Aladin El-Mafaalani: Das Integrations-Paradox

Aladin El-Mafaalani: Das Integrations-Paradox

Die besten und treffendsten Bücher über Migration und Integration schreiben die,  die mit diesem Thema am meisten zu tun haben. Aladin El-Mafaalani ist eine Ruhrpott-Pflanze Jahrgang 1978. Studierte in Bochum Politikwissenschaft, Soziologie, Wirtschaftswissenschaft und Arbeitswissenschaft, war Lehrer am Berufskolleg in Ahlen, später Professor für Politikwissenschaft und politische Soziologie an der Fachhochschule Münster. Aktuell  arbeitet er im Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration in Düsseldorf. Dass mir solche Bücher in der letzten Zeit vermehrt auf dem Tisch landen, liegt an der eigentlich spannenden und komplexen Natur der Fragen, die uns seit 2015 mehr denn je betreffen. Hat man einige Bücher zum Thema Integration durch, stellt man verwundert fest, dass alle Autoren dem Thema immer neue Aspekte und Betrachtungsweisen abgewinnen. So auch Aladin El-Mafaalani. Schon vorab bemerkt ein Buch, das ich allen empfehlen würde, die mit dem Thema Migration und Integration zu tun haben. Mehr noch allen, die irgendwo mit Minderheiten umgehen und das Konfliktpotential kennenlernen möchten, das aus Integration erwächst. Denn so paradox der Untertitel zuerst scheinen mag, beweist El-Mafaalani sehr schlüssig, dass uns die wirkliche Integrationsleistung noch bevorsteht. Nicht nur mit Migranten und Flüchtlingen.

El-Mafaalani schafft es, durch das ganze Buch streng am Thema zu bleiben: Dass Integration nicht zu weniger Konflikten führt, sondern zu mehr Streit. Wenn eine Gesellschaft sich verändert, weil neue Mitglieder mit anderen Ansprüchen, Anforderungen und anderer Geschichte hinzu kommen, muss sich die Gesellschaft neu formieren. Das ist das, was Deutschland als definitives Einwanderungsland leisten muss. Doch es sind nicht nur die Migranten, die dies bewirken, sondern auch die Integration von Nicht-Heterosexuellen, Behinderten und sonstigen Menschen, die in der Vergangenheit diskriminiert und ausgeschlossen waren. Was dieses Buch ebenso von anderen unterscheidet, ist einmal die sehr genaue historische Analyse gesellschaftlicher Entwicklungen in Deutschland seit dem Wirtschaftswunder, zum anderen geht El-Mafaalani weiter. Seine Betrachtung dreht sich zwar primär um die Integration von Migranten, steht aber genau so für den Umgang mit und die Integration von Minderheiten. Seine Art, die deutsche Geschichte und den Einzug der Gastarbeiter zu sehen, war mir ziemlich neu. Erst ab dem zweiten Drittel konzentriert er sich auf die spezifischen Fragen zur Integration, nutzt dabei immer wieder sehr gut greifbare Bilder und Beispiele bis hin zu seinen persönlichen Erfahrungen als Postmigrant.

El-Mafaalanis Botschaft ist, dass dieses Deutschland das beste Deutschland ist, das jemals existierte. Dazu wie Migration dafür sorgt, dass es ein dynamisches, entwicklungsfähiges und offenes Land ist und bleibt. Der Vergleich mit Japan macht es offensichtlich. Japan hat praktisch keine Migration, dafür ist es verkrustet, erstarrt, überaltert und in lähmenden Traditionen verhaftet. Anders ausgedrückt sind alle Errungenschaften der Neuzeit das Ergebnis von Konflikten und Streit, die Menschenrechte, die Gleichstellung von Mann und Frau, die Inklusion von Behinderten und und und. Eine offene Gesellschaft ist jedoch die, in der vieles möglich ist, das Glorifizieren der Globalisierung wie der Rückzug davor ins Private. Diese Offenheit wird nur erreicht, wenn sich eine Gesellschaft verändert und der Diskurs in der Veränderung möglich ist. Konflikte sind für El-Mafaalani kein Störfaktor, sie sind Chance für Ausgleich und Ausbalancieren, für das Schaffen neuer Beziehungen und neuer Werte. Da er dann einmal dabei ist, offenbart er den Schwachsinn der angeblichen Islamisierung, das Überflüssige in den Diskussionen um das Kopftuch und relativiert die Bedeutung salafistischer Schließungen.

Bei den vielen Büchern, die ich so im Jahr durchackere, gibt es wenige, die meine Sicht auf die Umwelt verändern. Dieses Buch hat das getan, es führt neue Aspekte und Sichtweisen der jetzigen Zeit ein, gibt Gelegenheit scheinbar feststehende Urteile zu überdenken. Noch eine neue Sicht ist die, dass El-Mafaalani recht hat und dieses Deutschland ein großartiges Land ist, eben in seiner Vielfalt. Die wir zwischen Flensburg und Bad Reichenhall doch immer so positiv gesehen haben. Er sieht dieses Land aus bester Sicht, und das stimmt, nur vergessen wir Ureinwohner das zu oft. Dass er gleich noch das dumme Geschwafel vom rechten Rand des politischen Spektrums argumentativ und logisch ad absurdum führt, ist ein weiterer positiver Nebeneffekt. Ein tolles Buch, macht Spaß, bringt Neues, wo man es erst nicht erwartet.

Wer davon ausgeht, dass Konfliktfreiheit ein Gradmesser für gelungene Integration und eine offene Gesellschaft ist, der irrt. Konflikte entstehen nicht, weil die Integration von Migranten und Minderheiten fehlschlägt, sondern weil sie zunehmend gelingt. Gesellschaftliches Zusammenwachsen erzeugt Kontroversen und populistische Abwehrreaktionen – in Deutschland und weltweit. Aladin El-Mafaalani nimmt in seiner Gegenwartsdiagnose eine völlige Neubewertung der heutigen Situation vor. Wer dieses Buch gelesen hat, wird – verstehen, warum Migration dauerhaft ein Thema bleiben wird und welche paradoxen Effekte Integration hat,
– erfahren, woher die extremen Gegenreaktionen kommen, – in Diskussionen besser gegen Multikulti-Romantiker auf der einen und Abschottungsbefürworter auf der anderen Seite gewappnet sein, – erkennen, dass es in Deutschland nie eine bessere Zeit gab als heute und dass wir vor ganz anderen Herausforderungen stehen, als gedacht. (Klappentext Kiepenheuer & Witsch)

 

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