Cornelia Koppetsch: Die Gesellschaft des Zorns

Ich gehöre zur Generation der Baby Boomer. Habe studiert, gleich drei Ausbildungen hinter mir, in Dortmund, Essen und Berlin. Gelebt und gearbeitet habe ich natürlich meistens in Deutschland, aber auch lange in Hounslow und Bracknell in England, ein Jahr lang in Zoetermeer in den Niederlanden. Das liegt bei Den Haag. Dann noch einige Zeit in Clemson und Torrey Pines in den USA, war eine Zeit lang in Melbourne und Kapstadt unterwegs. Kaum ein europäisches Land, das ich ich nicht beruflich oder privat bereist habe. Damit gehöre ich zu einer Gruppe von Leuten in Deutschland, die Cornelia Koppetsch in ihrem Buch zu den linksliberalen, globalisierten und privilegierten zählt. Aber wiederum nicht zu den Schichten, die den Rechtspopulismus in unserem Lande befördern. Auf das Buch von Cornelia Koppetsch bin ich – wo sonst – in der TAZ gestoßen, das Buch ist eine oft zitierte Analyse des Rechtspopulismus in Deutschland. Koppetsch ist eine deutsche Soziologin mit den Schwerpunkten politische Soziologie, Ungleichheitsforschung sowie Familien- und Geschlechterforschung, ordentliche Professorin an der Technischen Universität Darmstadt. Also eher keine Autorin von Allgemeintexten. Das hat Konsequenzen in gleich zwei Richtungen.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Cornelia Koppetsch schreibt zum überwiegenden Teil in der Sprache ihres Fachs. Das macht ihren Text wegen der vielen nicht unbedingt geläufigen soziologischen Fachbegriffe und langen Sätze schwergängig. Ist man bereit, sich dieser Herausforderung zu stellen, ist das Buch eine ausgezeichnete Analyse nicht nur des aktuellen Standes, sondern der gesellschaftlichen Entwicklung seit den Fünfzigern. Koppetsch sieht den Beginn der heute unübersichtlichen politischen Situation einmal in 1968, als eine scheinbar homogene Gesellschaft durch die aufkommende Individualisierung in den Siebzigern ins Wanken kam. Doch in den nächsten Jahren wurden die Folgen von 1968 Mainstream. 1979 ist ebenso ein Meilenstein, als Margaret Thatcher und die damalige rot-grüne Koalition unter Gerhard Schröder den Neoliberalismus einführten. 1989 folgte dann der letzte große Schritt, die Auflösung der großen politischen Blöcke, als die zentrale Bedeutung der eigenständigen Nationalstaaten aus den Siebzigern endgültig verschwand. In 1990 begann endgültig die globale Integration, spätestens mit dem Aufkommen des Internets fielen die nationalen Grenzen der Information, der Kultur und der Wirtschaft. Seitdem, nämlich in diesen letzten dreißig Jahren, setzte sich die Globalisierung endgültig gegenüber den Nationalstaaten durch. Es kamen transnationale Unternehmen und Organisationen, die global agieren und durch keinen Einzelstaat mehr kontrollierbar sind. Wichtige Themen wie Klima, Handel und Kapitalflüsse sind höchstens noch durch Organisationen wie EU oder UNO zu bewältigen. Die Menschen in Afrika und Nahost sehen auf ihren Smartphones, wie wir in Europa leben. Die Welt ist nicht mehr so einfach überschaubar. Mitten in diesen Veränderungen stehen nun Menschen mit grundlegend unterschiedlicher soziokultureller Prägung, Bildung, Vergangenheit und Fähigkeit, mit diesen Umwälzungen zurecht zu kommen. Teilt man diese nun in die gängige Schichten ein, die bis zu den Siebzigern üblich waren, sieht man sogar dort, dass klassische Sichten und Annahmen nicht mehr funktionieren. Die Analyse, wie die sich neu orientierenden Schichten gegenüber Globalisierung und Individualisierung reagieren, das ist das Hauptthema des Buches. Koppetsch liefert eine Analyse, keine Problemlösungen. Das wäre auch zu viel erwartet.

Koppetsch vermeidet die üblichen Begriffe wie Globalisierungs-Verlierer oder Abgehängte, sondern zeichnet einmal ein viel differenzierteres Bild der Vergangenheit und Gegenwart als auch der kulturellen und ökonomischen Befindlichkeiten in Ost und West, nicht nur in Deutschland. Der Rechtspopulismus ist kein deutsches Phänomen, siehe USA und Dänemark. Es stellt sich beim Lesen dieses Buches dann eine gewisse Vorstellung ein, warum bestimmte Menschen so von Angst getrieben und als Angstbeißer auf die globalen Veränderungen reagieren. Und das völlig irrational. Auch wenn sie in den meisten Fällen die Konsequenzen gar nicht spüren, sondern nur befürchten. Da macht die Differenzierung in eine Furchtgesellschaft in 1970, mit konkreter Kritik an Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten, und eine Angstgesellschaft in 2019 mit herbeigeredeten Problemen viel Sinn. In der Frage, wer nun die AfD so stark gemacht hat, kommt Koppetsch zu durchaus plausiblen Antworten. Sehr deutlich wird das in einer Studie der Bertelsmann-Stiftung, man werfe mal einen Blick auf Seite 15.  Warum bestimmte Bevölkerungsschichten sich politisch so orientieren, warum der liberale, globale, urbane Bereich sich vom lokalen und heimatbezogenen so stark unterscheidet, beschreibt Cornelia Koppetsch durchaus einleuchtend. Von daher ein lehrreiches Buch. Der Nachteil ihrer Analyse ist jedoch, dass dabei in großen Teilen staubtrockener Text heraus kommt, es erfordert schon einige Mühe, sich durch die vielen Fakten und Modelle durch zu arbeiten.

Belohnt wird man für seine Bemühungen durch einen Einblick, warum bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen so wie aktuell verlaufen, warum die bisherigen sozialen Schichtenmodelle erodieren, warum diese Erosion gerade den Rechtspopulismus stärkt. Selbst für die Unattraktivität der handwerklichen Ausbildung geben die neuen Modelle etwas her. Eine Erkenntnis habe ich auf jeden Fall mitgenommen, nämlich bei der Frage, ob man mit Rechten reden soll. Warum sollte ich mit Leuten reden, wenn weder sie mich noch ich sie verstehe. Wenn Weltsichten, kosmopolitisch liberal hier und kulturkonservativ verbissen dort, so grundlegend auseinander gehen, ist auch das Reden sinnlos.

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Was noch in den 1990er Jahren undenkbar war, ist mittlerweile Alltag: Ganze Bevölkerungsgruppen verlassen den Boden der gemeinsamen Wirklichkeit, kehren etablierten politischen Narrativen zornig den Rücken oder bestreiten gar die Gültigkeit wissenschaftlichen Wissens. Der Aufstieg des Rechtspopulismus markiert nach Dekaden der Konsenskultur eine erneute Politisierung der Gesellschaft. Gängige Erklärungen für die Entstehung des Rechtspopulismus ziehen die Ereignisse der Fluchtmigration von 2015 oder vorgebliche Persönlichkeitsdefizite seiner Anhänger als Ursachen heran. Cornelia Koppetsch dagegen sieht die Gründe in dem bislang unbewältigten Epochenbruch der Globalisierung. Wirtschaftliche, politische oder kulturelle Grenzöffnungen werden als Kontrollverlust erlebt und wecken bisweilen ein unrealistisches Verlangen nach der Wiederherstellung der alten nationalgesellschaftlichen Ordnung. Konservative Wirtschafts- und Kultureliten sowie Gruppen aus Mittel- und Unterschicht, die auf unterschiedliche Weise durch Globalisierung deklassiert werden, bilden dabei eine klassenübergreifende Protestbewegung gegen die globale Öffnung der Gesellschaft.

(Klappentext transcript)

 

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  1. […] letzter Zeit gehört habe, oder gehörte Podcasts vom DLF, WDR und SPON, habe ich mit dem Buch von Cornelia Koppetsch zum ersten Mal das Gefühl gehabt, eine Ahnung zu bekommen, was zur Zeit los ist. Auch wenn das […]

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