Uwe Schulz: Nur noch eine Tür

Uwe Schulz: Nur noch eine Tür

Lange genug habe ich Bögen um dieses Buch gemacht. Dabei ist der Autor eine meiner liebsten Stimmen im WDR. Uwe Schulz, Journalist, Autor, Moderator, Trainer, seit 1993 war er bei Eins Live, dem WDR-Fernsehen, WDR 2 und in der WM-Redaktion 2006 des ARD-Hörfunks beschäftigt. Aktuell hört man ihn oft in WDR 5, vom Morgenecho über Alles in Butter bis zur Medienschelte in Töne, Texte, Bilder. Eine Zeit lang war er stellvertretender Studioleiter in Bielefeld und hatte eine Korrespondenten-Vertretung im ARD-Studio in London. Sein Buch Nur noch eine Tür behandelt ein Thema, mit dem die Beschäftigung mit 30 noch leicht fällt, aber um so schwerer, wenn man wie ich die 60 schon länger hinter sich gelassen hat. Dabei ist es weder eine philosophische, noch eine wissenschaftliche, noch eine theoretische Betrachtung. Es ist eine Art Reflektion über diesen letzten Weg, diese letzte Tür, durch die wir alle irgendwann gehen müssen. Uwe Schulz leuchtet aus, was der Tod in unserem Alltag bedeutet, mit Menschen, bei denen eben diese letzte Tür zum Alltag oder sogar zu ihrem Beruf gehört. Oder die selbst das Ende ihres irdischen Daseins vor Augen haben. Denn mal mutig ans Werk. Spoileralarm: es lohnt sich.

Dem Buch ist schwer beizukommen, wie man im Ruhrgebiet gerne sagt. Es beginnt schon mit dem Format, das heute eher ungewöhnlich ist. Es sind Gespräche zwischen dem Autor und Menschen, die entweder ständig mit dem Tod konfrontiert sind, oder selbst schwer erkrankt oder sogar schon in einem Hospiz. Einmal Unbekannte, wie Sister Alice Gerdeman, die in den USA gegen die Todesstrafe kämpft, oder die Benediktinerin Schwester Agnella, die ihre letzte Zeit nach dem Klosterleben in Mariendonk verbringt. Ein Mann, der wegen schwerer Verbrechen noch im Alter in einem Gefängnis sitzt, und der vielleicht dort sterben wird. Zwei amerikanische Frauen aus der Palliativmedizin, überhaupt viele Menschen aus diesem Gebiet. Eine junge Mitarbeiterin in der Johanniter Unfallhilfe. Aber auch mehr oder minder bekannte Leute wie Manfred Sarrazin, der frühere Besitzer der Buchhandlung Alibi in Köln, oder Wolfgang Bosbach, deutscher CDU-Politiker und Rechtsanwalt, schwer herzkrank und an Krebs erkrankt. Mit den Eltern der kleinen Sophia, von der niemand weiß, wie alt sie werden wird, seit ihrer Geburt mehrfach schwerbehindert. Eine junge Frau, die Leistungssportlerin werden wollte, aber Ende Zwanzig krank und dem Tod näher als dem Leben ist. Im letzten Kapitel schließlich erzählt Schulz seine eigene Geschichte, über seine Mutter, aber auch über sich selbst. Je weiter man im Buch vordringt, desto näher kommt es einem, jede Person in diesem Buch trägt neue Aspekte, neue Gedanken bei. Kein Buch, das man so einfach liest, weil der Leser selbst Betroffener ist. Keine Kochrezepte, weil jeder anders lebt und anders stirbt.

Was an diesem Buch fasziniert, ist die professionelle und zugleich empathische Art, wie Schulz mit dem Thema umgeht. Auch im Gespräch mit Menschen, denen der Tod mit einigen Schritten Abstand dicht auf den Fersen ist. Aber nie scheint da etwas wie Mitleid durch, oder Betroffenheit. Je weiter ich im Buch kam, desto mehr kam mir der Satz „Tod, wo ist Dein Stachel“ in den Sinn. Es ist kein bedrückendes Buch, im Gegenteil, es ist der offene Blick in die Zukunft jedes Einzelnen, zu einem Thema, das in unserer Spaß- und Leistungsgesellschaft gerne in den Hintergrund geschoben wird. Aber das ist es nicht allein, was das Buch auszeichnet. Es ist auch die Sprache, die man leider selten genug so findet, Sprache, die nahe geht, aber sich nie aufdrängt. Klar, direkt, immer auf den Punkt, aber nie nüchtern oder versachlicht. Stellenweise sogar poetisch, ohne gefühlsduselig zu werden.

Zugleich ist es eben nicht nur ein Buch über das Sterben, sondern beschäftigt sich mit Fragen zu Glauben, Spiritualität und wie diese am Ende unseres Lebens noch einmal Bedeutung bekommen. Was das Sterben leichter oder schwerer macht. Dass Uwe Schulz Autor einer Bonhoeffer-Biografie sowie des Interview-Buches Was wären wir ohne Dietrich Bonhoeffer? ist, prägt in einer Weise dieses Buch, ohne sich in den Vordergrund zu spielen. Der Bezug zum Glauben ist hier Teil der Geschichte, keine Botschaft. So schwer es mir gefallen ist, das Buch aufzuschlagen, so sehr habe ich trotz des ernsten Themas mit jeder Seite mehr Gefallen an Text und Inhalt gefunden. Denn die Berichte dieser Menschen geben uns eine Menge mit auf den Weg, über das sich nachzudenken lohnt. Zum Beispiel nicht mit Unaufgelöstem, Strittigem und Nichtgelebtem in unsere letzten Tage zu gehen. Gerade in unserer Zeit mit ihrer Aufgeregtheit, ständigen Empörung und Sucht nach Gesehenwerden wertvolle Gedanken. Wie schrieb ich schon über ein anderes Buch? Gute Bücher sind die, bei denen man nach der letzten Seite erst einmal nachdenken muss. Nach diesem Buch muss man etwas länger nachdenken.

Der Tod ist eines der meist thematisierten Tabus der Gegenwart: Einerseits scheint er sich in einer stummen Parallelwelt zu ereignen, andererseits ist er spektakulärer Teil der Alltagskultur. Die Verdrängung ist einer „Geschwätzigkeit des Todes“ gewichen, die uns alle doch nur weiterhin allein lässt mit der Frage, wie wir dem eigenen Ende entgegengehen wollen. Zwölf Menschen setzen sich hier mit diesen Fragen existenziell auseinander, weil sie dem Tod ins Gesicht sehen. (Klappentext Fontis-Verlag)

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