Marcus Böick/Christoph Lorke: Zwischen Aufschwung und Anpassung

Noch ein Buch über die deutsche Wiedervereinigung. Obwohl man denkt, dass die Zahl dieser Bücher inzwischen kaum noch zu überschauen ist, habe ich mich auch wegen des schmalen Formats daran gewagt. Stimmt, es geht wieder um die Schwierigkeit, im wiedervereinigten Deutschland zu einer inneren Einheit zu kommen. Über die Ressentiments, über Demokratieverdrossenheit und all das, was in der Wiedervereinigung schlecht gelaufen ist. Während sich viele andere Bücher auf die wirtschaftlichen und politischen Aspekte fokussieren, widmen sich Böick und Lorke jedoch mehr den gesellschaftlichen, kulturellen und mentalen Verläufen seit 1989. Damit kommen sie zu aktuellen Fragen, über deren Relevanz bis ins Jahr 2022 man sich wundern muss. Woher stammt die immer noch weit verbreitete Wut, Enttäuschung und gefühlte Entwürdigung in den neuen Bundesländern, die bis in demokratiefeindliche Randbereiche führt? Es seien eben nicht nur die niedrigeren Löhne und Renten, die verlorenen Arbeitsplätze und abgebrochenen Lebensgeschichten allein, schreiben die Autoren. Es sei halt von Anfang an verbockt gewesen, durch falsche Versprechungen, schädlichen Pragmatismus und, leider eben auch, durch die besserwisserische und arrogante Art und Weise der Westdeutschen verursacht. Auch das nichts wirklich Neues, doch das Buch schafft eine ganz konzentrierte Auseinandersetzung, ohne sich in endlose Analysen und Statistiken zu verlieren. Deshalb lohnt es,  sich die gerade mal 120 Seiten anzutun.

Marcus Böick/Christoph LorkeZwischen Aufschwung und Anpassung

Natürlich kommt das Buch im ersten Kapitel nicht um die wirtschaftliche Seite der Geschichte herum, macht das jedoch kurz und knapp. Die völlige Fehleinschätzung der Treuhand, das Verscherbeln der Industrie an westdeutsche Investoren, der Glaube, man müsste nur die Methoden und Gewohnheiten des Westens dem Ostler überstülpen und alles wird gut. Die Daten und Zahlen, es geht nicht ohne, zeigen ein eklatantes Scheitern dessen, was man aus Sicht der alten Bundesländer für gut und richtig hielt. Schon an dieser Stelle wird ein Grundproblem im Vorgehen in der Wiedervereinigung sichtbar. Der Glaube, dass sich die beiden deutschen Staaten seit 1946 im Grunde parallel entwickelt hätten. Dass diese Annahme grundfalsch ist, wird in den nächsten Kapitel sehr klar. Eine planwirtschaftliche Industrie so mal eben in eine neoliberale Marktwirtschaft zu überführen, war nicht mit der Währungs- und Sozialunion erledigt. Ganz zu schweigen davon, dass die westdeutsche Wirtschaft und Sozialpolitik schon lange selbst reformbedürftig war. Die eben nicht parallele Entwicklung in Sachsen und Hessen führte zu ganz unterschiedlichen sozialen, mentalen und kulturellen Lebenswelten. Hier die verfassungsmäßig garantierten Rechte auf Arbeit, Wohnung und Versorgung, dort eine seit langer Zeit gelebte Welt des Wettbewerbs, der Leistungsstandards und Unberechenbarkeit des weiteren Lebensverlaufes.

Es war ein katastrophaler Irrglaube, es würde reichen, den Menschen im Osten einen Media Markt und einen VW vor die Tür zu stellen. Sie aber gleichzeitig windigen Versicherungsvertretern und westdeutsch sozialisierten Beamten in den Rathäusern auszuliefern. Überhaupt kam das Überfluten der Hochschulen, Rathäuser und Geschäftsführungen mit Westdeutschen einer Kolonialisierung gleich. Da sprechen die Zahlen eine deutliche Sprache: drei Viertel des Hochschulpersonals aus dem Osten wurde aussortiert, vor allen Dingen in den Sozialwissenschaften. Als sich die Menschen im Osten wehrten, kam die Rede von den Jammer-Ossis auf. Die undankbar waren, obwohl man ihnen ICE-Trassen und Autobahnen vor die Tür pflanzte, obwohl die ehemalige DDR inzwischen fast ein Drittel ihrer Einwohner verloren hat. Fehlannahmen allerorten. Wo ländliche Gegenden beinahe entvölkert sind, wo in vielen nicht einmal kleinen Städten die Farben Grau und Beige vorherrschen. Das Hauptproblem der Wiedervereinigung war, dass der Westen den Osten schlichtweg nicht verstanden hat. Das auch nicht wollte. Hier hat das Büchlein seine großen Stärken, heraus zu arbeiten, dass das gegenseitige Nicht-Verstehen und Falsch-Verstehen immer noch ein großer Brocken ist, bevor man tatsächlich von einem einig Vaterland sprechen kann.

Ganz konzentriert, ganz fokussiert und ohne großes Palaver kommt dieses Buch auf den Punkt, wo viele Probleme bis heute auf eine Lösung warten. Die aber nicht kommt, weil manchmal schon die gemeinsame Sprache ein Problem ist. Doch das Buch ist keine große Jammerei oder eine Suche nach Schuldigen. Es bleibt immer sachlich, analysiert auf Basis von Daten und Fakten, zeigt die Fehlentwicklungen in der Wiedervereinigung gnadenlos auf. Verschweigt jedoch keineswegs die positiven Entwicklungen und guten Fortschritte in der Geschichte. Kann dabei so einige Entwicklungen erklären, wie das Erstarken der Fremdenfeindlichkeit in den ostdeutschen Bundesländern, die Wut bei PEGIDA und Querdenkern, die Demokratie-Verdrossenheit an nicht wenigen Stellen. Dabei kostet das Buch bei der BPB nur so viel wie ein paar Brötchen. In Ost wie in West. Noch weniger als ein leckeres Glas Nudossi aus Radebeul, die beste Nougatcreme der Welt. Denn es gibt tatsächlich inzwischen auch viele Beispiele, wo Osten und Westen zusammen gewachsen sind. Nicht nur beim Essen.

Marcus Böick ist akademischer Rat für Zeitgeschichte an der Ruhr-Universität Bochum, Postdoctoral Research Fellow am University College London und am German Historical Institute in London.

Christoph Lorke ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an Lehrstuhl für Neuere Geschichte am Historischen Seminar der Wilhelms-Universität in Münster. 

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