Harald Lesch/Klaus Kamphausen: Die Menschheit schafft sich ab

Harald Lesch/Klaus Kamphausen: Die Menschheit schafft sich ab

Der Titel des Buches ist steil und provozierend. Jedoch im Gegensatz zum ähnlich betitelten Buch von Thilo Sarrazin handelt es um ein Werk aus wissenschaftlich belegten Zahlen, Daten und Fakten, gesammelt und geordnet von einem Wissenschaftler. Weil Physik sowieso die einzige richtige Wissenschaft ist, wie es mal ein befreundeter Student der Physik formulierte. So widmet sich das Buch einmal der Geschichte des Menschen, wie sie wohl entstanden ist, einschließlich der Frage, warum nur diese Art des Homo überlebt hat. Weiter geht es mit der eigentlich kurzen Zeit, in der Homo Sapiens die Erde erst eroberte, schließlich übernahm und nun auf dem besten Wege ist, sie zu zerstören. So gelangt man aus der Achsenzeit, über Frühzeit und Mittelalter bis in die Gegenwart. Je näher man sich dem Jetzt nähert, desto detaillierter gehen die Autoren in Details. Über die am Ende gefährliche Liaison von Wissenschaft und Wirtschaft, über Fehlentscheidungen am Anfang des letzten Jahrhundert bis zu den nicht so angenehmen Aussichten, den Fragen der Umweltzerstörung und der Vernichtung ganzer Arten von Tieren und Pflanzen, es zeigt genauer den vom Menschen verursachten Schwund des Regenwaldes und was er bedeutet. Der nur deshalb verschwinden muss, damit das Fleisch beim Discounter billig bleibt und die Gewinne der daran teilhabenden Unternehmen hoch. Also ein durch und durch pessimistisches Buch? Nein, denn es kommen Alternativen zur Sprache. Hat ja ein Physiker geschrieben, kein abgewrackter Politiker.

Den Abschluss des Buches bilden Interviews und Essays von und mit Wissenschaftlern und im Umweltschutz aktiven Menschen. Weil die Autoren Wissenschaftler sind, ist dieses Buch kein Wehklagen und anrührende Sammlung von Cassandra-Rufen, sondern eine tiefgehende und detaillierte Analyse, warum der Homo Sapiens, der sich selbst als die Krönung der Schöpfung und Herrscher über einen ganzen Planeten sieht, auf dem Holzweg ist. Es zwar beobachtet, aber zu träge und selbstgefällig ist für Veränderungen.

Harald „Harry“ Lesch, deutscher Astrophysiker, Naturphilosoph, Wissenschaftsjournalist, Fernsehmoderator und Hörbuchsprecher. Professor für Physik an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Lehrbeauftragter für Naturphilosophie an der Hochschule für Philosophie in München. Bekannt aus dem Fernsehen, mit vielen Beiträgen in YouTube zu sehen. Klaus Kamphausen studierte Theaterwissenschaften, Psycholinguistik und Psychologie und lebt als Dokumentarfilmer und Autor in München. Man kann Lesch viel unterstellen, aber mit seiner ruhigen, ausgewogenen und faktenbasierten Art hat er eine Menge Leute für sich gewonnen.

Es ist auch nicht ganz einfach, ein so geschichtlich umfassendes und detailliertes Bild der Geschichte des Menschen zu schreiben. Dabei ergeben sich überraschende Einsichten. So zum Beispiel, dass sich schon Römer und Griechen derart an ihren Ressourcen versündigt haben, dass nur ein Ausdehnen des Kahlschlages in Provinzen und Kolonien ihr Überleben sichern konnte. Oder die Betrachtung der Achsenzeit, in der das begann, was wir heute als Kultur und Technologie bezeichnen. So zeichnen die Autoren ein Bild, das geradezu zwangsläufig in die prekäre ökologische Situation führen musste. Zugleich liefern Lesch und Kamphausen immer wieder zwischengeschobene Zahlen und Analysen, wie sich die Ökokatastrophe herleitet und wie es weiter gehen könnte oder wird. Wenn nicht nur ein Umdenken, sondern auch ein Umleben einsetzt. Damit wird Die Menschheit schafft sich ab weder trockenes Zahlenwerk noch moralisierende Konsumkritik, sondern eine spannende und lehrreiche Grundlage für konstruktives Herangehen an Ökologie und zugleich Ökonomie. Wenn sich die Menschheit nicht selbst zugrunde richten will. Dabei Tiere und Pflanzen gleich mit. Und da wir gerade dabei sind, kann der Rest auch noch auf den Müll der Geschichte des Universums. Doch Lesch zeigt, dass es noch nicht ganz zu spät ist. Wenn denn …

Die Lebensbedingungen auf der Erde verändern sich. Viele Arten sterben aus – und auch der Lebensraum des Menschen ist zunehmend in Gefahr. Immer tiefere Spuren hinterlässt das Anthropozän, das Menschenzeitalter, in den letzten 2000 Jahren. Wissenschaft und Technik nehmen seit der Industrialisierung die Erde in den Griff. Sei es die Ausbeutung der Bodenschätze, Luft- und Wasserverschmutzung, die Klimaveränderung und Erderwärmung, Kernspaltung oder die Verschwendungssucht der Wohlstandgesellschaft – wir beuten unseren Planeten aus wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. Energiehunger und globaler Konsum treiben einen zerstörerischen Kreislauf an. Harald Lesch, Astrophysiker und Philosoph, ist aus den Weiten des Weltalls zurück. Es geht ihm jetzt um die Erde, die Heimat des Menschen, der in einer bisher nie gekannten Hybris den Ast, auf dem er sitzt, absägt.
(Klappentext Knaur-Verlag)

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