weihnachten, Aufbau einer neuen Website für den Marktplatz Ehrenamt Paderborn und viel Arbeit fürs Radio haben meinen Lesefluss arg gebremst. Nach zwei begonnenen, aber nicht beendeten Büchern dann das hier. Auch das hätte ich beinahe abgebrochen, doch dann blieb ich dabei. Weil aus dem ziemlich sperrigen und wenig sagendem Titel sich dann doch viel mehr ergab. Ein philosophisches Buch, der Titel nicht sofort für sich sprechend. Die Kernfrage des Buches ist, ob es universale moralische Tatsachen gibt. Diese Frage drängt sich nicht unbedingt auf, man stellt sie sich wahrscheinlich eher weniger. Aber Markus Gabriel eröffnet mit diesem Startpunkt eine sehr aufschlussreiche und denkwürdige Reise zum Status Quo der aktuellen Zeit. Auch das mag wenig Anreiz geben, sich das Buch anzutun. Wenn man aber Fragen nach Moral und Ethik auf aktuelle politische und gesellschaftliche Entwicklungen lenkt, bekommt die Sache eine ganz andere Bedeutung. Woher stammen solche Sichten der Welt wie Multikulturalismus, Wertepluralismus oder sogar Wertenihilismus? Was ist das überhaupt? Gibt es tatsächlich unterschiedliche Kulturen, und gelten in ihnen unterschiedliche moralische Werte und Werturteile? Wie moralisch ist unser alltägliches Leben? Ist es moralisch, sich jedes Jahr ein neues Smartphone zu kaufen, auch wenn dafür Kinder in südamerikanischen Minen ein sehr dreckiges Leben führen? Da bekommen Fragen nach moralischem und unmoralischem Entscheiden, nach dem Wert des globalisierten Turbokapitalismus und des westlichen Konsums ganz neue Seiten. Dass Gabriel da nicht in die Tiefen der Philosophie herab steigt, ist angebracht, sein Ziel ist eher zu klären, wie aufgeklärt im Sinne Kants die Menschheit zur Zeit ist. Mit der Vielschichtigkeit dieser Frage kann man das Buch dann nicht so einfach weg lesen wie einen Roman. Soll man auch nicht. Es ist nämlich kein Lesebuch, sondern eher ein Denkbuch.

Ein (nun ehemaliger) Präsident, der die amerikanische Gesellschaft gespalten hat wie keiner zuvor, der lügt und betrügt, für den unmoralisches Handeln Credo ist. Das Internet, das in seinen „sozialen“ Medien unreguliert Falschnachrichten ohne Ende züchtet, eine Plattform für Hass und Hetze bietet. Vor Kurzem noch demokratische Staaten, die von ihrer obersten Politik in Bananenrepubliken oder Diktaturen umgebaut werden. Ein entfesselter globaler Turbokapitalismus, der weder auf Menschen noch auf die Umwelt Rücksicht nimmt. Ein verbreiteter Glaube, dass, wenn man die Märkte nur frei agieren lässt, alles gut wird. Mit dem Resultat, dass Banken und Unternehmen mit Milliarden Dollar und Euro von Staaten und EU gerettet werden müssen. Neuer Rassismus, Xenophobie und zunehmende Fremdenfeindlichkeit. Eine Pandemie, die sich gerade in der brutalen Globalisierung in Wochen über die ganze Erde ausgebreitet hat. So gesehen sind wir in dunklen Zeiten. Gibt es, bezogen auf die Zeit nach der Aufklärung, überhaupt noch moralischen Fortschritt? Es scheint eher, dass die Aufklärung auf dem Altar des hemmungslosen und grenzenlosen Konsums und imaginierten Wohlstandes geopfert wurde. Gabriel sagt Nein. Noch sei Polen nicht verloren. Denkt man an die aktuellen Entwicklungen wie den Schutz von Minderheiten, die Gleichstellung aller Geschlechter oder den zumindest einsetzenden Schutz der Umwelt, gibt es diesen Fortschritt noch. Nur wird das auf Dauer nicht reichen.

Gabriel fordert eine neue Aufklärung, ohne die der Fortschritt sonst zum Erliegen kommt. Als Hinleitung nutzt er Konzepte und Erkenntnisse der Philosophie seit Platon und Aristoteles bis Nietzsche und Heidegger. Im Positiven wie im Negativen. Entscheidend sei, den Schwerpunkt von der Konzentration auf Technologie und Wissenschaft wieder auf Ethik und Moral zu lenken. Dazu nutzt er ein Prinzip, das er moralische Tatsachen nennt. Im moralischen Spektrum unterscheidet er klassisch zwischen böse, neutral und gut. Nazis sind böse, Zähneputzen neutral und Flüchtlingen helfen ist gut. Dazu sei es notwendig, die nichtmoralischen Tatsachen anzuerkennen und zu unterscheiden. Nichtmoralisch sind Naturgesetzte, biologische Fakten oder wissenschaftliche Erkenntnisse. Anhand philosophischer Grundlagen bereitet er dann den Weg vor, wieder die Moral als Leitlinie des Handelns und Wirkens ins Zentrum zu rücken. Nicht nur in der Politik und in der Wirtschaft, sondern auch in unserem alltäglichen Umfeld und unserem persönlichen Leben. Was am Ende auch bedeutet, dass in unseren Schulen nicht nur Wissenschaft und Technologie abgehandelt werden, sondern auch Ethik und Moral. Was zuerst wie ein Zurück klingt, sei der einzige Weg vorwärts.

Wenn man so will, ist das Buch ein wenig eine Einführung in die Philosophie. Gabriel stellt Prinzipien, Erkenntnisse und Richtungen der Philosophie in den Raum und interpretiert, was sie für unsere heutige Zeit und unsere derzeitige Moralauffassung bedeuten. Da er diese Erkundungen immer auf konkrete Beispiele bezieht, wie die zunehmende Stereotypenbildung, die Lage in Wirtschaft und Politik bis zu unser persönliches Haltung in der Welt der Werte, macht seine Gedanken verständlich und offenbart, wie unmoralisch wir heute meist unterwegs sind. Gleichzeitig macht diese Realitätsnähe den oft knochentrockenen Stoff lesbar und nachvollziehbar. Leichte Kost wird das Buch trotzdem nicht. Aber wenn man Lust auf etwas gesteigertes Nachdenken und Umdenken hat, bietet Markus Gabriel dazu viel Gelegenheit. Selbst für die Horden von Querdenkern, Reichsbürgern und Impfgegner hat er eine aus meiner Sicht plausible Erklärung. Es sei halt nicht allen Menschen gegönnt, die Fähigkeit zu einer ethisch orientierten Selbstreflektion zu entwickeln. Humorlosigkeit ist nämlich nicht Thema des Buches.

Markus Gabriels Biografie findet sich in seiner Website Markus Gabriel – Biografie

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