Hamed Abdel-Samad: Der Untergang der islamischen Welt

Hamed Abdel-Samad: Der Untergang der islamischen Welt

Was zeichnet ein gutes Buch aus? Dass man nach dem letzten Zuklappen erst einmal einen Moment nachdenken muss. Also muss dieses Buch ein gutes Buch sein. Von Abdel-Samad hatte ich vor einiger Zeit schon ein Buch über Mohamed gelesen, daher hier nur eine Kurzbiografie: deutsch-ägyptischer Politikwissenschaftler und Publizist, als Student war er Mitglied der radikal-islamischen Muslimbruderschaft, kam im Alter von 23 Jahren nach Deutschland. Studierte Englisch und Französisch in Kairo, arbeitete als Wissenschaftler in Erfurt und Braunschweig sowie in Japan, wo er sich für Shintoismus und Buddhismus interessierte. Während er in seinem Buch über Mohamed mit dem Propheten abrechnet, daher auch mit dem Islam in seiner Gesamtheit, ist seine These in diesem Buch noch etwas steiler. Er behauptet, dass der Islam in nicht all zu ferner Zukunft verschwinden wird. Nicht wegen eines Angriffs von außen, er wird in sich zusammen brechen, durch eigene Schuld. Seine Belege dafür sind nicht nur frappierend, sondern leisten sich einen anderen Blick auf den Islam. Der dabei nicht gerade gut weg kommt.

In der Tat maßt sich der Islam wie keine andere Religion in der Welt an, im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein. Zugleich reagiert der Islam auf jede Kritik, und sei sie noch so vorsichtig formuliert, mit dem maximal möglichen Wehklagen. Oder mit maximaler Aggressivität. Versuche, den Islam zu reformieren, oder besser gesagt zu erneuern, scheitern immer wieder. Muslime sehe sich ständig als Opfer, belegen aber die aus ihrer Sicht Ungläubigen mit Zuschreibungen als Vieh oder Affen. Wie konnte so eine großartige Kultur, die vom achten bis zum elften Jahrhundert eine Explosion der Wissenschaften und der Philosophie erlebte, in eine Ansammlung fundamentalistischer und realitätsfremder Isolationisten herabsinken? Das ist die Frage, der Abdel-Samad nachgeht. Kern dieser Entwicklung ist ein Erstarren des Islams aus vielen Gründen. Solche Phasen hatten viele Kulturen, auch die westeuropäische. Doch kam in Europa die Zeit der Aufklärung und die Entwicklung der Technologien und der Wissenschaft. So wie sich das Judentum im 18. und 19. Jahrhundert durch eine Relativierung der Rolle der Religion in die europäische Gesellschaft integrierte, ist es dem Islam nicht möglich. Der Islam klammert sich weiterhin daran, jedes Wort des Korans für wahr zu halten und ihn als Regelwerk für Leben und Existenz zu beschwören. Ein Buch aus dem achten Jahrhundert als Leitlinie im 21. Jahrhundert, das kann und wird nicht funktionieren. Aber anstatt sich von diesem Weg zu verabschieden, picken sich Reform-Muslime nur die Teile heraus, die heute akzeptiert werden können und reden vom Islam als friedliche Religion. Wo der Blick in die Umgebung zu anderen Schlüssen führt. Schlimmer noch, sind sich Muslime dieser Widersprüche durchaus bewusst, reagieren jedoch mit Scham und Minderwertigkeitsgefühlen. Was die Sache nur noch schlimmer macht.

Dadurch, wie sich Muslime als Einwanderer in den Westen darstellen, wird die Sache erst recht problematisch. Abdel-Samad schreibt an einer Stelle:

Statt die Freiheit zu nutzen, um sich vom autoritären Denken und Herrschaftsansprüchen zu lösen und eine neue Theologie auf der Basis der Vernunft in Europa entstehen zu lassen, benutzen sie die demokratischen Mittel, um die Demokratie zu unterwandern.

Wenn man so will, spricht Abdel-Samad den Muslimen die Fähigkeit zur Demokratie ab. Muslime verstünden Demokratie als etwas Verordnetes, eine Vorschrift, nicht als Geisteshaltung. Die Auswirkungen der Aufklärung seien im Islam niemals angekommen, stattdessen werden externe Feindbilder wie „der Westen“ oder „die Ungläubigen“ zum Grund des Isolationismus genutzt. Sogar innerhalb der umma gibt es Kriege zwischen Sunniten und Schiiten, die meisten Todesopfer von Terroranschlägen waren Muslime, viele arabische Staaten, wobei zwischen Staat und Religion kein Unterschied liegt, sind nur als brutale Diktaturen aufrecht zu erhalten. Umso mehr verwundert der Spagat der Muslime zwischen archaischen Lebensregeln und hemmungsloser Nutzung westlichen Konsums. Abdel-Samad beschreibt und analysiert diese extremen inneren Spannungen innerhalb des Islams sehr deutlich und plausibel. Er weist auch auf Alternativen hin wie die Gülen-Bewegung, die eine Erneuerung des Islams durch Bildung und Wissenschaft anstrebt. Es gibt Hinweise, den Islam aus seiner Erstarrung zu lösen, wie sie Leute wie Ibn Warraq oder Wafaa Sultan gezeigt haben. Jedoch, so die Prognose Abdel-Samads, ist der Islam in seinem Starrsinn und seinem Größenwahn dem Untergang geweiht. Wenn nicht Wunder geschehen.

Eine sehr detaillierte Analyse, die der Autor hier liefert, mit einem voraussichtlich nicht gutem Ende. Noch mehr verblüfft hat mich jedoch die Erkenntnis, dass man an sehr vielen Stellen „Islam“ auch durch „Rechtsextreme“ oder „AfD“ ersetzen kann, und die Analyse bleibt die gleiche. Opferposen, Größenwahnsinn, Realitätsverlust. So scheinen am Islam nur Entwicklungen deutlich sichtbar zu werden, die sich auch an vielen anderen Stellen finden, sei es bei Evangelikalen, Nationalisten oder Reichsbürgern. Leider gibt es nur eine Antwort: die Vernunft. Das wird das Problem werden.

Umstürze in Tunesien und Ägypten. Aufstände. Bürgerkriege in Libyen, in Syrien und im Jemen. Der Aufruhr hat alle arabischen Staaten erfasst. Die islamische Welt steht an der Schwelle einer neuen Epoche. Bringt sie das Ende der religiös verfassten autoritären Gesellschaften? Wie tragfähig sind zivilgesellschaftliche Strukturen? Der deutsche Nahost-Experte Hamed Abdel-Samad beschreibt und analysiert anschaulich die Wurzeln der gegenwärtigen Misere in Nordafrika und dem Vorderen Orient. Seine Prognose ist scharf, aber zwingend: Die islamischen Staaten werden zerfallen, der Islam wird als politische und gesellschaftliche Idee, er wird als Kultur untergehen. (Klappentext Knaur-Verlag)

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