Richard David Precht: Tiere denken

Richard David Precht: Tiere denken

Mein in den letzten Jahre schwindender Optimismus, was den Zustand der Welt angeht, ist durch dieses Buch nicht mehr geworden. Im Gegenteil, in gewisser Weise bestärkt es mich in dem Glauben, dass die Menschheit nicht mehr bei Trost ist. Am Ende nicht mehr zu retten. Wenn man dann eher zufällig noch in WDR5 einen Beitrag zum Artensterben hört, bestätigt es Precht zusätzlich.

Richard David Precht, unser Sofa-Philosoph, der zu allem etwas zu sagen hat (Biografie hier, wer sie noch braucht), holt in seinem Buch Tiere denken weit aus. Es geht darum, wie das Verhältnis des Menschen zum Tier denn nun ist, von der Menschheitsgeschichte über die Weltreligionen bis in die aktuelle Zeit. Das ist ein dickes Brett, das sich Precht hier vornimmt, so vielschichtig es ist, so unterschiedlich man das Thema angehen kann, so subjektiv und emotional unser Verständnis zu Tieren nun mal ist. Damit wird das Buch ein Parforceritt durch die zeitgenössische und historische Philosophie, durch Fragen der Moral und Ethik, durch die konfuse Sicht von Gesetzen bis hin zur heutigen Realität, in der Tiere umso mehr geschätzt und geschützt werden sollen, je weiter sich der Mensch von der Natur entfernt. Ein Buch, das nur Richard David Precht so schreiben konnte.

Betrachtet man das Verhältnis von Menschen und Natur, so weit wir es wissen, von der historischen ägyptischen Kultur bis heute, haben sich Menschen und Natur weit voneinander entfernt. Waren Menschentiere und der Rest der Fauna und Flora mal vereinter Teil eines großen Weltengeschehens, sind Tiere heute einmal geliebte Gefährten wie Hundi und Muschi, dann wieder millionenfach grausam und brutal abgeschlachtetes Nahrungsmittel. Welches dann für Spottpreise in den Supermärkten landet. Tierschützer und Tierrechtler kämpfen für einen anderen Umgang mit unseren Mitbewohnern auf dieser Erde. Stehen sich dabei aber meistens selbst im Wege oder haben zweifelhafte Motivationen. 90% der KonsumentInnen befürworten einen verantwortungsvollen Umgang mit der Kreatur, nur 10% kaufen tatsächlich Biofleisch, das wenigstens in Ansätzen artgerechter und milder erzeugt wird. Hinter all diesen Fragen steht unklar, wie denn nun unser wirkliches Verhältnis zu Tieren ist. Dazu schlägt Precht einen großen Bogen, von Versuchen einer Definition der Philosophen, wie denn gerechter Umgang mit Tieren sei, was ihr Wert im Vergleich zu Menschen ist. Es folgen die Religionen, die allesamt der Überzeugung sind, die Welt sei allein für den Menschen gemacht, das Tier nur eine ergänzende Komponente zur freien Verfügung. Darin der Mensch als Herrscher und Krone der Schöpfung. Als Homo Sapiens gerade mal 250.000 Jahre in den 14 Milliarden Jahren dieses Kosmos anwesend. Seine Zukunft aktuell eher ungewiss. Weiter in die Gegenwart. Zu in Beton gegossenen Zoos, zur Jagd als Lust am Töten, zur verstörenden und deshalb ausgeblendeten Massentierhaltung, zu nutzlosen quälerischen Tierversuchen, zum missverstandenen Artenschutz. Je nachdem, ob man nach dem ökologischen, den Nutzen bewertenden oder emotionalen Sinn einer Spezies fragt.

Zu all diesen Themen pflegt Precht eine einordnende, aber möglichst wenig wertende Sicht. Das gelingt ihm überraschend gut. Wer jedoch nun erwartet, dass Precht auf Fleischesser und Bauern eindrischt, hat die falsche Erwartungshaltung. Precht verhehlt an keiner Stelle, dass der brutale und lebenverachtende Umgang mit Tieren, ob im Schlachthof, im Zoo oder im Jagdrevier, dem Tier nicht gerecht wird. Er tut das aber aus einer wenig üblichen Position: was wissen wir tatsächlich über das Tier? Im Grunde sehr wenig. Wir wissen nicht, worüber sich die Fledermaus wirklich freut, oder ob der Hund nur aus eigener Motivation unserem Rufen folgt. Also können wir nur von der Position eines Nichtwissens ausgehen. Was wir wissen ist, dass ein Schwein auf einem höheren intellektuellen und lernfähigen Stand ist als ein dreijähriges Kind. Aber rettet die Mutter aus dem brennenden Haus ihren gerade geborenen Säugling oder den Dackel? Precht macht an sehr vielen Beispielen und Gedankenfolgen klar, dass die Einordnung der mal verzärtelten, mal verhassten Tiere eben nicht so einfach ist. Warum retten wir den imposanten sibirischen Tiger, aber nicht den hässlichen Bartgeier? Von Küchenschaben und Regenwürmern, Mücken und Milben ganz zu schweigen. Uns interessiert der Artenschwund unter Wespen und Mücken eher wenig, aber wir trauern den Schmetterlingen nach? Auf solche Fragen hat Precht sehr wohl Antworten.

Precht ist Philosoph. Deshalb steht der Erkenntnisgewinn in diesem Buch im Vordergrund. Dass man diesen Philosophen denn dann so gerne liest, im Vergleich zu Adorno, Habermas oder Kant, liegt an Prechts vermittelnder Rolle zwischen Philosophie und unserem alltäglichen Leben. Zwar nutzt Precht Gedanken und Schlüsse der Philosophie als Fundament, er zieht daraus jedoch Schlüsse für Fragen der Gegenwart und jedes Einzelnen. Sofa-Philosoph ist er in dem Sinne, dass er mit uns zusammen im Wohnzimmer sitzt und diskutiert. Seine Schlussfolgerungen und sein umfassendes Wissen, seine Logik und Zirkelschlüsse haben etwas Erhellendes. Er stellt Fragen, auf die man nicht so unbedingt allein kommen würde. Und er gibt Anregungen, eigene Positionen zu finden, liefert Argumente und Beispiele, regt zum Nachdenken und zum Erkennen an. In einer verständlichen und zugleich unterhaltenden Sprache. Zum Abschluss über dieses Buch: Wer danach noch mit gutem Gewissen Fleisch isst, hat das Buch nicht verstanden. Er scheitert dann aber nicht aus ethischen, sondern aus logischen Gründen.

Wie sollen wir mit Tieren umgehen? Wir lieben und wir hassen, wir verzärteln und wir essen sie. Doch ist unser Umgang mit Tieren richtig und moralisch vertretbar? Richard David Precht untersucht mit Scharfsinn, Witz und Kenntnisreichtum quer durch alle Disziplinen die Strukturen unserer Denkmodelle. Ist der Mensch nicht auch ein Tier – und was trennt ihn dann von anderen Tieren? Welche Konsequenzen hat das für uns? Precht schlägt einen großen Bogen von der Evolution und Verhaltensforschung über Religion und Philosophie bis zur Rechtsprechung und zu unserem Verhalten im Alltag. Dürfen wir Tiere jagen und essen, sie in Käfige sperren und für Experimente benutzen? Am Ende dieses Streifzugs steht eine aufrüttelnde Bilanz. Ein Buch, das uns dazu anregt, Tiere neu zu denken und unser Verhalten zu ändern!(Klappentext Goldmann-Verlag)

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