Kyle Harper: FATUM

Kyle Harper: FATUM

AIDS, Fika, Ebola, SARS, Corona. Sind das Zufälle, dass in der letzten Zeit neue und gefährliche Viren und Erreger auftauchen, quasi als menschliches Schicksal? Nein, sagt Kyle Harper, Dekan der Universität Oklahoma und Fachmann für die römische Geschichte. Der Untergang des mächtigen römischen Reiches war lange Zeit nicht erklärbar, nun zeigen aktuelle Forschungen die tatsächlichen Gründe. Die Fortschritte in der Mikrobiologie, neue Methoden der Genomanalyse und immer weiter in Details gehende Forschungen an Pflanzen und Eisbohrkernen beweisen, dass das römische Reich an mehreren Faktoren scheiterte. Es war die Kombination vieler Einflüsse, klimatische Veränderungen, jedoch genau so ökonomische und ökologische. Der Einfall der Antoninischen und später der Justinianischen Pest, und die Klimaveränderungen im Mittelmeerraum, all das war nicht nur naturgegeben, sondern die Menschen dieser Zeit hatten erheblichen Einfluss darauf, was damals geschah. Was jedoch an diesem Szenario erschreckt, sind die Parallelen zu unserer heutigen Zeit. Und die noch immer vorherrschende Meinung, die Menschheit hätte alles im Griff, man brauche nur die richtige Technologie und die Märkte würden schon alles regeln und gut machen. Dieser landläufigen Überzeugung setzt Harper eine detaillierte und beunruhigende Analyse der antiken Geschichte entgegen.

Kyle Harper ist kein Virologe oder Epidemiologe, sondern Historiker. Sein Spezialgebiet ist das römische Reich, eine der größten und langlebigsten Mächte der Geschichte. Nach den Sagen wurde die Stadt im Jahre 753 v. Chr. gegründet, das spätere römische Reich gab es im Westen bis ins fünfte, im Osten bis in siebte Jahrhundert, bevor letzteres ins Byzantinische Reich überging. Harpers Betrachtung beginnt 200 Jahre v. Chr. bis zu seinem östlichen Ende um 700 n. Chr. Seinem Fachgebiet entsprechend liegt sein Blick auf der geschichtlichen, wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung. Aber eben nicht nur. Harper spiegelt die Geschichte Roms an anderen Parametern wie Klima und globalen Veränderungen. Den fast zentralen Teil der Geschichte nimmt die Zeit ab 200 n. Chr. ein, besonders die drei großen Pandemien, die das römische Reich am Ende in die Knie zwangen. Die Römer waren die Hochtechnologen dieser Epoche, dementsprechend gewannen in dieser Zeit Themen an Bedeutung, die wir eher der Neuzeit zuordnen würden. Umfangreiche Rodungen für eine sich ausweitende Landwirtschaft, rücksichtslose Ausbeutung der Provinzen,  Aufbau von Handelsbeziehungen bis nach China, eine florierende und mächtige Wirtschaft zu Land und zu See, die Römer herrschten von der Grenze zu Schottland bis tief ins Rote Meer hinein. Dementsprechend hielt sich das Römische Reich für allmächtig und unbesiegbar. In zwei Punkten irrten sie leider: Im sich verändernden Klima, und bei neuen Krankheiten wie Pocken und Pest. Genau dort lag der Anfang vom Ende. Alle mächtigen Heere und reichen Städte nutzten ihnen am Ende nichts, als Klimaveränderungen die Ernten dezimierten, ganz neuen Erregern den Weg frei räumten und Völker wie die Hunnen wegen der anhaltenden Dürre in ihren eurasischen Steppen nach Westen trieben.

Harper stellt es gar nicht plakativ in den Vordergrund. Es reicht, es zu lesen. Denn viele Abläufe in dieser fernen Zeit erinnern erschreckend an heutige Zeiten. Er zeigt, wie lokale, eigentlich harmlos erscheinende Veränderungen in Regenhäufigkeit und Temperaturen auf die ökonomische Umwelt wirkten, wie das Ende des römischen Klimaoptimums innerhalb weniger Jahrhunderte. Mit Reitervölkern wie den Hunnen und anderen eurasischen Banden hatten die Römer nie Kontakt, ihre Art Kriege zu führen war den Römern völlig unbekannt. Wie auch tödliche Waffen wie die Langbogen der Hunnen. Dass die Hunnen überhaupt im Reich einfielen, hat wiederum Klimagründe. Man könnte die Hunnen als die ersten Klima-Migranten bezeichnen. Als dann noch die Pest aus Asien gerade über das weit verzweigte Handelsnetz Roms erst Ägypten, dann sogar Germanien und Schottland erreichte, war das Ende der römischen Ära besiegelt. In seinem Epilog geht Harper gerade auf das Thema Infektionen noch einmal detaillierter ein. Die Menschen unterschätzen die Variabilität und die biologische Mächtigkeit der Mikroben und Viren drastisch. Denn diese Welt wird zunehmend vom Menschen geprägt, aber von den unsichtbaren Feinden regiert. Selbst wenn von den Abermillionen an bekannten Erregern nur rund 1.400 für den Menschen gefährlich sind. Aber die reichen. Man denke nur an Pest, Cholera, Pocken und Tuberkolose, dabei dann noch an die zunehmende Wirkungslosigkeit von Antibiotika. Weil das Zeug jeden Tag tonnenweise in Tierställen ausgekippt wird und die Erreger resistent werden.

Wenn der von Menschen gemachte Klimawandel erst wirklich seine Auswirkungen zeigt, wenn neue Viren wie SARS oder Corona unser gewohntes Leben durcheinander bringen, wenn Millionen von Menschen aus Afrika an den europäischen Grenzen um Einlass bitten, weil sie zuhause nichts mehr zu essen haben, dann sind wir den Römern dicht auf den Fersen. Die eigentlich am meisten erschreckende Erkenntnis aus Harpers Buch ist die, dass die relative Hochtechnologie und Militärmacht der Römer ihnen am Ende gar nicht geholfen haben. Sie standen dem veränderten Klima, den Rattenhorden aus Asien mit dem Pesterreger und Hunnen und Goten in ausufernden Kriegen hilflos gegenüber. Der Glaube, man könnte die Natur überlisten oder gar beherrschen, hat sich schon in der Spätantike erübrigt. In diesem Sinne ist das Buch eine deutliche Warnung. Leider hat schon Marx bemerkt, dass jede menschliche Geschichte zwei Mal auftritt. Das erste Mal als Tragödie, das zweite Mal als Farce. In diesem Sinne empfehle ich dieses Buch den Fortschrittsgläubigen wie Christian Lindner.

Links zum Thema

Antoninische Pest – wie eine Seuche den Untergang des römischen Imperiums einleitete

Massensterben durch den schwarzen Tod – wie tödlich wütete die Pest im Römischen Reich?

 

FATUM ist das erste Buch, in dem konsequent die katastrophale Rolle untersucht und beschrieben wird, die Klimawandel und Seuchen beim Zusammenbruch des römischen Weltreichs spielten. Gestützt auf neueste wissenschaftliche Erkenntnisse aus dem Bereich der Klimawissenschaft und der Genetik erzählt Kyle Harper die Geschichte eines Infernos, in dem wir wie in einem fernen Spiegel beängstigend vertraute Züge unserer eigenen Welt wiedererkennen. Das Schicksal des Imperium Romanum wurde nicht von Kaisern, Legionären und Barbaren entschieden. Mindestens ebenso bedeutend waren Vulkanausbrüche, Sonnenzyklen, die Instabilität des Klimas und menschenmordende Viren und Bakterien. Kyle Harper führt seine Leserinnen und Leser vom Höhepunkt des 2. Jahrhunderts n. Chr., als das römische Weltreich eine schier unüberwindliche Macht zu sein schien, in die Niederungen des 7. Jahrhunderts, als das Imperium ausgemergelt war, politisch fragmentiert und materiell ausgelaugt. Er beschreibt, wie die Römer lange tapfer standzuhalten suchten, als Umweltveränderungen das ganze Reich niederdrückten – bis schließlich die Folgen der «kleinen Eiszeit» und das wiederholte Auftreten der Pest die Widerstandskraft der einstigen Weltmacht aufgezehrt hatten. FATUM bietet eine intellektuell ebenso scharfe Analyse wie menschlich anrührende Darstellung der Beziehungen zwischen Mensch und Umwelt. Es ist die Geschichte einer der größten Zivilisationen, die unsere Welt je gesehen hat, in der Zeit ihrer schwersten Herausforderung. Sie muss schließlich vor der zermalmenden Kraft der Naturgewalten in Gestalt von Klimawandel und Seuchen kapitulieren. Das Beispiel Roms erscheint wie eine Mahnung aus großer zeitlicher Distanz, dass Klimawandel und die Evolution von Krankheitserregern die Welt geformt haben, in der wir leben. Wer die Schrift an der Wand zu lesen versteht, weiß, dass das, was hier profund und überraschend beschrieben wird, sich wiederholen kann.
(Klappentext C.H. Beck-Verlag)

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