Francis Fukuyama: Identität

Francis Fukuyama: Identität

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ So sagt es das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland in Artikel 1. Würde man einen beliebigen Politiker fragen, was mit dieser Würde gemeint ist, bekäme man wohl eher Gestammel zu hören. Denn was diese Würde nun tatsächlich ist, ist allgemein nirgendwo definiert. Francis Fukuyama,  US-amerikanischer Politikwissenschaftler und Direktor des Zentrums für Demokratie, Entwicklung und Rechtsstaatlichkeit an der Stanford University, beschreibt die Würde eines Menschen als die Fähigkeit, moralisch zu entscheiden und damit das Recht auf Gleichberechtigung mit allen anderen Menschen. So verbindet er die Würde eines Menschen mit seiner Identität, ein Thema, das schon in einem vorherigen Buch Thema war. So schwierig und komplex diese Verbindung nun ist, wird es in diesem Buch insgesamt nicht einfacher. Keine Lektüre für den Nachttisch oder für zwischendurch, denn Fukuyama spannt ein weites Feld auf. Er beginnt bei den Philosophen des Altertums, folgt dann Luthers Gedanken und geht weiter zu Rousseau. Landet am Ende bei der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Situation in den USA und in Europa. Auch wenn er nicht alle Probleme lösen kann und will, kann der Leser doch einige erstaunliche Betrachtungsweisen mitnehmen.

Als die Menschen noch in dörflichen Gemeinschaften lebten, waren sie in ihren Familien und Gemeinschaften eingebunden. Kaum jemand hätte sich gefragt, was denn nun sein inneres Selbst sei. Er konnte höchstens ins nächste Dorf davonlaufen, wo die Situation wieder die gleiche gewesen wäre. Erst mit Luther kam zum ersten Mal die Unterscheidung zwischen einem inneren Selbst und einer äußeren Umwelt. Luther sah die Kirche nicht mehr als Mittlerin des Glaubens und Garant der Erlösung, die konnte nur jeder Mensch in sich selbst und in der göttlichen Gnade finden. Alle kirchlichen Aktionen wie Ablass oder Beichte waren nach Luthers Ansichten unsinnig, denn Gott ließ sich nicht überreden oder austricksen. Erst Rousseau säkularisierte dieses Verständnis einer Identität, so wurde die Gleichheit und Freiheit aller Menschen begründet. Mit der Industrialisierung und der Institution des Städtischen, ohne das Korsett der dörflichen Gemeinschaft, entstand so etwas wie eine Vorstellung der Identität, die dann mit dem späten 19. Jahrhundert Fuß fasste. Das innere Selbst bekam die höhere Anerkennung, verbunden mit der Vorstellung des authentischen Selbst. Doch damit ging ein wesentliches Bedürfnis einher, der Wunsch nach Anerkennung, entweder für alle gleich, oder der Wunsch nach höherer Anerkennung als die Anderen.

Nun gab es lange Gruppen, die entweder nicht gesehen wurden oder Anerkennung nicht bekamen, somit auch keine Würde. Mit der zunehmenden Liberalisierung und der Globalisierung meldeten diese Gruppen wie Schwule, ethnische oder soziale Minderheiten ihren Anspruch darauf an, anerkannt zu werden und als gleichberechtigt in der Gesellschaft zu gelten. Die politische Linke hat diese Bestrebungen in der Neuzeit unterstützt und angemahnt, während das rechte Lager eher bei den alten Modellen bleiben wollte. Mit der Migrationswelle im 21. Jahrhundert kamen neue Gruppen dazu, Muslime, Vertriebene, Einwanderer. Damit verschärfte sich die Situation weiter. So entstand, gerade getrieben aus der Linken, die Identitätspolitik, in der unzählige selbstzentrierte Gruppen nun ihre Würde und Anerkennung forderten. So funktionieren überkommene Gesellschaftsmodelle nicht mehr. Und es entstehen neue Fragen und Konflikte, nationale oder ethnische Identitäten zerfallen, gerade bei denen, die noch in ihren Herkunftsidentitäten stecken und sich gleichzeitig in neue Gesellschaften assimilieren wollen. Wir brauchen deshalb, so Fukuyama, neue Formen von Identitäten, um Assimilation und Integration zu ermöglichen. Ohne sie werden unsere Demokratien zerfallen.

Man kann in etwa erahnen, wie komplex sich die reale Situation in einer liberalen, demokratischen und globalisierten Welt darstellt, die Fukuyama beschreibt. Ähnlich komplex und streckenweise schwer verständlich ist das Buch. Es ist nicht immer trivial, Fukuyamas Gedanken und Konstruktionen zu folgen, obwohl die Linien durchaus plausibel und nachvollziehbar sind. Aber es entsteht eine Vorstellung, welche Entwicklungen zur heute schwer durchschaubaren Gemengelage in Politik und Gesellschaft geführt haben, insbesondere in den USA mit Donald Trump und in Europa mit einer aktionsunfähigen EU. Zwar listet Fukuyama am Ende des Buches eine Reihe von Maßnahmen auf, die wieder mehr Stabilität und Berechenbarkeit in die Gesellschaften bringen sollen. Leider sind diese Vorschläge sehr theoretisch und schwer umzusetzen. Eine Lösung gegen Populismus von links und rechts, falsch verstandener Identitätspolitik und Verteilungskämpfe zur Anerkennung sollen sie sein, bleiben aber leider nebulös. Was das Buch kann, ist es, eine sehr detaillierte Analyse zu liefern, woraus die heutige Situation entstanden ist und welche Konsequenzen sie haben kann. Das allein macht das Buch empfehlenswert. Wenn man sich den Aufwand leistet, Fukuyamas Gedanken zu folgen.

In den letzten zehn Jahren ist die Anzahl der demokratischen Staaten weltweit erschreckend schnell zurückgegangen. Erleben wir gerade das Ende der liberalen Demokratie? Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama, Autor des Weltbestsellers Das Ende der Geschichte, sucht in seinem neuen Buch nach den Gründen, warum sich immer mehr Menschen antidemokratischen Strömungen zuwenden und den Liberalismus ablehnen. Er zeigt, warum die Politik der Stunde geprägt ist von Nationalismus und Wut, welche Rolle linke und recht Parteien bei dieser Entwicklung spielen, und was wir tun können, um unsere gesellschaftliche Identität und damit die liberale Demokratie wieder zu beleben.. (Klappentext Atlantik-Verlag)

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