Detlev Brunner/Günther Heydemann: Die Einheit und die Folgen

Braucht es noch ein Buch über die deutsche Einheit oder ist schon genug darüber geschrieben worden? Tatsächlich geht das Buch von Detlev Brunner und Günther Heydemann die Sache etwas anders an als andere Bücher. Der erste Teil des Buches behandelt die Geschehnisse rund um die Wiedervereinigung anhand von Zahlen, Umfragen und historischen Analysen. Ziemlich harte Fakten für Liebhaber harter Statistiken. Es geht um demografische Entwicklung und Migration, wirtschaftliche und soziale Folgen, Ablauf und Konsequenzen des Transformationsprozesses. Aber auch um Mentalitäten, Einstellungen und kulturelle Trends. Was zuerst wie stumpfes und langweiliges Zahlenmaterial klingt, zeigt jedoch in vielen Details, wie diese Transformation von DDR zu neuen Bundesländern tatsächlich abgelaufen ist. Die Rolle und das Versagen der Treuhand bekommen breiten Raum, wie die Menschen in Ostdeutschland die Transformation erlebt haben. So wundert es im Nachhinein eher weniger, wie viele Menschen 1990 und in den Jahren danach enttäuscht wurden, als Führungspositionen, Verwaltung bis in die Gerichte fest in westlicher Hand gerieten. Ein nächster Teil des Buches subsummiert dazu die weiteren Entwicklungen dieser Zeit, von der digitalen Revolution und Kommunikation bis zum Umbau der Wissenschaft und Lehre im Osten der Republik. Den Abschluss bildet eine historische Zusammenfassung, wie es nach der Einheit weiter ging, die Krisen und Kriege, die gesamtdeutsche Außen- und Sicherheitspolitik, der neue aufkommende Rechtsradikalismus, die Entwicklung der Europäischen Union. In dieser Gesamtheit ein tatsächlich neues Buch über ein inzwischen beinahe altes Thema. Wäre da nicht die Gegenwart.

So hat das Buch zwei Schwerpunkte. Zuerst das, was passierte, als zwei Staaten, die seit 1945 ganz unterschiedliche politische, wirtschaftliche und soziale Entwicklungslinien hatten, wieder zusammen kamen. Nämlich ein Überstülpen westdeutscher Vorstellungen und Denkweisen über die ostdeutsche Gesellschaft. Bis heute hält diese westdeutsche Vormacht an, in fast allen Bereichen in Ostdeutschland. Kein bedeutendes Unternehmen hat seinen Firmensitz im Osten. Universitäten sind fest in westdeutscher Hand. Richter mit ostdeutscher Geschichte muss man fast mit der Lupe suchen. Schaut man sich Bevölkerungssalden und demografischen Wandel in Sachsen oder Brandenburg an, hat eine massive Abwanderungsbewegung stattgefunden. Fast könnte man Ostdeutschland als überaltert bezeichnen. Dass diese Entwicklung viele Ostdeutsche ernüchtert oder enttäuscht zurück gelassen hat, wundert wenig. Ganz zu schweigen von Einkommensunterschieden, die auf der unterschiedlichen Produktivität begründet werden. Die Wiedervereinigung hat sehr deutlich werden lassen, dass Ost- und Westdeutschland zum Teil sozial stark differente Gesellschaften sind und waren. Aus der historischen Sicht wird ebenso deutlich, warum der Rechtsradikalismus im Oster so viel stärker verbreitet ist als im Westen. Das alles belegen Brunner und Heydemann anhand von Statistiken und Umfragen, zeigen jedoch gleichzeitig, dass die Zahlen davon abhängen, wie die Fragestellungen und Herangehensweisen von Umfragen waren. Hier punktet das Buch mit großer Sachlichkeit und Offenheit.

Der zweite Teil des Buches widmet sich der Frage, wie nun das neue, große, mächtige Deutschland in der internationalen Betrachtung dasteht. Zusammenfasst steht Deutschland da nicht sehr gut da. Auch und gerade mit dem Erbe von Nationalsozialismus und langer Trennung seiner beiden Teile hat die neue Republik noch lange nicht den Status etablierter Nationen wie Großbritannien oder Frankreich erreicht. Siehe Irak-Krieg und Afghanistan, die nicht selten zwiespältige Rolle in der Europäischen Union, das Lavrieren in der Jugoslawien-Krise. Verglichen mit seiner Macht in der Wirtschaft ist Deutschland politisch ein Zwerg. Es fehlt eine eigene Identität, das Land hat seine Rolle im Weltgefüge noch lange nicht gefunden.

Die Autoren kommen jedoch auch zu Resultaten, die beruhigen. So, wenn darüber gestritten wird, ob Ost- und Westdeutschland jemals zusammen wachsen werden. Denn diese Frage sei vergleichbar mit der Vorstellung, dass Bayern und Friesland, Sachsen und das Rheinland zusammen wachsen. Sie entlarven viele Diskussionen über Ost und West als Scheingefechte, die an den tatsächlichen Problemen vorbei gehen, wenn nicht ablenken. Das ist ein großer Wert des Buches, es versachlicht und relativiert vieles, es zieht sich zurück auf Daten und Fakten, es leistet in gewisser Weise eine Meta-Betrachtung, die in der oft hitzigen Auseinandersetzung schlicht notwendig ist, um sich nicht zu verzetteln. Also von Historikern geschrieben und Politikern und Soziologen ans Herz gelegt. In wohltuender Nüchternheit.

Detlev Brunner studierte von 1978 bis 1985 Neuere und Mittelalterliche Geschichte und Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Freien Universität Berlin. 1991 wurde er am Institut für Geschichtswissenschaft der Technischen Universität Berlin mit der Dissertation Bürokratie und Politik des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes 1918/19 bis 1933 zum Dr. phil. promoviert. Danach arbeitete er am Institut zur Erforschung der europäischen Arbeiterbewegung der Ruhr-Universität Bochum und war Lehrbeauftragter an der TU Berlin. 1998 wechselte er an das Historische Institut der Universität Rostock und habilitierte sich 2004 bei Werner Müller an der dortigen Philosophischen Fakultät mit der Arbeit Der Schein der Souveränität. Landesregierung und Besatzungspolitik in Mecklenburg-Vorpommern 1945–1949. Danach lehrte er als Privatdozent in Rostock. Von 2007 bis 2009 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte in Berlin. Seit 2010 ist er Lehrstuhlvertreter für Neuere und Zeitgeschichte (Professur Günther Heydemann) an der Universität Leipzig. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte sozialer Bewegungen und die Geschichte Ostdeutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg. Brunner ist Vertrauensdozent der DGB-nahen Hans-Böckler-Stiftung, Mitglied des Gesprächskreises Sozial- und Wirtschaftsgeschichte beim Vorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbundes und Vorsitzender der Johannes-Sassenbach-Gesellschaft.

Dieser Text basiert auf dem Artikel Detlev Brunner aus der freien  Enzyklopädie Wikipedia  und steht unter der Lizenz Creative Commons CC-BY-SA 3.0 Unported (Kurzfassung). In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.

Günther Heydemann studierte er an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Geschichtswissenschaft, Germanistik, Gemeinschaftskunde und Italienische Sprache. Er wechselte an die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, die Universität Pisa und die Universität Florenz. 1976 legte er in Erlangen das Staatsexamen für das Höhere Lehramt ab. Ab 1977 wissenschaftlicher Mitarbeiter von Hubert Rumpel und Karl-Heinz Ruffmann am Institut für Politische Wissenschaft Erlangen, wurde er 1979 summa cum laude zum Dr. phil. promoviert. Ab 1982 war er als Akademischer Rat a. Z. am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte (Adolf M. Birke) an der Universität Bayreuth tätig, bis er im Jahr 1985 an das Deutsche Historische Institut London (DHIL) wechselte. Dort war er bis 1992 als wissenschaftlicher Mitarbeiter angestellt. Während dieser Zeit habilitierte er sich 1991 an der Kulturwissenschaftlichen Fakultät in Bayreuth. Anschließend übernahm er Lehrstuhlvertretungen an der Ludwig-Maximilians-Universität München (Gerhard A. Ritter) sowie der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn (Klaus Hildebrand) und arbeitete als Abteilungsleiter in der Außenstelle Potsdam zur Erforschung der Geschichte der SBZ/DDR des Münchner Instituts für Zeitgeschichte (IfZ). Im Jahr 1993 nahm Heydemann einen Ruf auf die Professur für Neuere und Zeitgeschichte am Historischen Seminar der Universität Leipzig an; seit 2016 ist er emeritiert. Zudem wurde er im Juli 2009 zum Direktor des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung (HAIT) in Dresden berufen. Am 30. September 2016 endete diese Tätigkeit.

Dieser Text basiert auf dem Artikel Günther Heydemann aus der freien  Enzyklopädie Wikipedia  und steht unter der Lizenz Creative Commons CC-BY-SA 3.0 Unported (Kurzfassung). In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.

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