Bernhard Pörksen/Friedemann Schulz von Thun: Die Kunst des Miteinander-Redens

Bernhard Pörksen/Friedemann Schulz von Thun: Die Kunst des Miteinander-Redens

Beide, Bernhard Pörksen, Medienwissenschaftler an der Uni Tübingen, und Friedemann Schulz von Thun, einer der wichtigsten Kommunikationspsychologen im deutschsprachigen Raum, gehören zu meinen Lieblings-Autoren. So kam das 2020 erschienene Buch sofort auf die Leseliste. Beide haben in ihren jeweiligen Fachgebieten wesentliche Beiträge geliefert. Pörksen zu den aktuellen, besonders digitalen Medien. Er hat auch den Begriff der Erregungsgesellschaft geprägt, in der heute Menschen nur noch mit digitalen Medien beschäftigt sind, immer auf der Suche nach dem nächsten Kick, der nächsten Empörung und dem nächsten Skandal. Eigentlich etwas konträr dazu hat Friedemann Schulz von Thun die analoge Kommunikation zwischen Menschen untersucht. Dazu hat er mehrere Bücher veröffentlicht, wie zum Beispiel das dreibändige Werk Miteinander reden, in dem er Methoden wie das Vier-Ohren-Modell und das Kommunikations-Quadrat verwendet.

Im Vergleich zu anderen Büchern, gerade in diesem Themenbereich, ist das Buch keine Analyse oder Beschreibung von Erfahrungen, sondern eine Zusammenfassung von Gesprächen zwischen Pörksen und von Thun seit 2014. Initiert hatte die Gespräche Pörksen, mit dem Ziel medienwissenschaftliche und kommunikationspsychologische Perspektiven zusammen zu führen. Um daraus Erkenntnisse zu gewinnen, die jedes einzelne Gebiet eben nicht gewinnen konnte. Das Ergebnis ist eine sehr interessante Sicht auf digitale Medien, die Veränderung von Kommunikation über die Zeit, nicht zuletzt bis hin zu einem Verständnis, warum pöbelnde und lügende Politiker trotzdem so viel Aufmerksamkeit und Zustimmung erhalten.

Das Vorwort von Pörksen und das Nachwort von Schulz von Thun rahmen die Zusammenfassung der Gespräche ein. Zwar gibt es jeweils Oberthemen, unvermeidlich aber auch Sprünge zwischen unterschiedlichen Aspekten des jeweiligen Themas. In der Tat ergänzen sich die beiden Autoren hervorragend, indem sie bestimmte Vorgänge wie die Fixierung auf digitale Medien, die Sucht nach Erregung und Empörung, den Sieg der Lüge über die Fakten bis hin zu vielen praktischen Beispielen zerlegen. Donald Trump kommt zur Sprache, aber auch Putin, der Brexit ebenso, alle diese geradezu weltbeherrschenden Kommunkationsfäden und -verirrungen. Was in der Anfangszeit, als es nur E-Mail und Newsgroups gab, als Weg in die Mündigkeit durch umfassende Information aussah, hat sich mit Facebook und Twitter zu einem Kerninstrument der Lüge, der hemmungslosen Selbstdarstellung und der digitalen Sucht herausgestellt. Pörksen und von Thun ergänzen diese Betrachtungen, indem von Thun die entsprechenden Erkenntnisse der Kommunkationspsychologie auf Pörksens Medienanalysen abbildet. Damit wird klar, dass von Thuns Vier-Ohren-Modell und das Kommunikations-Quadrat auch in der digitalen Welt gelten.

Von Thun stellt in seinem Nachwort klar, dass das Ziel nicht die letztendliche Erklärung für die Polarisierung in Medien und Gesellschaft sein sollte. Das ist plausibel und realistisch, doch er stellt damit sein Licht unter den Scheffel, wie auch Pörksens. Es wird sehr wohl zu einem wesentlichen Teil deutlich, warum Kommunikation funktioniert und wieder nicht. Es wird genauso deutlich, welcher Dialog von vornherein zum Scheitern verurteilt ist, oder wo es vielleicht noch sinnvoll ist, Brücken zu bauen. Es ist eben keine Betrachtung aus dem Wolkenkuckucksheim oder dem Elfenbeinturm. So nahe an die Realität kommen wenige Bücher, wenn dieses auch nicht die Universallösung bieten kann und will. Aber für ein Verständnis heutiger Kommunikation und der Folgen ist das Buch unverzichtbar. Zwanzig gut investierte Euros.

Hass und Hetze, Gerüchte und Falschmeldungen verbreiten sich rasend schnell. Öffentliche Debatten eskalieren zum giftigen Streit. Und in der Breite der Gesellschaft regiert die Angst vor dem Schwinden des gesellschaftlichen Zusammenhalts und dem Ende von Respekt und Vernunft. Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen und der Kommunikationspsychologe Friedemann Schulz von Thun, zwei prominente Vertreter ihres Fachs, analysieren den kommunikativen Klimawandel. Sie zeigen Auswege aus der Polarisierungsfalle in Zeiten der großen Gereiztheit und der populistischen Vereinfachungen und entwerfen eine Ethik des Miteinander-Redens, die Empathie und Wertschätzung mit der Bereitschaft zum Streit und zur klärenden Konfrontation verbindet. Anschaulich und mit vielen Beispielen führen sie vor, wie sich Diskussionen und Debatten verbessern lassen und wie die Kunst des Miteinander-Redens zu einer Schule der Demokratie und des guten Miteinander-Lebens werden könnte. (Klappentext Hanser-Verlag)

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