Richard Dawkins: Der Gotteswahn

Richard Dawkins: Der Gotteswahn

Nicht Erkenntnissuche oder spezielles Interesse an diesem Thema führten mich zu diesem Buch, sondern weil es so umstritten rezensiert wurde. Autor ist Clinton Richard Dawkins, britischer Zoologe, Evolutionsbiologe und Autor populärwissenschaftlicher Literatur. Bis 2008 war er Professor an der University of Oxford. Breiter bekannt wurde er durch sein Buch Das egoistische Gen, in dem er die Evolution auf der Ebene der Gene analysiert. Er führte den Begriff Mem als kulturelles Gegenstück zum Gen ein. Der Gotteswahn stammt aus 2006, meine Auflage ist die vierte aus 2018. Dawkins gilt als Vertreter des „Neuen Atheismus“ und der Brights-Bewegung, für die er in Artikeln in großen Zeitungen warb. Immerhin galt er nach einer Umfrage des Magazins Prospect in 2013 zu den weltweit wichtigsten Denkern. In diesem Buch nimmt er sich das Thema Religionen vor, es kann zu Recht als Streitschrift gelten, in der er die Religionen als das größte Übel und den größten Fehler des Menschen angeht. Nun ist Dawkins in erster Linie Biologe. Doch zu glauben, er gehe das Thema nun aus einer rein biologischen Sicht an, erweist sich als Fehlschluss. Stattdessen holt er zu einem Rundumschlag aus, der wie üblich leider auch die Falschen trifft. Ich hatte mir einmal vorgenommen nur Bücher zu rezensieren, die ich einerseits für gut und auch für wichtig halte. Dieses Buch nun hier aus dem zweiten Grund, nicht aus dem ersten.

Es gibt selten Fälle, dass mich ein Buch ratlos zurück lässt. Entweder ist es gnadenlos schlecht geschrieben, verbreitet Plattitüden oder der Sinn des Textes will sich nicht erschließen. In diesen Fällen geht das Buch in den Bestand zurück, bis es beim nächsten Umzug entsorgt wird. Dawkins Buch Der Gotteswahn ist grundsätzlich gut geschrieben, viele seiner Argumente treffen aus meiner Sicht. Religionen waren und sind in der Geschichte der Menschheit für die grausamsten, niederträchtigsten und unsinnigsten Verbrechen verantwortlich. Dawkins versucht deshalb eine Analyse, woher Religionen kamen, was ihre wesentlichen Kennzeichen sind. Dieses Herangehen ist wissenschaftlich angebracht. So gliedert sich das Werk in die Unterbereiche der Gotteshypothese, Argumente für und gegen die Existenz eines Gottes, die Wurzeln der Religion, ihre schriftlichen Grundlagen, der von der Religion induzierten Moral bis hin zu der Frage, ob Kinder durch Religion nicht missbraucht oder indoktriniert werden. Dass sowohl Bibel wie auch Koran eher als historische Dokumente anzusehen sind, nicht als Quellen der Wahrheit, ist heute angebracht. Dass ein persönlicher Gott und sein Gegenspieler Satan eher nicht existieren, ist plausibel. Über allem schwebt Dawkins Leitlinie, dass alle Wesen und Schöpfungen auf der Erde durch natürliche Selektion und Evolution entstanden sind. Seine massive Kritik richtet sich gegen den Glauben, dass ein höheres Wesen dafür verantwortlich war, und alle weiteren Konsequenzen auf eine Gestaltung zurück gehen, statt auf die Evolution. Dazu bräuchte ich dieses Buch nicht zu lesen, so viel Kompetenz könnte mir der Autor schon zutrauen. Wo ich ganz bei Dawkins bin, ist die Betrachtung, wie Religion am Ende ein Lückenfüller ist, der Menschen Dinge erklärt, die sie mangels Bildung oder Erkenntnis nicht verstehen. Betrachtet man Auswüchse wie die amerikanischen Evangelikalen oder den politischen Islam, wird der häufige Unsinn, der wegen und mit Religionen angestellt wird, sehr deutlich. Das sind die Stellen, wo ich mit Dawkins konform gehe. Aber Religionen als negative Seiteneffekte der Evolution zu bezeichnen, zeigt eher Dawkins‘ argumentative Hilflosigkeit.

Was ich Dawkins besonders ankreide, ist einmal seine Art eigene blinde Flecken zu übergehen. Was hat diese Aminosäuren vor über drei Milliarden Jahren dazu gebracht, sich zusammen zu schließen und replizieren zu können? Es gibt viele offene Fragen in der Evolution, die wir heute noch nicht beantworten können. Darüber geht Dawkins gnädig drüber weg. Zum Anderen disqualifiziert er Fragen, die sich ihm wohl nicht stellen, aber Millionen anderer Menschen. Fragen nach Spiritualität, wie Leben sinnvoll gestaltet werden kann und viele philosophische Sichten. Stattdessen keilt Dawkins aus, was auch Agnostiker aller Couleur abbekommen, obwohl die ja eben nicht an einen Gott glauben. Für ihn ist die Evolution die einzige Wahrheit, dass es noch andere Wahrheiten, oder auch nur Ansichten geben kann, lässt er nicht gelten. Was vielleicht als Humor gemeint ist, wird bei ihm ins Lächerliche ziehen oder herunter machen. Das hat mich in seinem Buch stellenweise wirklich gestört. Ja, viele seiner Sichten auf Religion kann ich teilen, aber in Summe versteigt er sich mit seiner Kritik und tut genau das, was er religiösen Menschen vorwirft. Der Glaube, im alleinigen Besitz der Wahrheit zu sein. Unter dem Strich ist das Buch lesenswert, liefert wichtige Argumente und differenziert Sichtweisen heraus. Hätte er es dabei belassen, wäre das Buch eine Grundlage für wichtige Diskussionen. So befeuert er oft leider seine „Gegner“, indem er Gleiches mit Gleiches vergilt. So würgt man den Diskurs ab. Leider.

Mein Rating: Mit kritischem Blick ein lesenswertes Buch.

Eine furiose Streitschrift wider die Religion. »Religion ist irrational, fortschrittsfeindlich und zerstörerisch.« Richard Dawkins, einer der einflussreichsten Intellektuellen der Gegenwart, zeigt, warum der Glaube an Gott einer vernünftigen Betrachtung nicht standhalten kann. Ein wichtiges Buch, das zu einem brennend aktuellen Thema eindeutig und überzeugend Position bezieht – brillant und bei aller Schärfe humorvoll.
(Klappentext Ullstein-Verlag)

 

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