Eric Kandel: Was ist der Mensch?

Eric Kandel: Was ist der Mensch?

Michael Schmidt-Salomon hatte mich in seinem letzten von mir gelesenen Buch mit den Ausflügen in die Hirnforschung auf den Geschmack gebracht. Um diesem Gebiet etwas näher zu kommen, ist die Auswahl an Büchern immens. Da aber die Rezension eines Buches im Magazin Psychologie Heute ganz positiv ausfiel, dachte ich an dieser Stelle nichts falsch machen zu können. Aber viel wissen und gut schreiben sind zwei Paar Schuhe. Eric Kandel ist einer der bedeutendsten Neurowissenschaftler des 20. Jahrhunderts, geboren 1929 in Wien, emigrierte zu Beginn des Dritten Reiches mit seiner jüdischen Familie in die USA. Studierte Medizin an der New York University, seit 1974 Professor an der Columbia University in New York. Für seine Forschung erhielt Eric Kandel im Jahr 2000 den Nobelpreis für Medizin, auf dem Gebiet der Gedächtnisforschung. Also wird er wohl Genaueres über die Themen Gehirn, Körper und Geist wissen. Ein Buch mit den typischen Schwächen eines hochrangigen Wissenschaftlers. Aber auch mit verblüffenden Fakten und Sichten.

Dabei wäre ich beinahe erst gar nicht weit in diesem Buch gekommen. Kandel beginnt im ersten Kapitel mit einen kleinen Exkurs in den Aufbau und die Funktionen unseres Gehirns. Es geht um Neuronen und Axone, Dendriten und Synapsen und um Neurotransmitter wie Acetylcholin, Serotonin oder Dopamin. Leider bekommt man im Text eine Mange von Fachbegriffen um die Ohren, von denen nur die allerwenigsten erklärt oder übersetzt sind. Das ist die schwache Seite in Büchern von Wissenschaftlern, die allgemein schreiben möchten. Geht mir aber genau so, wenn ich Laien Funktionen in der Gebäudeautomation erklären will, am Ende sehe ich in fragende Gesichter. Im Falle dieses Buches kann das leider den Effekt haben, dass der Leser genervt das Werk zuklappt und ihm einen immerwährenden Platz im Bücherregal zuweist. Ich aber war hartnäckig. Ich wollte dadurch. Zum Glück, denn Kandels nicht immer leicht verständlichen Ausführungen sind in der Tat eine Voraussetzung für die folgenden Kapitel, sonst bleiben weitere Erklärungen unverständlich. Und die Mühe lohnt sich, denn ab dem zweiten Kapitel geht es richtig los.

Kandel beschreibt nun den Erkenntnisstand wie auch die vielen offenen Fragen in der aktuellen Hirnforschung. Was wir heute über Autismus, Depression und bipolare Störung wissen, über Schizophrenie wie auch über Emotionen und Entscheidungsformen. Weiter geht es über Gedächtnis und Demenz, Parkinson- und Huntington-Krankheit. Hier schreibt Kandel nun mit dem gegebenen Vorwissen sehr verständlich und mit vielen Beispielen. Angst, posttraumatische Störungen und falsche Entscheidungsprozesse runden den Bereich der Erkrankungen ab. Gerade die letzten Kapitel sind vielleicht für den nicht fachlich wissenden Leser besonders interessant. Wie Kreativität entsteht, wie Schädigungen des Gehirns besondere Leistungen und Schaffenskraft bewirken können. Dabei schließt er immer Erkenntnisse aus der Psychiatrie, Neurologie und Kognitionspsychologie mit ein, Freud kommt zu Wort, Philosophen auch. Die beiden letzten Kapitel sind zusammen ein echtes Highlight: Sexuelle Differenzierung des Gehirns, Geschlechtsidentität sowie die noch nicht beantworteten Fragen zu dem, was wir Bewusstsein nennen.

So  schließt sich der Kreis zu Schmidt-Salomons Buch. Für einige Leser muss das Buch den Untergang dessen bedeuten, was wir uns immer so sicher eingebildet haben. Der Glaube an einen freien Willen wird zerlegt, ebenso die Überzeugung, eine Frau sei eben eine Frau und ein Mann ein Mann. Ja, Männer und Frauen haben etwas unterschiedliche Gehirne, aber nicht so, wie Paul Meier sich das am Stammtisch vorstellt. Die Aufregung um Genderfragen wird uninteressant, wenn man mehr darüber weiß, wie sich im Gehirn und im Körper das biologische Geschlecht und die Geschlechtsidentität bilden. In gewisser Weise erklärt für mich das Buch auch ein wenig die Unruhe der heutigen Zeit. Es ist nicht nur die Globalisierung, es sind auch die Erkenntnisse der Neurowissenschaften oder der Verhaltensökonomie, die viel angenommen Selbstverständliches ad absurdum führen. Dieses Buch macht aus all den Überzeugungen, die über 200 Jahre pfleglich aufgeblasen wurden, Makulatur. Dass es nicht die eine Art gibt, Entscheidungen zu treffen, sondern gleich mehrere, je nachdem, wo die Kommunikation zwischen Teilen des Gehirns läuft, war mir nie vorher bewusst. Selbst bei den geschworen rationalsten Entscheidungen, die wir treffen, haben Emotionen das letzte Wort. Ohne dass wir es merken oder wahrnehmen.

Gesamturteil: Wer wissen will, warum wir ticken, wie wir ticken und warum man sich auf sein Ego wenig einbilden sollte, ist hier richtig. Denn wir sind immer nur die, die uns unser Gehirn sein lässt.

Was genau geschieht, wenn unser Gehirn nicht mehr „normal“ funktioniert? Wenn es in Unordnung geraten ist, durch Störungen oder Krankheiten wie Alzheimer, Depression oder posttraumatischen Stress? Eric Kandel, einer der weltweit führenden Experten der Gehirn- und Gedächtnisforschung, hat sich in seiner Arbeit immer wieder mit der Frage beschäftigt, inwiefern komplexe menschliche Verhaltensweisen biologische Ursachen haben. In seinem neuen Buch zeigt er an vielen Beispielen, von Angstzuständen bis zur Schizophrenie, von Sucht bis Bipolarität, wie sehr biologische Prozesse unsere Identität prägen. Denn gerade die Störungen, die Abweichungen und Anomalien machen auf beeindruckende Weise sichtbar, was es heißt, Mensch zu sein.
(Klappentext Siedler-Verlag)

 

3 Kommentare
  1. Johannes
    Johannes sagte:

    Danke für den Tipp! Seine „Principles of Neural Science“ waren eines meiner Lieblings-Lehrbücher im Studium. Dann sollte ich das vielleicht auch mal lesen.

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  2. Rainer
    Rainer sagte:

    Grüße in den Süden, 🙂

    allerdings ist dieses Buch bewusst von ihm als allgemeines Buch geschrieben worden, nicht als Fachbuch. Sonst hätte ich auch noch weniger im ersten Kapitel verstanden. Wenn man es als Anregung sehen kann, ist es ok.

    Rainer

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  3. Johannes
    Johannes sagte:

    Viele Grüße zurück!

    Ich bin zwar ursprünglich vom Fach, aber schon eine Weile nicht mehr ganz auf dem Laufenden. Deshalb habe ich nichts dagegen, populärwissenschaftliche Bücher zum Thema zu lesen, schon gar nicht, wenn sie gut geschrieben sind. Ich muss mich da nicht mehr durch die Papers kämpfen, wenn es sich vermeiden lässt…

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