• Link zu Bluesky
  • Link zu Mastodon
The Writer's Pit
  • Famous first words
    • TEXTURA-Kochbuch
      • BesserEsser
      • Übersicht
      • Quellen für gutes Mehl
      • Der Leidensweg zum selbst gebackenen Toast
      • Neues Rezept
      • Dutch Oven
      • Mittelwerte
      • Mengenangaben
      • Umrechnung Cups in Gramm
      • Mahlzeit!
  • The Writer’s Pit
  • Radio
  • Reiseberichte
  • Diario de Duna
  • Click to open the search input field Click to open the search input field Suche
  • Menü Menü
The Writer’s Pit
Allgemein

Annekathrin Kohout: Nerds

Wenn man von einem Nerd spricht, ist damit meistens der Computer-Nerd gemeint. Man stellt sich einen jungen Mann mit dicken Brillengläsern vor, unattraktiv, sozial unverträglich, etwas seltsam gekleidet, der sich überwiegend von Tiefkühlpizza und Coca Cola ernährt. Am Arbeitstisch, weil er den geliebten Mittelpunkt seines Lebens, seinen Computer, nicht einmal zur Nahrungsaufnahme verlassen will. Gleichzeitig ist er ein Wissender, ein Spezialist, der so viel weiß über Computer wie nur wenige. Sei es als „Coder“ oder als „Gamer“. Diese Sozialfigur, die bei uns in den Achtzigern und Neunzigern bekannt wurde, existiert tatsächlich nicht mehr. Computer sind keine Angelegenheit für wenige Experten mehr, die Beschäftigung mit ihnen findet nicht mehr in muffigen Kellern oder ausgedienten Dachzimmern statt. Trotzdem hält sich dieses Bild. Was aber dieses Bild repräsentiert, wie es entstanden ist und wie es sich verändert hat, untersucht Annekathrin Kohout in diesem Buch sehr eingehend. Wie so viele Sozialfiguren entstand der Nerd, lange bevor der Begriff in Europa gängig wurde, in den USA. Doch die Vorläufer des Nerds waren Stereotypen, die sich weit vor dem Auftauchen des Personal Computers ausbildeten. Was später der Nerd wurde, war zuvor in den USA der Square, ein Spießer, Unflexibler, Vorgestriger. So wäre das Buch ziemlich uninteressant, wenn es nur um diesen Computer-Freak ginge. Stattdessen untersucht Kohout weitere Aspekte soziokultureller Entwicklungen im 20. Jahrhundert. Wie sich Rollenbilder überhaupt entwickelten, wie sich Zuschreibungen veränderten, wie sich Technologie vom Expertenwissen zum Alltagswissen veränderte. Erst mit dieser erweiterten Interpretation bekommt das Buch einen Reiz. Wenn man sich für Kulturwissenschaften interessiert.

War es erst der Computer-Enthusiast, dem die Rolle Nerd zugebilligt wurde, sind wir heute von Nerds umgeben. Mode-Nerds, Natur-Nerds, oft wird heute das -Nerd durch -Freak ersetzt, um die Verbogenheit, die soziale Abweichung, fast schon Behinderung zu betonen. Darin liegt immer noch die Charakterisierung des von den sozialen Normen abweichenden, auf seine Vorlieben zurück gezogenen Menschen. Zurückverfolgen lässt sich dieser Typus bis zu den Zwanzigern des 20. Jahrhundert, damals noch als spießiger, lustfeindlicher, überangepasster Zeitgenosse. Erst in den Achtzigern, mit dem Aufkommen der Mikrocomputer, die noch selbst zusammen geschustert wurden und das halbe Leben auffraßen, entstand der Computer-Nerd. Doch sie waren schon vorher da, in den Sechzigern und Siebzigern. Sie waren das Gegenteil des attraktiven und bewunderten Sportlers. Unzählige Teenie-Filme gibt es über sie, die unscheinbaren Jungs in ihren Karohemden und mit Hosenträgern. Die keine Chancen bei den Mädchen hatten, tollpatschig, wenn auch intelligent und meistens sehr reflektiert, gebildet und sich ihrer Rolle bewusst. Ab da analysiert Kohout, was diese Rolle ausmachte, welche soziale Funktion sie hatte. Und was diese Menschen zu Nerds machte: Dis absolute Fokussierung auf ein einzelnes Thema. Bis heute.

Kohout zeigt, dass diese Nerds ganz spezifische Eigenschaften hatten. Sie waren eher jünger, weiß, männlich, stammten mindestens aus der Mittelschicht. Diese Charakteristik war kaum aufzubrechen. Nerds waren immer Männer. Frauen oder gar PoC als Nerds waren experimentell, nur selten erfolgreich wie die Rolle des Steve Urkel in Family Matters, oder Willow in Buffy – Im Bann der Dämonen. Aus dieser Historie erst entstanden in den Achtzigern die Computer-Nerds, die populärste Nerd-Gruppe. Doch auch daran ging die Zeit nicht spurlos vorbei. Die Verwandlung der Nerds vollzog sich schnell. Diese Nerds wie Steve Jobs, Bill Gates oder Mark Zuckerberg, die zuerst in Garagen und Kellern an ihren Computern bastelten, veränderten die Welt. Sie machten aus dem Spezialinstrument Computer Alltagsgegenstände. Damit verdienten sie viel Geld, aus den eher belächelten Kids wurden Wirtschaftsgiganten, reich und mächtig, bewundert. Die Generation der Computer-Nerds starb aus. Aus Nerds wurden Bosse. Erst in den USA, nun langsam auch in Europa. Noch mehr, ist die westliche Gesellschaft inzwischen so ausdifferenziert, dass der Nerd als Sozialfigur verschwindet. Der Nerd hat die Welt so weitgehend verändert, dass er selbst überflüssig wird.

Zu verstehen ist Annekathrings Buch Nerds weniger als Erklärung oder Analyse, sondern um die gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte nachzuverfolgen. Sie streift dabei erstaunlich viele Randthemen wie Medien und Filme wie Fernsehen, Kleidungsriten, Zuschreibungen anhand von Geschlecht oder Hautfarbe, soziale Ebenen und Gliederungen und vieles mehr. Kohout ist Kulturwissenschaftlerin, nur, oder besser gerade aus dieser Sicht ist das Buch geschrieben. Sie schafft es auch, diese so unterschiedlichen Entwicklungslinien in ein Gesamtbild zu bekommen, diese Jahrzehnte noch einmal nachzuvollziehen. Was es für den, der dabei war, wie ich mit meinem NASCOM I, ein Zurückblicken erlaubt. Teils belustigt, teils mit Schaudern. Das macht das Buch sehr speziell, wer sich jedoch für Kulturwissenschaft und gesellschaftliche Entwicklungen interessiert, wird dieses Buch gerne bis zu Ende lesen.

Annekathrin Kohout studierte Germanistik an der TU Dresden, Kunstwissenschaft und Medientheorie an der HfG Karlsruhe und Fotografie an der HGB Leipzig. Bis 2015 arbeitete sie am ZKM Karlsruhe. Neben ihrer Tätigkeit als freie Autorin (unter anderem für den Verlag Klaus Wagenbach, C.H.Beck, transcript Verlag und ZEIT ONLINE) ist sie Herausgeberin und Redakteurin der Zeitschrift Pop. Kultur und Kritik sowie dem dazugehörigen Online-Magazin Pop-Zeitschrift und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Germanistischen Seminar der Universität Siegen. Zusammen mit Wolfgang Ullrich gibt sie die Buchreihe Digitale Bildkulturen im Verlag Klaus Wagenbach heraus. In ihren Schriften beschäftigt sich Kohout mit der Ästhetik, Geschichte und Theorie von Pop- und Populärkultur, den Sozialen Medien sowie mit Gegenwartskunst. Seit 2014 schreibt sie über die Schnittstellen von Pop, Internetphänomenen und Kunst auf dem Blog Sofrischsogut.

Dieser Text basiert auf dem Artikel Annekathrin Kohout aus der freien  Enzyklopädie Wikipedia  und steht unter der Lizenz Creative Commons CC-BY-SA 3.0 Unported (Kurzfassung). In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.

29. März 2022
Schlagworte: Bücher, Gesellschaft
Eintrag teilen
  • Teilen auf Facebook
https://www.rainerboettchers.de/wp-content/uploads/2017/12/textura-media-logo-300x300l.png 0 0 Rainer https://www.rainerboettchers.de/wp-content/uploads/2017/12/textura-media-logo-300x300l.png Rainer2022-03-29 13:28:422022-03-29 13:37:56Annekathrin Kohout: Nerds
Das könnte Dich auch interessieren
Christian Stöcker: Das Experiment sind wir
Daniel Kahneman: Schnelles Denken, langsames Denken
Michael Wolffsohn: Eine andere jüdische Weltgeschichte
Martin Hecht: Die Einsamkeit des modernen Menschen
Mau/Lux/Westheuser: Triggerpunkte
Ein Ausflug in die Belletristik
0 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar Antwort abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

The Writer's Voice

Neueste Beiträge

  • Ernst Piper: Auschwitz
  • Meller/Michel/van Schaik: Die Evolution der Gewalt
  • Annette Dittert: Dear Britain
  • Ullrich Fichtner: Die Macht der Musik
  • Gabriel Yoran: Die Verkrempelung der Welt

Tagsonomy

BildungBücherFJSGeschichteGesellschaftHörbuchJournalismusKommunikationMedienPhilosophiePodcastPolitikPopulismusRadioReisenSchreibenSoundsSpracheTechnikWirklichkeitWirtschaftWissenschaft

Feed Me!

Posts RSS
Podcasts RSS

Urheberrecht

Alle Texte dieses Blogs inkl. Audio-Produktionen stehen unter der Lizenz Creative Commons CC BY-NC-ND 3.0 Unported (Kurzfassung). Das heißt, sie können mit Nennung der Quelle, nichtkommerziell und unverändert frei genutzt werden.

Archiv

Auch zu hören im

 

© 2025 - Rainer Böttchers
  • Link zu Bluesky
  • Link zu Mastodon
  • Datenschutzerklärung
  • Sitemap
  • Diary
  • Impressum
Link to: Hendrik Bolz: Nullerjahre Link to: Hendrik Bolz: Nullerjahre Hendrik Bolz: Nullerjahre Link to: Marcus Böick/Christoph Lorke: Zwischen Aufschwung und Anpassung Link to: Marcus Böick/Christoph Lorke: Zwischen Aufschwung und Anpassung Marcus Böick/Christoph Lorke: Zwischen Aufschwung und Anpassung
Nach oben scrollen Nach oben scrollen Nach oben scrollen

Diese Site nutzt Cookies. Wenn Du weiter die Seite nutzt, gehen wir von Deinem Einverständnis aus.

OkMehr dazu×

Cookie- und Datenschutzeinstellungen



Wie wir Cookies verwenden

Wir können Cookies anfordern, die auf Ihrem Gerät eingestellt werden. Wir verwenden Cookies, um uns mitzuteilen, wenn Sie unsere Websites besuchen, wie Sie mit uns interagieren, Ihre Nutzererfahrung verbessern und Ihre Beziehung zu unserer Website anpassen.

Klicken Sie auf die verschiedenen Kategorienüberschriften, um mehr zu erfahren. Sie können auch einige Ihrer Einstellungen ändern. Beachten Sie, dass das Blockieren einiger Arten von Cookies Auswirkungen auf Ihre Erfahrung auf unseren Websites und auf die Dienste haben kann, die wir anbieten können.

Notwendige Website Cookies

Diese Cookies sind unbedingt erforderlich, um Ihnen die auf unserer Webseite verfügbaren Dienste und Funktionen zur Verfügung zu stellen.

Da diese Cookies für die auf unserer Webseite verfügbaren Dienste und Funktionen unbedingt erforderlich sind, hat die Ablehnung Auswirkungen auf die Funktionsweise unserer Webseite. Sie können Cookies jederzeit blockieren oder löschen, indem Sie Ihre Browsereinstellungen ändern und das Blockieren aller Cookies auf dieser Webseite erzwingen. Sie werden jedoch immer aufgefordert, Cookies zu akzeptieren / abzulehnen, wenn Sie unsere Website erneut besuchen.

Wir respektieren es voll und ganz, wenn Sie Cookies ablehnen möchten. Um zu vermeiden, dass Sie immer wieder nach Cookies gefragt werden, erlauben Sie uns bitte, einen Cookie für Ihre Einstellungen zu speichern. Sie können sich jederzeit abmelden oder andere Cookies zulassen, um unsere Dienste vollumfänglich nutzen zu können. Wenn Sie Cookies ablehnen, werden alle gesetzten Cookies auf unserer Domain entfernt.

Wir stellen Ihnen eine Liste der von Ihrem Computer auf unserer Domain gespeicherten Cookies zur Verfügung. Aus Sicherheitsgründen können wie Ihnen keine Cookies anzeigen, die von anderen Domains gespeichert werden. Diese können Sie in den Sicherheitseinstellungen Ihres Browsers einsehen.

Andere externe Dienste

Wir nutzen auch verschiedene externe Dienste wie Google Webfonts, Google Maps und externe Videoanbieter. Da diese Anbieter möglicherweise personenbezogene Daten von Ihnen speichern, können Sie diese hier deaktivieren. Bitte beachten Sie, dass eine Deaktivierung dieser Cookies die Funktionalität und das Aussehen unserer Webseite erheblich beeinträchtigen kann. Die Änderungen werden nach einem Neuladen der Seite wirksam.

Google Webfont Einstellungen:

Google Maps Einstellungen:

Google reCaptcha Einstellungen:

Vimeo und YouTube Einstellungen:

Datenschutzrichtlinie

Sie können unsere Cookies und Datenschutzeinstellungen im Detail in unseren Datenschutzrichtlinie nachlesen.

Datenschutzerklärung
Accept settingsHide notification only