Bernhard Pörksen: Die große Gereiztheit

Bernhard Pörksen: Die große Gereiztheit

Bernhard Pörksen ist Jahrgang 1969, studierte Germanistik, Journalistik und Biologie und ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Einem breiteren Publikum wurde er durch seine Arbeiten zur Skandalforschung bekannt. Über das Thema hörte ich ihn in der interessanten Sendung in WDR5, Teil der Serie Neugier genügt – Redezeit. Nun ist das Thema der allgemeinen Gereiztheit nicht grundsätzlich neu und jeder, der irgendwie mit sozialen Medien, Foren und dem Internet überhaupt zu tun hat, kennt die eskalierenden Diskussionen, Shitstorms und Desinformationskampagnen. Von links wie von rechts. Da werden Filmchen aus dem Jahre 2009 ausgegraben und als Beweise für die Gefährlichkeit von Flüchtlingen in 2016 benutzt. Plakate, Zeitungsausschnitte und Fotos werden gefälscht und manipuliert. Wikileaks hat sich eher als Problem denn als Lösung herausgestellt. Damit scheint Pörksens Buch erst einmal nichts Neues anzusprechen. Nun ist er aber kein Krimi-Autor oder Lyriker, sondern Medienwissenschaftler. Deshalb steht die Analyse bei ihm im Vordergrund, was Vorteile und Nachteile hat. Man kann seinem Text auch als Otto-Normal-User einige neue Aspekte wie Sichtweisen abgewinnen, obwohl ich im letzten und zentralen Kapitel nicht mehr seiner Meinung bin.

Bernhard Pörksen bezeichnet sein Buch als ein Essay, damit beteiligt er sich weniger mit dem Anspruch der Wahrheitsfindung, sondern mit seiner Sicht der Hintergründe. In den ersten Kapiteln beschreibt er, wie es die digitalen Medien geschafft haben klassische Medien abzulösen, andererseits aber durch die Abschaffung des bisherigen Publikums als passivem Teilnehmer in wesentlichen Punkten Krisen auszulösen. Er konzentriert sich dabei auf die Wahrheitskrise, die Diskurskrise, die Autoritätskrise, die Behaglichkeitskrise und die Reputationskrise. Pörksen nutzt diese Betrachtungsweisen für eine sehr detaillierte Analyse, in welcher Art digitale Medien und Plattformen es geschafft haben, bisher gewohnte und akzeptierte Aspekte unserer Kommunikation zu zerlegen. Wie und warum Skandale und Empörungen eine solche Eigendynamik, Unberechenbarkeit und Brisanz entwickeln, demonstriert er mit praktischen Beispielen, die im Großen und Ganzen bekannt sind, wie der Streisand-Effekt, das angeblich vergewaltigte Mädchen Lisa in Berlin oder wie eine junge Amerikanerin mit einem unbedachten Foto vor einem Schild ihr Leben versenkte. Anhand dieser Beispiele erklärt er sehr genau, wann und warum solche Abläufe entstehen. Indem er das logisch und analytisch tut, deckt er tatsächlich eine neue Sichtweise auf Plattformen und Medien auf. Es wird verständlich und nachvollziehbar, warum es Skandale und Ungeheuerlichkeiten sind, die am meisten attraktiv für die Netzgemeinde sind. Eine durchaus interessante und nachvollziehbare Betrachtung.

Im letzten Kapitel versucht Pörksen aufzuzeigen, wie sich die Gesellschaft verändern müsste, um dem Internet wieder positive Bedeutung zu geben, das Netz zur Quelle des Austausches und der Information zu machen. Seine Vision ist die einer redaktionellen Gesellschaft, indem in ihr das, was Journalisten als Grundlagen lernen, jedem Teilnehmer im Netz zur Verfügung steht, auch in Bezug auf Wahrheitsverantwortung, Recherche und das Bewusstsein für Subjektivität. Er plädiert dazu für eine Ausweitung der publizistischen Verantwortungszone und den Übergang zum dialogischen Journalismus, denn er lässt die Anker der professionellen Medien nicht außen vor. An dieser Stelle verlässt Pörksen aus meiner Sicht die Realität. Es ist der Versuch, Leuten ein Wissen und Fahigkeiten nahe zu bringen, das wohl 95% von ihnen nicht nur nicht haben wollen, sondern gerade bei ihnen verhasst ist. Es erscheint wie der Versuch, den Wölfen das Schafefressen abzugewöhnen. Sich vorzustellen, den Pegida-Teilnehmern und AfD-Fanatikern, ebenso den Anhängern einer flachen Erde und von Mondstrahlen Recherche, Presserecht und journalistische Grundlagen vermitteln zu wollen, erscheint mir etwas abstrus. Sehr wohl hat er damit recht, dass Medien und gerade die Plattformen erkennen müssen, dass sie Verantwortung tragen für das, was Gesellschaften spaltet und aufreibt.

Damit ist Pörksens Buch in erster Linie Analyse und ein Versuch, in diesen digitalen Wust Übersicht zu bringen. Ich habe tatsächlich an einigen Stellen nach der Lektüre etwas an Erkenntnis gewonnen, betrachte bisher unverständliche Vorgänge in Twitter, Facebook und Instagram ein wenig anders. Pörksens Buch hilft etwas Abstand zu nehmen, die Skandale, Shitstorms und Ausfälle differenzierter und mit mehr Abstand zu sehen. Das macht das Buch lesenswert, auch wenn es stellenweise sehr wissenschaftlich daher kommt. Andererseits muss ich zugeben, dass mir für den ganzen Unsinn und Abfall im Internet eben keine praktikable Lösung zur Vermeidung einfällt.

Öffentliche Debatten werden immer aggressiver, Lügen verbreiten sich so leicht wie nie. Bernhard Pörksen beschreibt das große Geschäft mit der Desinformation. Terrorwarnungen, Gerüchte, die Fake-News-Panik, Skandale und Spektakel in Echtzeit – die vernetzte Welt existiert längst in einer Stimmung der Nervosität und Gereiztheit. Bernhard Pörksen analysiert die Erregungsmuster des digitalen Zeitalters und beschreibt das große Geschäft mit der Desinformation. Er führt vor, wie sich unsere Idee von Wahrheit, die Dynamik von Enthüllungen und der Charakter von Debatten verändern. Heute ist jeder zum Sender geworden, der Einfluss etablierter Medien schwindet. In dieser Situation gehört der kluge Umgang mit Informationen zur Allgemeinbildung und sollte in der Schule gelehrt werden. Medienmündigkeit ist zur Existenzfrage der Demokratie geworden. (Klappentext Hanser-Verlag)

 

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