Robert Habeck: Wer wir sein könnten

Robert Habeck: Wer wir sein könnten

Dem Grünen-Vorsitzenden Robert Habeck sagt man eine verständliche und klare Sprache nach. Was zu seinen früheren Studienfächern Philosophie, Germanistik und Philologie passt, gerade die Philosophie hat sich lange und intensiv damit auseinander gesetzt, welche Wechselwirkung Sprache und die Welt haben. Wenn nun Politiker Bücher über Sprache schreiben, macht mich das immer neugierig, in diesem Fall ist der Aufwand dazu überschaubar, denn das Buch ist ein schmales Werk. Trotzdem ist der Anspruch aus meiner Sicht groß und wichtig, denn der Untertitel lautet schließlich Warum unsere Demokratie eine offene und vielfältige Sprache braucht. Nebenbei wollte ich einfach ein wenig mehr darüber erfahren, wie Robert Habeck so tickt, gilt er doch als einer der bodenständigen Politiker. Das bekommt man tatsächlich mit, seine politischen Positionen sind keine Pose, seine Beiträge kein Image-Getue. Dazu liefert Habeck schon wichtige Gedanken zur politischen Sprache. Und wie Sprache die Wirklichkeit erst schafft.

Habecks Ausgangspunkt ist die These, dass Sprache nicht die Wirklichkeit beschreibt, sondern dass Sprache Wirklichkeiten erst schafft. Plural, weil jeder für sich seine eigene Wirklichkeit hat. Doch Sprache tut noch mehr. Durch die Art unseres Sprechens, durch die Wahl unserer Worte beeinflussen wir die Wirklichkeit, wie er schreibt: „In der Politik ist Sprache das eigentliche Handeln.“ Deshalb, so Robert Habeck, ist es in politisch aufgewühlten Zeiten wie heute besonders wichtig, sich genau zu überlegen, welche Worte man verwendet und welche Wirkung sie zeitigen. Wie Sprache wirken kann, zeigt sich besonders bei den Populisten des rechten Randes. Wer von einer Flüchtlingsflut spricht, verwandelt Menschen in Dinge, nämlich Wasser, und in ein gefährliches Naturereignis. Mit solchen Sprachbildern werden Menschen entmenschlicht und entindividualisiert, sie werden zu Dingen. Das jedoch ist nur der erste Schritt, denn: „Die sprachliche Verrohung bereitet der gesellschaftlichen Verrohung den Weg. Was zuvor unsagbar war, wird real: Die Würde des Menschen wird antastbar.“

Robert Habeck zeigt bei seinen Ausführungen nicht nur auf die neue politische Rechte. Auch Vertreter aller anderen politischen Richtungen leisten sich regelmäßig sprachliche Entgleisungen, er nimmt sich an dieser Stelle selbst nicht aus. Denn solche Figuren des Populismus sind verführerisch. Sie sind deshalb populistisch, weil ihre Aussagekraft denkbar gering ist, aber im Streit der Wörter sehr wirksam. Eine typische rhetorische Figur ist die unzulässige Verallgemeinerung. Eine unbewiesene Behauptung, die ein Einzelfall ist, wird zu einem allgemein gültigen Muster. Wie als Beispiel: Guido Westerwelle kannte einen Arbeitslosen, der angeblich in Florida von Hartz IV in Saus und Braus lebte. Woraus Westerwelle folgerte, dass Hartz-IV-Bezieher grundsätzlich in der sozialen Hängematte liegen. „Ich kenne einen Flüchtling, der hat drei Handys“ wird zu „Flüchtlinge bekommen vom deutsche Staat Unmengen an Geld.“ In Wer wir sein könnten entlarvt Robert Habeck einige typische sprachliche Figuren des Populismus: die unterstellte Alternativlosigkeit, die Unterstellung des Vorurteils, früher sei alles besser gewesen, die Einteilung der Gesellschaft in Wir und Die. Dann schafft eine Alice Weidel aus dem Nichts Horden von mordenden und vergewaltigenden Muslimen, Alexander Gauland stuft eine Zeit, in der Deutschland in Schutt und Asche gelegt wurde und in der Millionen Menschen bestialisch ermordet wurden, zu einem Fliegenschiss herab. Doch Habeck geht es um mehr als nur um ein Entlarven populistischer Figuren, es geht um die Frage, welche Sprache unsere Demokratie braucht, um zu überleben. Wie Sprache sein sollte, damit Politik zu einem Ausgleich der Interessen führt, zu einer liberalen und offenen Gesellschaft, statt zu einem Kampf der Minderheiten gegen Mehrheiten.

Wenn Politiker Bücher schreiben, kommen oft Allgemeinplätze oder Unverständlichkeiten heraus. Das ist bei Robert Habeck zum Glück anders. Habeck schreibt verständlich, handfest und nahe am Leben. Natürlich ist hinter seinen Worten stets seine politische Haltung zu spüren, aber es geht ihm in diesem Buch nicht um einen Beweis der Richtigkeit einer politischen Position, sondern darum, Politik wieder zu dem zu machen, was sie sein sollte. Und nicht dahin zu driften, wo Gauland, Weidel und Höcke sie gerne hätten. Für ein so schmales Buch eine Menge zum Nachdenken und Nachfühlen. Ein Grüner muss man dazu nicht sein. Nur ein Linksliberaler.

Nach einer langen Zeit, die eher von politischer Sprachlosigkeit geprägt war, ist nun eine Zeit des politischen Brüllens und Niedermachens angebrochen. Doch wo verläuft die Grenze zwischen konstruktivem demokratischen Streit und einer Sprache, die das Gespräch zerstört, die ausgrenzt, entmenschlicht? Mit viel Leidenschaft erinnert Robert Habeck in »Wer wir sein könnten« daran, dass die Frage, wie wir sprechen, entscheidend ist für die Gestaltungskraft unserer Demokratie. Dass Sprache – nicht nur in der Politik – den Unterschied macht. Und er entwirft die Skizze eines politischen Sprechens, das offen und vielfältig genug ist, um Menschen in all ihrer Verschiedenheit zusammenzubringen und in ein Gespräch darüber zu verwickeln, wer wir sein könnten, wer wir sein wollen. Dieses kluge Buch ist Teil dieses Gesprächs. (Klappentext Verlag Kiepenheuer & Witsch)

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