Fabian Scheidler: Der Stoff aus dem wir sind

Schon im Altertum fragten sich die Philosophen, woraus die Stoffe und letztlich wir selbst bestehen. Die Antworten waren damals recht unbefriedigend. Konkreter wurde es vor ca. 400 Jahren, als sich die Naturwissenschaften nach unserem heutigen Verständnis entwickelten. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstanden Theorien, dass Materie aus ganz kleinen Teilen besteht, den Atomen. Damit begann ein Welterklärungsprogramm, wurde eine mechanistische Sicht der Welt geschaffen, in der alle Vorgänge durch mechanische Wirkungen erklärt wurden. Nicht zufällig war das in der Zeit, als auch das entstand, was wir heute neokapitalistische Wirtschaft nennen.  Gerade die Physik sollte sich als die große Erkenntnismaschine entpuppen, aus der Wissenschaften, Forschung und Wirtschaft ihre Vorteile zogen. Zweifel an dieser Sicht der Welt gab es früh, besonders, aber nicht nur aus der Philosophie. Ob das ganze Universum nicht viel komplexer sei als ein paar winzige Kügelchen, die umeinander kreisen, in der alle Zusammenhänge aus Regeln besteht, die dem Wenn-Dann-Immer-Prinzip folgen. Eine erste Macke bekam diese Sicht auf die Welt und die Natur durch die Theorien von Albert Einstein, dass Zeit nichts Unveränderliches ist, wodurch die Schwerkraft entsteht, die Äquivalenz von Energie und Masse. Ganz übel wurde es dann mit der Quantenphysik, die letztlich das Atommodell, das heute noch an allen Schulen gelehrt wird, völlig in Frage stellt. Die Vorstellung, dass Materie aus Feldern, ihrer Wechselwirkung und ihren Beziehungen entsteht, ist fast allen Menschen noch heute fremd. Wenn wir aber längst wissen, dass die mechanistische Erklärung der Welt, und des Lebens, ganz anders ist als gedacht, warum hängen wir dann immer noch an diesem Bild? Die Antwort liegt nicht zuletzt darin, dass es für die Politik und die Wirtschaft von großem Vorteil ist. Deshalb möchte Fabian Scheidler mit diesem Naturbild aufräumen.

Fabian ScheidlerDer Stoff aus dem wir sind

Die Folgen dieser mechanistischen Sicht, des Glaubens, der Mensch transzendiere die Natur, anstatt Teil von ihr zu sein, hat uns tief ins Schlamassel gebracht. Ökologische Krise, Klimawandel, Naturzerstörung allerorten, Raubbau an begrenzten Ressourcen, die Liste ist lang und beliebig. Dass wir so mit der Natur umgehen, als hätten wir noch eine zweite im Kofferraum, liegt nicht zuletzt eben an diesem mechanischen Bild von der Natur. Der Kapitalismus, die neoliberalen Ideologien und Technokratien bedienten sich dieser Ansicht, um so viel wie möglich heraus zu holen, endloses Wachstum zu prophezeien und sich zu bereichern, wo immer möglich. Doch die hemmungslose Ausbeutung der Natur machte vor Tieren und Wäldern nicht halt. Noch René Descartes bezeichnete Tiere als Automaten, die fest programmierten Mustern folgten, und die man deshalb nach Belieben quälen und zerstückeln, oder sogar ausrotten durfte. Auch Menschen wurden als nicht zur zivilisierten Welt gehörig deklariert, in Afrika auf Schiffe verladen wie Zuckersäcke, um in den USA und Südamerika als Sklaven zu schuften. Das mechanistische Weltbild ist nicht nur dafür verantwortlich, dass dieser Planet zu Grunde geht, es hat auch dazu beigetragen, dass Gesellschaften gebildet wurden, in denen separiert, abqualifiziert und abkassiert wird. So, wie die Menschen immer noch nicht begriffen habe, dass unsere Welt nicht aus kleinen Kügelchen besteht, so haben sie auch nicht kapiert, dass die Natur kein von uns abgetrennter Teil ist, sondern die Menschen ein Teil der Natur sind. Mit allen Konsequenzen. Der Planet Erde kommt ohne die Menschen gut zurecht. Die Menschen ohne die Erde gar nicht. Auch wenn Phantasten wie Elon Musk darüber spinnen, auf den Mars auszuwandern, wenn die Erde endgültig zerstört ist. Anstatt hier auf der Erde die richtigen Konsequenzen zu ziehen.

Doch ist das Buch keine Wirtschafts- oder Gesellschaftskritik. Es ist die Geschichte der Naturwissenschaften seit der Antike bis heute. Richard David Precht hat mal so schön gesagt, Wissenschaft heißt vorwärts zu irren. Doch je tiefer wir in die Grundlagen unserer Welt eindringen, desto unverständlicher und widersprüchlicher werden die Zusammenhänge. Licht ist Welle und Materie. Kräfte wie Gravitation und Magnetismus wirken ohne jeden Träger, im Gegensatz zu Schall. Die Quantentheorie und die Relativitätstheorie sind bis heute nicht zusammen zu bringen. Je mehr wir forschen, desto weniger verstehen wir. Voraussagen zu treffen, was die Physik eigentlich wollte, wird immer schwieriger. Schrödingers Katze lässt grüßen. Der Mensch ist nicht Herr über die Natur, der Mensch ist die Natur. Selbst Darwins Erkenntnisse haben uns ein ganzes Stück weiter gebracht. Doch heute stellen sich seine Erkenntnisse als Fehlinterpretationen heraus, Vererbung funktioniert anders, nicht der Fitteste überlebt unbedingt, sondern der, der am besten kooperiert. Doch alle diese nicht einmal besonders neuen Einsichten ignorieren wir beständig. Könnte sein, dass aus dieser Ignoranz uns einmal das gleiche Schicksal bevor steht wie den Dinosauriern.

Scheidler ist kein Wissenschaftler im eigentlichen Sinne, doch gerade das ist seine Stärke. Die Erkenntnisse der Wissenschaft in eine neue Weltsicht umzusetzen, anstatt an veralteten, aber bequemen Spielregeln zu hängen. Durch seine weltlichere Sicht der Dinge übersetzt er für die LeserIn wichtige Neuerungen in eine verständliche Lesart, verschont uns von wissenschaftlichen Allüren und unverständlichen Theorien. Mit diesem überraschend neuen Blick auf die Welt und unser Verhältnis zur Natur eröffnet das Buch Perspektiven für einen grundlegenden Wandel und eine veränderte, gerechtere Gesellschaft. Wenn mal in einer späteren Zeit auf diesem Planeten alles in Schutt und Asche liegt, kann man getrost sagen: Das hättet ihr in 2022 schon alles lesen können. Macht Lindner aber nicht. Ein tolles Buch, ein großer Wurf.

Fabian Scheidler (* 22. Juli 1968 in Bochum) ist ein deutscher Autor und Dramaturg. Er ist Mitbegründer des unabhängigen Fernsehmagazins Kontext TV und hat viele Jahre als Dramaturg für das Grips-Theater gearbeitet. Für seine publizistisch-künstlerische Tätigkeit bei Attac bekam er 2009 den Otto-Brenner-Medienpreis für kritischen Journalismus. Scheidler studierte Geschichte und Philosophie an der Freien Universität Berlin und Theaterregie an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main. Seit 2001 arbeitet er als freischaffender Autor für Printmedien, Fernsehen, Theater und Oper. Im Jahr 2009 gründete er mit David Goeßmann das unabhängige Fernsehmagazin Kontext TV, welches regelmäßig Sendungen zu Fragen globaler Gerechtigkeit und Ökologie produziert. 2010 war er Programmkoordinator des Attac-Bankentribunals in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Als Dramaturg und Theaterautor arbeitete er viele Jahre für das Berliner Grips Theater. 2013 wurde seine Oper „Tod eines Bankers“ am Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz uraufgeführt. 2015 erschien Fabian Scheidlers Buch Das Ende der Megamaschine. Geschichte einer scheiternden Zivilisation im Promedia Verlag (Wien).

Dieser Text basiert auf dem Artikel Fabian Scheidler aus der freien  Enzyklopädie Wikipedia  und steht unter der Lizenz Creative Commons CC-BY-SA 3.0 Unported (Kurzfassung). In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.

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