Caroline Fourest: Generation Beleidigt

Caroline Fourest: Generation Beleidigt

Die Sicht der Autorin ist eine spezielle. Caroline Fourest ist eine französische feministische Schriftstellerin und Journalistin. Daher öffnet sich ihr Blick auf ihr Thema aus einer künstlerischen Sicht, auf Theater und Film, Literatur und Weltgeschehen. Da gibt es ein Mordsgezeter, weil eine weiße, niederländische Frau ein Gedicht der Amtseinführung des amerikanischen Präsidenten übersetzen soll. Das Original von einer schwarzen Frau geschrieben. Das ginge nicht, weil die Niederländerin ja eben nicht schwarz, sondern weiß sei. Scarlett Johansson wurde abgesprochen, in einem Film eine transsexuelle Person zu spielen, weil sie eben nicht transsexuell sei und weil ihr deshalb das Thema nicht zustehe. Ein weißer Pop-Musiker erntet einen riesigen Shitstorm, weil er zu einer Preisverleihung in einem dem indonesischen Raum zugeordneten Kleidungsstück erscheint. Genauer: einer Hose. Parallel zu den Tiraden vom rechten Rand des politischen Spektrums macht sich eine merkwürdige Identitätspolitik von links breit. Die sich von dem Gerede über Heimat und Identität kaum unterscheidet. Es folgen eine ganze Reihe von konkreten Beispielen, wo jemandem angeblich Dinge nicht zustehen, weil er nicht zu dieser Identität gehört. Eine Uni-Mensa muss vietnamesische Gerichte von der Karte nehmen, weil sie nicht das Original seien. Als wenn nur jemand eine Pizza zubereiten dürfte, wenn er gebürtiger Italiener sei. Der Wahnsinn scheint geradezu Methode zu haben. Doch er weist auf beunruhigende Entwicklungen hin.

Eher klassisch strebt die politische Linke eine Aufhebung von Grenzen und Schranken an, als liberale unversalistische Bewegung. Doch ausgerechnet von dort macht sich zunehmend eine Sicht auf Identität breit, die dem Ethnopluralismus der Identitären Bewegung ähnlich ist. Gruppen oder Personen, zu deren angeblicher Identität etwas nicht gehört, haben darüber nicht zu sprechen oder zu urteilen. Oder Menschen werden gleich in eine Ecke gestellt, in die sie gar nicht gehören. Ein gutes Beispiel ist die Störung der Vorlesung des AfD-Gründers Bernd Lucke, der die Partei eben wegen des Abrutschens in die rechte Randzone verlassen hat. Ebenso wenig wie an der rechten politischen Seite wird der Diskurs in diesem Teil der linken gewünscht. Die Muster der Verweigerung sind sehr ähnlich, zusätzlich werden neue Argumente aus dem Hut gezaubert. Da fühlt sich ein Schwarzer beleidigt, wenn ein Weißer über Rassismus spricht. Dazu die angeblichen Mikroagressionen, die den Rückzug und die Weigerung zur Auseinandersetzung rechtfertigen sollen. Allein von einer Generation der Weicheiern zu sprechen, wird der Basis der Entwicklung nicht gerecht. Problematisch an dieser Entwicklung ist, dass sie demjenigen, der nicht zu einer bestimmten Identität gehört, die Würde und Berechtigung zur Teilnahme abspricht. Diese Bedrohung der Demokratie ist umso gefährlicher als der Rechtsextremismus, eben weil sie sich so sehr von diesem distanziert.

Caroline Fourests Buch ist weniger eine Analyse als ein Weckruf in die linke politische Gruppierung, solchen Empfindlichkeiten keinen Raum zu geben, sondern geradezu provokativ darauf zu reagieren. Wer nur aufgrund herbei phantasierter Sensibilitäten den Diskurs und die politische Auseinandersetzung blockiert, blockiert die Demokratie ebenso wie AfD, Pegida oder die Identitäre Bewegung. Nur unter anderem Vorzeichen. Man sollte aus diesem Buch keine philosophischen oder politischen Erkenntnisse erwarten, doch es zeigt sehr drastisch, dass linke Parteien und Bewegungen inzwischen auch bedenken sollten, in welche Richtung sie abdriften. Es könnte sonst sein, dass liberale Demokratie gleichzeitig von links und von rechts zerstört wird.

Dies ist die Geschichte einer kleinen gemeinen Lynchjustiz, die in unser Privatleben eindringt, uns Identitäten zuschreibt und unseren demokratischen Austausch zensiert. Eine Plage der Sensibilität. Jeden Tag eine Gruppe, eine Minderheit, ein zum Stellvertreter einer Sache sich aufspielendes Individuum, das fordert, droht und uns auf die Nerven geht. In Kanada fordern Studenten die Streichung eines Yogakurses, um sich nicht dem Risiko der indischen Kultur auszusetzen. In den Vereinigten Staaten würde man am liebsten asiatische Menüs in den Kantinen verbieten und die als anstößig und normativ verurteilten großen klassischen Werke von Flaubert bis Dostojewski aus dem Unterrichtsplan streichen. Studenten bezeichnen den geringsten Widerspruch als »Mikroaggression« und klagen »safe spaces« ein. In Wirklichkeit aber lernt man nur, Debatten zu meiden. Aufgrund geographischer oder sozialer Herkunft, Geschlecht, Hautfarbe und der persönlichen Geschichte versucht man, die Hegemonie über die öffentliche Rede zu erreichen. Eine Einschüchterung, die bis zur Entlassung von Professoren geht. (Klappentext Edition Tiamat)

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