Richard David Precht: Von der Pflicht

Pflicht. Klingt so etwas muffig, nach Altvorderen und Kaiserreich. Nach uralten Zeiten und überkommenen Traditionen. Wenn nun ein Buch zu diesem Begriff in 2021 erscheint und auch noch von einem Philosophen, dann muss es wahrscheinlich um Corona und „Querdenker“, Pandemie und Gesellschaft gehen. Genau das trifft zu. Entwarnung vorab, es ist kein Buch mit erschlagendem Umfang, wie Prechts Geschichte der Philosophie in bisher drei Bänden. Darum nennt Precht es auch nur eine Betrachtung, nimmt die Erwartungshaltung des Lesers zurück. Bleibt sich trotzdem treu.

Geht man zurück zu den historischen Philosophen, stehen in deren Betrachtungen Begriffe wie Ehre, Erkenntnis, Pflicht und Wahrheit im Vordergrund. Das war jedoch noch zu einer Zeit, als Staaten keine Fürsorge- und Vorsorgepflichten hatten. Es galt das Recht des Mächtigen, die Bürger hatten ihrer Pflicht zu folgen. Rechte gab es wenige, für Frauen schon gar nicht. In den heutigen liberal-demokratischen Staaten wie Deutschland ist die Rolle des Staates eine andere. Er ist verpflichtet, für seine Bürger zu sorgen, sie zu schützen und zu ermöglichen, dass sie ihre Rechte wahrnehmen können. Aus dieser Pflicht des Staates erwachsen jedoch auch Rechte für ihn. Das Recht, die Freiheiten des Einzelnen einzuschränken, wenn Minderheiten und Schwache zu schützen sind. Denn die Freiheit des Einen endet bekanntlich dort, wo sie die Freiheit des Anderen verletzt. So weit, so gut. Aber was passiert heute? Menschen entpflichten sich aus der Gemeinschaft und gegenüber dem Staat. Sie wollen ihre grundgesetzlich verbrieften Rechte unter allen Umständen durchsetzen, auch wenn andere Menschen dafür erkranken oder sogar sterben. Tugenden wie Anstand und Mäßigung, Ehre und eben Pflicht sind auf dem Weg in die historische Mülltonne. Denn viele Menschen haben sich aus der Gemeinschaft verabschiedet, Gemeinwohl interessiert nicht mehr. Prechts Sicht auf diese Entwicklung ist plausibel und klar. Kapitalistischer Eigennutz vernichtet solidarische Gemeinschaft. Nicht mehr Fakten spielen eine Rolle, sondern Meinungen und Emotionen. Der Kapitalismus fördert das Ende der Demokratie.  Vereinfacht gesagt.

Natürlich ist das Thema viel komplexer und vielschichtiger. Precht verfolgt die Entwicklung, wie Menschen den Staat früher und heute betrachten, nämlich nun als Lieferant und Dienstleister. Der Bürger sieht sich nicht mehr als Teil einer Gemeinschaft mit Rechten und Pflichten, sondern als Konsument. Liefert der Staat nicht genau das, was der Konsumbürger erwartet, wird der Vertrag gekündigt, sei es als Querdenker, Reichsbürger oder Linksextremer. Dabei kommt es zu seltsamen Paradoxien. Starben in den Siebzigern im Straßenverkehr noch 15.000 Menschen im Jahr, sind es heute nur noch 3.000. Nicht nur Dank moderner Technik, besserem Insassenschutz und neuen Materialien, sondern auch durch stärkere Reglementierung. Doch statt es nun entspannter auf den Straßen zugeht, wächst die Aggressivität hinter dem Steuer. Wie stark heute das Autofahren eingeschränkt und so sicherer wird, durch Gurt- und Helmpflicht, Geschwindigkeitsbeschränkungen und härtere Strafen, wird nicht bewusst. Anstatt die Sicherheit auf der Straße zu schätzen, wird gepöbelt und gedrängelt. Tatsachen werden schlicht auf den Kopf gestellt, Ursache und Wirkung ausgetauscht. Der Unterschied, als Autofahrer eine rote Ampel zu überfahren und als Fußgänger bei Rot über die Straße zu gehen, wird geleugnet. Es zählt nur noch der eigene Nutzen, die Konsequenzen für andere Menschen sind gleichgültig.

Der Staat und die Politik stehen damit unter großem Druck. Einerseits wird erwartet, dass ein Maximum an Sicherheit und Berechenbarkeit herrscht, andererseits gehen Querdenker, Neonazis und Reichsbürger Seite an Seite durch die Städte und skandieren haltlose Forderungen bis zu absolutem Schwachsinn. Geht man jedoch mit historischem und gesellschaftlichem Blick heran, hat dazu die philosophischen Entwicklungen im Auge, wird die Lage überschaubarer und verstehbarer. Die Fehlentwicklungen der letzten 30 Jahre fußen zum großen Teil auf einem ausuferndem Kapitalismus. Er ist für eine Weltsicht vieler Menschen verantwortlich, ausgehend von einem Radikal-Liberalismus, in dem nicht mehr Leistung zählt, sondern nur noch Erfolg. In dem nicht Gerechtigkeit und Gleichheit zählen, sondern Finesse und das Recht des Cleveren. Den besten Preis für eine Ware bekommt der, dem genau das sehr wichtig ist. Das Gemeinwohl gerät dabei unter die Räder, Tocqueville lässt grüßen. Hat Herr Precht Vorschläge dazu? Die hat er, nämlich in einer Rückkehr zur Pflicht an der Gemeinschaft. Zum Beispiel mit der Idee zweier sozialer Pflichtjahre, eines nach der Schule, wie Zivildienst oder soziales Jahr, und eines beim Renteneintritt. Seine Argumente dazu sind wohlbegründet und plausibel. Realität werden sie leider nicht werden.

Prechts Text ist nun nicht die letztendliche Erklärung für die gesellschaftlichen Schieflagen dieser Tage, noch hat er universelle Lösungen parat. Aber Precht spinnt eine Art Erklärungsfaden, der erstaunlich oft zur Realität passt, angefangen bei den Querdenkern über die AfD-Erfolge in den ostdeutschen Bundesländern bis hin zum hemmungslosen Konsumdenken ohne Rücksicht auf Verluste. Eines ist jedoch tatsächlich bedenklich. Kommen wir nicht zurück zu den aufgegebenen Werten wie Anstand und Mäßigung, Rücksicht und Solidarität, schaufeln wir das Grab für die Demokratie, die durch Kriege und Elend teuer erkämpft wurde. Der Mann kann es also auch überschaubar und kompakt, trotzdem ist der Text dicht und eindringlich. Seine Gedanken und Argumente kurz und knapp zusammen bringen geht. Nicht als Sofaphilosoph und Medienstar, sondern als Philosoph und kluger Geist. Der rote Faden des Covers gilt. Mehr davon. Für die, die es nicht lesen werden und nicht verstehen würden.

Der deutsche Philosoph, Essayist, Autor und Publizist ist Honorarprofessor für Philosophie an der Leuphana Universität Lüneburg sowie für Philosophie und Ästhetik an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin. Mit seinem 2008 veröffentlichten Buchtitel „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ schaffte Richard David Precht als Autor populärwissenschaftlicher Philosophieschriften den endgültigen Durchbruch. Dem deutschen Fernsehpublikum ist der Medizinjournalist und Publizistik-Preisträger bereits seit 2005 bekannt – zum Beispiel durch die WDR-Sendung „Tageszeichen“ oder dem ZDF-Dialogformat „Precht“. Sein autobiographisches Werk „Lenin kam nur bis Lüdenscheid“ über seine Kindheit und alternativen Lebensformen seiner Eltern wurde zum Bestseller, nachdem sich die Buchverfilmung vor allem in Programmkinos 2008 zum großen Publikumsmagnet entwickelt hatte … (Who’s Who.de)

 

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