James Suzman: Sie nannten es Arbeit

Wenn wir uns aus unserer heutigen Vorstellung das Leben der Jäger und Sammler vorstellen, wie der Mensch vor 20.000 oder 25.000 Jahre ausschließlich gelebt hat, kommen uns Bilder eines mühsamen Lebens in den Sinn. Die Wahrheit ist eine andere.  Im Vergleich zu uns Boomern des 21. Jahrhunderts brauchte Homo Sapiens vor der Sesshaftwerdung, dem Übergang zur bäuerlichen Lebensweise, nur wenige Stunden am Tag, um satt zu werden. Wobei, hätte man ihn fragen können, er das Jagen und Sammeln kaum als Arbeit im heutigen Sinne bezeichnet hätte. Es gab keine Trennung zwischen Arbeit und Freizeit. Es war einfach Leben. So kommt die Frage auf, wann der Mensch zum Arbeiten kam, also Arbeiten im heutigen Sinne. Das war tatsächlich erst mit dem Übergang zu Landwirtschaft und Viehzucht der Fall. Was aber nicht die einzige Auswirkung war. Das Anbauen von Lebensmitteln und Züchten von Tieren erforderte Vorausschau, Planung, dazu den Aufschub von Gewinnen. Während der Jäger sein Gnu gleich auf den Grill werfen konnte, musste der Bauer lange sähen, rupfen und ernten, bevor die Speisekammer gefüllt war. So begann die Geschichte der Arbeit. Wo stehen wir heute? Obwohl John Maynard Keynes schon um die 1930 herum prophezeite, dass die Menschen im 21. Jahrhundert höchstens noch einige Stunden am Tag arbeiten müssten, weil neue Technologien und Industrien Bäuche und Kühlschränke in einer überbordenden Art und Weise füllten. Er lag weit daneben. Noch immer ist eine Arbeitszeit von 40 Stunden in der Woche die Regel. Im Gegenteil, in asiatischen Ländern wie Japan gibt es Begriffe wie den Tod durch Überarbeitung. Aber warum ist das so, dass die Arbeit eher immer mehr wird, es sei denn, Menschen werden durch Roboter und KI ersetzt? Das sind die Fragen, denen James Suzman in diesem Buch nachgeht. Entwicklungsgeschichtlich, ökonomisch, ökologisch und politisch.

James SuzmanSie nannten es Arbeit

So beginnt die Geschichte schon vor langer Zeit, als es noch verschiedene Homini auf der Erde gab. Doch technisch und handwerklich unterschieden sie sich. Homo Sapiens setzte sich durch, bis er von ca. 10.000 Jahren sesshaft wurde. Erst einige Jahrehunderte vor Christi Geburt waren die Anbaumethoden und die Viehhaltung so weit perfektioniert, dass die Bauern mehr erzeugten, als sie benötigten. So kam es zum nächsten Schritt, es wurden große Städte gebaut, deren Einwohner durch die Landwirtschaft außerhalb der Städte ernährt wurden. Was bedingte, dass sich in den Städten neue Formen der Arbeit etablierten. Schneider, Gastwirte, Bäcker oder Ärzte. Der Beginn der Dienstleistung, des Handels und des spezialisierten Handwerks. Die nächste Stufe sollte dann erst im 19. Jahrhundert erreicht werden, als mit Hilfe fossiler Brennstoffe und neuer Materialien die Industrie aufkam, ein weiterer Schub in den erzeugten Mengen an Waren und Diensten. Von nun an ging es steil nach oben. Nach den absoluten Bedürfnissen, wie Nahrung, Behausung und sozialer Sicherheit, gewannen die relativen Bedürfnisse die Oberhand. Während absolute Bedürfnisse an einem Punkt einfach erfüllt sind, wachsen die relativen ohne Obergrenze. Am besten zu sehen an den Entwicklungen in Nordamerika nach dem zweiten Weltkrieg. Bedürfnisse wurden nun durch eine neue Branche, Marketing, Werbung und Absatzförderung, immer höher gepuscht. Obwohl der durchschnittliche US-Amerikaner, wenig später auch der Europäer, eigentlich für die Stillung der Grundbedürfnisse nur noch wenige Stunden am Tag hätte arbeiten müssen, arbeitete er immer mehr. Für Kühlschrank, Auto, Reisen, dann Fernseher, Smartphones und einfach Dinge, um die Nachbarn zu beeindrucken. Die Menschen arbeiteten so viel und so hart, um immer mehr zu konsumieren.

Doch nun stehen wir an einer neuen Schwelle. Mit der zunehmenden Digitalisierung und der Technologisierung gerät die Arbeit immer mehr in ein anderes Licht. Während der Schweißer in einer nordenglischen Schiffswerft Anfang des 20. Jahrhunderts noch stolz war auf seine Arbeit und seine Klasse, wird Arbeit immer mehr zu einer Last. Nur noch ca. 15% der Menschen in Europa und Asien sehen noch einen Sinn in ihrem Job. Nur noch wenige Branchen haben keine Angst davor, dass Computer ihre Arbeit übernehmen, nämlich die, in denen entweder Empathie oder feinste Handarbeit gefordert sind. Doch auch dort ist nicht sicher, ob nicht in einigen Jahren Roboter die besseren Krankenpfleger oder Chirurgen sind. Auch einen anderen Aspekt der Geschichte lässt Suzman nicht außer Acht. Unsere Wirtschaftsweise, unser Konsum und unsere Liebe zur Bequemlichkeit bringen den Planeten an seine Grenzen. Die wachsende soziale Ungleichheit droht manche Gesellschaften zu sprengen, von den Differenzen zwischen globalem Süden und Norden ganz zu schweigen. Doch hinter all diesen Sichtweisen steht immer eine Sache dahinter: unser Verständnis von Arbeit, warum und wie wir arbeiten und die Bedeutung von Arbeit in einer Welt, die an ihre Grenzen stößt. Weil es Arbeit ermöglicht hat, immer mehr zu konsumieren, immer mehr von immer Überflüssigerem zu erwerben.

Obwohl Suzman an vielen Stellen etwas tief in die Themen und Aspekten einsteigt, zeichnet er doch ein plausibles und interessantes Bild, was Arbeit ist und warum sie überhaupt irgendwann für den Einzelnen unverzichtbar wurde. Wobei auch Psychologen und Soziologen zu Wort kommen. Er geht auf viele Details ein, erklärt, wie Arbeit zu einem unverzichtbaren Teil des modernen Menschen wurde, und wohin die Sache demnächst laufen könnte. Hat man Sinn für diese Details, ist das Buch eine faszinierende, andere Geschichte der Menschheit.

James Suzman ist Anthropologe und Autor von »Affluence Without Abundance: Die verschwindende Welt der Buschmänner«, erschienen 2017 bei Bloomsbury. Er lebt in Cambridge, Großbritannien. Suzman war der erste Sozialanthropologe, der in Namibias östlicher Omaheke unter den südlichen Ju/’hoansi arbeitete, wo er die brutale Marginalisierung des San-Volkes aufdeckte, das sein Land an weiße Viehzüchter und Hirtenvölker der Herero verloren hatte. 1998 wurde Suzman mit der Leitung der bahnbrechenden Studie »The Regional Assessment of the Status of the San in Southern Africa« (Regionale Bewertung des Status der San im südlichen Afrika) betraut, die auf einer AKP/EU-Resolution beruhte. Später leitete Suzman eine von der Minority Rights Group International durchgeführte Untersuchung, um zu beurteilen, wie es den ethnischen Minderheiten Namibias in den ersten zehn Jahren der namibischen Unabhängigkeit ergangen war. Der Bericht wurde im Jahr 2002 veröffentlicht. Er entstand in einer Zeit des politischen Umbruchs in Namibia und führte zu Forderungen nach einem besseren Schutz ethnischer Minderheiten in Namibia. Im Jahr 2007 wechselte Suzman zu De Beers, wo er als globaler Leiter der Abteilung für öffentliche Angelegenheiten die preisgekrönten Nachhaltigkeitsfunktionen des Unternehmens entwickelte. Er trat 2013 zurück. 2013 taten sich Suzman und Jimmy Wales mit Lily Cole zusammen, um Impossible.com an der Cambridge Union ins Leben zu rufen. Im selben Jahr wurde er eingeladen, die zweite Protimos-Vorlesung in der Parlamentskammer des Londoner Inner Temple zu halten. [Übersetzt durch den Autor]

Dieser Text basiert auf dem Artikel James Suzman aus der freien  Enzyklopädie Wikipedia  und steht unter der Lizenz Creative Commons CC-BY-SA 3.0 Unported (Kurzfassung). In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.

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