Richard David Precht: Erkenne die Welt

Richard David Precht: Erkenne die Welt

Auf vier Bände angelegt, schreibt der Verlag? Da habe ich ja noch etwas vor mir. Deshalb zuerst mal der Band Nummer Eins. Richard David Precht, Medien-, Sofa- und Zeitabschnitts-Philosoph, nennt sein Werk Eine Geschichte der Philosophie, nicht Die Geschichte. Das ist klug und offenbart, dass der Autor keineswegs in Anspruch nimmt, die letztgültige Version einer Historie zu liefern, über die sich schon unzählige Generationen von Philosophen gestritten haben. Trotzdem führt der Titel ein wenig in die Irre, denn es geht nicht allein um die Geschichte der Philosophie, sondern auch um die Geschichte der Kultur, des Denkens und Betrachtens, der Naturwissenschaften und der Mathematik, und am Ende genau so um Kulturgeschichte. Precht wäre jedoch nicht Precht, wenn er die Sache nicht aus einer Sicht angehen würden, die dem Normalleser und Philosophie-Interessierten gerecht wird, die verständlich und anschaulich bleibt. Also Philosophie Light? Ja und Nein. Von allem Etwas, und etwas mehr.

Es ist ja nicht einfach, den genauen Beginn einer Geschichte in der Antike festzulegen. Hier schon, es ist der 28. Mai des Jahres 585 vor Christus. Jedenfalls in diesem Buch. Dort beginnt die Reise durch die Philosophie, sie endet in diesem ersten Band in der Mitte des 14. Jahrhunderts, dem Spätmittelalter. Die Protagonisten sind Thales von Milet, Pythagoras, Heraklit, Sokrates, dann Platon und sogar Diogenes, schließlich Aristoteles, Epikur, Marcus Tullius Cicero, zum Schluss Anselm von Canterbury, Thomas von Aquin, Johannes Duns Scotus und Francesco Petrarca. An dieser Linie entlang wandert Precht durch eine große Parade von Philosophen, ihren Schulen und Denkweisen, ihren Ideen und ihrer Bedeutung für kommende Generationen. Precht bleibt aber nicht allein bei den philosophischen Inhalten, er beleuchtet genau so ihre Leistungen in der Mathematik, Astronomie, den Naturwissenschaften. Besonders im Mittelalter bestimmt die Beziehung zwischen Philosophie und Theologie den Rahmen der Erkenntnis, die Gewinner und Verlierer. Oder wie und warum sich gerade Aristoteles immer wieder ins Spiel bringt. Das alles in über 500 Seiten unterzubringen und gleichzeitig das große Ganze im Blick zu behalten, ist schon sehr anerkennenswert. Diese Hürde schafft Precht problemlos, auch wenn die Sache in der Zeit vor Christi Geburt ein wenig schwächelt, aber die deutsche Geschichte war auch nicht immer spannend.

Abgesehen von dem gerade erwähnten Tal der Erkenntnislosigkeit liest sich diese Geschichte doch ausgesprochen spannend. Weil eben die Philosophie nicht abgetrennt von der Geschichte der Kulturen und des Denkens betrachtet wird, sondern in sozialen und politischen Zusammenhängen. Nicht abschweifend, sondern in diesem Kontext erklärend bringt Precht andere Aspekte ein. Wie zum Beispiel das ganz andere Empfinden von Geschichte und Zeit im Altertum, als höchstens die Dauer eines Menschenlebens als Zeitraum sichtbar war. Er geht ausführlich auf die unterschiedliche Entwicklung und Bedeutung der Religionen ein, zeigt einen Islam, der Europa einmal in Wissenschaft und Medizin weit voraus war. Gerade diese vielen kleinen Umwege und Ausflüge halten das Buch spannend, anstatt sich nur gradlinig an der Philosophie abzuarbeiten. Und doch hat diese Vorgehensweise ein Manko zur Folge.

Selbst bei über 500 Seiten kann man über zwei Dutzend wichtigen Philosophen in ihren Gedanken und ihren Lehren nicht gerecht werden. Andere Autoren schreiben ein solch dickes Buch allein über Platon, Aristoteles oder Albertus Magnus. Precht skizziert lediglich die Kerngedanken dieser Menschen, Details müssen außen vor bleiben. Wer also wirklich etwas über Philosophie wissen möchte, ist mit Prechts Buch schlecht bedient, an dieser Stelle hat das Buch wenig zu bieten. Precht war sich sicher dieser Lücke bewusst, es war nicht seine Intention, eine lückenlose Entwicklung der Philosophie zu zeigen. Womit er völlig im Recht ist, denn wenn Details des platonischen oder aristotelischen Denkens gefragt sind, existieren schon unzählige Bücher zu genau diesen Themen. Stattdessen bringt Precht eine lesenswerte und sogar unterhaltsame Geschichte der kulturellen Entwicklung unserer abendländischen Kultur hervor, nur eben mit dem Hintergrund der Philosophie. Da mögen einige Leute herum kritteln, das Brett sei zu dünn, das Precht da bohrt. Für den interessierten Leser auf dem Gebiet der Philosophie und Wissenschaft ist das Brett aber wieder dick genug, und keinesfalls eine entspannende Lektüre für den Nachttisch. Da geht es schon mal ans philosophische Eingemachte und die Gedankengänge werden etwas komplexer. Diese Balance zwischen Spaß am Lesen, Erfahren von Philosophie und historischem Hintergrund ist ein großes Plus an diesem Buch. Groß genug für das Herantrauen an den zweiten Band.

Im ersten Teil seiner auf vier Bände angelegten Geschichte der Philosophie beschreibt Richard David Precht die Entwicklung des abendländischen Denkens von der Antike bis zum Mittelalter. Kenntnisreich und detailliert verknüpft er die Linien der großen Menschheitsfragen und verfolgt die Entfaltung der wichtigsten Ideen – von den Ursprungsgefilden der abendländischen Philosophie an der schönen Küste Kleinasiens bis in die Klöster und Studierstuben, die Kirchen und Machtzentren des Spätmittelalters. Dabei bettet er die Philosophie in die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Fragen der jeweiligen Zeit ein und macht sie auf diese Weise auch für eine größere Leserschaft lebendig. Ein Buch, das dazu hilft, sich einen tiefen Einblick in die Geschichte der Philosophie zu verschaffen und die Dinge zu ordnen. Tauchen Sie ein in die schier unerschöpfliche Fülle des Denkens!
(Klappentext Goldmann-Verlag)

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  1. […] zwei der Philosophiegeschichte des Richard David Precht, nach der Bewältigung des ersten Bandes. Es war wohl nicht ganz einfach, die jeweiligen Zeitpunkte der beiden Bände festzulegen. Precht […]

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