Von den vielen Büchern, Artikeln und Beiträgen, die ich in letzter Zeit gehört habe, oder zu den gehörten Podcasts vom DLF, WDR und SPON, habe ich mit dem Buch von Cornelia Koppetsch zum ersten Mal das Gefühl gehabt, eine Ahnung zu bekommen, was zur Zeit los ist. Auch wenn das Buch mühsam war. Aber es gab mehr zu begreifen. Ich musste ebenso meine eigene Rolle und mein eigenes Selbstverständnis in Frage stellen, meine Sicht der Welt relativieren. Genau so habe ich jetzt den Eindruck, dass die Rolle von PEGIDA und AfD eine andere ist, der mit Reden oder Verständnis zeigen wenig beizukommen sein wird. Das Buch Die Gesellschaft des Zorns wird mir im Rückblick auf meine eigene Vergangenheit klarer und verständlicher. Daher ein selbstkritischer Rückblick in meine Geschichte.

Meine ersten bewussten Erinnerungen gehen in die Sechziger Jahre zurück. Meine Eltern wohnen in Essen, im Kern des Ruhrgebietes. Im Rückblick war es eine heile Welt, verglichen mit heute. Die Gesellschaft war überschaubar, die Verhältnisse klar. Die meisten Leute arbeiteten als Facharbeiter oder in der Verwaltung, Schweißer und Dreher, Schlosser und Maurer, Einzelhandelskaufleute und Verwaltungsangestellte. Das war das Gros. Viel verdienten die meisten nicht, aber es reichte sogar für einen Urlaub in Italien oder in Kärnten. Die Bosse, die wohnten in Bredeney oder Heidhausen, in feinen Häusern und Villen. Natürlich gab es auch eine Mittelschicht aus Ingenieuren, leitenden Angestellten und Wissenschaftlern. Aber diese Schicht war kaum dicker als die der Bosse und Reichen. Zu dieser Zeit kannte ich nicht einen daraus. Es gab uns und die. Aber es gab keinen Neid und keine Missgunst, die Welt war, wie sie war. Natürlich gab es die Gastarbeiter, aus der Türkei oder aus Spanien, die wohnten irgendwo mittendrin, unter uns. Nicht integriert, wie Gänseblümchen inmitten der deutschen Wiese. Kaum jemand hatte etwas gegen sie, so lange sie die Treppe putzten und keinen Lärm machten. Auf vielen Klingelschildern standen Namen wie Kowalczky, Laskowski oder Kaminski. Die Polen waren schon in den Fünfzigern zu uns gekommen, als Kumpel auf den Zechen. Polen waren Beinahe-Deutsche, sprachen komisch, gingen aber am Sonntag in die Kirche und aßen gerne Kartoffeln, Rouladen und Koteletts. In den Siebzigern ging es aufwärts, selbst meine Eltern wurden im Nachklapp von 1968 offener, toleranter und einen Anflug von kosmopolitisch. Man aß Schaschlik und die erste Pizza, böhmische Knödel und ging zum Jugoslaven. Die erste Frühlingsrolle im deutschen Imbiss war nicht weit entfernt. Was ganz wichtig war, im Gegensatz zu heute: Es gab keinen Hass, keine Hetze, keinen Sozialneid. Diese überschaubare Welt änderte sich in den Achtzigern.

Die offensichtlichsten Veränderungen passierten dort, wo es zuerst die wenigsten Leute mitbekamen. Weil dort nur die Ärmsten wohnten, an der Grenze zu Oberhausen-Osterfeld und Duisburg, die Hochöfen und Chemietürme in Sichtweite. Drecksland, wo man die Wäsche sauber draußen aufhing und schmutzig abnahm. Die ersten Zechen wurden geschlossen. Die großen Stahlwerke in Oberhausen und Gelsenkirchen wurden dicht gemacht. Doch passierten auch Dinge, die man erst nicht verstand. In Fußreichweite meines Elternhauses gab es mal drei Tankstellen. Heute gibt es dort nicht eine einzige mehr. Ich habe mich damals immer gefragt, wo denn die tausende Leute nun arbeiten, wo doch die Industrie im Sterben lag. Man erzählte uns, dass ganz viele neue Stellen in der Dienstleistung, in der Verwaltung und der Forschung entstehen würden. Was niemand erzählte, war die Tatsache, dass die Kohle nun aus Polen, der Stahl aus China und die Chemie aus der Türkei kam. Es war der Beginn der Globalisierung, obwohl dieser Begriff in den Achtzigern völlig unbekannt war. Es veränderte sich aber auch etwas in der Gesellschaft, ganz langsam und schleichend. Da wandelte sich die vormals breite Schicht der weitgehend Egalitären. Die Arbeitslosenquoten schossen in die Höhe. Noch mehr Gastarbeiter kamen, die weniger Lohn beanspruchten und genügsam waren. Gesucht waren jetzt nicht mehr Leute für die Drehbank oder den Hochofen. Die Industrie im Ruhrgebiet starb. Gesucht waren jetzt Ingenieure, Informatiker, Betriebswirte. Und die kamen in den Achtzigern, immer mehr Jugendliche studierten, die Gesellschaft der Sechziger verschwand, wie die Industrie verging. Stattdessen zerfledderten die Verhältnisse, die Mittelschicht mit Hochqualifizierten machte sich breit. Die wohnten zwar nicht in Bredeney bei den Bossen, aber in Heimaterde und Haarzopf. Sie definierten zunehmend Habitus und Meinung, wohnten in schönen Einfamilienhäusern mit Gärten. Die wenigen Industriearbeiter blieben in den Häuserschluchten in Frohnhausen und Altendorf. Zusammen mit den Gastarbeitern. Mit den Achtzigern hatte sich um mich herum genau das getan, was Cornelia Koppetsch so genau schildert, der Umbau der sozialen Schichten, jetzt mit vielen Stufen zwischen ganz oben und ganz unten. Aber wo stand ich?

1990 war ich schon lange im Job, hatte studiert, an einer sehr bunten und offenen Hochschule, war zwei Semester lang linker ASTA-Vorsitzender. Ich hatte im Ausland gelebt und gearbeitet, war im Kopf oft in England und Australien. Meine Arbeit wickelte ich mit Amerikanern, Japanern, Schweitzern und Franzosen ab. Ich leitete Projekte für 25 Länder, zeitweise sprach ich tagsüber fast nur Englisch, außer in der Kantine. Ein Flug nach New York war für mich wie eine Busfahrt nach Bottrop. Das war meine Welt, im Grunde ist sie heute nicht anders, nur dass ich nicht mehr so viel reise. Wenn man mir einen australischen Aborigine vorstellt, ist der mir unbekannt, aber nicht fremd. Aber wie sah 1990 die Welt für den Hilfsarbeiter in Bergeborbeck aus, ohne Perspektiven, ohne positive Sicht in die Zukunft? Der nie weiter als mal bis in den Allgäu oder an die Nordsee gekommen war. Es sind Welten, die wechselseitig nicht verstehbar sind. Wie er denkt, kann ich nicht nachvollziehen, meine Weltsicht für ihn ebenfalls Utopie. Noch wichtiger jedoch ist die Frage nach den Emotionen. Findet der Malocher aus dem Ruhrgebiet das alles in Ordnung so? Ist das von Gott gewollt und er freut sich für mich über mein fettes und sattes Leben? Gönnt er mir meine dicke gesetzliche Rente und Betriebsrente, die ich bald beziehe? Wohl kaum. Nun hatten der Malocher und ich einen Vorteil. Wir hatten drei Jahrzehnte Zeit, uns an die neuen Verhältnisse zu gewöhnen. Die Konsequenzen der Globalisierung, die neue transnationale Welt, in der ich Gewinner und Nutznießer bin, in der durfte ich wenigstens schon mal einsacken.

Nun stelle ich mir vor, dass die Veränderungen der letzten dreißig Jahre über Menschen herein stützen und sie keine paar Jahre haben, damit zurecht zu kommen. Eine eher geschlossene Gesellschaft wird zerlegt, Jobs gehen zu Abertausenden verloren, Industrien werden eingedampft und für ein paar Mark verscherbelt. An Westdeutsche oder ins Ausland. Hyperglobalisierung im schnellen Vorlauf von heute auf morgen.  Alles, was so lange Zeit normal war, Lebensgrundlage und Seinsgewissheit, geht innerhalb von ein paar Jahren den Bach herunter. Ganze Landstriche entleeren sich, dafür boomen die Städte, Dresden, Leipzig, die sich die meisten Leute eh nicht mehr als Wohnort leisten können. Die Situation in der DDR nach 1989. Zurück zu den Gefühlen. Wundert man sich dann noch über die Wut und den Zorn, die beide de-zivilisieren und wo Affektkontrolle nicht mehr funktioniert. Nicht nur in der ehemaligen DDR, auch in der BRD, aber die Menschen im Westen hatten mehr Zeit. Dazu mehr Gelegenheiten. Die DDR, das war so etwas wie der Malocher im Pott, der Westen eher so etwas wie ich. Deshalb beschreibt Koppetsch die aktuelle Situation nicht als Kampf um ökonomische Verteilung, sondern als eine Form von Kulturkampf. In dem noch nicht einmal mehr die Begriffe gleich verstanden werden. Wo es fehlende Meinungsfreiheit genannt wird, wenn jemand einer Meinung widerspricht. Wenn Medien meiner Meinung entgegen schreiben und sie dadurch zur Systempresse mutieren. Es geht um Deutungshoheiten, es geht um Sichten auf die Welt, die nicht mehr kompatibel zu bekommen sind. Da fällt es leicht, auf die blöden AfD-Wähler zu schauen und sie als Blödmänner und Blödfrauen abzuurteilen, aus meiner Blickrichtung in meine gefühlte Realität. Denn darüber müssen wir uns klar sein, dass es viele Sichten auf die Wirklichkeit gibt, keine davon objektiv richtig. Wichtig zu verstehen ist, dass es den Wutbürgern und Hass-Kommentatoren nicht um Fakten geht, wie meine gepflegte Mittelschicht meint, sondern um Emotionen. Damit wären wir wieder bei den Blickrichtungen, meine aus der des kosmopolitischen, linksliberalen Journalisten und Ingenieurs, dort die des überfahrenen, eigentlich hilflosen Abgehängten. Nicht abgehängt bezüglich Geld und Besitz, sondern weil ihnen niemand mehr zuhört. Die, die mal die Mehrheit waren, sind heute kulturelles Prekariat. Überflüssig geworden.

Wie das nun wieder einigermaßen in den Griff zu bekommen ist, wie der Hass und Zorn abgebaut werden kann, darauf hat Koppetsch keine wirkliche Antwort. Ich aber auch nicht.

 

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