Richard David Precht: Sei du selbst

Richard David Precht: Sei du selbst

Zuerst war ich mir nicht ganz sicher, ob ich mir den dritten Band antue. Schon weil es mich quasi zum vierten Band verpflichtet. Ein bevorstehender Urlaub hat mich dann doch ermuntert, mich weiter mit der Geschichte der Philosophie, aber auch der Naturwissenschaften und der sich nun abspaltenden Themen zu beschäftigen. Der Autor: Richard David Precht, Medien-, Sofa- und Zeitabschnitts-Philosoph, wie ich ihn nenne. Sein am Ende vierbändiges Werk: Eine Geschichte der Philosophie.

Ging es im ersten Band um die Philosophie des Altertums bis zur Grenze zum Mittelalter, schildert der zweite Band den Abschnitt bis in die beginnende Neuzeit. In diesem nun dritten Buch geht es weiter ab Ende des 18. Jahrhunderts bis in das 20. Jahrhundert hinein. Damit stehen hier vertrautere Namen im Vordergrund. William Godwin, Charles Fourier, Arthur Schopenhauer, John Stuart Mill, Søren Kierkegaard, Karl Marx, Friedrich Nietzsche, Sigmund Freud mehr am Rande, der immer noch erstaunlich aktuelle Georg Simmel, Max Weber. Das vor dem Hintergrund der rasanten Veränderungen in der industriellen Technologie, dem Aufstieg der Naturwissenschaften und den sich abzeichnenden politischen Entwicklungen. Damit war zu erwarten, dass es ab nun etwas schwieriger wird, jedenfalls für Nichtphilosophen. Und diese Erwartung traf dann glatt ein.

Wie schon zuvor leitet Precht die Geschichte mit einem Bild ein. Dieses Mal ist es von Caspar David Friedrich, Der Wanderer über dem Nebelmeer. Das Bild charakterisiert die politische und wirtschaftliche Lage dieser Zeit, besondern in Sachsen. Der erste Teil des Buches handelt von einer ganz wesentlichen Entwicklung, nämlich der beginnenden Abspaltung der Psychologie und Soziologie von der Philosophie. Aber genau so von den Wechselwirkungen zwischen den nun essentiellen Naturwissenschaften und den Geisteswissenschaften. Das wirkt sich auf die jeweiligen Fragestellungen aus: Ist der Geist nur eine Nebenwirkung des Materiellen? Lässt die Analyse und Erforschung des Biologischen Schlüsse auf das Geistige zu? Was erkennt der Mensch tatsächlich als das, was es ist? Und wenn die Erkenntnis so zweifelhaft ist, gibt es dann überhaupt einen freien Willen? Dieser erste Abschnitt ist ziemlich starker Tobak. Nicht, dass Precht unverständlich schreiben würde, aber die Situation in der beginnenden Neuzeit ist ja die, dass es nicht mehr die eine oder die andere Koryphäe der Philosophie gibt, wie noch im Altertum. Die Folge ist eine schwer zu überblickende Ansammlung von Namen und Einzelheiten. Eben nicht nur aus der Philosophie, sondern auch aus den zusätzlichen, neuen Themenbereichen. Das macht das Buch nicht leicht zu lesen, es wird etwas unübersichtlich und nicht immer wirklich verständlich, wer nun wann und wo was getan oder geschrieben hat.

Überschaubarer und etwas linearer wird es erst wieder mit John Stuart Mill, seiner Biografie und seinen wichtigsten Gedanken, und mit Karl Marx. Nun geht es wieder im Kern um die Philosophie, weniger um Psychologie und Soziologie. Auch wenn Precht dazu immer die Naturwissenschaften, die Ökonomie und politische Entwicklungen mit einflechtet.  Karl Marx und um was es ihm ging, habe ich in diesem Buch zum ersten Mal wirklich begriffen. Nietzsche dagegen holt Precht vom Sockel, teils auch mit persönlicher Kritik und entzaubert ihn. Kropotkin kannte ich noch gar nicht, doch seine Geschichte und seine Wirkungen waren ausgesprochen beeindruckend. Nach William James und Charles Cooley in England kommt eine ganz neue Szene, nämlich die Philosophie in den USA und der dort entstehende Pragmatismus, während bisher eigentlich nur Deutschland, England und Frankreich im Vordergrund standen. Leider wird es auch im letzten Viertel wieder unübersichtlich und schwer in Zusammenhängen zu halten. Das Buch endet mit dem ersten Weltkrieg und der erstaunlichen Feststellung, dass viele Philosophen in das Kriegsgeheul mit Begeisterung einstimmten.

Am Ende des Buch konnte ich eine gewisse Ratlosigkeit nicht leugnen. Sicher war dieser Zeitabschnitt in der Philosophie wie auch in den Naturwissenschaften eine entscheidende Entwicklungsphase. Man kann deshalb Precht nicht unbedingt vorwerfen, er schreibe unverständlich. Er versucht, die unterschiedlichen Fäden zusammen zu halten, sei es in den Denkrichtungen, in den Überschneidungen bis hin zu den Unterschieden in Deutschland, Frankreich und England. Nichts steht für sich allein, Natur- und Geisteswissenschaften, Politik und Gesellschaft beeinflussen sich immer gegenseitig, Seiteneffekte sind nichts Unerwartetes, sondern geradezu unvermeidbar. Positiv formuliert hat Precht mir bisher eine ganze Menge übermittelt, was das Verständnis der Gegenwart erleichtert und die heutige Welt plausibel macht. Als Fundament für grundlegende politische Kenntnisse und warum manche Dinge heute so sind, wie sie sind, leisten Prechts dicke Wälzer eine Menge. Das will schon etwas heißen, denn die Aufgabenstellung war kein Zuckerschlecken. Dafür hat er die Sache dann ausgesprochen gut gemacht.

Das 19. Jahrhundert revolutioniert die Philosophie! Während aus der Industrialisierung die bürgerliche Gesellschaft hervorgeht, verlieren die Philosophen den Boden unter den Füßen. Ist es überhaupt noch möglich, ein geschlossenes System der Welt zu errichten? In einer Welt ohne Gott und ohne natürliche Ordnung? Vor allem die Naturwissenschaften fordern die Philosophie heraus und beanspruchen die alleinige Deutungshoheit über Wahrheit und Sinn. Denker wie Auguste Comte, John Stuart Mill, Herbert Spencer, Ernst Mach und Charles Sanders Peirce versuchen die Philosophie methodisch auf das Niveau der Physik und der Biologie zu bringen. Doch genau dagegen rührt sich Protest. Für ihre Gegenspieler Arthur Schopenhauer, Sören Kierkegaard und Friedrich Nietzsche ist die Philosophie gerade keine Wissenschaft, sondern etwas ganz anderes: eine Haltung zum Leben! (Klappentext Goldmann-Verlag)

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