Hamed Abdel-Samad: Mohamed

Hamed Abdel-Samad: Mohamed

Was bringt einen gläubigen Muslimen dazu, an seinem Glauben und an dessen Grundlagen, dem Propheten Mohamed und dem Koran, zu zweifeln? Es begann wohl mit einem derben Witz, den ein deutscher Kommilitone des Muslims, ein katholischer Theologiestudent, über Petrus, Maria und den Heiligen Geist riss. Der Muslim fragte sich, wie jemand so flapsig und geringschätzig mit seinem Glauben umgehen kann. Doch es muss ihn ins Nachdenken gebracht haben. So beginnt er, das Leben Mohameds und den Koran wissenschaftlich und aus humanistischer Sicht zu analysieren. Was dabei heraus kam, widerlegte nicht nur seinen Glauben, sondern erklärt darüber hinaus vieles, was uns Christen, Atheisten oder Agnostiker sprachlos beim Islam zurück lässt. Vollverschleierung, Kopftücher, Ehrenmorde, offen frauenfeindliche Strukturen in Familien. Es erklärt ebenso, mit welchem Weltbild Islamisten, Salafisten und ISIS unterwegs sind, wie sie ihre und unsere Welt sehen. Sogar für mich kamen Antworten dabei heraus, die ich nicht erwartet hatte. Zum Beispiel, warum bei meinem Besuch am Tag der Offenen Tür in einer Moschee mir auf manche meiner Fragen keine Antworten gegeben werden konnten. Jetzt weiß ich wenigstens, warum. Aber war es Unwissenheit oder das Wissen, dass meine Fragen kaum ehrlich zu beantworten waren? Weil die Widersprüche zwar bekannt, aber nicht sagbar waren?

Hamed Abdel-Samad ist ein deutsch-ägyptischer Politikwissenschaftler und Publizist. Als Student war er Mitglied der radikal-islamischen Muslimbruderschaft. 1995 kam er im Alter von 23 Jahren nach Deutschland. Er studierte Englisch und Französisch in Kairo sowie Politik in Augsburg, später Japanisch in Japan. Er arbeitete als Wissenschaftler in Erfurt und Braunschweig sowie in Japan, wo er sich für Shintoismus und Buddhismus interessierte. Einer breiten Öffentlichkeit wurde Abdel-Samad durch seine Autobiografie Mein Abschied vom Himmel aus 2009 bekannt. Er sagt dazu, es sei weder eine Abrechnung mit seiner Kultur noch ein Aufruf zur Glaubensabkehr. Er wolle lediglich die Widersprüche seines Lebens verstehen. Nach der Veröffentlichung in Ägypten sprach eine Gruppe eine Fatwa gegen Abdel-Samad aus. Daraufhin wurde er unter andauernden Polizeischutz gestellt. Seine historische und inhaltliche Analyse, wer dieser Mohamed gewesen ist, seine Persönlichkeit und sein Charakter, sind die wesentlichen Inhalte des Buches. Er beruft sich dabei sowohl auf Quellen von europäischen als auch arabischen Islam-Forschern, vergleicht unterschiedliche Biografien über Mohamed, stellt historische und kulturelle Merkmale in den arabischen und angrenzenden Ländern gegenüber.

Seine zentrale Botschaft ist, dass Mohamed zuerst einmal ein Mensch war, mit allen Schwächen, Eitelkeiten bis hin zu seelischen Defiziten. Er holt Mohamed vom hohen Sockel, auf den er von Muslimen unkritisch und alle Widersprüche ignorierend gestellt wird. Daraus ergibt sich ein Bild vom Islam, das erschrecken kann. Nur sind Abdel-Samads Analysen plausibel und nachvollziehbar. So versucht er zu erklären, wie aus dem gewaltlosen, toleranten und zugänglichen Mohamed in Mekka der Kriegstreiber und Despot in Medina wurde. Dessen größte Motivation sein Zwist mit seinem Clan in Mekka war. Dabei kommen verblüffende Aspekte zu Tage. Wie zum Beispiel, dass es verschiedene Versionen des Korans gab, die lange nach Mohamed von herrschenden Clans vernichtet wurden. Dass in den Manuskripten Absätze heraus gekratzt und neu geschrieben wurden, oder beweisbar die Niederschriften verfälscht wurden, da Mohamed Analphabet war. Einen Schreiber hat er deshalb sogar umbringen lassen. Nach Abdel-Samad ist der Koran ein Phantasiewerk, auf das sich aber Muslime wortgetreu berufen. Abdel-Samed vertritt die Auffassung, Mohammed sei ein gekränkter Außenseiter, krankhafter Tyrann, Narzisst, Paranoiker und Massenmörder gewesen. Die islamische Welt könne nur geheilt werden, wenn Muslime sich von dem überhöhten Bild des Propheten lösen. Nämlich von der Selbstüberschätzung, Paranoia, Kritikunfähigkeit sowie der Neigung zum Beleidigtsein. Nach diesem Buch weiß man nicht nur eine Menge über Mohamed und den Koran, sondern auch, warum er uns westlichen Liberalen so unverständlich bleibt.

Natürlich sind Abdel-Samads Bücher ein gefundenes Fressen für Rechtspopulisten. 2015 hielt er auf Einladung der Alternative für Deutschland einen Vortrag in Dachau. Ebenso trat er im Oktober desselben Jahres bei der AfD-Berlin auf. Abdel-Samad äußerte sich in einem Interview zu seinem Auftritt: „Ich bin kein AfD-Mitglied, ich werde die AfD auch in naher Zukunft nicht wählen, weil ich mit der Ausrichtung nicht einverstanden bin. Aber gerade deshalb komme ich ja; gerade deshalb müssen wir miteinander reden. Mit wem sollen wir sonst reden, wenn nicht mit den Leuten, die anderer Meinung sind?“ In dieser Hinsicht weiß ich nicht sicher, wo ich Abdel-Samad genau verorten soll. Eine Nähe zur AfD würde ich ihm so einfach nicht unterstellen. Jemand, der so kritisch seinen Glauben und seine kulturelle Herkunft angeht, wird sich wohl kaum auf die Blasen und Verschwörungstheorien der Rechten einlassen. Vielleicht war Abdel-Samad nur zu naiv, weil ihm der Erfahrungshorizont der Deutschen mit ihrer Vergangenheit fehlt. In dubio pro reo.

Beziehe ich mich nur auf die Schlüsse in diesem Buch, so scheint eine Annäherung zwischen Muslimen, Christen und Juden auf lange Zeit unwahrscheinlich. Nicht von Natur aus, sondern weil der Islam seinen Absolutheitsanspruch und seine verquere wörtliche Auslegung des Korans nicht aufgeben will. In diesem Sinne sind aber auch Gespräche mit christlichen Evangelikalen genau so überflüssig, die überzeugt sind, dass die Erde von ca. 70.000 Jahren erschaffen wurde. Auf jeden Fall ist das Buch mehr als nur eine Analyse des Korans. Es ist die Frage, wie weit Religionen, die sich auf eine Zeit und Kultur vor 1.300 oder mehr Jahren beziehen, im 21. Jahrhundert noch glaubwürdig und anwendbar sind. So gesehen ist Mohamed auch ein Infragestellen aller Religionen. Zwar ist die Bibel kaum glaubwürdiger oder wesentlich konsistenter als der Koran. Jedoch ist es gerade der Unterschied, wie Christen mit der Bibel umgehen und wie es Muslime mit dem Koran halten, indem sie den Menschen Mohamed im siebten Jahrhundert als Maßstab in einer liberalisierten und globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts interpretieren.

Die Biographie Mohameds wurde 200 Jahre nach dessen Tod verschriftlicht – mit politischer Intention: Muslimische Fürsten suchten ihre Position zu sichern und dem christlichen Jesus eine eigene, die Herrschaft legitimierende Erlöserfigur entgegenzusetzen. Dennoch hat sich das ambivalente Bild eines sich radikal verändernden und unter psychischen Problemen leidenden Menschen erhalten. Hier der milde, dort der gewalttätige Mohamed. Hamed Abdel-Samad zeichnet in seiner biographischen Skizze nach, welche bis heute verhängnisvollen Folgen aus diesen Traditionen erwachsen – und weshalb radikale Islamisten mit demselben Recht den »Propheten« zitieren wie laizistische und integrierte Muslime. (Klappentext Droemer-Verlag)

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