Annekathrin Kohout: Nerds

Wenn man von einem Nerd spricht, ist damit meistens der Computer-Nerd gemeint. Man stellt sich einen jungen Mann mit dicken Brillengläsern vor, unattraktiv, sozial unverträglich, etwas seltsam gekleidet, der sich überwiegend von Tiefkühlpizza und Coca Cola ernährt. Am Arbeitstisch, weil er den geliebten Mittelpunkt seines Lebens, seinen Computer, nicht einmal zur Nahrungsaufnahme verlassen will. Gleichzeitig ist er ein Wissender, ein Spezialist, der so viel weiß über Computer wie nur wenige. Sei es als „Coder“ oder als „Gamer“. Diese Sozialfigur, die bei uns in den Achtzigern und Neunzigern bekannt wurde, existiert tatsächlich nicht mehr. Computer sind keine Angelegenheit für wenige Experten mehr, die Beschäftigung mit ihnen findet nicht mehr in muffigen Kellern oder ausgedienten Dachzimmern statt. Trotzdem hält sich dieses Bild. Was aber dieses Bild repräsentiert, wie es entstanden ist und wie es sich verändert hat, untersucht Annekathrin Kohout in diesem Buch sehr eingehend. Wie so viele Sozialfiguren entstand der Nerd, lange bevor der Begriff in Europa gängig wurde, in den USA. Doch die Vorläufer des Nerds waren Stereotypen, die sich weit vor dem Auftauchen des Personal Computers ausbildeten. Was später der Nerd wurde, war zuvor in den USA der Square, ein Spießer, Unflexibler, Vorgestriger. So wäre das Buch ziemlich uninteressant, wenn es nur um diesen Computer-Freak ginge. Stattdessen untersucht Kohout weitere Aspekte soziokultureller Entwicklungen im 20. Jahrhundert. Wie sich Rollenbilder überhaupt entwickelten, wie sich Zuschreibungen veränderten, wie sich Technologie vom Expertenwissen zum Alltagswissen veränderte. Erst mit dieser erweiterten Interpretation bekommt das Buch einen Reiz. Wenn man sich für Kulturwissenschaften interessiert.

War es erst der Computer-Enthusiast, dem die Rolle Nerd zugebilligt wurde, sind wir heute von Nerds umgeben. Mode-Nerds, Natur-Nerds, oft wird heute das -Nerd durch -Freak ersetzt, um die Verbogenheit, die soziale Abweichung, fast schon Behinderung zu betonen. Darin liegt immer noch die Charakterisierung des von den sozialen Normen abweichenden, auf seine Vorlieben zurück gezogenen Menschen. Zurückverfolgen lässt sich dieser Typus bis zu den Zwanzigern des 20. Jahrhundert, damals noch als spießiger, lustfeindlicher, überangepasster Zeitgenosse. Erst in den Achtzigern, mit dem Aufkommen der Mikrocomputer, die noch selbst zusammen geschustert wurden und das halbe Leben auffraßen, entstand der Computer-Nerd. Doch sie waren schon vorher da, in den Sechzigern und Siebzigern. Sie waren das Gegenteil des attraktiven und bewunderten Sportlers. Unzählige Teenie-Filme gibt es über sie, die unscheinbaren Jungs in ihren Karohemden und mit Hosenträgern. Die keine Chancen bei den Mädchen hatten, tollpatschig, wenn auch intelligent und meistens sehr reflektiert, gebildet und sich ihrer Rolle bewusst. Ab da analysiert Kohout, was diese Rolle ausmachte, welche soziale Funktion sie hatte. Und was diese Menschen zu Nerds machte: Dis absolute Fokussierung auf ein einzelnes Thema. Bis heute.

Kohout zeigt, dass diese Nerds ganz spezifische Eigenschaften hatten. Sie waren eher jünger, weiß, männlich, stammten mindestens aus der Mittelschicht. Diese Charakteristik war kaum aufzubrechen. Nerds waren immer Männer. Frauen oder gar PoC als Nerds waren experimentell, nur selten erfolgreich wie die Rolle des Steve Urkel in Family Matters, oder Willow in Buffy – Im Bann der Dämonen. Aus dieser Historie erst entstanden in den Achtzigern die Computer-Nerds, die populärste Nerd-Gruppe. Doch auch daran ging die Zeit nicht spurlos vorbei. Die Verwandlung der Nerds vollzog sich schnell. Diese Nerds wie Steve Jobs, Bill Gates oder Mark Zuckerberg, die zuerst in Garagen und Kellern an ihren Computern bastelten, veränderten die Welt. Sie machten aus dem Spezialinstrument Computer Alltagsgegenstände. Damit verdienten sie viel Geld, aus den eher belächelten Kids wurden Wirtschaftsgiganten, reich und mächtig, bewundert. Die Generation der Computer-Nerds starb aus. Aus Nerds wurden Bosse. Erst in den USA, nun langsam auch in Europa. Noch mehr, ist die westliche Gesellschaft inzwischen so ausdifferenziert, dass der Nerd als Sozialfigur verschwindet. Der Nerd hat die Welt so weitgehend verändert, dass er selbst überflüssig wird.

Zu verstehen ist Annekathrings Buch Nerds weniger als Erklärung oder Analyse, sondern um die gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte nachzuverfolgen. Sie streift dabei erstaunlich viele Randthemen wie Medien und Filme wie Fernsehen, Kleidungsriten, Zuschreibungen anhand von Geschlecht oder Hautfarbe, soziale Ebenen und Gliederungen und vieles mehr. Kohout ist Kulturwissenschaftlerin, nur, oder besser gerade aus dieser Sicht ist das Buch geschrieben. Sie schafft es auch, diese so unterschiedlichen Entwicklungslinien in ein Gesamtbild zu bekommen, diese Jahrzehnte noch einmal nachzuvollziehen. Was es für den, der dabei war, wie ich mit meinem NASCOM I, ein Zurückblicken erlaubt. Teils belustigt, teils mit Schaudern. Das macht das Buch sehr speziell, wer sich jedoch für Kulturwissenschaft und gesellschaftliche Entwicklungen interessiert, wird dieses Buch gerne bis zu Ende lesen.

Annekathrin Kohout studierte Germanistik an der TU Dresden, Kunstwissenschaft und Medientheorie an der HfG Karlsruhe und Fotografie an der HGB Leipzig. Bis 2015 arbeitete sie am ZKM Karlsruhe. Neben ihrer Tätigkeit als freie Autorin (unter anderem für den Verlag Klaus Wagenbach, C.H.Beck, transcript Verlag und ZEIT ONLINE) ist sie Herausgeberin und Redakteurin der Zeitschrift Pop. Kultur und Kritik sowie dem dazugehörigen Online-Magazin Pop-Zeitschrift und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Germanistischen Seminar der Universität Siegen. Zusammen mit Wolfgang Ullrich gibt sie die Buchreihe Digitale Bildkulturen im Verlag Klaus Wagenbach heraus. In ihren Schriften beschäftigt sich Kohout mit der Ästhetik, Geschichte und Theorie von Pop- und Populärkultur, den Sozialen Medien sowie mit Gegenwartskunst. Seit 2014 schreibt sie über die Schnittstellen von Pop, Internetphänomenen und Kunst auf dem Blog Sofrischsogut.

Dieser Text basiert auf dem Artikel Annekathrin Kohout aus der freien  Enzyklopädie Wikipedia  und steht unter der Lizenz Creative Commons CC-BY-SA 3.0 Unported (Kurzfassung). In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.

0 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.